Interviews & Artikel : JELLO BIAFRA :: ox-fanzine.de

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California über alles

"California über alles - Dead Kennedys Wie alles begann" ist das erste umfassende Buch über die DEAD KENNEDYS. Es konzentriert sich auf die Gründungs­phase der Band in der Szene von San Francisco bis zum Erscheinen des ersten Albums "Fresh Fruit For Rotting Vegetables". Autor Alex Ogg sprach dafür mit vielen Zeitzeugen.

 

Kochen ohne Knochen

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Interviews & Artikel

JELLO BIAFRA

The High Priest Of Harmful Matter

Dass unsereinem, der Anfang und Mitte der Achtziger die wenigen Auftritte der DEAD KENNEDYS in Deutschland verpasst hatte (oder im Falle des einen oder anderen Ox-Lesers damals noch gar nicht geboren war) die Chance gegeben wird, den Herrn außerhalb einer Spoken Word-Reise auf einer Bühne zu erleben, damit war nicht zu rechnen, und um so sensationeller wurde deshalb auch die Meldung aufgenommen, dass Biafra nebst seiner Backing-Band, den MELVINS, zwei Auftritte in Deutschland spielen würde. Dass neben dem Album-Material auch der eine oder andere DK-Track geboten werden würde, damit war zu rechnen, und so war dann Ende Juni in der ausverkauften Kölner Live Music Hall Feiertagsstimmung, hatten sich sowohl angegraute Altpunks wie neugieriger Nachwuchs eingefunden, um Meister endlich (wieder) live zu bewundern. Und ja, zur Hölle, es war grandios: „When you get drafted“, „California über alles“, „Life sentence“, „Moon over Marin“ und „Holiday in Cambodia“ wurden eingebettet in die exzellenten Songs des JELLVINS-Albums, die Herren King Buzzo, Dale Crover und Kevin Rutmanis zeigten sich als „DK-Versteher“ erster Güte. Nach etwas über einer Stunde war das Spiel vorbei, das Publikum überglücklich und Biafra mausetot. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, mit seinen mittlerweile 47 Jahren über die Bühne zu toben, wie man es aus dem legendären „Target“-Video kennt, sich stagedivend in die Menge zu stürzen und schließlich auch noch seines T-Shirts zu entledigen (sein haariger Bauch kann es locker mit dem von Hank Turbonegro aufnehmen ...). Zur Strafe war er nach dem Konzert nur noch backstage auf dem Sofa liegend in der Lage, begeisterte Gratulanten zu empfangen. Gut deshalb, dass ich, anders als ursprünglich geplant, schon am Nachmittag Zeit gehabt hatte für ein weiteres ausführliches Interview mit Jello, das über eine Stunde dauerte, nachdem wir davor noch durch diverse Plattenläden gezogen waren, denn der Mann ist immer noch sammelsüchtig, auch wenn sein Haus schon aus allen Nähten platzt.

Wir waren eben noch in ein paar Plattenläden, du hast gut eingekauft. Es wundert mich ja fast, dass es noch Sachen gibt, die du nicht kennst, die dich neugierig machen.


„Alles, was ich noch nie gehört habe, ist neu für mich, auch wenn es schon 40 oder 50 Jahre alt ist. So kann ich verhindern, dass mich die Entwicklung der aktuellen Musik langweilt. Mich nervt es, wenn Leute heute in ihrem Zimmer sitzen und rumjammern, dass die Szene ja schon längst tot sei, es keine guten Bands mehr gebe, blablabla. Was für ein Bullshit! Ich kümmere mich nicht um die ganzen SUM 41s und BLINK 182s, denn warum sollte ich meine Zeit damit verschwenden, schlechte Musik zu hören, wenn ich als neugieriger Mensch auch noch so viel gute Musik entdecken kann. Und auf der Suche nach Bands, von denen ich schon gehört habe, stoße ich immer auch auf welche, die ich bislang nicht kannte und die mir genauso gut gefallen. Ich stehe auf magische Zufälle, auf überraschende Entdeckungen, die sind ungeheuer inspirierend, auch was mein eigenes Songwriting anbelangt. So wird dann aus einem okaynen Riff ein richtig gutes. Da geht es nicht darum, bei anderen zu klauen, sondern inspiriert zu werden.“

Du bist auch in den USA ständig auf der Suche nach interessanten Platten?

„Ja, ich mag Überraschungen, deshalb sind Thrift Stores, also Second Hand-Läden, die oft von gemeinnützigen Organisationen betrieben werden, gute Quellen. Da nehme ich dann einfach mal einen Stapel alte 7“s mit, und meist ist irgendwas brauchbares dabei. Wenn irgendwie Voodoo, Death, Murder oder so im Titel auftauchen und die Platte aus den Fünfzigern stammt, ist die Chance sehr gut, etwas spannendes zu entdecken. Man muss sich da einfach auf sein Gefühl verlassen, liegt mal daneben, trifft mal voll ins Schwarze. Und dann ist das ein grandioses Gefühl, so eine Neuentdeckung.“

Also gibst du eher Geld für billige Sachen aus statt für teure Sammlerware?

