HASS

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Aufhören war kein Thema

Bei der 1978 gegründeten Band aus Marl am nördlichen Rand des Ruhrgebiets ist dieses Jahr einiges in Bewegung. Zunächst gab es Veränderungen an den Positionen Gesang und Bass. Parallel dazu spielen HASS endlich ein neues Album ein. Im Gespräch mit der Band geht es dann auch darum, was wir 2020 von ihnen erwarten können. Die aktuelle Besetzung besteht aus Marv Mandela (voc), Peter Blümer (gt), Burn Harper (dr) und Karsten Siebert (bs).

Euer alter Sänger Tommy hat HASS Anfang des Jahres aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Da der Gesang doch schon eine Art Aushängeschild für eine Band ist: Habt ihr mit dem Gedanken gespielt, mit HASS aufzuhören?

Peter:
Aufhören war kein Thema. Wegen des Sängerwechsels mache ich mir echt keine großen Sorgen. Es gab ja schon einige in der ganzen Bandgeschichte: Der Sänger unseres ersten Albums hat ja nur diese eine Platte aufgenommen. Als nächster hat dann Bertie gesungen. Als wir uns 1992 von ihm getrennt haben, ist Tommy vom Schlagzeug ans Mikro gewechselt. Mit dem Ergebnis, dass es dreißig Kilometer von Marl entfernt kaum jemanden interessiert hat, dass jetzt jemand anderes singt. Manche Leute haben es noch nicht mal gemerkt. Nach der „Anarchistenschwein“-Platte von 1995 hatte Tommy schon mal zwecks Familiengründung aufgehört. Da habe ich dann für ein paar Jahre live gesungen, was dann auch keine Welle der Empörung ausgelöst hat. Das mit Tommy hat sich ja schon länger angebahnt. Wenn wir zuletzt zwei Gigs hintereinander gespielt hatten, konnten wir schon fast davon ausgehen, dass er krank wird und zusätzlich seine Stimme für die nächsten paar Wochen platt ist. Dadurch waren die nächsten anstehenden Konzerte immer in Gefahr und das brachte Unruhe in die Band. Als wir dann schweren Herzens die zwei Aggropunk-Festivals im Herbst 2018 absagen mussten, war jedem und auch Tommy klar, dass es so nicht weitergehen kann. Mit Chris, unserem langjährigen Bassisten, war es, parallel zu den Problemen mit Tommy, ähnlich. Auch er hatte in letzter Zeit immer öfter gesundheitliche Probleme und nicht mehr die Energie, die es für eine Band braucht. Auch er hat sich dann, nachdem klar war, dass Tommy aufhört, entschlossen, die Band zu verlassen. Ich habe mit Chris und Tommy fast mein ganzes Leben lang Musik gemacht. Da ist das natürlich traurig, dass sie nicht mehr dabei sind. Aber es war auch gleich für Burn und mich klar, dass das nicht das Ende sein muss. Als Ersatz für Chris war schnell klar, dass Karsten das macht. Karsten hat auf unseren letzten Platte „Kacktus“ schon Schlagzeug gespielt und ist jetzt an den Bass gewechselt.

Ihr habt schließlich via Facebook einen neuen Sänger gesucht. Was waren eure Auswahlkriterien? Und wäre auch eine Sängerin in Betracht gekommen?

Burn:
Der neue Sänger sollte erst mal das können, was Sänger so machen: singen. Weiterhin musste es natürlich auch menschlich passen. Es haben sich einige Männer gemeldet. Mit den aussichtsreichsten haben wir dann ein paar Songs geprobt. Letztendlich ist es dann Marv geworden. Er war der Einzige, der Bier zur Probe mitgebracht hatte. Eine Sängerin hätte den gewohnten Gesamtsound der Band wohl sehr drastisch beeinflusst. Obwohl, wenn sich eine Frau gemeldet hätte, hätten wir uns das bestimmt auch gerne mal angehört. Und wer weiß ...

Mit Marv von FUCK’IT’HEAD habt ihr jetzt einen Sänger gefunden, der den Altersdurchschnitt kräftig nach unten schraubt. Marv, wie fühlt es sich an, bei HASS zu singen? Und wie bekommst du beide Bands unter einen Hut?

