
Punk - mehr als nur Musik? Oder doch nur eine jugendliche Phase der Rebellion? Nur eine Mode, die man äußerlich übernimmt, um nach ein paar Jahren, bedingt durch das Arbeitsleben, wieder zum Spießerdasein zurückzufinden? Eine Möglichkeit, sich komplett aus der Gesellschaft auszuklinken, dem Alkoholismus zu frönen und in übelster Prollmanier bis spätestens zum 30. Lebensjahr sämtlicher Gehirnzellen zu entledigen? Oder aber eine Geisteshaltung, die sich nicht notwendigerweise nur auf das Outfit beschränkt, sondern vor allem Ausdruck des Unbehagens ist, sich anzupassen - mit der Konsequenz, sich mit seinem Punksein auch auf Anfeindungen und Schwierigkeiten einzulassen und Punkrock nicht mit dem Eintritt ins Berufsleben abzulegen. Die Idee zu diesem Interview mit einem ganz „normalen" Punk, der es geschafft hat, Beruf ( = Zwang zum Geldverdienen) und Einstellung unter einen Hut zu bringen, geht auf einen Artikel im Maximumrocknroll zurück, in dem Leute gefeatured wurden, die eben dies geschafft haben. Nieder mit dem Konformismus! Ox präsentiert: ADOLF ABARTIG aus Essen.
Du bist...
Ich bin Adolf Abartig. Mit Anarchie-A, das ist wichtig.
Auf diesen Namen getauft?
Nee.
Kannst du dich an deinen richtigen Namen noch erinnern?
Ja, aber ich sag ihn nicht.
Und zu was für Anlässen wird er wieder hervorgekramt?
Für den unwahrscheinlichen Anlass, dass ich meine Eltern wieder besuche.
Wie alt bist du?
23.
Was hast du bisher In deinem Leben gemacht?
Oh, das ist eine schwierige Frage: Musik gehört und getrunken, gemalt und Gedichte geschrieben. Mehr nicht.
Seit wann hörst du Punkrock?
Seit 1977.
Moment. Damals warst du sieben Jahre alt. Willst du mich verarschen?
Nein. Ich kann dir das beweisen. Ich habe zu Hause noch den BRAVO-Artikel rumliegen, „Rock aus der Mülltonne", und damit ging der Punk los.
Du hast also mit sieben BRAVO gelesen und warst spontan von Punkrock begeistert?
Ja, genau.
Was war denn die erste Platte, die du dir gekauft hast?
SEX PISTOLS.
Und was meinten deine Eltern dazu?
Das sei nur Krach.
Sie waren sich also über die Tragweite deines Entschlusses noch nicht so ganz bewusst. Wie ging deine Punkrockentwicklung denn weiter? Die meisten Leute hören mit sieben ja eher Benjamin Blümchen. Bist du denn auf Konzerte gegangen?
Mit Konzerten, das kam erst so drei, vier Jahre später. Damals, als noch alles billig war...
Was für Konzerte hast du denn damals gesehen?
Eines weiß ich noch: UPRIGHT CITIZENS. Und das erste Konzert von HASS, in der Zeche Bochum. Und sonst halt die kleinen deutschen Bands, aber Namen weiß ich nicht mehr. Ich war damals auch oft in Duisburg, im Eschhaus.
Und damals hast du nur Deutschpunk gehört, oder auch US-Bands?
Nee, überhaupt nicht. Die US-Bands höre ich mir auch jetzt nur gezwungenermaßen an. Meine Richtung ist Deutschpunk und alter englischer Punkrock.
Man sieht dich aber hier auch ständig bei Irgendwelchen Konzerten von US-Bands.
Weil es nichts anderes gibt! Ich habe mit Punkrock angefangen und damit will ich auch aufhören.
Wenn man dich auf Konzerten sieht, bist du grundsätzlich betrunken.
Ja. Und deshalb hätte dieses Interview auch eher vom SCUMFUCK gemacht werden müssen, so von der Geistesverwandschaft her.
Du sagtest vorhin, dass du auch Gedichte schreibst. Bist du denn da nüchtern? Es gibt ja genug abschreckende Beispiele von Leuten, die sich Ihr Hirn komplett weggesoffen haben.
Nee, mit Nüchternsein hat das nichts zu tun. Als Künstler ist Alkohol einfach eine Arbeitsgrundlage.
Du bezeichnest dich also als Künstler.
Ja natürlich. Hast du mich denn noch nie ein Gedicht aufsagen gehört? Ich schreibe ganz normale Gedichte, mal grausam, mal völlig unerwartet lieblich. Aber eigentlich hat das Schreiben mit dem Trinken nichts zu tun, das hängt nur von meiner Laune ab.
Trinkst du viel?
Ja. Ich kann ja jetzt nicht nein sagen. Ich trinke viel Bier, bin aber kein Alkoholiker. Ich halte es ohne Alkohol nicht aus. A stranger in a strange world. Mein Körper baut automatisch den Alkohol, den er nicht vertragen kann, ab. Der Rest wird sinnvoll in künstlerische Aktivitäten umgesetzt.
Du arbeitest Ja auch. Was denn?