„Vorhin hatten wir ja diese eine Platte gesehen, mit Filmmusik zur Verwendung für selbst gedrehte Movies. Die hätte mich schon interessiert, aber 100 Euro sind doch etwas viel. Ich muss diese Platte ja nicht unbedingt haben, also lasse ich es. Ich habe auch so schon genug Platten, inklusive eines ganzen Zimmers mit Sachen, die ich noch überhaupt nicht gehört habe ... Das Plattensammeln ist mein einziges Laster, aber ein wirklich schweres.“

Der Besitzer des einen Ladens erzählte eben, er habe den Laden seinerzeit mit seiner Sammlung als Inventar eröffnet, aber besitze jetzt selbst keine mehr, und das sei okay. Könntest du dir das vorstellen?

„Nein, aber ich kenne auch Plattenhändler, die das so gemacht haben. Ich kann das nicht verstehen. Ich meine, das war nie mein Plan, so viele Platten zu haben, das hat sich einfach so ergeben. Wenn eine Platte cool aussieht, will ich sie anhören, und wenn es gut ist, will ich es haben, denn was im Radio läuft, ist so schlecht, warum sollte ich das freiwillig anhören? Also muss ich meine eigenen Platten hören. Als Kind und Jugendlicher musste ich mich durch all den Crap kämpfen, um auch mal einen guten Song zu hören. Und so habe ich damals begonnen, mir meinen eigenen musikalischen Schutzraum gegen schlechte Musik zu bauen, all die Songs zu sammeln, die ich mag. Damals waren das die ganzen wilden Sixties-Punk-Sachen, die man billig bekommen konnte, weil sie keiner haben wollte. Als meine Grundbedürfnisse gestillt waren, machte ich mich auf die Suche nach mehr solcher Musik, durchkämmte die Thrift Stores, kaufte alles, was nach Punk und Garage aussah. Aber manchmal trog der äußere Anschein, und so hatte ich plötzlich auch Surfplatten, und auf der Suche nach mehr davon, kaufte ich aus Versehen eine Rockabilly-Platte, und statt Rockabilly fand ich Rhythm & Blues, und so ging das dann immer weiter.“

Gibt es bei einem so breit gefächerten Geschmack auch Musik, die du überhaupt nicht magst?

„Oh ja: Pop-Punk. Natürlich mag ich BUZZCOCKS und UNDERTONES, aber all deren Nachmacher und noch viel schlimmer, das ganze Zeug auf MTV, ist schrecklich. Das klingt für mich wie die EAGLES mit lauten Gitarren und weinerlichem Gesang sowie dummen Boy/Girl-Texten. Wir bekommen viele Demos dieser Art, schrecklich. Und nichts gegen NOFX, das sind Freunde, aber die haben leider noch mehr schlechte Nachahmer als GREEN DAY und RANCID. Und obwohl wir noch nie solche Musik veröffentlicht haben, meinen diese Bands, uns ihre Demos schicken zu müssen. Aber das ist noch gar nichts, mittlerweile bekommen wir sogar Demos von drängligen Eltern geschickt, die uns ihre Teenager-Gören à la ‚American Idol‘ (Das US-Gegenstück zu „Deutschland sucht den Superstar“. jh) verkaufen wollen. Wie grausam Eltern doch sein können! Dabei haben die Kinder ja manchmal sogar eine gute Stimme, aber durch solche Aktionen reißen die spätestens mit 18 von zu Hause aus und werden nie wieder etwas mit Musik zu tun haben wollen. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Popmusik, Balladen, so Zeug konnte ich noch nie leiden. Und das, was sie heute R&B nennen, das mit echtem Rhythm & Blues so viel zu tun hat wie das, was sie heute Industrial nennen, mit THROBBING GRISTLE, das mag ich auch nicht. Meine Eltern hören heute wie früher fast nur Klassik, sie lieben die Oper, und es liegt wohl daran, dass ich nicht viel damit anfangen kann. Gleiches gilt für Disco, obwohl ich in letzter Zeit auch auf ganz eigenwillige Disco Music gestoßen bin, europäische Sachen, bei denen verschiedene ethnische Musik und Tribal-Beats mit Disco vermischt wurde. Das finde ich schon wieder cool.“

Das klingt, als ob du eigentlich eine regelmäßige Radioshow machen solltest, um andere an deinen Entdeckungen teilhaben lassen zu können.

„Ich hatte schon mehrfach Angebote von guten Underground-Sendern aus der Bay Area, aber ich hatte nie wirklich Zeit dafür. Und mir wurden auch mehrfach politische Talkshows angeboten, aber wenn ich diese Angebote angenommen hätte, hätte ich die Musik völlig aufgeben müssen. Wenn du fünf Tage die Woche auf Sendung bist, jeweils für drei, vier Stunden, dann musst du so viel Zeit für die Vorbereitung aufwenden, dass du eigentlich nichts anderes mehr machen kannst. Und ich hatte auch keine Lust, als Schwätzer zu enden, der eigentlich gar nicht mehr weiß, mit wem er da gerade über was redet. Kürzlich noch sprach ich mit Mojo Nixon über die Möglichkeit einer Radiosendung. Der arbeitet mittlerweile selbst für einen kommerziellen Satelliten-Radiosender namens Sirius, er lebt davon, und der hatte seinem Chef vorgeschlagen, darüber nachzudenken mir eine Sendung zu geben, doch er bekam so eine feindliche Reaktion darauf, dass es in einen richtigen Streit ausartete. Und dann sind da noch diverse Internet-Radiosender, wo es auch Anfragen gab, aber bislang konnte ich mich noch nicht dazu hinreißen lassen. Ich glaube, das hören nicht so viele Leute, als dass sich die Mühe lohnen würde. Und das Problem ist einfach, dass so eine Sendung viel Vorbereitungszeit erfordert, und ich habe aus diesem Grund auch das DJing in San Francisco weitgehend wieder aufgegeben. Es dauert einfach zu lange, Platten herauszusuchen und dann wieder zurückzustellen.“

