
Früher war Lee Hollis ein ruheloser Wanderer zwischen seiner Erstband, den SPERMBIRDS, und seiner Zweitband, den schon immer wesentlich weniger massenkompatiblen 2 BAD. Dann kam der Ausstieg bei den SPERMBIRDS und Lee hatte mehr Zeit, sich auf 2 BAD zu konzentrieren, was in dem letztjährigen Monsteralbum „Answer Machine" resultierte. 2 BAD, das fehlende Bindeglied zwischen BIG BLACK und NEUROSIS?
Ihr spielt heute abend mit NEUROSIS, habt bereits vier Konzerte mit ihnen gespielt. NEUROSIS und 2 BAD, die optimale Ergänzung?
Fabzig: Von der Stimmung her sind beide Bands sicher ähnlich. Uns geht es darum, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Musikalisch haben die eine ganz andere Herangehensweise als wir. Ich finde es immer sehr interessant, bei einem Konzert zwei unterschiedliche Bands zu sehen. Wenn immer der gleiche Sound von der Bühne kommt, wird das langweilig. Ob NEUROSIS und 2 BAD gut zusammenpassen, vermag ich nicht zu beurteilen.
Lee: Ich kann die Frage auch nicht beantworten.
Wie definiert ihr euch denn selbst?
Thomas: Ich mache das nicht mehr, mich selbst einzuordnen, mich in eine Schublade zu packen. Sowas zieht immer unglaublich Kreise und fällt irgendwann wieder auf einen zurück. Die Presseleute schreiben untereinander ab und dann kommen die aberwitzigsten Sachen dabei heraus. Um seine Musik zu beschreiben, kann man die muntersten Wortspiele treiben, aber nicht verhindern, dass die Leute Blödsinn schreiben.
Lee: Ich kann dieses musikalische Schubladendenken sowieso nicht leiden. Thomas: Grundsätzlich ist es natürlich o.k., wenn jemand über uns schreibt und uns für sich in eine Schublade packt, finde ich das interessant, denn es erfordert eine gewisse Auseinandersetzung mit unserer Musik. Aber so einfach, dass ich den Leuten leichtfertig Vorgaben liefere, will ich es ihnen nicht machen.
Aber in Anzeigen oder Katalogen kommt ja selbst euer Label nicht darum herum. Thomas: Das war auch prima, denn im Zusammenhang mit dieser Platte haben wir einfach ein paar Begriffe in den Raum geworfen, die jetzt natürlich überall auftauchen. Armin von X-Mist hat beispielsweise von „Paincore" gesprochen, worunter man sich alles und nichts vorstellen kann. Man merkt genau, was für Infos die Rezensenten beim Besprechen der Platte vorliegen hatten. Und dann sind irgendwie noch alte Infos im Umlauf, in denen was von NOMEANSNO-Anklängen steht, worüber sich in Bezug auf die letzte Platte noch reden läßt, was aber auf „Answer Machine" in keinerlei Hinsicht zutrifft.
Lee: So Blödsinn wie „Jazzcore mit Saxophon, funky gespielt". My gooood.
Eine Band, die aber im Zusammenhang mit euch unbedingt genannt werden muss, ist BIG BLACK, oder?
Lee: Das hören wir nicht zum ersten Mal. Zwar höre ich BIG BLACK zur Zeit nicht mehr so viel, aber vor zwei Jahren war ich wirklich verrückt nach ihnen. They’re just a fuckin’ wall! Es ist unglaublich, wieviel Power die auf eine Platte packen konnten.
Welche Platte meinst du denn?
Lee: Ich meine „Songs About Fukking", die eigentlich nicht mal ihre beste ist. Wenn du dir den ersten Song, „The power of independent trucking", über Kopfhörer reinziehst, das brät dir dein Hirn. Aaaarrgghhü!
Die Platte hat aber doch auch schon sieben Jahre oder so auf dem Buckel.
Lee: Ja, aber es gibt eben manchmal Platten, die man vor Jahren gekauft hat und dann irgendwann wieder entdeckt.
Fabzig: BIRTHDAY PARTY sind eine Band, bei der es mir so ging.
Thomas: VIOLENT FEMMES sind bei mir ein Dauerbrenner.
