
Fun Fact: Fast alle SIOUXSIE AND THE BANSHEES-Alben erschienen auf dem gleichen Label wie ABBA. Das passt ganz gut, denn „Kaleidoscope“ kommt etwas poppiger daher als die beiden Vorgänger und die meisten Nachfolger. Das betrifft besonders die Singles „Happy house“ und „Christine“, auch reizvoll durch die Kombi mit düsteren Texten, welche psychische Erkrankungen und dazugehörige Institutionen behandeln. Zusammen mit bis dato nie oder kaum gehörten Gitarrenklängen (John McGeoch, vorher bei MAGAZINE) und dem innovativen Getrommel von Neumitglied Budgie ergibt das eines der faszinierendsten Alben der späten 1970er Jahre. Haltung und teilweise Musik sind Punk respektive Post-Punk, aber verbunden mit einer Innovationskraft, die Musiker von Thom Yorke, John Frusciante bis zu Robert Smith beeinflusste.
Die BANSHEES haben mit jedem Album einen kleinen Quantensprung hingelegt. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass Sängerin Siouxsie schnell gelangweilt war vom Drei-Akkorde-Sound und die bald folgende Kommerzialisierung voraussah. Zudem hatte sie keine Lust mehr, ein tausendmal kopiertes Role-Model zu sein für einen gewissen Goth-Look – schwarzer Kajal, bleiches Gesicht, toupierte struppige Haare. Siouxsie beschreibt in ihrer Biografie, wie sie während eines Konzerts ins Publikum schaute und schockiert war, eine Legion Lookalikes zu sehen. Danach änderte sich ihr Outfit so häufig wie Musik, Sound und Atmosphäre der Alben. Witzigerweise sind die drei letzten Platten auf Geffen erschienen, einem nicht ganz so kommerziellen Label wie Polydor, aber die Musik war inzwischen relativ radiotauglich.
Zurück zu „Kaleidoscope“: die beiden Gründungsmitglieder McKay und Morris waren wegen divergierender musikalischer Vorstellungen raus, rein kam Budgie, im Gepäck Drum Machines, Synthies, Harmonika, Sitar und Zimbeln. Einzelne Instrumente rückten in den Mittelpunkt, während der Gesamtsound etwas runter gedimmt wurde. Bei „Hybrid“ ist ein interessanter Schattenkampf von Siouxsie und Steve Severins Gitarre zu hören, während „Red light“ so etwas wie einen Dark-Wave-Urknall darstellt mit viereckig-kühlen Synthies. Fun Fact: Steve Jones (SEX PISTOLS) spielt Gitarre bei den beiden letzten Liedern der Platte: „Skin“ und „Paradise place“. Die Goth-Leute auf dem heimischen Kleinstadtkirchplatz – der Verfasser, bis dahin und später nie wieder braver Bub und Ministrant, war zum Leidwesen seiner Eltern mit dabei – hörten die Scheibe rauf und runter und bei „Skin“ ertönte ob eines großen Kraters im Vinyl ein lautes „Krrrrk“. Hübscht den Sound auf, schließlich sind auf der Platte auch analoge Spiegelreflexkameras zu hören.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Nico Kerpen