A WILHELM SCREAM

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Jede Menge positiver Energie

In der langen Zeit, die zwischen dem neuen Album „Lose Your Delusion“ und seinem Vorgänger „Partycrasher“ gelegen hat, hat sich die Welt nicht nur für A WILHELM SCREAM ordentlich weitergedreht. Nach etwas mehr als neun Jahren hat die Band aus Massachusetts eigentlich genug Material angehäuft, um zwei Platten auf einmal rauszubringen. Ganz sicher ist, dass die elf Songs die Band um Gitarrist Trevor Reilly so frisch und innovativ zeigen wie noch nie. Und das soll was heißen bei einer Band, die Skatepunk durch Unmengen an technischen Spielereien und einer gehörigen Portion Charisma irgendwie auf eine neue Stufe gehoben hat. Welchen Einfluss das neue, eigene Studio auf „Lose Your Delusion“ gehabt hat und warum Trevor das Gefühl hatte, jetzt ein paar Leuten Danke sagen zu müssen, erfahrt ihr hier.

Mit „Lose Your Delusion“ habt ihr wahrscheinlich die Platte aufgenommen, die zur Zeit genau die benötigte Menge positiver Energie vermittelt, um noch irgendwie klarzukommen. Auch der Titel passt in dem Zusammenhang sehr gut.

Wir wollten dieses Mal tatsächlich von vornherein eine positive Message rüberbringen. Das ist für uns als Band erst mal ein neuer Ansatz. Wir wollten uns darüber bewusst werden, wo wir uns gerade in unserem Leben befinden, und zeigen, dass wir die Menschen, die uns begleitet haben, sehr zu schätzen wissen.

Der Albumtitel ist an „Use Your Illusion“ von GUNS N’ ROSES angelehnt, oder? Gibt es sonst irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen euch und der Band von Axl Rose und Slash?
Musikalisch eher weniger. Aber wir sind alle riesige Fans der Band. Meine Katzen heißen übrigens Slash und Duff. Fast hätte ich auch meinen Hund nach Axl Rose benannt, aber meine Frau war dagegen. Er heißt jetzt Cannelloni. Ansonsten würde ich uns jedoch nicht annähernd in deren Sphären verorten. Der Albumtitel klang einfach cool und ging uns sehr leicht von den Lippen. Dabei hatte ich eigentlich die Idee, direkt ein Doppelalbum zu schreiben. Genug Songs dafür hätten wir auf jeden Fall gehabt. Die Jungs meinten dann jedoch, dass ein „normales“ Album nach der doch recht langen Zeit, seit „Partycrasher“ vielleicht die bessere Wahl wäre. Vor allem nachdem wir die Platte eigentlich schon vor drei Jahren produzieren wollten.

Das heißt, dass es inhaltlich noch nicht um den Umgang mit der Pandemie, sondern um andere Dinge geht?
Das kann man so sagen. Wir haben mit „Apocalypse porn“ einen Song über Donald Trump und seinesgleichen, der sogar etwas aus dem Gesamtkontext der Platte heraussticht. Nuno, unser Sänger, hat den Song hauptsächlich während der ersten Monate der Pandemie geschrieben. Wobei wir uns, zumindest in unseren Songs, bisher nicht in diese Richtung geäußert haben. Dennoch trifft er den Nagel ganz gut auf den Kopf. Ansonsten hat uns diese Phase als Band natürlich auch noch mal die Chance gegeben, uns selbst unter die Lupe zu nehmen. Wobei der Großteil der Songs tatsächlich im Groben schon vor drei Jahren stand. Zu der Zeit mussten wir den Weggang unseres Gitarristen Mike verkraften, der einen großen Anteil am Sound von A WILHELM SCREAM hatte. Das war für uns überhaupt nicht einfach, vor allem nachdem wir fast elf Jahre mit ihm unterwegs waren. Logischerweise lag es vor allem daran, dass sich unser Sound nun verändert hat. Wir betrachten uns als Familie. Deswegen war es sehr schade, ein Mitglied ziehen lassen zu müssen. Am Ende hat mir diese Entwicklung aber auch eine komplett neue Perspektive eröffnet, und ich wusste jetzt, wo ich mit „Lose Your Delusion“ hinwollte.