Was für Möglichkeiten, außer Interviews, hast du denn dann, dein unglaubliches musikalisches Wissen mit anderen zu teilen?

„Eine ganze Menge habe ich für Band 2 von ‚Incredibly Strange Music‘ erzählt. Ansonsten muss ich einfach mal sehen, was die Zukunft so bringt, denn schon jetzt wird meine Zeit von so vielen verschiedenen Dingen in Anspruch genommen, dass ich aufpassen muss, mich nicht zu verzetteln. Wenn ich mehr mit den MELVINS mache, kann ich weniger Spoken Word-Auftritte machen, so was eben. Von daher müsste mir eine eigene Radiosendung schon völlige Freiheit lassen, und nein, ich würde sicher fast keine alten Punk-Platten spielen. Das habe ich auch als DJ im ‚Klubstitute‘ in San Francisco nicht gemacht. Ich habe nichts gespielt, zu dem man tanzen kann, sondern nur Sachen, um den Leuten was interessantes zu bieten oder sie vor den Kopf zu stoßen. Auf DISCHARGE folgte bei mir Hank Williams, und als mal eine besoffene Lady von mir ‚Mehr Metal!‘ verlangte, bekam sie LSD, eine ganz extreme alte japanische Hardcore-Band. Die war damit leider nicht ganz einverstanden, hahaha.“

Du erwähntest eben die MELVINS. Was hat dich dazu bewogen, nach all den Jahren doch wieder mit einer Band nach Europa zu kommen?

„Leider sind es ja nur ein paar wenige Konzerte, und Buzz ist eigentlich deshalb hier, weil er mit FANTÔMAS tourt. Die Bookingagentur hat es geschafft, ein paar gemeinsame Shows einzurichten. Und dann ist da das Problem, dass ich mit meinen 47 Jahren nur ungern auf der Bühne auf einer Stelle herumstehe. Ich renne herum, und leider ist mein Körper damit nur bedingt einverstanden. Seit Jahren leide ich unter Schlafproblemen, und dann so eine Show drei Tage nacheinander ohne ausreichend Schlaf, das ist nicht gut. Da würde ich mich selbst foltern. Ich schä-tze, ich muss mich damit ernsthaft auseinandersetzen, nur sind Medikamente sicher nicht der richtige Weg. Als ich Anfang der Neunziger erstmals diese Schlafprobleme hatte, die auch mit einer sehr schmerzhaften Trennung einer langen Beziehung zu tun hatten, bekam ich Medikamente verschrieben, bei denen sogar Al Jourgensen von MINISTRY erschrak, und der ist in Sachen Drogen sicher der Kompetenteste, den ich kenne. Er meinte, ich solle die besser nicht nehmen, das sei gefährlich ... Und auf einen Al Jourgensen sollte man hören, der Mann ist der Jerry Lee Lewis unserer Generation, der jeden Tag der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen spottet, denn wenn es danach ginge, dürfte er nicht mehr am Leben sein. Heute nimmt er zwar kein Heroin und Crack mehr, aber das ist es auch schon. Ich war mal mit MINISTRY auf Tour, weil wir bei den Zugaben ein paar LARD-Songs gespielt haben, und in Vancouver trank Alan an einem Tag fünf Flaschen Rotwein. Er ist also in einem gewissen Rahmen in seine alten Verhaltensweisen zurückgefallen. Schade, dass MINISTRY mit ihrem letzten Album bislang nicht nach Europa gekommen sind, denn ihr aktuelles Album ist das beste seit ‚Psalm 69‘. Seine Liveband ist auch exzellent, und für mich waren das die besten Livekonzerte seit einer ganze Weile.“

Wenn das Interview hier erscheint, sind die Konzerte ja schon gelaufen, also bitte erläutere mal, welche DEAD KENNEDYS-Songs wir zu hören bekommen haben.

