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Interviews & Artikel

RYKER’S

Hardcore heißt wieder kämmen

Auch wenn oft kolportiert wird, dass nichts so schnell vergessen wird wie eine aufgelöste (oder "pausierende") Band, dass in einer Szene, in der ständig neue Bands nachrücken, nur die wenigsten alten das Zeug zu wirklichen Klassikern haben, so gibt es doch ein paar Ausnahmen. Eine solche sind die RYKER'S aus Kassel: Die gründeten sich Anfang der Neunziger, veröffentlichten zunächst auf dem berühmt-berüchtigen Lost & Found-Label, ergatterten dann einen von vielen Szeneleuten kritisch betrachten Majordeal und wechselten für das letzte Studioalbum "Life's A Gamble ... And So Is Death" zu Century Media. 2000 war dann Schluss, zumindest für die nächsten acht Jahre (nur unterbrochen von einem WFF-Auftritt 2003). Denn seit Ende 2007 sind die Herren, die damals die deutsche Variante des von SICK OF IT ALL, AGNOSTIC FRONT und MADBALL geprägten New York Hardcore spielten, zurück im Ring, und eine Menge Leute, die in der zweiten Hälfte der Neunziger Hardcore in seiner toughen New Yorker Art als ihre Musik entdeckten, die einschlägigen Festivals besuchten, dürfte darüber höchst erfreut sein. Ich unterhielt mich mit Bassist Chris Luft über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, darüber, was sich verändert hat und was geblieben ist.


Im Interview in Ox #40 sprachst du eindeutig von einer Pause, keiner Auflösung ...

Schön, dass ich das damals so weise vorausgesagt habe, oder? Es ist aber auch nichts anderes. Man könnte das jetzt groß als "Reunion" bezeichnen, Fakt ist aber einfach, dass wir wieder Shows spielen. Dahinter steckt kein Masterplan, wobei wir natürlich mit unserer Bookingagentur M.A.D. gesprochen haben, was sie für uns für Möglichkeiten sehen. Aber für eine neue Platte, eine Welttournee oder sonst was hat keiner Pläne. Wir lassen erstmal alles auf uns zukommen, und bislang war die Resonanz durchweg positiv.

Wie waren denn die Shows bisher?

Es waren erstaunlich viele alte Fans da, die sich auch alle bewegt und geschwitzt haben - das war echt cool! Es kamen aber auch viele Junge, und die Nörgler im Netz halten sich auch in Grenzen. Die Show in Eindhoven war sofort ausverkauft, der Auftritt beim With Full Force phänomenal, und in Portugal war alte Schule angesagt. Es war beeindruckend.

Man muss ja auch sagen, dass ihr in der gleichen Besetzung wie früher auftretet - und nicht wie so manch andere alte Band mit gerade mal ein oder zwei Originalmitgliedern.

Wir hatten seinerzeit gesagt, dass wir wieder Shows spielen, wenn wir Bock haben. Die Band ist aus Freundschaften heraus entstanden, darauf basiert sie, und wir hörten damals auf, weil wir die Band nicht mehr gemeinsam durchziehen konnten und keine Lust darauf hatten, die einzelnen Leute nach und nach auszutauschen. Letztes Jahr saßen wir dann bei mir im Garten zusammen und kamen auf die Idee, einfach mal wieder zu proben, um zu sehen, ob es Spaß macht. So geschah es, und wir knüppelten zweimal unser Programm durch, und danach war uns klar, dass der "Spirit", die "Magie", immer noch da sind. Und so sagten wir uns, "Okay, dann lasst uns halt spielen." Und: Hätte einer aus der Band keinen Bock gehabt, wir hätten die Sache abgeblasen.

Was macht ihr denn sonst so?

Zwei Leute gehen ganz normalen Jobs nach, für die ich auch nicht weiter Werbung machen werde, und die beiden anderen Jungs aus Braunschweig und Peine arbeiten stilecht als Tätowierer - Mev hat ja sein eigenes Studio. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind keine abgehalfterte US-Band, die das Geld braucht, wir müssen das nicht machen, wir können auch anderweitig für uns sorgen.

Seinerzeit wart ihr mit die größte deutsche Hardcore-Band, mit dem entsprechenden finanziellen Erfolg. Wie groß war die Versuchung damals, das mit der Musik als Karriere durchzuziehen? SICK OF IT ALL, MADBALL und AGNOSTIC FRONT machen das ja auch - tut es einem da Leid, das aufgegeben zu haben?

Nein, unsere Entscheidung war richtig. Für mich war der Zeitpunkt gekommen, mich zu entscheiden zwischen einem "normalen" Leben und dem Versuch, aus einer Sache Kohle rauszupressen, die niemals darauf angelegt war. Ja, wir hatten damals finanziellen Erfolg, aber im Vergleich zu dem, was heute Bands wie HATEBREED oder HEAVEN SHALL BURN verdienen, war das lächerlich. Wir hätten aber niemals davon leben können, ohne uns verbiegen zu müssen, und da hatten wir keinen Bock drauf.