Freut mich, dass es noch Leute gibt, die solche Bands hören. Heute scheint ja jeder von der BIOHAZARD- und RAGE AGAINST THE MACHINE-Pest angesteckt zu sein. Lee: New York, New York, überall hörst du nur New York. Wahrscheinlich bekomme ich Probleme für das, was ich jetzt sage, aber ich finde das alles übelkeiterrregend. I just can't stand that shit! Ich hasse diese Musik wirklich!
Thomas: An BIRTHDAY PARTY und VIOLENT FEMMES gefällt mir, dass da auch jede Menge Frust und Wut rüberkommt, ohne dass gleich alles furchtbar schnell und laut sein muss. Wo diese Metalgitarristen wild am rumfummeln und rumfiedeln sind, schlagen BIRTH DAY PARTY einen Gitarrenakkord, der viel, viel mehr rüberbringt. Gerade das Sparsame an dieser Musik finde ich so gut - und auch die leisen Stellen der Musik, wobei leise nicht gleich Akkustikgitarre bedeutet.
Fabzig: Das ist eine Art von Musik, die für sich selbst spricht. BIRTHDAY PARTY lagen nie im Trend, VIOLENT FEMMES auch nicht. Das sind aber Bands, die was zu sagen haben, die auch nach Jahren noch aktuell, selbst wenn die Platten mittlerweile zehn Jahre alt sind. Und das ist bei diesen ganzen Hardcorebands eben nicht der Fall - von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen. Mir kommt das so vor wie eine Schiene, die eben gerade aktuell ist und auf die dann jeder aufspringt. Vor zwei Jahren schossen überall diese Funk - Metalbands aus dem Boden, alles Leute die angeblich supergut spielen können, aber die dir nicht sagen: Das geht auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus.
Es gab aber auch eine Zeit, zu der ich 2 BAD nicht ertragen konnte: Nach einer halben Stunde Konzert musste ich rausgehen.
Lee: We didn’t like it either, haha.
Die neue Platte ist aber ein Offenbarung. Wie kam es bei euch zu diesem musikalischen Wandel?
Thomas: Die Intention, mit der wir ans Songschreiben rangehen, ist gleichgeblieben: Es geht darum, die Leute zu provozieren. Bei den alten Sachen lief das über all die Breaks, die schrägen Elemente, einfach bewusst etwas der Harmonie entgegensetzen. Etwas aufbauen, um es dann gleich wieder zu verhackstücken, die Leute vor den Kopf stoßen. Für mich bzw. für uns hat sich dieser Weg aber mittlerweile als Sackgasse erwiesen, denn zum einen gibt es Leute, die diesen Break-Krempel besser hinkriegen als wir, und zum anderen macht es einfach keinen Spaß mehr. Ich spiele seit 1986 in Bands und für mich war es immer wichtig zu provozieren. Anfangs, bei CHALLENGER CREW, ging es darum, möglichst schnell zu spielen, aber dann kam der Punkt, wo es keinen Spaß mehr machte, wo man einfach merkte, dass es nicht mehr weitergeht. Der Ansatz mag zwar nach wie vor o.k. sein, aber die Sache ist ausgereizt. Bei 2 BAD versuchten wir dann, die Leute durch Breaks und Tempowechsel zu irritieren, sowie durch das Saxophon, was niemand verstand. Irgendwann waren wir soweit, dass wir zwar noch zwanzig solche Songs hätten schreiben können, aber wir wollten nicht mehr. Momentan versuchen wir wieder, eher geschlossene, fließende Songs zu schreiben.
NOMEANSNO sind eine der wenigen Bands in dieser Richtung, deren Songs man sich auch tatsächlich anhören kann, finde ich.
Thomas: Stimmt. Momentan stehe ich zwar auch nicht mehr so auf die, aber Songs wie „Wrong " sind einfach genial: Zwar technisch anspruchsvoll, aber nicht Technik nur um der Technik Willen. Wenn man solche Elemente benutzt, um einen Effekt zu erzielen, dann ist das o.k., aber bei vielen Bands ist diese Kompliziertheit ja zum reinen Selbstzweck verkommen.
Lee, hat dein verstärktes Engagement bei 2 BAD was mit deinem Ausstieg bei den SPERMBIRDS zu tun? Machten SPERMBIRDS einfach nicht mehr die Musik, die du machen wolltest?