„Also wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir darauf verzichtet, aber die MELVINS haben mich dazu gezwungen. Ich wollte nur neue Songs und ein paar von den anderen Alben spielen. So spielen wir jetzt eben auch ein paar alte Lieder. Wegen Bush und dem Krieg und weil Angela Merkel nach der Wahl sicher nichts besseres zu tun haben wird, als Bush im Irak zu unterstützen, macht ‚When you get drafted‘ Sinn. Und wir haben eine neue Version von ‚California über alles‘, die auf Arnold Schwarzenegger gemünzt ist. Der Kerl ist gefährlicher als Bush, und sollte der jemals Präsident werden, wird es auch wieder Todeslager geben. Man sollte sich vor Österreichern hüten, die die Weltherrschaft anstreben. Die MELVINS wollten unbedingt ‚I am the owl‘ spielen, einer meiner Lieblingssongs, und wegen der Fans sollte auch ‚Holiday in Cambodia‘ dabei sein, wenn auch etwas anders gespielt als zu DK-Zeiten. Und ein Wunsch der MELVINS ist auch ‚Moon over Marin‘. Wir haben auch schon mal ‚Drug me‘ gespielt, aber wohl nicht heute. Ich habe die MELVINS die Songs aussuchen lassen.“

Ist das nicht ein gutes Gefühl, die Songs spielen zu können und damit den Eindruck zurechtzurücken, den die FAKE KENNEDYS hinterlassen haben?

„Am meisten hat mich an diesen Konzerten gestört, dass in den Ankündigungen immer wieder mit meinem Foto gearbeitet wurde und wie die nur hinter dem Geld her sind. Jetzt soll auch noch eine Jubiläumsversion zu ‚Fresh Fruit ...‘ erscheinen mit einer Bonus-DVD zur Entstehung des Albums. Na ja, ich bin ja mal gespannt, wie die Geschichte aussieht, nachdem Ray ja schon vor Jahren die Album-Credits verändert hat und behauptet, ich hätte die Songs nicht geschrieben. Da frage ich mich schon, warum die bislang keinen einzigen neuen Song geschrieben haben ... Nun, der Sound der DK-Songs mit den MELVINS ist sicher ein anderer, denn Buzz hat einen heavieren Gitarrensound als Ray und benutzt auch kein Echoplex. Bei ein paar US-Auftritten hatten wir Adam von TOOL als Gitarrist, und das war soundmäßig natürlich auch sehr interessant. In der Fünfer-Besetzung war das ein richtiger ‚wall of sound‘. Das war oberste Liga, was da an Sound von der Bühne kam, wie TURBONEGRO oder MINISTRY. Leider musste Adam sich dann wieder um TOOL kümmern, denn die arbeiten an einem neuen Album. Ein paar Leute haben natürlich gemeckert, weil sie TOOL nicht mögen, und ich muss sagen, ich kannte TOOL vorher kaum, Adam ist eben ein guter Freund von Buzz, und deshalb kam die Verbindung zustande. Eines Tages kam er mit zur Probe, wir jammten und es klang gut. Erst danach habe ich mich mit TOOL beschäftigt, finde sie jetzt ganz interessant und hoffe, dass Adam noch mal Zeit hat, um mit uns zu arbeiten. Als wir für die US-Shows probten, schlief ich im Proberaum von TOOL, und ich schätze, eine Menge TOOL-Fans hätten alles gegeben, um mit mir zu tauschen, hahaha.“

Eine weitere Coop, die sich da anbahnt ...?

„Nein, es ist ja nur Adam und nicht die ganze Band. Aber Buzz, Adam und ich werden eventuell weiterhin zusammen Musik machen. Adam schlug vor, dass ich mich mal komplett aus dem Songwriting heraushalte, aber ich habe so viele Songs und Ideen, ich bezweifle, dass ich das aushalten würde. Kennst du eigentlich die TV-Sendung ‚Iron Chef‘, also ‚Eiserner Koch‘? Nicht? Die hat in den USA Kultstatus, kommt eigentlich aus Japan, und da muss ein bekannter Koch in 45 Minuten unter lauter störenden und widrigen Einflüssen ein Gericht zubereiten, und der ganze Prozess wird kommentiert wie ein Sportereignis. Das wiederum haben ein paar Leute in Seattle als Vorbild genommen für ‚Iron Composer‘, eine Live-Veranstaltung, wo zwei Leute sich als Koch verkleidet einen Kompositionswettstreit liefern müssen. Sie haben eine Stunde Zeit, bekommen ein Thema vorgegeben und legen dann los, werden aber vom Publikum und Leuten auf der Bühne ständig gestört. Man bekommt Kissen auf den Kopf geschlagen, es wird gebrüllt, vor dir findet ein Wrestling-Kampf statt, Konfetti fliegt herum, und du darfst noch nicht mal mit der Band sprechen, die das Lied spielen muss. Bei dieser Show trat ich gegen Wayne Kramer an, das war vor zwei Tagen, und direkt danach flog ich nach Deutschland.“

Wer hat gewonnen?

„Äh, ich. Das Thema war ‚Star Wars‘, und das interessiert mich überhaupt nicht, ich habe keinen der Filme je gesehen. Also schrieb ich einen Song über all die beliebten Filme und Fernsehsendungen, die ich noch nie gesehen habe. Ich verschwende eben nicht gern meine Zeit. Ich hatte den Song allerdings schon im Kopf, der war in der engeren Wahl für das Album mit den MELVINS.“

War die Zusammenarbeit mit den MELVINS eine einmalige Sache oder wird es eine Fortsetzung geben?