Auf jeden Fall wart ihr Wegbereiter dafür, dass heute harte Musik von Bands wie MAROON, HEAVEN SHALL BURN, CATARACT oder WALLS OF JERICHO so beliebt und erfolgreich ist.

Ohne Scheiß: Das macht mich stolz. Und auch wenn das manche Leute vielleicht anders sehen: Wir haben eine Menge Bands in Deutschland und Europa nachhaltig beeinflusst. Und selbst wenn die das abstreiten, weil wir ja nur die Proleten aus Kassel waren, so haben wir für sie doch zumindest den Weg bereitet. Denn als wir damals loslegten, gab es zuvor zwar Hardcore-Bands wie die SPERMBIRDS oder CHARLEY'S WAR, aber wir waren die erste Band, die es schaffte, auf den großen Festivals zu spielen, mit US-Bands wie TURMOIL oder BREAKDOWN zu touren, und das hatte lang anhaltende Wirkung: Es öffnete anderen Bands die Türen, zeigte den Veranstaltern, dass sich die Leute für solche Bands interessieren. Und wenn heute Bands, wie die von dir genannten, darauf aufbauen können, dann freut mich das.

Gleichzeitig beschleunigte sich seinerzeit die Entwicklung, dass Punk und Hardcore immer stärker getrennte Wege gehen, was heute darin resultiert, dass vielfach gar nicht mehr "Metalcore" als Genrebezeichnung gewählt wird, sondern das "-core" konsequenterweise gleich ganz weggelassen wird. Seid ihr daran mitschuldig?

Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Denn trotz unserer Metal-Einflüsse, die wir ganz klar hatten, hatten wir immer auch noch Punksongs auf unseren Platten. Und wo wir früher noch eher geknüppelt hatten, waren später auch melodischere, punkigere Songs dabei - wir haben immer gerne Punksongs gecovert, tun das heute noch, versuchen da die Tradition zu bewahren. Und was meine persönlichen Vorlieben anbelangt, so ist der Metal, den ich höre, alt und kommt aus der Bay Area. Und wenn es Punk ist, dann sicher nicht dieser Bravo-iPod-Plastik-Punk, sondern die alte Sachen. Da habe ich mehr Bock drauf. Ansonsten finde ich die Entwicklung in Sachen Metal und Metalcore auch ein bisschen schade, aber als ich mir im Vorfeld dieses Interviews ein paar Gedanken machte, fiel mir auf, dass es die Diskussion auch schon mal gab: Früher hieß das eben nicht Metalcore, sondern Crossover.

Dennoch war das seinerzeit in den Neunzigern ja alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen: Damals bekam ein Schreiber des Plot-Fanzines von jemandem aus dem MADBALL-Umfeld wegen negativer Äußerungen eines anderen Plot-Schreibers einen Aschenbecher über den Kopf gezogen, und das gründete letztlich in dem Konflikt zwischen altem Punk- und Hardcore-Verständnis und jener damals neuen Art von Hardcore, für die etwa MADBALL und RYKER'S standen. In eurem Umfeld war der Umgangston hier und da mal etwas rauher ...

Vieles wurde damals heißer gegessen, als das nötig war, und ja, damals hat es hier und da auch mal eine Backpfeife gehagelt. Und die Plot-Sache*, na ja, die müssen wir hier ja nicht wieder aufwärmen. Es war damals halt so, dass das, was heute in irgendwelchen Internetforen an Diskussionen läuft, in verschiedenen Fanzines ausgetragen wurde: Ein Schreiber setzt sich hin, lässt sich beleidigend aus und wundert sich später, dass er dafür mal einen an die Waffel kriegt. Klar, wir wissen beide, dass Gewalt keine Lösung für Probleme ist, aber die Szene damals war halt auch sehr, nun, real. Heute dagegen hast du Bands, die sich vielleicht auch gerne mal prügeln, aber die machen das nur für's Image. Ds ist aber total lachhaft, doch früher ist das halt einfach hier und da mal passiert bei Bands wie AGNOSTIC FRONT, MADBALL oder eben den RYKER'S. Und wenn heute die Leute auf Konzerten irgendwelche Kickbox-Contests veranstalten und ich das von der Bühne aus beobachte, dann denke ich mir auch, dass das zwar lustig aussieht, dass das aber kein Mensch braucht. Und seien wir doch mal ehrlich: So einen richtigen Pogo, wie es das früher etwa im AJZ Bielefeld, in einem Raum fast ohne Sauerstoff, bei einer Band wie BAD RELIGION gab, das würde doch so ein heutiger Kickboxspezialist keine zwei Minuten durchstehen. Der würde in seinen nackten Oberkörper überall die Killernieten der Punks um ihn herum reingerammt bekommen, haha. Also: Ich brauche diese modernen Spielchen nicht. Und auf die Gefahr hin, jetzt irgendwelche Leute anzupissen, die auch zu unseren Konzerten kommen: Das Hardcore-Publikum heutzutage, die Leute sehen doch alle gleich aus ...

... mit ihren albernen Täschchen, die sie sich unter die Achsel klemmen.

