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Interviews & Artikel

Schlingensief und Chance 2000

Zu Christoph Schlingensief braucht man wohl nicht allzu viele Worte verlieren. Ende der 80er bzw. Anfang der 90er machte der 1960 in Oberhausen geborener Apothekersohn und Wahlberliner vor allem durch seine "Deutschlandtrilogie" mit den Filmen 100 JAHRE ADOLF HITLER, DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER und TERROR 2000 als Enfant terrible der deutschen Kulturlandschaft von sich reden, versuchte er mit kruden Geschmacklosigkeiten politische und soziale Zusammenhänge transparenter zu machen.

In letzter Zeit verließ Schlingensief häufiger die intellektuelle Abgeschiedenheit der virtuellen Räume von Film und Theater und setzte sich z.B. mit den acht Folgen seiner Talkshow "Talk 2000" dem "richtigen" Leben aus, mußte aber einsehen, daß die Wirklichkeit des Fernsehens sehr schnell an seine Grenzen stößt. Realer war dann schon, wie er auf der letztjährigen Documenta X mit der Parole "Tötet Helmut Kohl!" im Knast landete.

Beinahe schon legendär und recht bizarr ist in diesem Zusammenhang auch sein Auftritt in Johannes B. Kerners (einer der widerlichsten Figuren im Personality-Zirkus der Sender) letzter Talkshow, wo es eben um Talkshow-Moderatoren ging. Während Schlingensief ständig versuchte, auf die Banalität und den Realitätsverlust des Konzepts "Talkshow" hinzuweisen, wirkte er inmitten eines sich prächtig amüsierenden Publikums (oder sollte man besser "Pöblikum" sagen?) und anderer Dünnbrettbohrerinnen wie Vera am Mittag (heißt die so, oder die Sendung?) und Bärbel Schäfer wie ein armer Irrer, der auf einem Marktplatz den Weltuntergang ausruft.

Scheinbar festigte das aber das Motto "Scheitern als Chance" seiner am 13. März 1998 gegründeten Partei der letzten Chance (PLC) bzw. Chance 2000. Zehn Tage später verläßt Schlingensief die Partei (inzwischen auf imposante 500 Mitglieder angewachsen) bereits wieder und gründet im Lokal gegenüber die "Schlingensiefpartei". Eine Woche später wird sich wiedervereinigt, was bis jetzt so geblieben ist. Man fragt sich dabei natürlich unweigerlich, ob es sich dabei wieder nur um eine weitere Manifestation von Schlingensiefs seltsamen Humorverständnis oder einer geschickten Selbstinszenierung handelt, oder ob er es diesmal wirklich ernst meint. Letzteres glauben auf jeden Fall die meisten Medienvertreter und stürzen sich rudelweise auf ihn.

Der Wahltermin nähert sich immer schneller, es wird also tatsächlich ernst, und man darf gespannt sein, wie unsere noch junge Demokratie diesen Anschlag auf ihre Integrität verkraften wird. Das angedrohte Baden im Wolfgangsee jedenfalls fiel zwar nicht völlig ins Wasser, gestaltete sich aber anders, als Schlingensief sich das vorgestellt hatte, denn anstatt 4 Millionen deutsche Arbeitslose zu mobilisieren, waren in St. Gilgen einzig und allein Presse und Polizei zahlreich vertreten - und Helmut Kohl ließ sich auch nicht blicken. Trotzdem schienen die knapp hundert Anwesenden ihren Spaß gehabt zu haben.

Näheres über Schlingensiefs Partei erfährt man übrigens im recht witzigen Buch "Chance 2000 - Wähle dich selbst" (bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) oder unter http://www.chance2000.com

Du wirst ja im Moment beinahe mit einem richtigen medialen Overkill konfrontiert, mit allen Vor- und Nachteilen. Wie muß man sich das mit Chance 2000 denn konkret vorstellen, handelt es sich dabei inzwischen um eine Partei im klassischen Sinne?

Ja, im Moment ist es wirklich viel geworden. Die ganze Maschine mit Chance 2000 rollt los - und rollt ganz gut los. Was heißt "rollt los", sie ist ja schon losgerollt, aber im Moment rast sie immer mehr, weil die Leute jetzt auch anfangen, selber etwas auf die Beine zu stellen. Die Bundessatzung ist zwar noch nicht 100prozentig durch, da waren noch zwei Punkte unklar, aber die müßten inzwischen erledigt sein. Die Unterschriften in Berlin sind gesammelt, über 2.000 muß man haben, die Landesverbände sind gegründet, 10 Stück insgesamt. Wobei der eine Landesverband flotter ist als der andere. Bremen hat die Unterschriften schon zusammen, Hamburg ist noch nicht so weit.