Lee: Ja, das trifft den Nagel genau auf den Kopf. 2 BAD sind viel befriedigender für mich als zuletzt die SPERMBIRDS. Das ist einfach eine Tatsache. Die SPERMBIRDS waren, äh, sind eine gute Band, aber auch immer irgendwie mehr so ein PartyDing. Am Schluss gab mir das alles aber nichts mehr. O.k., ich verdiente mein Geld damit, aber das war's auch schon. Wenn ich die SPERMBIRDS allerdings nur unter dem Gesichtspunkt beurteile, dann hätte ich das weiter durchziehen sollen, hehe. Abgesehen davon kann ich mich auch jetzt nicht beklagen, denn ich habe einen guten Teil der Songs geschrieben, so dass auch weiterhin Geld in meine Taschen fließen wird. Und Geld war ein sehr wichtiges Argument, als ich mir ernsthaft Gedanken über meinen Ausstieg machte. Denn wir haben immer gut verdient mit den SPERMBIRDS, teilweise auch sehr gut, so dass es einem natürlich sehr schwer fällt, so eine sichere Einnahmequelle aufzugeben. Am Schluss reichte aber auch das nicht mehr aus, um mich noch in der Band zu halten. Es war nur noch ein Job. Ich möchte aber zum Schluss klarstellen, dass all das nur auf mich zutrifft, dass ich nur für mich sprechen kann.
Seht ihr denn für 2 BAD, die ja auch schon ein paar Jahre existieren, die Chance, irgendwann über den Fanzinebereich hinaus bekannt zu werden?
Thomas: Das weiß ich nicht, aber ich weigere mich auch, darüber nachzudenken. Man hat natürlich im Hinterkopf immer den Gedanken, dass es ja irgendwann mal klappen könnte oder ein bisschen Geld übrig bleibt. Aber ich kenne ziemlich viele Bands, habe öfter so PA-Jobs, dass man einfach mitbekommt, dass bei Bands, die ständig über sowas nachdenken, der Spaß flöten geht. Ich habe keine Lust, in der Hinsicht Kompromisse einzugehen, auch wenn das bedeutet, dass wir nie „groß" werden. Letztes Jahr waren wir soweit, dass nach zwei Jahren, in denen nicht viel passiert ist, wir uns zusammengesetzt haben und diskutierten, ob wir auf dem bisherigen Level noch weitermachen sollen. Kurz vorher war auch unser Saxophonist ausgestiegen. Jedenfalls macht es jetzt wieder sehr viel Spaß und alles andere muss man abwarten.“
Es ist doch auch so, dass es für Bands aus eurer musikalischen Richtung schwer ist, sich gegenüber U S - Bands durchzusetzen. JESUS LIZARD etwa machen nichts grundsätzlich anderes als ihr, sind aber erfolgreicher.
Thomas: Das ist eine alte Sache, aber das vermehrte Interesse für US-Bands lässt sich vielleicht auch so erklären, dass die meistens schon eine ganze Weile zusammenspielen, Erfahrung haben und auch die eine oder andere Platte draußen haben, so dass eine gewisse musikalische Qualität gewährleistet ist. Das andere Problem ist, dass man als deutsche Band keine Chance hat, in den USA einen Plattenvertrag oder zumindest einen korrekten Lizenzdeal zu bekommen mit der Begründung, dass das Label bereits drei US-Bands am Start hat und direkt vor der Haustür hat, die einen ganz ähnlichen Sound haben und es somit keinen Grund gibt, sich die Konkurrenz ins Nest zu setzen. In Deutschland gibt es sowieso weniger Leute als in den USA, die solche Musik hören, so dass wenn Amibands mit einem gewissen Ruf rüberkommen, man als deutsche Band einen sehr schweren Stand hat.
Lee: Ich will mich nicht beklagen, aber es ist einfach eine Tatsache, dass wenn eine Band aus den USA kommt, jeder hinrennt. Ich kann dir nicht sagen, wie oft wir schon in einer Stadt wie Köln gespielt haben und am gleichen Abend ist irgendwo in einem 100 Kilometer-Umkreis ein Konzert einer US-Band, zu dem jeder hinfährt. Ich denke nicht, dass YUPPICIDE eine schlechte Band sind, BUT THEY FUCKED UP SO MANY OF OUR CONCERTS! Aber damit müssen wir als arme deutsche Band uns wohl abfinden.
Habt ihr denn schon mal im Ausland gespielt?
