Interviews & Artikel : Jord Samolesky (PROPAGANDHI) :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

Jord Samolesky (PROPAGANDHI)

My Little Drummer Boy Folge 48

Als 1993 mit „How To Clean Everything“ das erste Album von PROPAGANDHI erschien, ignorierte ich die Band aus der kanadischen Provinz zunächst und es dauerte einige Zeit, bis mich die 1995 erschienene Split-10“ „I’d Rather Be Flag-Burning“ mit I-SPY restlos von den Qualitäten der Band überzeugte. Wilder, ungezügelter Hardcore mit hochpolitischen Inhalten peitschte einem aus den Boxen entgegen. Eine Platte, die man auch heute noch bedenkenlos auflegen kann. Für das unglaubliche Tempo und die breakbetonten Rhythmen der Band war und ist Jord Samolesky verantwortlich, der auch nach knapp dreißig Jahren auf Tour noch kein bisschen müde zu sein scheint. Beim Ox-Interview im Berliner Astra stellt sich der prächtig gelaunte Jord unseren Fragen.

Jord, hast du dich eigentlich als kleiner Junge schon für Musik interessiert?


Meine Mutter hat bei uns zu Hause Klavierstunden gegeben und das war die erste Begegnung mit Musik, an die ich mich erinnern kann. Bei uns zu Hause war also immer viel Musik und ich habe die Plattensammlung meiner Eltern, die sehr Sixties- und Seventies-orientiert war, gründlich durchstöbert, um mir einen Überblick zu verschaffen. Ich habe dann schnell gelernt, wie der Plattenspieler funktioniert, und viel Zeit damit verbracht, mir immer wieder Platten von den BEATLES, FLEETWOOD MAC und den DOOBIE BROTHERS anzuhören.

Wann bist du das erste Mal mit einem Schlagzeug in Berührung gekommen?

Ich war ungefähr 13 Jahre alt, als meine Mutter nur zum Spaß ein schrottreifes Schlagzeug als Geschenk für meinen Vater kaufte. Der spielte nämlich damals immer auf so einer alten Bongo-Trommel zu BEATLES-Songs und meine Mutter wollte ihn auf den Arm nehmen. Ich kam also morgens um drei Uhr die Treppen hoch, um zu sehen, wo dieser Krach herkam, und sah im Dunkeln die glühende Zigarette meines Vaters, während er mit Kopfhören trommelte. Das war meine erste Begegnung mit einem Schlagzeug und auf diesem alten Schlagzeug habe ich dann angefangen zu spielen. Außerdem hatte ich einen Freund, der nur ein paar Häuser weiter weg wohnte und ein richtiges Schlagzeug hatte, so dass wir auch bei ihm zu Hause unsere ersten musikalischen Versuche starten konnten. Wir haben eine AC/DC-Platte aufgelegt und dann hat einer von uns gesungen und der andere hat dazu Schlagzeug gespielt. Nach einer Seite haben wir die Platte umgedreht und auch Gesang und Drums getauscht. So hat eigentlich alles angefangen.

Hast du bei so einer musikalischen Familie auch frühzeitig eine musikalische Ausbildung bekommen?

Ja, ich hatte zwangsweise Klavierunterricht für ungefähr vier oder fünf Jahre und ich glaube, dass das Spielen mit zwei Händen sehr gut für mein Rhythmusgefühl war und mir später beim Schlagzeugspielen sehr geholfen hat. Als Teenager habe ich dann das Interesse am Klavier verloren und mich nur noch für die Drums interessiert.

Gab es damals schon Drummer, die dich so begeistert haben, dass du unbedingt so gut wie sie spielen wolltest?

Als ich so 1983/1984 anfing, Schlagzeug zu spielen, hatte ich keine Ahnung, was Punk war. Ich kam aus einer ländlichen Gegend und kannte nur IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, RUSH oder VAN HALEN und die damals angesagten Metal-Bands. Ich hatte einen Job als Zeitungsausträger, und wenn ich nachmittags unterwegs war, hatte ich meinen Walkman dabei, habe Musik gehört und mich ausschließlich auf die Drumparts konzentriert. Wenn ich nach zwei Stunden wieder nach Hause kam, hatte ich immer noch ein bisschen Zeit, selbst zu spielen, bevor mein Vater nach Hause kam, denn ihm war mein Trommeln immer viel zu laut.

Wann und wie hat sich dein Musikgeschmack später gewandelt?