„Ich weiß es nicht. Im Augenblick mache ich mir eher darüber Gedanken, wie wir gemeinsam Zeit für Konzerte finden, denn wir haben alle ja noch andere Verpflichtungen. Wir wollten im Herbst ein paar Konzerte in den USA spielen, aber da Buzz mit FANTÔMAS für Konzerte nach Japan und China fliegt, ist das auch zweifelhaft.“

Hattest du noch nie die Idee, eine richtige, eigene Band zusammenzustellen?

„Klar, seit dem Ende der DK, aber meine Ideen und die Realität sind eben manchmal zwei Dinge. Ich wollte keinen DK-Klon, aber auch nicht um jeden Preis eine neue Band. Mir war klar, dass ich mir nach den DK eine Beschäftigung suchen muss, um nicht zu enden wie meine Ex-Kollegen. Da kamen mir Angebote wie das von Alan oder NOMEANSNO gerade recht. Songwriting ist bei mir ein langwieriger Prozess, ich brauche da absolute Ruhe, sonst geht gar nichts. Und ich bin langsam: Anfang der Neunziger hatte ich über einen Zeitraum von zwei, drei Jahren eine Menge Songs geschrieben, doch als ich die dann aufnehmen wollte, hatten alle Leute, mit denen ich was machen wollte, schon wieder mit anderen Bands zu tun, Drogenprobleme oder nach einem verkorksten Majordeal die Schnauze voll von Musik. Ich bin auch eigentlich ein eher zurückhaltender Typ, und es ist nicht meine Art, Anzeigen aufzugeben, um Musiker zu suchen. Am Ende hätten sich da eh nur Leute gemeldet, die ‚Fresh Fruit‘ Teil 2 machen wollen. Und die Leute, die ich angesprochen habe, sind geflüchtet, als ich ihnen meine Pläne geschildert habe, oder verzichteten dankend, als sie merkten, dass dabei kein Geld zu verdienen ist. Ich habe auch jetzt schon wieder ein paar Ideen, aber wenn ich zurück bin, wartet auch schon eine Menge Shitwork auf mich.“

Was treibst du denn den ganzen Tag lang?

„Das Label, politische Sachen, und etwas Privatleben braucht man ja auch noch. Ich habe in San Francisco gar nicht so viele enge Freunde, da ich seit den frühen Tagen der DEAD KENNEDYS sehr eingespannt war und mich um sehr vieles kümmern musste. Während die anderen auf Partys gingen, hing ich am Telefon und musste mich um geschäftliche Angelegenheiten kümmern. Irgendwie hat sich daran bis heute nichts geändert. Mit Leuten wie Winston Smith und anderen alten Wegbegleitern habe ich immer noch zu tun, aber es ist nicht so, dass ich eine Liste von hunderten Musikern habe, die ich nur anzurufen brauche, wenn mir danach ist. Für eine richtige Band musst du aber Leuten auch etwas bieten, sie bezahlen können, damit sie ihren Job aufgeben können, aber nachdem diese Arschlöcher mich verklagt haben, sieht es finanziell eben auch nicht so gut aus.“

Was diese „Arschlöcher“ anbelangt: Man merkt, dass dir das immer noch sehr nahe geht. Denkst du, es wird der Punkt kommen, wo du da drüber stehen kannst?

„Also das kann ich momentan noch nicht absehen, denn der Horror geht ja weiter, ich bekomme ständig irgendwelche Briefe von deren Anwälten, in denen sie mir drohen, mir nie wieder auch nur eine Cent zu zahlen aus meinem Anteil an den Einnahmen aus den Plattenverkäufen. Angeblich weil ich mich weigere, bei der Promotion der Platten zu helfen. Dabei ist es mir immer noch peinlich, an was für Labels sie die Platten verkauft haben, was sie mit den Platten gemacht haben. Und sie verweigern mir Einsicht in die Bücher, wollen mir nicht sagen, was es mit den 25% ‚Auslagen‘ auf sich hat, die sie von den Einnahmen abziehen. Und sie wissen genau, dass ich es mir nicht leisten kann, sie zu verklagen. Das ist, als wäre ich mit der Mafia verheiratet. Und es ist deshalb so schmerzvoll, weil die DK so ein wichtiger Teil meines Lebens sind, weil die Musik noch so gegenwärtig ist und ich auch sehr stolz darauf bin, auf das Erbe der Band an sich. Und es tut weh zu sehen, wie die drei anderen das mit Füßen treten, Tag für Tag, weil es ihnen nur ums Geld geht.“

Sprechen wir über angenehmere Dinge, über das Label. Auf AT kamen in den letzten zwei, drei Jahren auch jede Menge großartige Platten raus.

