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Interviews & Artikel

HASS

Im Namen der Liebe

So groß das Ruhrgebiet ist, so viele Menschen dort wohnen – jenseits von DIE KASSIERER, LOKALMATADORE und THE IDIOTS fallen einem spontan kaum Bands ein. Das heißt, doch ... HASS! Seit 2013 gibt es die 1978 in Marl respektive Recklinghausen gegründete Band wieder, und mit „Kacktus“ ist jetzt sogar ein neues Album erschienen. Sänger Tommy, seit 1988 dabei, und Gitarrist Peter (von Anfang an dabei) beantworteten unsere Fragen, Drummer Alex (neu dabei) hatte mit SLIME, EISENPIMMEL und Ruhrpott Rodeo gerade anderes zu tun.

Gibt es nicht genug Hass auf der Welt? Warum also braucht jemand 2014 noch mehr HASS?


Tommy: Ich hasse immer noch den ganzen Scheiß auf dieser Welt und brülle ihn in unseren Texten heraus. Das ist mein Blitzableiter. Ich denke, den Bedarf habe nicht nur ich.

Peter: Eigentlich sind wir aggressiv im Namen der Liebe unterwegs. Hört sich blöd an – aber war für mich schon immer so.

Peter und Tommy im Chor: Damit alle schöne HASS-Aufkleber für ihre Toiletten haben!

Was habt ihr die letzten Jahre so gemacht seit der Trennung 2007?

Tommy: Versucht, ohne HASS zu leben, und gescheitert.

Peter: 2007 war ja nur noch mal eine Zehn-Konzerte-Tour. Aufgelöst haben wir uns schon im Jahr 2000.

Was tragt ihr 2014 neu zur Punk-Historie bei? Ich weiß, diese Frage kann man jeder Band stellen, die es nach vielen Jahren noch mal wissen will, aber ich denke, ihr werdet euch das sicher auch gefragt haben, oder?

Peter: Das wird sich zeigen. Wir machen unsere Sache, wie wir es immer schon gemacht haben. Mit „Hass allein genügt nicht mehr“ und „Gebt der Meute was sie braucht“ haben wir schon zwei Klassiker auf der Habenseite. Wenn eine Platte von uns da mithalten kann, ist das bestimmt unser neues Album. Der Hauptgrund für die Reunion ist aber, dass wir wieder live spielen wollen. Unsere Konzerte waren immer gut besucht und meistens haben wir es geschafft, das Publikum zu begeistern. Das noch mal hinzubekommen, würde uns schon reichen. Mit Anerkennung durch die „Fachpresse“ sind wir eh nie groß verwöhnt worden.

Ein Hoch auf kalauernde Albumtitel ... „Kacktus“ also. Wofür steht der Kaktus-Kopf mit Messer drin, den man auf eurem Albumcover sieht?

Peter: Mit dem Albumcover und dem Titel sind wir sehr glücklich. Jeder wird sich wohl fragen, wofür das Bild und der Titel stehen. Frage alle fünf Bandmitglieder. Jeder wird dir etwas anderes sagen. So wollten wir das haben.

2013 erschien „Mit Schmackes!“, ein Buch über Punk im Ruhrgebiet. Wie sehr waren, wie sehr sind HASS eine Band des Ruhrgebiets?

Peter: Ich habe, seit ich 14 Jahre alt war, auf einer Zeche in Marl gearbeitet. Davon zwanzig Jahre unter Tage. Ich spiele mein Leben lang in einer Kohlenpott-Band. Das sollte reichen. Ich habe gehört, dass wir in dem besagten Buch nicht mal erwähnt werden.

Tommy: Wir sind alle hier geboren, aufgewachsen und unser Herz schlägt fürs Ruhrgebiet.

In euren Texten ist von Altersmilde oder Frustration nichts zu merken, ihr scheint immer noch so wütend zu sein wie in den Achtzigern – wofür es natürlich gute Gründe gibt. Hat sich gefühlt gar nicht viel verändert seit der verhassten Ära der Kohl-BRD der Achtziger?

Tommy: Das Mehrwertprinzip hat anscheinend gut gehalten. Es gibt immer noch dieselbe Ideologie. Diese wird eben immer wieder reproduziert. Alle werden überwacht, wir beuten uns selbst aus, zerstören die Erde, vernichten alle Ressourcen, liefern Waffen und Kriegsmaterial in alle Welt, vergöttern den amerikanischen Traum, facebooken und halten uns am Händchen vor lauter Wir-Gefühl, wir sehen nur noch uns selbst und verhalten uns wie Maschinen in einem Taumel. Das Schlimmste ist, wir denken, wir sind normal! Und dass es keinen anderen Weg gäbe. Also, Lebendige aller Länder, vereinigt euch im Kampf gegen alles Morbide!

Andersrum: Wie geht es euch persönlich heute so? Würdet ihr sagen, ihr habt ein gutes Leben?

Peter: Ich komme klar. Seit es die Band wieder gibt, noch besser.

Tommy: Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden und genieße es trotz der vielen negativen Einflüsse.

„Komatag“ ... ganz ehrlich, wenn ich all die torkelnden, kotzenden Punkerleichen auf irgendwelchen Festivals sehe, hätte ich mir etwas mehr Klartext gewünscht. So klingt der Text ja beinahe, als würdet ihr dieses ach so rebellische Verhalten abfeiern. Oder verstehe ich nur euren sehr subtilen Humor nicht?

Peter: Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Den Klartext, den du dir wünschst, findest du bei „Mit wehenden Fahnen“, dem Opener der neuen Platte. Bei „Komatag“ geht es darum, wenn das Fass des Lebens mal wieder überläuft, sich den Frust einfach mal wegzusaufen – und nicht um Saufen als Generallösung. Wenn ich alle Texte der Platte im Zusammenhang sehe, ist „Komatag“ der Text, der unmissverständlich klarstellt, dass wir bei dem Song „Mit wehenden Fahnen“ nicht unbedingt den Antialkoholismus propagieren.

„Alles Lüge“ von Rio Reiser gibt’s als Bonus-Song auf der LP. Warum dieses Lied, warum Rio, und überhaupt, waren TON STEINE SCHERBEN Punk, bevor es Punk gab?

Peter: Den Song haben wir einfach nur aus Spaß an der Freude eingespielt, weil wir den Text großartig finden. Eigentlich sollte der Song nicht mit auf das Album, weil wir eine eigenständige Platte mit 15 neuen Songs von uns haben wollten. Dann kam die Idee mit dem Bonustrack. Ob die Scherben jetzt Pioniere des deutschen Punkrock sind, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass Rio Reiser viele großartige Texte geschrieben hat.

Zum Schluss bitte diesen Satz vervollständigen: Punk ist ...

Tommy: ... wie eine frische Pfirsichblüte in grauer Nacht!

Peter: ... Kacktus.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #113 (April/Mai 2014)

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