Oh ja, das habe ich auch gesehen. Na ja, die verschiedenen Szenen hatten schon immer ihre Erkennungszeichen. In den Achtzigern haben die Punks auch argwöhnisch geschaut, als die ersten Leute mit Chucks und Karohemden auf Konzerte kamen, und heute sind es eben die schwarzen Haare und so weiter. Kennst du eigentlich noch den Spruch "Hardcore heißt wieder kämpfen"? Der kam, glaube ich, aus der Hannoveraner Szene, aber ist ja auch egal. Die aktuelle Version davon, davon konnte ich mich auf einigen Konzerten überzeugen, lautet "Hardcore heißt wieder kämmen", haha.

Wenn wir schon bei "früher" sind ... was ist denn eigentlich mit euren ganzen Platten? Die dürften doch kaum noch irgendwo zu bekommen sein.

Das ist Teil unseres nicht existenten Masterplans: Wir müssen uns mal darum kümmern, an die Rechte ranzukommen. Bei Lost & Found habe ich schon angerufen, das war einfach. Mit denen hatten wir übrigens nie Stress, ich kenne Bernd und Uwe schon ewig, wir kamen immer klar. Die Rechte an diesen alte Sachen liegen bei uns, aber ich würde gerne alles zusammen auf einem Label neu rausbringen, zu einem erschwinglichen Preis, und deshalb muss ich auch klären, was ich mit Warner vereinbaren kann.

Und was ist mit einem neuen Album?

Da ist nichts geplant. Und zu jeder einzelnen unserer alten Platten können wir auch noch stehen. Wenn ich mir die heute anhöre, dann klingen die irgendwie "unschuldig" und frisch. So könnten wir das heute nie mehr aufnehmen. Der Spirit dieser Aufnahmen liegt eben daran, dass man einen Tag ins Studio ging, da was zusammenholzte und eine Single davon machte.

Eure "großen" Platten habt ihr dann alle mit Andy Classen aufgenommen.

Den gibt es auch heute noch: Der hat hier in der Gegend sein Studio, und ab und zu besuchen wir den auch - und er produziert ja auch die eine oder andere Band aus dem Metalcore-Sektor.

Du selbst hast eine Weile bei eurem letzten Label Century Media gearbeitet, dort das Sublabel Kingfisher Records betreut.

Das war eine Weile auch cool, die Arbeit mit den Bands war teilweise aber auch schwer. Ich hatte da zum Beispiel NEW JERSEY BLOODLINE, die es wirklich hätten schaffen können, und eine Reihe kleinerer Bands, etwa FIT OF ANGER oder SON OF SKAM, Hauptsache so New York-Sound. Ich war da bei Century Media mit meinem Label aber eher der Einzelkämpfer, das machte auf Dauer keinen Sinn - und heute machen die alles unter einem Dach, sagen eben, dass Century Media generell harte Musik rausbringt, egal aus welchem Genre.

Und was ist sonst geblieben von damals? Bist du noch mit den Bands befreundet, mit denen ihr damals auf Tour wart?

Klar, mit den Leuten von SUBZERO, SFA, BREAKDOWN oder MADBALL hat man auch heute noch Kontakt, und wenn ich irgendwo im Urlaub bin, kenne ich immer jemand, bei dem ich unterkommen kann. Dabei kennt man sich letztlich nur deshalb, weil mal in verschiedenen Ländern zufällig zur gleichen Zeit die gleiche Musik gehört hat. Der Spirit dahinter ist es, was verbindet! Vor einem Jahr war ich in New York, besuchte die Jungs von BREAKDOWN, und da traf ich in einer Bar zufällig Brendan von SFA - und nach all den Jahren verbindet einen immer noch was, das ist schön.

Ende des Jahres geht ihr auf Tour - was ist der Plan?

Es wird eine Reihe von Clubshows geben, und wir haben uns mit FINAL PRAYER, STILL SCREAMING und TODAY FOREVER ein nettes Paket zusammengestellt. Ich denke, das wird richtig gut.

Und, habt ihr keinen Schiss, dass euch das junge Gemüse an die Wand spielt?

Ach was. Zur Not versauen wir ihnen einfach den Sound, haha. Außerdem ist Kid D., unser Sänger, sehr breit und groß, und da werden wir im Tourbus einfach für das entsprechende Gefühl der Angst sorgen. Und als dritte Möglichkeit haben wir dann noch, das zu tun, was wir immer getan haben: Wir gehen da einfach raus und spielen. Und sollte uns mal eine Vorband wegblasen, dann ist das halt so. Auf dem With Full Force haben wir uns aber, denke ich, gut geschlagen, und außerdem haben wir in den letzten Jahren nicht jeder 18 Kilo oder so zugelegt, so dass wir auch unter sportlichen Aspekten noch mithalten können, wir immer noch die ganze Bühne nutzen. Außerdem, um es mal ganz prollig zu sagen: Wir hatten noch nie vor einer anderen Band Angst.

Chris, besten Dank für das Interview.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #80 (Oktober/November 2008)

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