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Interviews & Artikel

SLIME

Punk Rock ist nicht tot

Die Geschichte von SLIME in die paar Zeilen einer Interview-Einleitung zu zwängen ist unmöglich, deshalb zur Erinnerung nur die wichtigsten Fakten: 1979 in Hamburg gegründet, in den folgenden Jahren der Aufstieg zu einer der beliebtesten, aber auch wegen textlicher Radikalität ("Deutschland muss sterben!", "Bullenschweine") umstrittensten deutschen Punkband. Drei Alben werden bis zur Auflösung 1984 veröffentlicht, 1990 die Wiederkehr und zwei weitere Alben, 1994 ist dann endgültig Schluss. Wer es genauer wissen will, liest sich den Wikipedia-Eintrag durch - ich befragte Stephan Mahler, damals Schlagzeuger, zum heutigen Status seiner früheren Band und zu den dieser Tage neu aufgelegten alten Platten.


Zuerst einmal: Wie tot sind SLIME?


SLIME sind so tot oder lebendig wie das Interesse an ihnen bei nachkommenden Typen, die sich für deutschsprachigen Punk beziehungsweise politische Musik interessieren. Das klingt für manche jetzt vielleicht vermessen, aber ich denke: Du fängst an, dich für Punk zu interessieren, für Punk und für ein Leben abseits von Mainstream, Angepasstem, Leere. Du suchst nach den Wurzeln, du kommst nach England und findest SEX PISTOLS, THE CLASH; kommst nach Amerika, findest RAMONES, DEAD BOYS, DEAD KENNEDYS; kommst dann nach Deutschland und findest: SLIME. Solange das so ist, bleibt die Band am Leben.

Was sind die derzeitigen Aktivitäten der Ex-SLIME-Mitglieder?


Meine eine Band heißt KOMMANDO SONNE-NMILCH, gerade mit neuer Platte, "Jamaica". Die andere Band heißt SOJUS 7, ein Projekt aus Drums, Bass und Klavier. Elf ist Teil der MIMMI'S-Reunion. Christian macht elektronische Musik unter dem Namen OSTINATO, und Eddy und Dirk geht es auch ganz gut.

Wie kam es zu der Rerelease-Aktion auf dem bandeigenen Label Slime Tonträger?


Klar, uns haben die in geistiger Umnachtung unterschriebenen Knebelverträge mit AGR/Walterbach - keine Masterrechte lebenslang! - schon sehr genervt. Aber nach dem Verkauf des Labels AGR an Sanctuary, was bedeutet hat, dass wir die Abrechnungen nicht nur aus England, sondern somit auch von der Industrie bekommen, waren wir extrem angepisst und haben nur noch auf eine Möglichkeit gewartet, aus den Verträgen rauszukommen. Diese bot sich, als Sanctuary diese Verträge einfach abrechnungstechnisch nicht eingehalten haben. Ein Freund von mir ist Anwalt und der hat die Trennung dann klargemacht. So hat sich die Möglichkeit ergeben, die alten Platten jetzt auf eigenem Label neu rauszubringen. STT haben wir schon 1992 gegründet, um damals "Schweineherbst" und alles Folgende selbst rauszubringen ... Die Erste, "Yankees raus", "Alle gegen Alle", "Live in den Berliner Pankehallen", "Viva la Muerte" und "Schweineherbst" kommen jetzt in eigener Regie, remastert, mit neuen Digipak-Covern und den jeweiligen Bonustracks raus. Wir sind sehr zufrieden damit. Das kann jetzt so laufen.

Warum kommen die CD-Releases erst jetzt, nachdem das Vinyl schon vor Jahren auf Weird System erschienen ist?


Wir hatten vorher, wie gesagt, keine rechtliche Handhabe an den Masterrechten der Aufnahmen. Das mit dem Vinyl hat sich früher ergeben, da schon AGR die Vinylproduktion eingestellt haben und somit auch keine weiteren wirtschaftlichen Interessen. Unter Zahlung entsprechender Lizenzen an Sanctuary, haben wir die Platten dann mit Weird System wiederveröffentlichen können.