Thomas: Ja, wir haben gerade ein paar Konzerte in Polen gespielt, und in Italien waren wir auch schon auf Tour. Die Erfahrung, die man auf einer Tour sammeln kann, kannst du auch mit noch so viel Proben nicht gewinnen. Aber als deutsche Band hast du gar keine Chance, in deinem Land eine vernünftige, über Wochenendgigs hinausgehende Tour zusammenzubekommen.
Fabzig: Im Ausland sind die Leute nicht so überfüttert wie hier. Unsere erste Tour überhaupt, nachdem wir ein Jahr gespielt hatten und völlig frustriert waren, weil kaum Resonanz kam, führte uns nach Italien. Und die Leute dort waren begeistert, wir kamen ungeheuer gut an. Ich merke ja an mir selbst, wie gesättigt man ist, wenn jede Woche zwei oder drei Konzerte sind.
Thomas: Deutschland ist einfach ein ungeheuer attraktives Terrain für ausländische Bands, weil sich hier sehr gut Touren buchen lassen, die Leute zu Konzerten gehen und auch ganz gut Geld dabei rüberkommt.
Um auf eure Musik zurück zu kommen : Wer schreibt bei euch die Songs ?
Thomas: Wir „schreiben" unsere Songs nicht, wir bringen sie zur Welt. Irgendwie haben wir ein Gitarrenriff und darum herum baut sich dann ein Song auf. Sowas dauert mal eine Stunde, mal zwei Jahre. So ein Song muss sich ergeben, passieren, den kann man nicht erzwingen. Wichtig ist uns auch, dass wir das gemeinsam machen. Ich könnte zwar auch alleine Songs schreiben, aber wenn mehrere Leute beteiligt sind, ist es spannender.
Vorhin erwähntest du den Begriff „Paincore", auf den ich jetzt natürlich prompt hereingefallen bin, aber er hat eben was für sich. So gibt es ja zum einen Bands, die schöne, melodische Songs schreiben, während 2 B A D oder NEUROSIS oder MELVINS das krasse Gegenteil davon sind.
Lee: Erst neulich war ich bei BIG DRILLCAR und musste nach der Hälfte des Konzerts rausgehen, weil mir die Musik einfach zu happy war.
Thomas: Ich finde es spannender, dann etwas von Leuten mit zu bekommen, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn dir einer erzählt, wie gut es ihm geht, dann ist das schön für ihn, aber nicht weiter interessant.
Ist es einfacher, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, wenn man Musik macht , die nicht fröhlich klingt?
Lee: Du hast die Chance, Sachen rauszulassen, die du nicht rauslassen kannst, wenn du zu Hause sitzt. Es ist ein Klischee, aber Musikmachen bietet mir die Chance, „to let it all hang out", wie man so schön sagt.
Andere gehen auf die Straße und schlagen Leute zusammen, ihr macht Musik?
Fabzig: Es ist die negative Kraft, die einen vorantreibt. Und das ist es auch, was für mich das Musikmachen ausmacht. Ich würde es nicht gerade als Therapie bezeichnen, aber ich bringe beim Schlagzeugspielen gern Leute um. Nicht immer, aber manchmal. Gestern habe ich mich über so ein Arschloch aufgeregt, das ich dann beim Schlagzeugspielen umgebracht habe - und schon ging es mir wieder gut! Es macht Spaß, seine Aggressionen rauszulassen.
Lee: Ich streite mich nicht gern mit Leuten, und deshalb sage ich meistens nicht all das, was ich sagen sollte - oder das Falsche. Und d a hilft mir die Musik, denn ich kann das rauslassen, was ich sonst unterdrücke, einfach schlucke. Und es hilft!
VERBAL ASSAULT haben diesen grandiosen Song „Anger battery" geschrieben, in de m es heißt „Save up all of your precious energy in your anger battery".
Lee: Manchmal tun mir Menschen leid, die nicht in Bands spielen, ganz gleich ob die nun gut oder schlecht sind. Denn ich weiß, wenn ich schlecht drauf bin, dass ich bei der nächsten Probe oder dem nächsten Konzert die Chance habe, den Frust rauszulassen, ohne dass jemand dabei Schaden nimmt . Das m a g vielleicht dramatisch klingen, aber es ist die Wahrheit.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #17 II 1994 und Joachim Hiller