
Als William Golding sein dreimal verfilmtes und popkulturell oft zitiertes Romandebüt „Herr der Fliegen“ über eine im Rahmen einer Evakuierungsaktion auf einer einsamen Insel gestrandete Gruppe junger englischer Internatsschüler Anfang der 1950er veröffentlichte, ahnte er mit Sicherheit nicht, dass sich der unter den Jungen ausbrechende und schon bald in Gewalt umschlagende Machtkampf auf die gesellschaftliche Situation ab den späten 2010er Jahren übertragen lassen würde. Die einsame Insel ist hier das Internet, das von dem zu erkundenden Ort der unbegrenzten Möglichkeiten zur unreglementierten Spielwiese für aufmerksamkeitshungrige Manipulatoren jeglicher Art mutiert ist, die dort mit überschaubarem Aufwand dankbares Fußvolk rekrutieren können. Zugegeben, das ist etwas überspitzt formuliert. Aber „Herr der Fliegen“ gehört ja in den USA auch nicht ohne Grund zu einem der streitbareren Jugendbücher (Platz 68 in den ALA Most Frequently Challenged Books 1990-1999). Eine tatsächlich 1965 auf einer unbewohnten Insel im Südpazifik gestrandete und erst nach 15 Monaten gerettete Jungengruppe hat übrigens bewiesen, dass eine ähnliche Situation auch ohne Gewaltexzesse verlaufen kann. Also gibt es vielleicht auch für uns heute noch Hoffnung? Aimée de Jonghs stilistisch passende, dezent kindlich-süß anmutende, vollfarbige Panels erzählen hier allerdings Goldings negative Variante. Warum allen Jungs im Laufe der Zeit längere Haare wachsen außer Piggy, hat sich mir zwar nicht ganz erschlossen, dennoch ist dies eine gelungene Adaption von Goldings Klassikers. Sammler können bei Splitter alternativ auch zur etwas nobleren limitierten Vorzugsausgabe mit Variantcover, zusätzlichem Bonusmaterial und einem signierten Kunstdruck von Aimée de Jongh greifen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Anke Kalau