20 Jahre später: ANTITAINMENT

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Cooler Plattentitel (LP, Unknown, 2005)

Vor etwa 20 Jahren stolperte ich eines Nachts in Darmstadt in ein Konzert von ANTITAINMENT, ohne zu wissen, was mich dort erwarten würde. Ich muss gestehen, dass ich angesichts der Komplexität und der schnellen Wechsel anfangs dachte, die Band würde sich noch im Soundcheck befinden, bis mir klar wurde, dass genau das das Konzept ist. Ich war sofort begeistert, wie viele andere auch, die die Band aus Bad Vilbel in den 2000ern begleiteten.
ANTITAINMENT polarisierten, entweder man liebte sie oder man hasste sie. Ich liebte ihre innovativen musikalischen Ideen. Komische Atari- und Nintendo-Orgel-Synthesizer-Sounds plus Metal-Gitarre, irgendwo zwischen Hardcore, Punk und Metal und doch ganz woanders. ANTITAINMENT ließen sich schlecht einordnen und kreierten ihr ganz eigenes Genre. Sie spielten mit unterschiedlichsten Stilen. Ein Crossover besonderer Art. Die Band gewann aber zu Recht mit den Jahren an Popularität und konnte diese vor allem mit dem Nachfolger „Nach der Kippe Pogo!?“ 2007 auf dem Label Zeitstrafe manifestieren. Danach verschwand das Quartett mit der letzten Textzeile ihres 2010er Albums „Ich kannte die, da waren die noch real“ – „... da kommt nicht mehr viel“ – gefühlt von der Bildfläche. Ihre Texte hat meiner Meinung nach nie jemand hinterfragt. Ich habe mich immer gewundert, dass sie nicht als Nestbeschmutzer beschimpft wurden, denn sie machten sich über den gesamten Musikzirkus auf allen Ebenen lustig. Alles, was sich im Bereich Punk, Hardcore und Metal bewegte, bekam auf eine ganz seltsame, humoristische Weise sein Fett weg. Mein Umfeld und ich konnten darüber herzhaft lachen.
Bereits im „Themesong“ wird gegen Musikjournalisten und vermeintlich coole Konzertgänger ausgeteilt. Es geht weiter mit „You’ll never drown in a river of tears ’cause your eyeliner isn’t waterproof“, das wohl der Emo- und Screamo-Szene gewidmet war. „Hall of wem?“ richtet sich an alle Musikschaffenden, denen der Spiegel vorgehalten wird. Großartig! Und dann sind da noch die vereinzelt passenden Filmzitate. „Revolution heißt zu tun was man will“ ist ein weiteres Lied, das beweist, warum vor 20 Jahren wie auch heute noch hierzulande keine Revolution seitens politisch linker Tendenzen möglich ist. Am Ende wird die ultimative Anti-Hymne für Misanthropen über die Mitmenschen geträllert: „Ich mag Menschen, ich mag sie nur nicht sehen ... Ich mag dich noch viel lieber, wenn du gehst.“ Ein musikalisches Potpourri, das in weniger als 30 Minuten sämtliche Genres vereinnahmt. „Das ist kein Punk. Das raffst du nie!“ Ich habe ANTITAINMENT vielleicht nie ganz verstanden, aber von ihrer Anti-Haltung fühle ich mich heute immer noch bestens unterhalten. Sie sind und bleiben für mich eine der innovativsten deutschen Bands.

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