
Wenn man im nautischen Bereich Gespräche führt und das englische Wort „ship“ verwendet für ein Wasserfahrzeug, weiß das Gegenüber schnell, dass man nicht vom Fach ist. Die Herrschaften auf der Brücke reden von „vessel“ – es ist also ungefähr so, wie wenn man mit jemandem zu tun hat, der davon redet, dass er/sie „Vinyle“ sammelt. Da zuckt einem kurz der Mundwinkel und man weiß, dass man mit einem Laien zu tun hat. „Vessel“ also heißt das Album der Berliner „Dronepunks“ (so bezeichnen sie sich selbst), und es heißt so, weil es auf einem Schiff aufgenommen wurde, auf der MS Loretta in Bremen – wer da wohnt oder mit seiner Band schon mal da gespielt hat, weiß, dass es sich um ein „Kulturschiff“ handelt, um einen schwimmenden Club. Und da kann man eben auch seine Musik aufnehmen, wobei im Falle der fünf langen Tracks weitere, ergänzenden Aufnahmen in Berlin gemacht wurden. Weil die Stücke lang sind und weil sie nicht auf eine LP gepasst hätten, ist „Vessel“ eine Doppel-LP, die allerdings als zwei separate Platten geliefert wird und zudem mit fast identischem Cover-Artwork. Das kann zunächst durchaus verwirren ... 2015 gründeten Vladislav Overchuk (voc, bs, prc) und Udo Loeb (dr) die Band, 2020 stießen Benjamin Nash (gt, key, voc) und Lorenzo Barbieri (dr) dazu, und mit Doug Henderson wählten ZEUG fürs Mastering ein erfahrenen Fachmann. Jenseits des Dronepunk-Begriffs wirkt aufs erste Zuhören hin vieles wie irgend ein freejazziges Impro-Projekt, doch ... es kann aufgeatmet werden. Ja, da ist wohl viel live entstanden, es wird auch mal gegniedelt auf der Gitarre, aber unterm Strich sind die vier Stücke (passt hier besser als „Songs“) ganz schön mächtige Lärmklötze, irgendwo zwischen dem „jazzigen“ Zeug einst auf SST, späteren Mike Watt-Sachen und Anstrengendem aus der Hexenküche rund um Mike Patton. Eineinhalb Stunden Vollbedienung, die seltsamerweise etwas Beruhigendes hat.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Joachim Hiller