
Für den Fall, dass jemand fragen sollte, welche Konzerte 2022 mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind: die beiden Auftritte von DIE VERLIERER sind auf jeden Fall dabei. Mit einer nahezu perfekten LP im Rücken, gab es nur Top oder Flop, und es war beide Male absolut großartig. Dass man nach so einem Debüt auch gewaltig verkacken kann, davon können zig Bands ein Lied singen. Machen wir dasselbe einfach noch mal? Lass uns die Reste nehmen, die es nicht auf die Platte geschafft haben! Umbesetzungskarussell, Richtungswechselstreitereien, ein zu verkopfter Nachfolger, überambitionierter Bombast, alles ist möglich. Bei der zweiten LP kann so verdammt viel daneben gehen, wenn die eigene Messlatte schon derart hoch gelegt wurde. Aber nix da, keine Kopie der ersten Scheibe, keine Resterampe, kein Produzentenadel im Boot, nichts dergleichen. Die Platte zündet vielleicht nicht so wie beim ersten Mal, allerdings liegt das eher an der eigenen Erwartungshaltung. Nach dem zweiten Durchlauf gräbt sich „Notausgang“ immer weiter und tiefer ins Gehirn. Dabei ist der Sound, die Mischung aus räudigem Prä-NDW-Punk, sehr frühem Post-Punk und diesem unperfekten Charme, immer noch derselbe, nur schleicht er sich hier öfter mal von hinten an. Die Band könnte man weiterhin problemlos nach 1981/82 beamen und dort eine Tour absolvieren lassen, um zu einer dieser Legenden zu werden, bei denen die älteren Semester noch heute feuchte Augen bekommen. Das Schöne an der Sache ist aber, dass man sie hier und jetzt, live und in Farbe sehen kann und keine Rückenschmerzen beim Aufstehen braucht, um dabeigewesen zu sein. Die ruhigeren Stücke machen diesmal den Unterschied, die neben den schnellen Krachern noch mehr glänzen. Hier ist noch mehr Verzweiflung und Endzeitfeeling konserviert als beim Vorgänger. Dann sind da noch die Ohrwürmer, die sich auf Anhieb im Gehör festsetzen und mit jedem Durchlauf wachsen. Repetition ist auch hier das heilige Mittel zum Zweck, während die Gitarren auch mal zarte Töne anstimmen und ein Stück lang wie zäher Honig vor sich hin tropfen können, ohne langweilig zu werden. Das große Kunststück besteht darin, dass die LP als Ganzes funktioniert, in genau dieser Songreihenfolge und exakt dieser Zusammensetzung. Auch wenn es garantiert nicht so war, klingt es immer noch nach erstem, maximal zweitem Take und meilenwert entfernt von noch einem Overdub oder einer weiteren Gitarrenspur, auf dass es noch fetter klingen möge. Wer nach dem ersten Mal nicht gleich aufgibt, wird mit einem Langläufer belohnt, der der ersten Scheibe sogar einiges voraus hat, denn das hier war mit Sicherheit die weitaus schwierigere Platte. Und wer hier nicht seinen persönlichen Hit findet, macht etwas falsch. Punk-Jahrescharts 2024 ohne diese LP sind keine.
© by - Ausgabe # und 20. Februar 2026
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Kalle Stille
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #164 Oktober/November 2022 und Kalle Stille