Als ich auf die Highschool ging, war Chris Hannah, später Sänger von PROPAGANDHI, gerade nach Winnipeg gezogen und wir gingen in dieselbe Klasse. Chris hat mir viel Underground-Metal vorgespielt und mich in den örtlichen Plattenladen geschleppt, wo wir auf eine Menge sonderbarer Scheiben stießen. Da gab es Platten von Bands mit so unglaublichen Namen wie DAYGLO ABORTIONS, DEAD KENNEDYS oder MILLIONS OF DEAD COPS, und die waren für uns damals so radikal, dass wir einfach begeistert waren. 1985 hatte ich einen Flyer für einen D.O.A.-Gig mit nach Hause genommen und bin da mit meinen Freunden auch hingegangen. Dieser Gig war für mich das entscheidende Erlebnis in meinem Leben, denn nach dieser Show war mir klar, dass ich mit Stadion-Rock nichts mehr zu tun haben wollte. Hier gab es etwas, das viel aufregender war als alles, was ich vorher gehört hatte. Die Tatsache, dass da Bands aus meiner Stadt zusammen mit D.O.A. aus Vancouver auftraten und auch noch auf genau so einem billigen Pearl-Drumset spielten, wie ich es tat, war für mich unglaublich spannend. Die Energie war einfach umwerfend und die Nähe zwischen Band und Publikum war so intensiv, dass dieser Gig wohl für mich die Initialzündung in Sachen Underground war.

Hast du damals noch für dich allein getrommelt oder schon eine eigene Band gehabt?

Ich bekam mein erstes eigenes Drumset mit 15 und habe bei meinen Eltern im Keller die Stereoanlage laut aufgedreht und dazu getrommelt, so oft ich dazu Gelegenheit hatte. Wir lebten damals in einer Kleinstadt und da gab es so eine Veteranenbar, in der am Wochenende immer Coverbands spielten. Der Vater eines Freundes von mir war in einer dieser Bands aktiv und konnte aber krankheitsbedingt nicht länger selbst Schlagzeug spielen. Also kam ich als Drummer zu dieser Band und wir mussten damals jeden Abend vier volle Sets zu je 45 Minuten spielen. Das waren natürlich simple Coverversionen wie Bryan Adams-Songs, softe Balladen und so Zeugs, aber für mich als Teenager war es eine große Herausforderung, so viele Stücke spielen zu können. Ich hatte also in kurzer Zeit sehr viel Material zu lernen, aber genau das machte es mir dann später leichter, als wir unsere eigene Band hatten.

Wann seid ihr auf die Idee gekommen, eine eigene Band zu gründen?

In den Jahren 1986/87 bin ich zu jedem Punkrock-Gig gefahren, der irgendwo in erreichbarer Nähe stattfand. Es war ganz egal, was für ein Stil da gespielt wurde, weil einfach alles so neu und frisch für uns war. Manchmal war es nicht so leicht, einen Fahrer zu finden, und sehr oft war ich mit dem Bus unterwegs in die Stadt. Das wurde natürlich einfacher, als ich 1988 nach Winnipeg zog, um an der Universität zu studieren, und zu dieser Zeit ging es auch mit PROPAGANDHI richtig los. Die Idee für eine eigene Band hatten wir wohl schon 1986, aber es brauchte noch einige Zeit, bis die Sache richtig ins Rollen kam. Wir konnten am Anfang ja noch nicht wirklich spielen und es war auch schwierig, überhaupt einen geeigneten Übungsraum zu finden. Wir hatten fünf verschiedene Räumlichkeiten ausprobiert und sind jedes Mal nach fünf bis zehn Minuten rausgeschmissen worden, was wir in unserer Naivität gar nicht verstehen konnten. Alle diese Schwierigkeiten eben, mit denen man sich als junge Band herumschlagen muss. Am Ende landeten wir bei Chris’ Eltern im Keller, wo wir dann auch für die nächsten drei Jahre proben sollten. Es dauerte allerdings noch bis 1991, bis wir genug Songs zusammen hatten und unseren ersten Gig spielen konnten.

War es damals schon dein erklärtes Ziel, als Drummer so schnell wie möglich zu spielen?

Ich glaube, wir hatten als junge Menschen einfach die Energie, so schnell zu spielen, und sind unsere Songs im Übungsraum schon mit sehr hohem Tempo angegangen. Wenn wir dann die Songs aufnehmen wollten, tendierte insbesondere Chris immer wieder dazu, die Songs noch ein bisschen schneller zu spielen, als wir sie geprobt hatten. Bis heute kämpfe ich immer wieder mit dem Tempo, das Chris in den Songs vorgibt. Ich bin der Meinung, dass es manchmal auch besser sein könnte, etwas langsamer zu spielen. Es ist offensichtlich, dass wir auf unseren späteren Alben mehr Tempovariationen haben als auf den frühen. Das ist einfach so passiert, aber in den Achtzigern waren wir vom Thrash Metal beeinflusst und da mussten die Songs eben schnell sein. Auch das DEAD KENNEDYS-Album „Bedtime For Democracy“ war damals ein großer Einfluss für uns als Band.

Wie war für dich der Schritt vom Übungsraum ins Studio, als ihr eure ersten Songs aufgenommen habt?

