45 Jahre später: CURE

Foto

Seventeen Seconds (LP, Fiction, 1980)

Um „Seventeen Seconds“ zu beschreiben, muss ich ausholen. So viele Umstände spielen eine Rolle, warum dieses vor 45 Jahren veröffentliche Album mehr für mich ist als nur eine der drei Platten, die ich mit auf diese ominöse Insel nehmen würde. Zwischendurch hatte ich kurz die Connection verloren, spätestens mit ihrem aktuellen Album „Songs Of A Lost World“ haben THE CURE mich aber wieder am Schlafittchen und katapultieren mich zurück in den Sommer 1980, in dem ich mein Herz an den blassen Typen aus Blackpool verliere.
Wie immer verbringe ich die damals unendlich scheinenden sechs Wochen Ferien bei meinen Verwandten an der holländischen Nordseeküste. Meine Eltern lassen meine Freundin und mich in der, so glauben sie, sicheren Obhut der Tante. Soeben ins Teenageralter gekommen, haben wir amüsierwütigen Früchtchen jedoch nichts Besseres zu tun, als uns mit Hilfe von Unmengen Kajal auf volljährig zu schminken und uns heimlich in die Dorfdisco zu schleichen. Dort begegnet er mir zum ersten Mal: Robert Smith. Zwischen „Funky town“ und MADNESS läuft im Musik-TV der Clip von „Play for today“. Sofort bin ich hin und weg von dieser nonchalanten, hypnotischen Monotonie, ahne instinktiv, dass genau das der Soundtrack ist für meine Teenage Angst, für die mir, seit ich denken kann, innewohnenden Melancholie und Verwirrung, wie man denn dieses Leben eigentlich leben soll. Wieder zu Hause angekommen, renne ich mit meinem Taschengeld in den Plattenladen, verbanne den Altherrenrock aus dem Regal und höre, bis ein Jahr später Punk in mein Leben knallt, nichts anderes mehr als THE CURE. Selbst nach all den Jahren habe ich „Play for today“, „M“ oder „A forest“ noch nicht satt. Eine dreistellige Anzahl an Stunden verbringe ich damit, an meine dunkle Kinderzimmerdecke zu starren und den Sinn der Smith’schen Lyrics im Speziellen und den Sinn des Lebens im Allgemeinen zu decodieren.
Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis mir das mit den Texten in Fragmenten gelingt, und ich dazu die komplette musikalische Genialität dieses Album erkenne und wie stilbildend die Kälte, Wehmut und Zerbrechlichkeit von Smith’ Stimme und Simons Gallups sinister wabernden Bassläufe für die weiteren Alben von THE CURE sind. Man findet beim titelgebenden Song „Three imaginary boys“ des Vorgängeralbums schon die Anlagen des Minimalismus, auf „Seventeen Seconds“ wird er perfektioniert. Die Engländer veröffentlichen noch weitere großartige Alben, an die emotionale Bedeutung von „Seventeen Seconds“ reicht für mich keines heran. Die erste Liebe bleibt eben immer besonders. Den Sinn des Lebens habe ich im Übrigen, trotz intensiven An-die-Decke-Starrens, immer noch nicht gefunden.

Anzeige