Marv:
Fangen wir mit dem „Finden“ an. Man kannte sich ja teilweise von einigen Backstagebierchen bereits länger im Vorfeld. Eines Tages fragte mich dann Harper: „Jo, Marv, hast du Bock, bei HASS zu singen?“ Und ich dachte im ersten Moment, der will mich doch verarschen. Gesagt, getan, auf zum Proberaum, vorsingen. Nach einigem hin und her konnte ich die Jury dann schließlich von mir überzeugen und alle Mitbewerber erfolgreich ausstechen. Und dann hieß es „Marv ist an Bord“. Selbst schuld, sage ich da nur. Ich hoffe, die Jungs wissen, was sie sich da ins Haus geholt haben. Der Altersdurchschnitt ... Also rein persönlich sehe ich da absolut keine Bedenken. Man kann noch einiges lernen, ist ja klar, aber solange es um Punk geht, sind wir voll und ganz auf einer Wellenlänge. Dat jüt allet schon. Wie es sich anfühlt, bei HASS zu singen? Nun ja, es ist mir natürlich eine Riesenehre. Gerade als alter HASS-Fan. Aber ich muss sagen, dass es vor allem tierisch Bock macht! Da steckt ordentlich Power in der Truppe und das wird nächstes Jahr noch eine richtig geile Tour. Aber so richtig beantworten kann ich die Frage erst, wenn es raus auf die Bühne geht. Und nun die letzte Frage. Wie man beide Bands unter einen Hut bekommt ... ich bin nicht so der Hut-Typ. Sieht meistens scheiße aus auf meinem Dickschädel. Aber was die beiden Bands angeht, mache ich mir überhaupt keine Sorgen. In letzter Zeit gab es zwar Konzerte en masse mit FUCK’IT’HEAD, aber das wollten wir auch unabhängig von HASS, aus beruflichen Gründen et cetera, etwas zurückschrauben. Ende 2019 oder Anfang nächsten Jahres kommt dann auch eine FUCK’IT’HEAD-Platte raus, mit ein paar Konzerten. Zumindest wenn alles passt, wie wir uns das vorstellen.Und im April etwa geht es dann erst richtig los mit HASS.

Die Erwartungen dürften sehr groß sein – siehst du, seht ihr darin ein Problem?

Marv:
Natürlich bringt es eine Veränderung und eine Umgewöhnung mit sich, das steht völlig außer Frage. Es wird sich zeigen, wie die Zuschauer*innen, gerade die der ersten Stunde, das Ganze aufnehmen werden. Nach gut drei Jahrzehnten mit Tommy am Mikro sind es schon große Fußstapfen, in die ich trete. Aber wir reißen uns alle gut den Arsch auf und ich sehe dem Ganzen sehr positiv gestimmt entgegen. Nörgler gibt es im Vorfeld ja immer, aber bislang gab es fast ausschließlich positives Feedback. Das motiviert natürlich. Optimistisch bleiben, rauf auf die Piste und gucken, wie es kommt!

Inwieweit werden sich HASS verändern? Könnt ihr das schon absehen?

Peter:
Ich war bei HASS zu allen Zeiten immer der kreative Motor der Band. Ich habe meistens die Songs und die Texte geschrieben. Solange ich dabei bin, werden HASS immer HASS bleiben. Marv hat eine geile rotzige Stimme, die sehr gut zu unseren Songs passt. Ich glaube, da kann nicht viel schiefgehen.

Laut den Kommentaren auf Facebook freuen sich viele auf neue Konzerte – was können wir jetzt erwarten?

Marv:
Neue Konzerte eben – und mich natürlich! Wir haben auf jeden Fall das Live-Set noch ein bisschen umgeschmückt und ein paar alte Schinken aus dem Keller geholt, da darf man auf jeden Fall gespannt sein. Ein paar Songs von der neuen Platte werden auch dabei sein.

Euer letztes Album „Kacktus“ liegt auch schon ein paar Jahre zurück. Auf der neuen Platte, an der ihr aktuell arbeitet, wird noch Tommy als Sänger zu hören sein. Was könnt ihr uns dazu erzählen.