Chance ist eine richtige Partei, wo sich jeder mit der Namenskombination Chance Müller oder Müller Chance selber wählen kann. Wer aber nicht selber kandidieren will und lieber eine Partei wählt als Referenzpartei, aber real teilnehmend, der wählt dann Chance 2000, also den Bundesvorsitzenden Herrn Schlingensief, der gleichzeitig aber alles dafür tut, daß es noch mehr Leute gibt, die für sich selber kandidieren. Das würde keine andere Partei machen. Die würden versuchen, die Leute in die Partei reinzuziehen, um sie als Direktkandidaten in den Landkreisen oder Städten aufzustellen. Wir haben vielleicht fünf Direktkandidaten der Partei, ansonsten sporne ich alle an, unabhängig nur für sich mit Begriff Chance zu operieren.

Gerade bei den Landesverbänden ist es immer noch wichtig, daß ich selber mit dazu komme. Aber ich denke, das verselbständigt sich irgendwann. Bei einigen ist das auch schon passiert. Wenn das erst mal eingetreten ist, kann man sich natürlich nicht völlig zurückziehen, aber ich möchte, daß Chance 2000 eine Selbstbewußtseinsmaschine wird, die man selbst bedient. Wenn ich da nur als Messias rumturne, habe ich da persönlich wenig von. Davor will ich mich lieber schützen, bevor ich dann nachher bekanntgeben muß, daß ich keine Blinden heilen kann.

Erwartet das tatsächlich jemand von dir?

Ein paar Leute kommen mir wirklich so vor, wie in der Bahnhofsmission in Hamburg oder auch hier im Zirkuszelt in Berlin. Da waren einige dabei, für die scheinbar die totale Revolution beginnt, aber die braucht natürlich auch immer einen Anführer und da habe ich schon ein paar Leute enttäuscht. Das ist ja auch genau der Fehler, daß man hinterher auch wieder nur sein Kreuzchen bei Leuten macht, die medienwirksam die bessere Führerfigur abgeben. Das ist ein Hochverrat an sich selber, und nachdem wir verlernt haben, wie das vielleicht auch anders laufen könnte, kann man sich nach 16 Jahren Helmut Kohl auch erlauben, da eine produktive Blockade einzubauen.

Und das Buch "Chance 2000 - wähle dich selbst" fungiert als konkretes Parteiprogramm bzw. gibt eine Anleitung dazu?

Das Buch ist ähnlich entstanden wie Chance 2000, nämlich Hals über Kopf. Durch die permanente Überforderung von einem selber konnte man keine Kontrollmechanismen und Überprüfbarkeitsfloskeln einbauen, was den Vorteil hat, daß man erst mal loslegen muß und dann später immer noch sehen kann, ob man sich total verrannt hat.

Darin enthalten ist die Bundessatzung und auch Teile des Parteiprogramms, dann eMails von Leuten, die "Chance" geschrieben haben, Aufsätze vom Oberstaatsanwalt Kuhlbrodt, der hier in Berlin die Formalien der Parteiarbeit und auch die Spaltung miterlebt hat. Dann Texte von mir, die ich irgendwann mal losgelassen habe. Dann wie man Feuer macht ohne Streichhölzer, also Skizzen aus einem Pfadfinderbuch. Das Buch ist aber keine Abhandlung darüber, wie man unsere Gesellschaft mal gründlich verändern könnte - es ist keine Bibel, aber ein Werkzeugkasten und ein Pfadfinderheftchen, in dem man rumblättern und sich einen Text raussuchen kann. Insofern ist es schon ein ideales Geschenk. Ich merke bei vielen Leuten, die es mitnehmen und zuerst widerwillig in die Hand nehmen, daß sie nach der dritten oder vierten Seite interessiert weiterlesen, weil das Buch keine Forderungen an einen stellt, sondern sagt: wir machen einfach mal was. Und das einzige, was die Leute wahrscheinlich noch richtig auf die Palme bringt, ist zu sagen: Beweise, daß du da bist, wähle dich selber, das Parteiprogramm bist du. Es ist kein besseres Parteiprogramm denkbar, als das, was man in sich trägt. Aber man muß natürlich wissen, wer man ist.