„Ja, und auch das hätten die drei Herren gerne verhindert, sie wollten auch das Label zerstören. Beinahe hätten sie damit auch Erfolg gehabt, aber viele Bands haben kapiert, dass wir ein sehr ehrliches Label sind, das seine Bands nicht zensiert und sie machen lässt, was sie wollen. LEFTOVER CRACK etwa wechselten von Hellcat zu uns, und irgendwie brachte das auch ein paar andere Bands auf die Idee, mal bei uns anzufragen. Wir planen, das nächste TOXIC NARCOTIC-Album zu veröffentlichen, und auch DISASTER STRIKES, die auf dem TN-Label Rodent Popsicle sind. Gefreut hat mich auch, dass DASH RIP ROCK auf AT sein wollten, das war eine Empfehlung von Mojo Nixon, und ich wusste nicht mal, dass er so zufrieden mit uns ist. Ein neues DRR-Album steht auch an, und sie sagten, sie seien sehr zufrieden bei uns, weil wir so offen und ehrlich arbeiten. Immerhin, das können wir, aber dafür sind wir nicht so gut darin, Bands Endorsement-Verträge mit Skateboardfirmen zu besorgen, sie auf MTV zu bringen oder ihnen einen Van zu kaufen.“

Und dann sind da noch die Rereleases.

„Ich wollte schon immer was von THE MENTALLY ILL veröffentlichen, und dass das dann endlich geklappt hat, hat mich sehr gefreut. Gleiches gilt für ZOLAR X. Die fand ich musikalisch schon immer großartig, und das Beste ist, dass die sich jetzt tatsächlich wieder zusammengefunden haben, wegen unseres Rereleases. Die haben nagelneue Weltraumanzüge, und vor zwei Tagen haben sie ihre erste Show gespielt, ich weiß noch gar nicht, wie das lief. Am 8. Juli spielen die eine Show in San Francisco, ich hoffe, ich kann sie da sehen, aber dummerweise hat meine Freundin an dem Abend einen Auftritt mit ihrer Theatergruppe und ich fürchte, das wird noch schwierig werden. Sie hat bei so was ihren ganz eigenen Kopf ... Wichtig für das Label war auch der Wechsel in der Labelführung, denn Dave Adelson, der das von Uli Elser übernommen hat, kennt jede Menge Bands und hat viele Sachen angeleiert. Der hat sich gleich an Kirk von BUZZOV*EN drangehängt, als der mir eine eMail schickte, und vielleicht gibt es nächstes Jahr sogar ein neues Album. Das Problem bei AT ist, dass wir entweder kaum Releases oder eine ganze Menge auf einmal haben. Als nächstes steht jetzt ein Album von Rev. Norb an unter dem Namen NOB DYLAN & HIS NOBSOLETES, der spielt da nur Bob Dylan-Songs. Ich war aber auch erst überzeugt, als ich die Platte hörte. Sehr schön ist auch das Album von Ani Kyd, das im Juli erscheint, sie ist eine hervorragende Songwriterin. Als sie mir ein Tape gab, erwartete ich Pop-Punk, doch was ich dann hörte, haute mich um. Die hat mal eine Siouxsie-Stimme, dann klingt sie nach Jim Morrison und dann Death Metal. Ich frage mich nur, ob das jemand kaufen wird, denn es passt in kein Genre. Aber genau dafür gibt es ja ein Label wie AT, oder?“

Erschreckend finde ich, wie viele christliche „Hardcore“-Bands dieser Tage aus den USA kommen. Wie siehst du dieses Phänomen?

„Das ist doch nicht neu. Erinnerst du dich an RF7, die alte LA-Hardcore-Band? Die hatten den Song ‚Jesus loves you‘ und meinten das ernst. Oder ONE BAD PIG, die klangen auf ihrer 12“ wie T.S.O.L., waren musikalisch hervorragend, aber die Texte ... Ich hasse so was. Ich halte zwar nichts davon, Leute runterzumachen wegen ihrer Spiritualität, das ist schließlich ihre Privatsache, aber wer immer meint, er müsste seinen Glauben anderen aufzwingen, in dem er Gesetze überschreitet, gewalttätig oder rüpelhaft wird, dann fange ich an zu kämpfen wie eine in die Ecke gedrängte Katze, und das sollte jeder andere auch so handhaben.“

Tja ... Und es geht ja noch weiter, eine Band wie SINAI BEACH dankt im Booklet der US-Armee für ihren heldenhaften Einsatz für Freiheit und Demokratie im Irak.

„Ha! Wenn sie die Armee so toll finden, sollen sie sich doch verpflichten und selbst in den Irak gehen! Der einzige Grund, weshalb wir da drüben sind, ist doch, damit diese Schweine ihre überdimensionierten ‚Yuppie Cadillacs‘ billig betanken können, diese monströsen Geländewagen. Wenn es nach mir ginge, sollte man ein Gesetz erlassen, das bestimmt, dass die Fahrer solcher Autos automatisch Mitglied der Armee-Reserve werden, dann können sie in den Irak fliegen und selbst für ihr Öl kämpfen. Mike von den GOD BULLIES und THRALL bezeichnete diese SUVs, so werden diese Geländewagen in den USA genannt, als den ‚letzten großen Schluck‘, und analog dazu gibt es in den USA ja Coca-Cola auch in 2 Liter-Bechern, die als ‚Big Gulp‘ verkauft werden.“

Supersize me ...