Peter:
Die neue Platte haben wir mit Tommy angefangen, also bringen wir sie auch mit ihm zu Ende. Das dauert leider etwas länger, je nachdem wie fit Tommy gerade ist. Zur Zeit hat er 13 von 16 Songs eingesungen. Ein paar andere Baustellen gibt es aber auch noch und ich denke, dass es noch bis Ende 2019 dauert, bis alles fertig ist. Marv hätte die neue Platte natürlich auch schon gerne eingesungen. Wenn die neue LP fertig ist, werden wir so schnell es geht eine EP mit vier neuen Songs nachschieben, welche Marv dann singt. 2020 wird es also einen Sack voll neuer Songs von uns geben.

 


Timeline

1978: Gründung in der Besetzung Syndikati (voc, bis 1982/83), Peter „Hecktor“ Blümer (gt), Jan Ostblock (bs), Bertie Klompenhouver (dr).

1980: Die erste EP „Hass“ wird veröffentlicht.

1981: Das Debütalbum „Hass allein genügt nicht mehr“ erscheint im Bochumer Vertrieb H’art Musik. Im Anschluss folgt eine erfolgreiche Tournee.

1982: Eine zweite Auflage der LP erscheint beim Plattenlabel Ariola. Nach Boykottaufrufen und Kommerzvorwürfen löst sich die Band das erste Mal auf.

1988: Proben in neuer Besetzung – Bertie (voc), Chris Roemer (bs), Tommy Sohns (dr) und Hecktor (gt) – in einem ehemaligem Luftschutzbunker im Marler Stadtteil Sinsen-Lenkerbeck. HASS gründen ihr eigenes Label Hass Produktion und die „4 Track-EP“ erscheint.

1989/90: Die Alben „Zurück in die Zukunft“ und. „Gebt der Meute was sie braucht“ kommen raus.

1992: Veröffentlichung des Albums „Allesfresser“. Im Anschluss an die „Gebt dem Hass keine Chance“-Tour verlässt Bertie die Band, Tommy wechselt ans Mikro, Alex übernimmt das Schlagzeug.

1994: Die CD/LP „Liebe ist tot“ erscheint.

1995: Nach der Veröffentlichung der „Leise rieselt der Schnee“-EP verlässt Tommy die Band, Hecktor übernimmt auch den Gesang.

1996/97: Die EP „Für die besten Fans der Liga“, das Album „Anarchistenschwein“ und die Compilation „Die ersten Tage 78-80“ werden veröffentlicht.

2000/01: Mit dem Release des Albums „Endstation“ ist Schluss. HASS lösen sich abermals auf.

2013: Am 8. November Reunion in der Besetzung Peter Blümer (gt), Alex Schwers (gt), Chris (bs), Karsten Siebert (dr) und Thomas Sohns (voc).

2014: Das Album „Kacktus“ kommt auf Aggressive Punk Produktionen.

2019: Tommy und Chris verlassen die Band. Aktuelle Besetzung: Marv Mandela (voc), Peter Blümer (gt), Burn Harper (dr) und Karsten Siebert (bs).

 


Diskografie

1980 „Hass“ (7“, Self-Release) • 1981 „Hass allein genügt nicht mehr“ (LP, H’art Musik, nachfolgend auch bei Ariola) • 1988 „4-Track EP“ (7“, Hass Produktion) • 1989 „Zurück in die Zukunft“ LP, Hass Produktion) • 1990 „Gebt der Meute was sie braucht“ (LP/CD, Hass Produktion) • 1990 „Keine Chance/Menschenfresser“ (7“, Hass Produktion) • 1992 „Allesfresser“ (LP/CD, Hass Produktion) • 1994 „Liebe ist tot“ (LP/CD, Hass Produktion) • 1995 „Leise rieselt der Schnee“ (7“/MCD, Hass Produktion) • 1996 „Für die besten Fans der Liga“ (7“/MCD, Hass Produktion) • 1996 „Anarchistenschwein“ (LP/CD, Hass Produktion) • 1997 „Die ersten Tage 78-80“ (CD, Hass Produktion) • 2000 „Endstation“ (LP/CD, Hass Produktion) • 2012 „Gebt der Meute was sie braucht“ (LP+7“, Twisted Chords) • 2014 „Kacktus“ (LP/CD, Aggressive Punk Produktionen)