Von daher sind wir eine Partei, die wirklich extrem offen ist, und die nicht ein bestimmtes Endziel hat - wer bei uns ein Endziel hat, fliegt hochkant raus. Im Moment haben wir ca. 16.000 Mitglieder, so viele Ziele haben wir auch. Natürlich kann ich die nicht alle kennen und habe auch nicht das Bestreben, die alle zu archivieren und dann mal den Querschnitt zu bilden.

Besteht dabei nicht dennoch die Gefahr, in einen ähnlichen Trott zu verfallen, wie die anderen etablierten Parteien? Schließlich sind die Grünen Anfang der 80er auch noch mit ganz anderen Idealen angetreten.

Deshalb, glaube ich, hat Chance 2000 eher eine Chance, da wir nicht behaupten, daß wir den Karren total aus dem Dreck ziehen werden, und in zwei Jahren wird es dann ganz anders aussehen, und in sieben Jahren haben wir nicht nur blühende Landschaften, sondern auch fliegende Autos. Deshalb ist Chance 2000 nicht daran interessiert bekannt zu geben, daß 2007 die Autos fliegen können, wenn wir an die Macht kommen sollten, sondern daß wir das Bedürfnis haben, uns mal wieder in die Vollhaftung zu nehmen und nicht immer erst zehn Lebensversicherungen abschließen, bevor wir einen Mord begehen.

Es kommen bestimmt noch viele Angriffe in diese Richtung, obwohl Chance 2000 eigentlich kaum angreifbar ist, da jeder das Parteiprogramm in sich trägt. Das ist auch der genau der Punkt, mit dem man andere Politiker killen kann. Wenn die sagen, "erzählen sie mal was zu Marktwirtschaft oder zur Sozialpolitik, was haben sie denn da vor", sage ich, "das werden sie dann schon sehen, das ist immer noch früh genug, bzw. schauen sie mich an, dann wissen sie was ich von Sozialpolitik halte." Dann werden die bestimmt fragen: "Was soll ich da sehen?"

Genau das ist doch der Punkt, denn die Bilder, die man uns zeigt, haben eigentlich gar keine Wahrheiten mehr, sondern sind nur noch Oberfläche. An dieser Beschwörung von Oberfläche finde ich auch gar nichts falsches, schließlich bin ich ein Medienkind, und damit groß geworden, aber man sollte das auch aussprechen. Wir sind, glaube ich, gerade an einer Wendestelle, wo wir in allem latent die Totalinszenierung vermuten, und manchmal sogar vorm Spiegel morgens das Gefühl nicht loswerden, daß man das gar nicht selber ist, der da rausglotzt. Diese Wendestelle wird etwas im gesamten Verhalten zueinander bewirken. Entweder kehrt man sich dann völlig ab oder man kriegt irgendwann kranzförmigen Haarausfall, einen Nervenzusammenbruch oder wird größenwahnsinnig.

Und worin liegt der Reiz in diesem Partei-Dingens? Ich meine, du bist nicht der erste, der abseits der etablierten Parteien so einen Versuch gestartet hat, da ist z.B. die APPD, die deine Bemühungen um Arbeitsplätze übrigens gar nicht so toll findet.

Der Reiz liegt darin, eine außerparlamentarische Opposition mit dem Referenzmodell von Partei in Deutschland in einer für die 90er Jahre gemäßen Situation zu forcieren. Sich einfach mal bewußt zu verweigern und andere Bilder zu erzeugen: 2. August, 16 Uhr, sechs Millionen gehen mit ihren Sympathisanten im Wolfgangsee baden. Österreich ist jetzt schon aus dem Häuschen vor Aufregung. Oder, daß man sich nach 16 Jahren Helmut Kohl auch mal 16 Stunden in der Wahlkabine überlegen darf, was man wählt. Die Wahlkabine muß ja ab einer bestimmten Zeit geräumt werden, weil der Wahlkabinenbesitzer das Recht dazu hat, wenn er meint daß die Wahl dadurch behindert wird. Wenn das in mehr als 100 Wahlkabinen passiert, werden wir die Wahl danach anzweifeln. Man muß nicht unbedingt ins Kaufhaus gehen um da einen Brand zu legen, sondern man kann auch 500 Arbeitslose zusammentrommeln, die den ganzen Tag mit Einkaufstaschen nur Rolltreppe fahren, ohne daß etwas gekauft wird. Und solche Sachen funktionieren, da die Arbeitslosen nicht das Problem haben, daß ich sie gleich mit Parolen vollballere - sie können einfach daran teilnehmen. Das läuft für einige unter Spaßpartei, ich bin aber der Meinung, daß die Spaßparteien im Bundestag sitzen.