Das war wirklich verrückt, denn wir sind damals in meinen Semesterferien extra von Winnipeg nach L.A. geflogen, um das Album aufzunehmen. Ich war noch nie in Hollywood gewesen und dann beim erstem Mal gleich, um eine Platte aufzunehmen. Ich konnte gar nicht begreifen, was da eigentlich vor sich ging und war sehr nervös. Wir hatten damals sechs Tage Zeit, um „How To Clean Everything“ einzuspielen, und das schien mir sehr viel Zeit zu sein. Am Ende war ich froh, dass wir so viel Zeit hatten, und beim zweiten Album „Less Talk, More Rock“ hatten wir sogar zwei Wochen, was für den Sound schon sehr förderlich war. Ironischerweise denke ich heute manchmal daran, dass viele meiner Lieblingsplatten Anfang der Achtziger komplett in einem Tag entstanden sind, weil das Budget einfach nicht mehr Zeit ermöglichte. Heute ist es so, dass die Soundingenieure oft tagelang am Sound herumbasteln, damit er ähnlich roh klingt, wie er damals von ganz alleine klang.

Bist du im Studio schnell mit deinen Aufnahmen zufrieden?

Ich weiß nicht, wie es in anderen Bands ist, weil ich ja nie in einer anderen Band gespielt habe, aber ich glaube, als Drummer ist es so, dass man unter einen gewissen Druck steht, weil man als Erster fertig werden muss, um dann den anderen mehr Zeit zu geben und am Ende noch genug Zeit für das Abmischen der Songs zu haben. Die Priorität, das Schlagzeug schnell einzuspielen, setzt mich regelmäßig unter Druck, denn ich muss immer daran denken, dass alle anderen im Studio darauf warten, dass ich endlich fertig werde. Tendenziell versuche ich also immer, schneller fertig zu sein, als es nötig wäre. Manchmal sollte ich mir wohl mehr Zeit nehmen und den einen oder anderen Song doch lieber häufiger einspielen.

Gibt es bei den vielen Alben, die du eingespielt hast, ein bestimmtes mit dem du – aus welchen Gründen auch immer – besonders zufrieden bist?

Ich glaube, mit „Failed States“ bin ich besonders zufrieden und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zum einen sind die Songs großartig und der Sound gefällt mir ausgezeichnet. Das ist mir gerade in den letzten Wochen aufgefallen, als wir für diese Tour geprobt haben und es ein paar der Songs in die Setlist geschafft haben. Zum anderen ist „Failed States“ das erste Album, das wir komplett in Winnipeg eingespielt haben, und es fühlt sich daher sehr nach „Zuhause“ an. Das Studio war zu Fuß nur ein paar Minuten von meinem Haus entfernt und der ganze Aufnahmeprozess war daher sehr entspannt für mich.

Nachdem du jetzt seit über dreißig Jahren Schlagzeug spielst, wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Mein Stil ist wesentlich von der Musik beeinflusst, die ich in meinen prägenden Jahren zwischen dreizehn und zwanzig gehört habe. Also habe ich viele Metal- und Pop-Einflüsse in meinem Stil. Ich habe manchmal nachts das Radio angelassen, weil ich dachte, ich könnte auf diese Weise bestimmte Rhythmen im Schlaf absorbieren. Lange Zeit habe ich bei Musik nur auf die Drummer geachtet und so haben Schlagzeuger wie Chuck Biscuits von D.O.A., Jesus Bonehead von DAYGLO ABORTIONS, Ted Simm von SNFU und insbesondere John Wright von NOMEANSNO meinen Stil maßgeblich beeinflusst. Was die Crossover-Bands betrifft, fand und finde ich Reed Mullin von CORROSION OF CONFORMITY einfach großartig.

Bist du mit PROPAGANDHI voll ausgelastet oder würdest du gern auch andere musikalische Dinge ausprobieren?

Die einzige andere Band, in der ich jemals gespielt habe, ist die Hochzeitsband, die auf der Hochzeit meiner Schwester gespielt hat. Da hat auch David „The Beaver“ mitgespielt, der bei PROPAGANDHI jahrelang Gitarrist war, und wir haben da so Siebziger- und Achtziger-Jahre-Partymusik gespielt. Das war sehr lustig und hat uns viel Spaß gemacht, aber für ein wirkliches Zweitprojekt habe ich einfach nie die Zeit gehabt. PROPAGANDHI ist immer noch eine selbstorganisierte Band und meine Zeit geht geht für das Booking unserer Shows und der Tourneen komplett drauf. Heutzutage muss man so viel im Voraus organisieren, dass wir jetzt schon für 2019 mit dem Booking fertig sind. Wenn die „Victory Lap“-Tour vorbei ist, mache ich ein bisschen Pause und werde mir überlegen, was in meinem Leben als Nächstes passieren soll, und da ist auch eine Band mit anderen Leuten nicht ausgeschlossen. Aber um ehrlich zu sein, ist Winnipeg keine so große Stadt, in der an jeder Ecke Musiker darauf warten, eine neue Band zu gründen. Wir sind da schon ziemlich isoliert, so dass es wohl schwierig sein dürfte, geeignete Leute für neue Projekte zu finden.

Christoph Lampert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #142 (Februar/März 2019)

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