Ich arbeite beim Wohnungsamt der Stadt Essen. Du musst jetzt fragen was ich bin?
Was bist du denn?
Ich bin Beamter.
Wie kann man Jemanden dazu bringen, dich einzustellen - und dann auch noch als Beamten?
Mein Starthelfer war mein Vater. Ich konnte mir das ja überhaupt nicht vorstellen, dachte eher, dass ich im Straßenbau arbeite. Wahrscheinlich dachte mein Vater, dass ich vernünftig werde, wenn er mich da unterbringt - was ihm ja nicht so ganz gelungen ist, hahaha. Ich sage mal, dass ich vernünftig geworden bin, aber er glaubt das wohl nicht.
Läufst du denn auch Im Amt so rum wie Jetzt?
Nee, da bin ich ganz in Schwarz, ohne Halskette, ohne Schminke und mit weniger Armbändern.
Also musst auch du dich anpassen, kannst nicht In deinem Konzertoutfit dort auftauchen.
In gewisser Weise schon. DAILY TERROR haben mal in einem Song geschrieben: „Denn du bist nur eine Nummer, jeden Tag austauschbar." Wenn man selbst solche Kompromisse eingehen muss, ist es natürlich schwierig, so einen Song zu hören.
Wie vereinbarst du denn den Gegensatz zwischen deinem Punksein und der Arbeit für den Staat?
Ganz einfach: Ich arbeite nicht für den Staat.
Aber als Beamter musst du doch irgendwie einen Eid auf den Staat oder so ablegen.
Das stimmt, das musste ich auch. Für mich ist das nur eine Entscheidung zwischen arbeiten und nicht arbeiten. Ob du direkt für den Staat arbeitest, oder nicht, ist ja egal. Ob du bei Krupp, oder im Wohnungsamt arbeitest - ausgebeutet wirst du in jedem Fall.
Manche Leute glauben Ja tatsächlich, sich den Zwängen der Gesellschaft entziehen zu können und urteilen, gerade In der Szene, über andere Leute, ob die sich korrekt verhalten oder nicht. Und die gleichen Leute fahren dann Im VW Ihres Vaters zu einem Konzert, wobei mir nicht bekannt wäre, dass VW ein Independent-Konzern Ist…
Diesen gesellschaftlichen Zwängen kannst du dich nie entziehen, das ist Blödsinn. Klar, es gibt noch Unterschiede. Ich bin beim Wohnungsamt, aber wenn ich beim Ordnungsamt wäre und müsste den Leuten irgendwas anordnen, worauf sie keinen Bock haben, dann müsste ich mich vielleicht fragen, ob ich den Job wirklich machen kann. Mein Glück ist, dass ich nie versetzt werden kann: Mich will keiner, hahaha. Die haben das schon mal versucht. Rausschmeißen können sie mich auch nicht.
Wie wird man denn Beamter?
Du musst eine Lehre machen und dann eine Prüfung bestehen, das ist eigentlich alles. Ich bin da jetzt einer der untersten Sachbearbeiter. Unter mir gibt's keine mehr, außer gelegentlich mal einen Auszubildenden.
Was machst du denn da auf dem Wohnungsamt?
Ich soll den Leuten, die zu mir kommen, eine Wohnung geben. Die sind allerdings nicht vorhanden. Ich frage mich immer, wieso die Leute da überhaupt hinkommen, denn ich habe sowieso nichts. Ich verwalte den Mangel und vertröste die Leute auf noch ein Jahr und noch ein Jahr... Das sind teilweise total heftige Fälle, bei denen man meint, man müsste den Leuten sofort und unbedingt helfen, aber es geht einfach nicht. Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem ich mich wirklich gefragt habe, warum ich für den Staat arbeite: Da war ein Paar, das zusammen ein Kind hatte, aber die beiden lebten jeweils noch bei den Eltern. Die Eltern wollten das aber irgendwann nicht mehr, also sind die zu einer Freundin gezogen und haben sich da angemeldet, worauf der Vermieter der Freundin meinte, dass er ihr kündigen werde, wenn die beiden nicht wieder ausziehen. Vom Sozialamt haben sie aber keine Notunterkunft bekommen, weil sie ja gemeldet waren, und deshalb musste die Freundin die beiden erst rausschmeißen, damit sie obdachlos sind und eine Notunterkunft bekommen konnten. Die haben aber noch Glück gehabt, dass sie überhaupt eine Notunterkunftswohnung bekommen haben. Und als ich mit dem Fall zu meinem Chef gegangen bin, da wollte er sie nicht nehmen, weil sie nur Sozial-bzw. Arbeitslosenhilfe bekommen.
Um auf meine Frage von vorhin zurückzukommen: Du gehst auf Demos, schmückst deinen Namen mit Anarchie-A und tust gelegentlich kaum etwas, was staatskonform ist, bist aber gleichzeitig Beamter. Wie gehst du also mit diesem Widerspruch um?