Dafür, dass Punk mal "No Future" postulierte, ist es doch schon irgendwie ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass sich immer noch gut verkaufende Frühwerke dem einen oder anderen Alt-/Punk bis heute die Miete oder den Jahresurlaub bezahlen, oder ...? Zudem sind solche Lizenzen ja eine hoch gehandelte Ware im Kataloggeschäft der Plattenfirmen. Und nein, das ist kein Kommerzvorwurf, sondern nur eine Frage.

Okay. No Future war 1977, 1978, 1979. Aus den Trümmern der politischen Regression sind zwar auch SLIME entstanden, aber Punk zu sein war für mich nach 1980 nie gleichbedeutend mit Resignation, Aufgabe, Abhängen, Stillstand, Beschwerde und Schluss. Sondern mit: Ich mache mein eigenes Ding, ich kämpfe für meine Ziele, ich werde frei sein. Persönlich habe ich Musik, unsere Musik, immer als zu heilig empfunden, um damit Geld zum Leben zu verdienen - genug Geld, um zu davon zu leben. Ich war mir immer sicher, dass man, um das zu erreichen, seine Ideale verraten muss. Und ich war mir immer sicher, dass ich das niemals tun werde. Wenn du von Musik leben willst, musst du dich verkaufen. Ansonsten ... Dreiviertel der RAMONES und Joe Strummer: tot. Charlie Harper ist immer noch auf Tour. Jello Biafra - geil drauf! Ich weiß nicht, was du glaubst, was unsere "Frühwerke" noch verkaufen, aber es ist sicher weitaus weniger, in den letzten drei Jahren sogar extrem viel weniger, durch Downloads und so weiter. Und abgesehen davon: Geld zu verdienen durch integre Dinge, stinkt nicht, nur der hohle Kopf, der nicht merkt, dass Geld an sich völlig wertlos ist.

Wie ist euer Verhältnis zu Herrn Walterbach von AGR heute?


Keine Ahnung, wo der Typ wohnt.

Heftig diskutiert wurde bei den Vinyl-Rereleases das Neuaufnehmen von Songteilen wegen der Zensurverfahren. Wie steht ihr heute dazu, wie habt ihr das bei den CD-Neuauflagen gehandhabt?

Oha. Ja, das finde ich ich auch mittlerweile ziemlich unangenehm, das mit dem rausgedropptem Gesang der neuaufgenommenen Version. Wir haben sehr viel überlegt damals, wie wir eine Version von "Bullenschweine" schaffen können, die der - immer noch bestehenden - Zensur gerecht wird, ohne das Lied zu zerstören. Und nicht wie gehabt: die unhörbare Version mit dem Nebelhorn ... naja. Klar war, dass das nicht geht auf dem CD-Rerelease. Ich habe mit Chris von Rautenkranz im Soundgarden-Studio eine, finde ich, geile Lösung gefunden: wie ein Störsender im Radio auf den entsprechenden Stellen der Originaltracks, man kann da durchhören und weiß trotzdem Bescheid. Außerdem gibt es noch eine Karaoke-Version auf der Platte, ohne Gesang. Den Text gibt es ja eh lang und breit im Internet ...

Ist die Indizierung heute noch gültig?


Ja. Zumindest müssten wir bei zivilrechtlicher Anklage umgehend damit rechnen, alles einstampfen zu müssen und wegen Volksverhetzung angeklagt zu werden.

Diskussionen gab es in der jüngeren Vergangenheit auch um "Yankees raus", eine im Zeitkontext der späten Siebziger schlüssige Formulierung, die in Zeiten von "Antideutschen"-Wahn allerdings kritisch gesehen wird. Wie geht ihr heute damit um, wie steht ihr generell zu euren teils sehr harten, direkten Aussagen, die man mit Mitte 40 so wohl nicht mehr machen würde - oder doch?