Dieses Thema scheint dich immer noch nicht losgelassen zu haben.
Ich respektiere seine Entscheidung natürlich. Gerade weil sie auch in einer für ihn sehr schwierigen Zeit getroffen wurde. Es fühlte sich für uns dennoch wie ein Schlag ins Gesicht an. Auf einmal machten sich bei mir große Selbstzweifel breit und ich stellte alles irgendwie infrage. Macht es noch Sinn, diese Band am Leben zu halten? Wofür machen wir das eigentlich alles? Wir haben uns gefragt, wie wir diesem destruktiven Hamsterrand entkommen können. Da wir ja eigentlich sehr positiv denkende Menschen sind. Wir haben uns gefragt, welches „Vermächtnis“ wir als Band hinterlassen wollen. Das hat dazu geführt, dass wir mit der Einstellung an die neue Platte herangegangen sind, dass dies unser letztes Album sein könnte. Also sollte es auch das Beste werden, zu dem wir fähig sind. Irgendwie fühlte sich dann auch jeder Song wie ein eigener Film an, in dem wir alles erzählen wollten, das zu einem bestimmten Thema gehört, unterlegt natürlich von frickeliger und schneller Filmmusik.

Dafür, dass „Lose Your Delusion“ aus elf eigenen kleinen Filmen besteht, ist die Platte aber sehr im Fluss.
Das ist das Schöne daran. Es fließt alles irgendwie ineinander. Inhaltlich fand in jedem Song eine intensive Auseinandersetzung mit ganz bestimmten Lebenssituationen statt. Auf der anderen Seite wollten wir aber auch erreichen, dass die Leute, die sich unsere Musik anhören, nicht enttäuscht sind. Wir sind sehr emotional auf diesem Album. Vielleicht so emotional wie noch nie. Am Ende hatte es für uns auch etwas von Therapie, an den neuen Sachen zu arbeiten. Wir können jetzt ein wenig aufrechter stehen, haben ein ganz neues Selbstbewusstsein. Das tut unheimlich gut und hat mir in den letzten Jahren gefehlt.

Inhaltlich habt ihr euch auf der Platte Zeit genommen, ein paar Menschen, die euch auf eurem Weg begleitet haben, Danke zu sagen. Mit „Yo Canada“ ist auch ein Song dabei, der sich an eure Nachbarn im Norden richtet. Welche Idee steckte dahinter?
Grundsätzlich geht es tatsächlich auf eine ganz bestimmte Art um Dankbarkeit. Gleichzeitig haben wir jetzt auch die Chance genutzt, uns bei einer Handvoll Leuten zu bedanken, die eine wichtige Rolle in unserer Karriere gespielt haben. Dafür war jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Wer weiß, wann und ob wir überhaupt die Möglichkeit bekommen, unseren Freunden zu sagen, was sie für uns bedeuten. Mit Kanada ist das auch wieder etwas Besonderes. Brian, unser Bassist, ist Kanadier und ein phänomenaler Musiker sowie Songwriter. In den letzten Jahren hatte er sich etwas zurückgenommen, was das Songschreiben für AWS angeht. Mit „Yo Canada“ wollte ich ihn wieder stärker einbinden. Und er hat dafür auch fantastische Arrangements geschrieben. Die Lyrics sind in diesem Song etwas rückwärtsgewandt. Ich habe mich mit der Zeit rund um unsere erste Tour nach Kanada, kurz nach dem 11. September 2001 beschäftigt und damit, wie unglaublich nett alle damals waren, als man nicht fassen konnte, was gerade in der Welt los ist. Wir waren damals noch irre jung und konnten wohlmeinende Menschen um uns herum sehr gut gebrauchen. Wahrscheinlich leben dort mit unsere besten Freunde, die uns immer wieder herzlich empfangen haben. Auch als wir noch unter einem anderen Bandnamen unterwegs waren. Also wirklich ganz am Anfang. Unter anderem sind da auch die FLATLINERS. Wobei sie es allerdings nicht in diesen Track geschafft haben, es wird wohl einen weiteren Song über Kanada geben müssen.

Also steht der nächste Opener einer Show in Kanada eigentlich schon fest.
Das wäre eigentlich eine gute Idee. Ich würde damit aber vielleicht warten, bis die Leute unsere neuen Songs gehört haben und damit warm geworden sind. Gerade der Opener einer Show ist ja nach so einer langen, langen Zeit super emotional und wichtig. Toll wäre es aber, zum Beispiel in Toronto mit „Yo Canada“ zu beginnen.

Lass uns vielleicht noch mal einen Schritt zurückgehen: Wieso wirkt „Lose Your Delusion“ doch ganz anders als seine Vorgänger?
Unsere Alben sollen immer ein bestimmtes Gefühl vermitteln. Natürlich soll unterm Strich alles nach A WILHELM SCREAM klingen, jedoch waren alle Platten auch immer ein Spiegelbild der momentanen Situation, in der wir uns befanden. Dass wir dieses Mal unser eigenes Studio nutzen konnten, hatte definitiv auch einen großen Einfluss auf das Ergebnis.