„Genau. Die USA geben sich überall als Land der Superlative, aber tief drin weiß jeder, dass bald alles vorbei sein könnte, dass er seinen Job verlieren könnte und dann ohne Geld dasteht. Anstatt sich aber auch mal mit so einer Eventualität zu beschäftigen wird gefiedelt, während Rom brennt. Und wir gießen noch Öl ins Feuer mit unserem ungehemmten Verbrauch dieses Stoffs, anstatt sich mal mit dem Aufbau eines funktionierenden Eisenbahnnetzes oder dem Bau sparsamer Autos zu beschäftigen.“

Schön ist in diesem Zusammenhang ja auch, dass jetzt überall behauptet wird, man müssen ja nicht wirklich sparen, denn angesichts des Energiehungers von China würde das eh nicht viel ausmachen.

„Wenn ich so was höre, muss ich kotzen. Haben die Diktatoren dort nicht mal so viel Grips im Kopf, um nicht alle Fehler des Westens in Sachen Industrialisierung noch einmal zu machen? Stattdessen vergiften die sich selbst. Aber es wird spannend sein zu beobachten, wie weit China mit dieser pseudokommunistischen Diktatur noch kommt. Das ist eine ‚Kleptokratie‘, mehr noch als die USA. Und was mag wohl passieren, wenn die Armen, die Ausgebeuteten und Vergifteten eines Tages den Aufstand proben? Aber in den USA passiert das ja auch nicht, da nehmen die Leute auch hin, dass eine Fabrik oder ein Bergbauunternehmen den ganzen Ort vergiftet, die Kinder Krebs kriegen, und anstatt sich die Verursacher vorzuknöpfen, leiden sie still vor sich hin. Vielleicht hat das auch damit was zu tun, dass der durchschnittliche Amerikaner so schlecht informiert ist. Ich kann das in Deutschland nur immer wieder betonen: Die Menschen in den USA haben keine Ahnung, was in der Welt vor sich geht. Es gibt kaum internationale Nachrichten, und die Selbstwahrnehmung basiert auf Klischees: Kolumbus hat Amerika entdeckt, George Washington war ein cooler Typ, seit dem Bürgerkrieg gibt es keine Sklaverei mehr – außer jemand kann seine Kreditkartenrechnung nicht mehr bezahlen – und außerdem haben wir den Deutschen im Zweiten Weltkrieg so richtig den Arsch versohlt, und wer uns heute blöd kommt, mit dem machen wir das auch so. Und die USA sind das tollste Land der Welt. Und so nehmen sie auch hin, dass die kommerziellen Massenmedien, wie bei der letzten Wahl geschehen, ganz eindeutig einen Kandidaten bevorzugen. Ich habe die US-Wahlkämpfe seit 1968 miterlebt, aber so was wie jetzt habe ich noch nie erlebt. Dazu trug bei, dass die Demokraten selbst es waren, die unter Bush senior der Abschaffung eines Gesetzes namens ‚The Fairness Doctrine‘ zugestimmt haben.“

Worum geht es da?

„Das ist ein Mediengesetz, das bestimmte, dass wenn jemand wie der rechte Talkmaster Rush Limbaugh totalen Blödsinn behauptet, die Gegenseite das Recht auf Widerrede hat. Seitdem hat die Gegenseite keine Chance mehr, überhaupt Gehör zu finden. Die Debatten laufen heute zwischen rechts und ultrarechts, und wer es wagt, sich gegen den Krieg auszusprechen, wird schikaniert und eingeschüchtert. Interessant ist übrigens auch, dass in den letzten Jahren in den USA die extreme christliche Rechte und die jüdische Rechte miteinander Frieden geschlossen haben. Das geht soweit, dass die Demokraten und Kerry in Israel die Likud-Partei und Ariel Scharon unterstützen. Das hat noch nicht mal was mit der jüdischen Wählerschaft in den USA zu tun, die auch Frieden im Nahen Osten will, sondern mit der christlichen Rechten, in deren Weltbild der Konflikt ganz gut passt, mit deren ganzem Armaggedon- und Weltuntergangsgeschwätz. Das Problem ist nämlich, dass Bush selbst auch einer dieser Weltuntergangstypen ist. Und er ist dumm und leicht zu beeinflussen, er ist sogar noch dümmer als Ronald Reagan und glaubt sogar, er sei der rechtmäßige Präsident. Reagan nämlich war sich bewusst, dass er nur ein Schauspieler ist, der den Präsidenten gibt. Bush jedenfalls ist fest eingebunden in dieses fundamentalistische christliche Weltbild. Er und sein ganzer Führungszirkel gehören zu den ‚Rekonstruktionisten‘, sie glauben an das ‚Kingdom of Dominion‘. Damit Jesus auf die Erde zurückkehrt, muss dieser Lehre zufolge eine weltweite christliche Theokratie errichtet werden, mit Gesetzen, die dem Alten Testament entsprechen. Die würden die USA in einen christlich-fundamentalistischen Iran verwandeln und machen da auch kein Geheimnis daraus. Der Besitz von Ungläubigen kann da beschlagnahmt werden, die Ungläubigen selbst werden hingerichtet. Auf die Ausübung von Hexerei stünde die Todesstrafe, und logischerweise würde jede musikalische Betätigung wie in einer Rockband darunter fallen. Auch auf Homosexualität stünde die Todesstrafe. Tja, bei einem Präsidenten, bei dem man sich nicht einmal sicher sein kann, dass er an die Evolution glaubt, muss man auf alles eingestellt sein.“

Eigentlich kaum vorstellbar ...