Ich glaube, daß die APPD da was verwechselt. Ich bin ja auch nicht abgeneigt bei einigen ihrer Punkte und finde den Nagel gar nicht unsympathisch. Aber wenn die APPD meint, sie müßte am Ende alles versaufen und die Leute in Bierbüchsen auszahlen, dann ist mir das zu wenig. Weil ich meine Sachen immer länger betrachtet habe, und eine leergesoffene Bierbüchse könnte ich mir nicht so leicht über mehrere Jahre angucken, jedenfalls nicht dieselbe. Die lustigen Arbeitslosen gibt es auch, aber die können mir total gestohlen bleiben. Denn ich kenne auch Leute, die sich umgebracht haben, weil sie keine Arbeit hatten. Arbeit ist nicht gleich Arbeit und deshalb werden wir auch nie alle Arbeit wiederhaben. Es gäbe erst für alle wieder Arbeit, wenn wir auch für eine Mark auf Knien die Straße sauberlecken und das zum Beruf erklären. Wenn das Arbeit sein soll, dann sollte man Arbeitslosigkeit als Beruf anerkennen. Denn Arbeit kann wohl nicht mehr das sinngebende Element in ihrem Leben werden.

Kommt diese Message denn auch tatsächlich bei den Arbeitslosen an? In Sachsen-Anhalt hatte man eher den Eindruck, daß es auf den momentanen Politikfrust nur eine recht zweifelhafte Antwort gibt.

Ich kann nicht abstreiten, daß ich das Ergebnis in Sachsen-Anhalt für die DVU hervorragend fand, weil das genau wegen der Politik zustande kam, die jetzt auch wieder weitergeht. Und diese Rechnung kriegen die noch dermaßen um die Ohren gehauen, da können sie machen, was die wollen. Das ist so ein eitler Haufen, Theater ist ja schon furchtbar, aber Politik ist noch schlimmer. Was da als Politik betrieben wird, ist eine absolute Vollverarschung. Es ist alles von vorne bis hinten funktionalisiert: wählst du das, dann garantiere ich dir das.

Aufgrund der Erfahrungen mit deinen sonstigen Aktionen könnte man natürlich auch in Chance 2000 eine Form von Inszenierung wittern, die außer eines gewissen eitlen Provokationseffektes keinen weiteren Nähwert besitzt.

Bei mir ist natürlich ein Showelement dabei, schließlich bin ich regelmäßig in irgendwelchen Sendungen, und mal ist es gut und mal schlecht. Wenn ich ein richtig guter Star wäre, wäre ich immer gut. Wenn die Leute sagen, ich wolle mich da nur in den Vordergrund spielen, kann ich dazu nur sagen, daß mir diese Aktion Spaß macht. Nicht weil ich überall erwähnt werde, sondern weil ich hier abends vorm Internet sitze und das alles selber mache. Es macht höllischen Spaß, da die Bildchen reinzubauen.

Uns ist auch schon bei Theateraktionen vorgeworfen worden, daß das, was wir tun, zynisch wäre. Aber für mich sind sechs Millionen Arbeitslose eben zynisch. Die zu erzeugen, ist ein zynischer Akt. Noch zynischer ist es, nicht auszusprechen, daß es gar nicht mehr für alle Arbeit geben wird - in zehn Jahren sind es vielleicht noch 10 oder 20%, die noch eine Arbeit haben -, sondern den Aberglauben aufrecht zu erhalten, das kriegen wir schon hin. Was soll denn das für eine Arbeit sein, die dann geschaffen wird, damit wir alle wieder arbeiten können? Sechs Millionen Arbeitsplätze, wo sollen die denn herkommen und was soll das dann sein?

Unsere Aktionen sollen niemand davon überzeugen, daß das die ultimative Lösung ist, sondern das sind Bildvorschläge, in denen man sich bewegen kann, um sich zu outen: ich bin schwul, ich bin arbeitslos ich bin behindert - jawohl. Damit man auch Trägheit rauskriegt, zu sagen, "so ist´s halt, schick mal die Kohle rüber." Ich weiß auch, daß ich irgendwann mal sterben werde, deshalb mache ich trotzdem heute noch weiter. Wenn ich immer gleich vorschieben würde, daß das sowieso nichts bringt, dann kann man es gleich ganz vergessen. Ich war schon als Kind so, ich habe erst aufgehört zu plärren, wenn man mir auf die Finger gehauen hat. Das ist der Punkt. Es gibt ganz verschiedene Wege zu keinem Ziel zu kommen und für mich geht der Weg auch weiter, wenn das Ziel bereits explodiert ist.