Du meinst das Studio, das du bei dir zu Hause eingerichtet hast?
Schon vor ungefähr sechs Jahren hatte ich den Wunsch beziehungsweise die Idee, ein eigenes Studio aufzubauen, in dem wir in alle Ewigkeit Songs schreiben und aufnehmen können. So dass wir die Möglichkeit haben, jeden Aspekt unserer Karriere in die eigenen Hände zu nehmen. Dieses Vorhaben hat enorm viel Zeit und Geld gekostet, macht mich aber wirklich sehr glücklich. Wir sind künstlerisch so frei wie nie. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Auch weil irgendwie wieder alle zusammengekommen sind, wie bei einem Familientreffen. Unseren Soundman James konnte ich zum Beispiel als Tontechniker engagieren. Das hat irgendwie auch die guten alten Zeiten aufleben lassen. Ich kann mich in dem Zusammenhang noch an ein Essen beim Italiener vor einer Show in England erinnern, so vor sechs, sieben Jahren. Damals habe ich den anderen schon davon vorgeschwärmt, dass ich unbedingt mein eigenes Studio haben wollte. Mission erfüllt, würde ich sagen. Leider konnte Mike nach seinem Ausstieg nicht mehr dabei sein. Das ist vielleicht ein kleiner Wermutstropfen.

Die Zeit, die ihr im Studio verbracht habt, hatte definitiv auch einen großen Einfluss auf den Sound von A WILHELM SCREAM. Ihr seid noch mal ein Stück vielseitiger geworden.
Wir wollten unseren Horizont erweitern und schauen, wozu wir fähig sind. Das Gute ist ja, dass wir wirklich genug Zeit hatten, alles Mögliche auszuprobieren, da niemand auf eine neue Platte von uns gewartet hat. Wir standen zwar irgendwie unter Druck. Aber das war der Stress, den wir uns selbst gemacht haben. Bei den Aufnahmen der Vocals war ich auch sehr penibel. Alles sollte irgendwie besonders klingen. Ich bin ein Träumer, den die anderen aus der Band regelmäßig aus den Wolken holen müssen. Mir war es wichtig, die anderen zumindest ein bisschen dazu zu inspirieren, dass wir gemeinsam alle Grenzen überwinden und einmal alles loslassen. Ich wollte den Ball ins Rollen bringen und die Energie, die dann entsteht, kanalisieren. So was geht nur, wenn wir eng zusammenarbeiten und uns letztlich nur auf uns selbst konzentrieren müssen. Jeder Song soll so stark sein, dass er für sich selbst steht, und trotzdem im Zusammenhang mit den anderen eine Einheit bildet.

Am Ende hören sich auf der Platte keine zwei Songs gleich an. Auch da scheint ihr eure selbst auferlegte Mission erfüllt zu haben.
Die Arbeit an dem Album hat sich für uns wirklich sehr besonders angefühlt. Wir haben uns so weit selbst gefordert, dass wir unserem eigenen Anspruch gerecht werden konnten. Gleichzeitig sind wir als Band, als Familie noch mal enorm zusammengewachsen. Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, ob jemand denken könnte, dass wir nicht genug shredden oder aber zu poppig werden. Wir waren ganz in unserem eigenen Film. Die Produktion von „Lose Your Delusion“ war für mich auch genau das Richtige in dem Moment, um wieder ordentlich positive Energie zu tanken. Und das zu einer Zeit, in der dazu eigentlich wenig Anlass war.

Woher kam die Inspiration für die poppigeren Elemente, die für Skatepunk doch eher ungewöhnlich sind?
Das ist tatsächlich eine witzige Geschichte, die vielleicht schon vier oder fünf Jahre zurückliegt. Damals hatten wir schon eine Handvoll Songideen für die neue Platte fertig. Wir waren auf der Hochzeit eines Freundes, als unser Gitarrist Chris, eines der Gründungsmitglieder der Band, auf mich zukam und meinte, dass auf „Partycrasher“ keine Singalongs zu finden seien. Ihm sei das aufgefallen. Dieses Gespräch hat mich nicht losgelassen, da ich in dem Zusammenhang das erste Mal bewusst über die vielen Möglichkeiten, die wir noch ausschöpfen können, nachgedacht habe. Er wollte Singalongs? Die sollte er auf der nächsten Platte definitiv bekommen. Witzigerweise ist Chris auch auf „Lose Your Delusion“ zu hören. Und er hat mir versichert, dass er das Album zu einer seiner Lieblingsplatten zählt. Da geht es ihm genauso wie mir und den anderen in der Band.