"Yankees raus" war natürlich auch ein Statement gegen die Besatzer, aber in erster Linie ein Anti-Kriegs-Lied, gegen den bzw. die Kriege der USA mit all ihrer Arroganz, all ihrer Dummheit, ihrer Grausamkeit und all ihrer unfassbar schrecklichen Konsequenz. Und - leider -, aber dies ist ja wohl offensichtlich, ist das immer noch aktuell. Allgemein ist es sicher müßig über die Frage, ob man mit Mitte vierzig noch "Bullenschweine" skandieren könnte, lange reden zu wollen. Klar ist: Unsere Sprache von damals - und die war ja aber auch keineswegs nur platt - transportierte die richtige Einstellung, und authentische Gefühle. Das war wahr und steht auch heute noch für sich, das hat immer noch Kraft und Aussage. Ich würde vielleicht einige Dinge heute anders ausdrücken, weniger dieses ständige Ihr/Wir, dieses Schwarz/weiß. Aber davon handeln auch schon Texte wie z.B. "Brüllen, zertrümmern und weg". Ich persönlich bin mittlerweile der Auffassung, das Hass nirgendwo hinführt und man sich vor allem selbst damit schadet.

Wie geht ihr mit der Aneignung linker bzw. Punk-Optik und -Inhalte seitens der Rechten um? Was habt ihr unternommen, um das "Linke Spießer"-Cover von ENDSTUFE aus der Welt zu schaffen?

Das Linke daran war ja: Wir konnten nichts tun! Es gibt keine rechtliche Handhabe, sowas zu verbieten - in dem Moment, wo jemand dein "Werk" nicht verändert, sondern Note für Note nur nachspielt, gilt: Geistiges Eigentum ist frei. Die müssen halt Urheberlizenzen an die GEMA zahlen, ansonsten war's das, das ist echt krass. Ich bin das mit einem Anwalt durchgegangen - keine Chance. Das galt auch schon damals bei KAMPFZONE.

Musikalisch waren SLIME niemals so stumpf wie heute 90% aller Bands, die sich "Deutschpunk" schimpfen. Wo lagen eure Einflüsse, warum wart ihr immer mehr Rock'n'Roll als Uffta-Uffta?

Vielleicht liegt das tatsächlich auch an unserer Punk-Sozialisation - ich meine, SEX PISTOLS, THE CLASH, SHAM 69 und COCKNEY REJECTS haben einfach unsere Leben völlig verändert, andere haben sich vielleicht schon wieder mehr an Bands der zweiten oder dritten Generation, wie z.B. GBH, orientiert. Und vor Punk hatte ich nur sehr kurz eine Hardrock-Phase. Elf und ich waren eher Glamrock-Fans, fanden die BEATLES immer gut und schon vor Punk die Hippies scheiße. Wir waren aber ab 1980 auch offen für andere muskalische Einflüsse. Ein großer Einfluss waren sicher TON STEINE SCHERBEN. Aber vor allem: wir waren jeden Tag im Proberaum, probten wie die Verrückten.

Was macht deiner Meinung nach bis heute SLIME - sonst gäbe es ja auch keinen Grund für die Rereleases - immer noch so "relevant", obwohl die Texte aus einem anderen Land - Westdeutschland - und einer völlig anderen Zeit stammen?

Anderes Land, andere Zeit - was bleibt ist die Authentizität und die Inhalte. Wir waren ehrlich und wir waren dagegen. Wir waren zum einen Sinnbild für den Widerstand gegen Staat, Faschisten, Bullen, zum anderen gab es - in bester TON STEINE SCHERBEN-Tradition, die Hoffnung und den Glauben an ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Es ging ja nicht nur um Gewalt.

SLIME sind, ob ihr das wollt(et) oder nicht, bis heute eine der wenigen deutschen Punk-Ikonen. Diese "Heldenverehrung" hatte damals ja wohl was mit eurer Auflösung zu tun, wie gehst du heute damit um?


Ich habe damit kein Problem. Es gibt sicher schlechtere Vorbilder als SLIME. Das ist heute auch etwas anderes als damals, wo mich einfach extrem diese hirnlose Verehrung irritiert hat - das hatte was von einer Schafherde. Wir wollten keine Führer haben und wollten selbst auch keine Führer sein.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #75 (Dezember 2007/Januar 2008)

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