Was für Leute haben sich denn bisher Chance 2000 angeschlossen?

Alles Querbeet, von Totalbehinderten, die kein Wort rauskriegen, aber doch irgendwie mitmachen wollen, bis zu älteren Damen um die 50, die den Christoph ganz süß finden. Dann gibt es 16jährige Mädchen, die mich süß finden, aber auch junge Männer, die mich zwar scheiße finden, aber die Sache gut finden. Ziemlich viele Arbeitslose. Wir haben Leute dabei wie Joop, Harald Schmidt und Herbert Grönemeyer. Selbst im Ausland gibt es Leute, die das gut finden und sich melden. In Paris werden wir wahrscheinlich sogar ein Büro von Chance aufmachen. Und Stockholm hat Chance eingeladen, den ganzen Juni über jeden Tag 12mal eine Minute lang Chance 2000-Werbung im Fernsehen zu machen.

Wie wichtig ist denn die Prominenten-Ebene wie z.B. Joop für Chance 2000? Hast du nicht Angst, da auch wieder nur funktionalisiert zu werden?

Es soll mir mal irgend jemand sagen, wie man so ein Projekt finanzieren soll, da kriegst du keine Steuermark für. Ich hatte noch das Glück, daß ich das aus einer Theatersituation heraus gestartet habe, die durch Steuergelder finanziert wurde. Aber da es letzten Endes um eine Partei ging, die erst eine Spaßpartei war, sich aber dann plötzlich als reale Partei entpuppte, waren einige Leute beunruhigt, weil angeblich Steuergelder im Kulturbereich für Parteiarbeit mißbraucht wurden. Auch wenn Roman Herzog sagt, Theater soll wieder politischer werden.

Ich habe auch von Freunden vom Zirkus gehört, die gesagt haben: "Joop, das darf man nicht." Warum kann das nicht einfach in seinem Sinne schick sein, warum muß es direkt funktionalisiert sein: wenn sie schon helfen wollen, dann bitte mit verbitterter Miene! Oder wenn man eine Fernsehsendung macht, dann bitte nicht mit Joop als Gesprächspartner, sondern mit zwei Leprakranken und einem Mann, der seine Kinder durchgefickt hat, und noch drei Arbeitslosen. Ich begebe mich natürlich in die Hände von Herrn Joop, der hier aber überhaupt keine Forderungen stellt. Er hat uns eine Summe überwiesen und die war lebensrettend. Die ist jetzt aufgebraucht und wir müssen uns wieder neues Geld besorgen. Der rasselt mit uns in dieses Vergnügen hinein, was er sogar als Vergnügen empfindet, und weiß genausowenig, was am Ende dabei herauskommt. Wolf Biermann hat auch vor der CSU Gitarre gespielt, was nicht das schlechteste war. Der CSU hat es bestimmt was gebracht und dem Spiegel zumindest einen Artikel. Ich habe z.B. auch keine Kontaktangst, der Jungen Freiheit ein Interview zu geben.

Natürlich würde ich es ablehnen, wenn mir Adolf Hitler zwei Millionen für den Wahlkampf anbieten würde. Es sei denn, Adolf Hitler wäre in meinem Kalkül jemand, den man bekehren kann. Aber das kann man bei Adolf Hitler ausschließen. Oder ich könnte ihn dadurch bloßstellen.

Was ist mit deinen anderen Aktivitäten im Bereich Film und Theater, sind die erst mal auf Eis gelegt?

Nein, das kann gar nicht passé sein, da ich ja immer wieder merke, daß ich Lust auf Filme habe, und mit dem Theater ist es genauso. Was für eine Art und wann, das weiß ich noch nicht genau. Ich lasse mich gerne überfordern und warte einfach ab. Ich bin hier seit Februar nonstop in Betrieb und weiß auch, daß ich super Lust hätte, sechs Monate ein Weltreise zu machen. Vielleicht ist das dann die nächste Inszenierung, mal gucken.

Und was für einschneidende Neuerungen dürfen wir von Chance 2000 im Bundestag erwarten?

Wenn wir im Bundestag wären, würde ich erst mal Redezeit an Behinderte, Junkies, Obdachlose, oder Leute abtreten, die gar nicht sprechen können, wie z.B. unser Werner Brecht, den man gar nicht verstehen kann, wenn der redet. Und wenn der eine Rede hält, sind das vielleicht 16 Worte in 15 Minuten. Das ist aber auch wieder ein tolles Bild, und ich glaube das braucht man.

Thomas Kerpen

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #32 (III 1998)

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