„Ich weiß, euch Europäern fällt es immer schwer zu glauben, dass jemand wirklich so zurückgeblieben ist. Solche Denkweisen schreibt man eher Leuten im Iran zu, aber nein, so was gibt es auch in den USA. Sie haben zwar keine Mehrheit, aber sind sehr gut organisiert. Und die großen Medienkonzerne richten ihre Berichterstattung an deren Wünschen und Bedürfnissen aus. Wenn ich mal brauchbare Nachrichten im Fernsehen sehen will, schalte ich nachts das englischsprachige Programm der Deutschen Welle ein. So bekomme ich auch etwas von der deutschen Innenpolitik mit, von den Schwierigkeiten, die Schröder hat, was für Positionen Merkel vertritt und warum sie in den USA so beliebt ist. Die US-Regierung glaubt nämlich, bei einer Wahl Merkels würde diese sie im Irak unterstützen. Und ich finde, schon deshalb muss man Schröder und auch Chirac dankbar sein, denn sie haben es gewagt, sich den USA zu verweigern, natürlich auch, weil sie so viel Widerstand gegen den Irak-Krieg aus der Bevölkerung gespürt haben. Und bei aller Kritik an den Grünen ist es schließlich ja auch deren Regierungsbeteiligung zu verdanken, dass auch mal der Schwanz mit dem Hund gewedelt hat. Das ist schon ein großer Vorteil gegenüber den USA, wo darüber geredet wird, dass man eine dritte Partei braucht, und dabei ist es vielmehr so, dass man erstmal eine zweite haben müsste.“

Wirst du in deinem Leben noch maßgebliche Veränderungen erleben?

„Ich habe schon große Veränderungen erlebt! Nur waren die meisten Veränderungen solche hin zum schlechteren, und das nach der Euphorie der Sechziger, nachdem es geglückt war, den Vietnamkrieg zu beenden, erfolgreich für die Rechte von Frauen und Homosexuellen zu kämpfen, Umweltschutzstandards durchzusetzen. Wir dachten, spätestens in den Achtzigern hätten wir die Legalisierung von Marihuana durchgesetzt, die schlimmsten Umweltsünden beseitigt und so weiter. Stattdessen kam der Backlash, und der war viel besser organisiert und finanziert, denn dahinter stecken die Großkonzerne mit bestem Zugang zum Fernsehen. Letztlich hat auch unser Klassiker ‚California über alles‘ etwas damit zu tun, denn den schrieb ich damals über die Ignoranz und Apathie der Linken, die vor allem aus New Age-Yuppies bestand. Als dann Reagan an die Macht kam, wurde mir klar, dass das die Leute sind, die Nixon einst als ‚Silent Majority‘ bezeichnet hatte und die zu seiner Zeit mit bloßen Fäusten Anti-Kriegsdemonstranten angriffen, während die Polizei untätig daneben stand. Um den neuen Umständen gerecht zu werden, schrieb ich dann den Song ‚We’ve got a bigger problem now‘.“

Mein Favorit ist ja „Kinky sex makes the world go round“.

„Haha, da spiele ich Alexander Haig und Klaus macht Maggie Thatcher nach. Ganz zu Beginn meiner Spoken Word-Shows hatte ich das auch noch im Programm wie auch andere Bearbeitungen von DK-Songs, doch je mehr neues Material ich hatte, desto weniger griff ich darauf zurück. Vielen Musikern geht es ja so, dass ihnen oft die Worte fehlen, um genug Text zusammen zu bekommen, doch bei mir ist es immer anders herum: Ich habe immer mehr, als Platz vorhanden ist, und wenn es dann um den Feinschliff geht, ist das richtig viel Arbeit mit Schere und Klebstoff. Ich habe da dann 40, 50 Blatt Papier vor mir ausgebreitet und versuche, das zusammenzufummeln. Und für eine neue Spoken Word-Show sind es auch mal 200 Blatt Papier.“

Wie? Du arbeitest da noch mit Papier und Schere?

„Ja! Mit dem Computer könnte ich das nicht bewältigen. Ich muss das direkt vor mir haben, das ist wie bei meinen Collagen.“

Für September ist ein weiteres Album mit den MELVINS namens „Sieg Howdy“ angekündigt. Was hat es damit auf sich?

„Das sind die Songs, die für das erste Album einfach zu viel waren, sowie diverse Remixe. Al Jourgensen hat sich mit ‚Enchanted thoughtfist‘ beschäftigt, DÄLEK mit ‚Dawn of the locust‘, Dale Crover mit ‚Caped crusader‘. Ein paar Leuten wird das nicht passen, weil sie Remixe nicht mögen, und es ist einfach ein spinnerteres Album als das erste, inklusive einer langen, eigenwilligen Version von ‚The lighter side of global terrorism‘. Das hat teilweise was von Psyche- und Space-Rock, und ich hatte dabei die exzellente MELVINS-Version des WIPERS-Klassikers ‚Youth of America‘ im Kopf.“

Jello, vielen Dank für das Interview.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #61 (August/September 2005)

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