Indem ich keinen Widerspruch sehe. Ich denke mir, es ist besser, wenn ich auf dieser Position sitze und das, was ich tun kann, auf meine Art tue. Wer weiß, wer sonst da säße. Wenn ich die normalen Leute sehe, die da arbeiten und wie die damit umgehen... Klar, ich kann auch nicht viel machen, weil ja keine Wohnungen da sind, aber ich kann die Arbeit wenigstens so erledigen, wie ich es für richtiger halte. Man hat ja einen gewissen Ermessensspielraum.
Ist das also dein persönlicher Marsch durch die Instanzen, wie ihn die 68er propagierten?
Nee, das müssten ja dann Tausende machen, damit das was bringt. Das ist einfach ein Job wie jeder andere.
Du studierst und bekommst BAFöG, oder?
Wenn die Leute auf dem BAFöG-Amt plötzlich sagen würden „Hey, wir sind Anarchisten" und kündigen, wo bekommst du dann dein BAFöG her? Ich mache einen Job wie jeder andere und kann ihn ohne Weiteres mit meinem Punksein vereinbaren.
Diese Freiräume, die man für sich und seine Subkultur beansprucht, sind also auch nur innerhalb der bestehenden Gesellschaft möglich. Ist der einzelne, bis du also nur ein Rädchen im Getriebe?
Na. jetzt machst du mich ja wirklich runter. Ich sehe mich als Individuum. Ich lasse mir meine Individualität nicht nehmen. Ein Beispiel: Wenn ich mich anders kleiden würde, einen anderen Haarschnitt hätte, dann wäre ich jetzt schon in einer viel höheren Position. Ich will mich aber nicht ändern und deshalb mache ich auch nichts, um aufzusteigen. Wenn ich natürlich so beim Arbeiten auftauche wie ich jetzt rumlaufe, dann habe ich in drei Monaten nen Job in der Aktenkammer und da habe ich keinen Bock drauf. So ne völlige Provokation bringt ja nichts. Ich bin zwar unkündbar, aber das muss auch nicht sein. Der einzige Kompromiss, auf den ich mich einlasse, ist, dass ich mich etwas anders anziehe.
Wissen deine Kollegen wie du In deiner Freizelt rumläufst? Machen die dich deshalb an?
Teilweise wissen sie es. Anfangs haben sie versucht, mich auf eine andere Bahn zu lenken, aber inzwischen haben sie gemerkt, dass das nichts bringt und deshalb sagen sie nichts mehr.
Von den Kids, die heute einen auf Punk oder Hardcore machen, werden in vier oder fünf Jahren 95% wieder ganz normale Spießer sein. Dann ist Schluss mit der Rebellion.
An meiner Schule war das damals nach diesem BRAVO-Artikel so: Es gab dann eine Klasse Punks und die anderen Klassen haben so ein bisschen mitgemacht. In meiner Klasse waren mit mir drei Leute wirklich Punks und der Rest der Klasse ist mitgelaufen. Die waren zu dem Zeitpunkt dann auch Punks, haben sich eben entsprechend gekleidet. Heute sind auch die beiden anderen Punks aus meiner Klasse nicht mehr dabei. Ich würde wirklich gerne mal ein Klassentreffen machen, um zu sehen, wie die Leute jetzt drauf sind. Und dann nebenbei so einfließen lassen, dass ich mittlerweile Beamter bin, hahaha.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell die Leute bereit sind, ihre Einstellung, Ihre Rebellion aufzugeben und sich wieder In das System eingliedern.
Wenn du irgendwo eine Ausbildung anfängst und ein bisschen anders bist, dann wirst du von Anfang an unter Druck gesetzt. Eine andere Sache ist die, wenn jemand meint, Luxus zu brauchen - in dem Moment haben sie dich.
Was meinst du mit Luxus?
Eine Arbeitskollegin hat 30 Paar Schuhe und das glaube ich der auch. Das ist Luxus. Bei mir halten die Springerstiefel ewig, und wenn sie kaputt sind, dann kaufe ich neue. Oder wenn du ein Jahr lang immer mit den drei gleichen T-Shirts zur Arbeit gehst, wirst du blöd angeschaut, auch wenn die immer frisch gewaschen sind. Wenn du die Mode nicht mitmachst, wirst du schief angeschaut, aber wenn du mitmachst, brauchst du Kohle und deshalb einen Job, der eine Stufe höher ist. Dann gibts du aber auch wieder mehr Kohle aus, und so geht das immer weiter. Ich denke, der Luxus ist der Knackpunkt des Systems. Die Leute lassen sich dadurch einfangen, dass sie plötzlich für irgendetwas Geld brauchen, das sie eigentlich gar nicht haben müssen. Ich brauche kein Auto, weshalb soll ich mir also dann eins kaufen, nur weil man als Mann eins haben „muss"? Weshalb soll ich mir jedes Jahr drei Paar neue Schuhe kaufen, nur weil die Schuhe, die ich vor fünf Jahren gekauft habe, heute nicht mehr modisch sind? Wenn du Geld brauchst, wenn du mehr Geld brauchst, musst du dich anpassen.
Ist das bei euch Im Amt so extrem?
Ja, schon. Das war so: Ich hatte mich intern um eine andere Stelle beworben und die erste Bewerbung hatte ich ganz normal geschickt - die ging dann auf dem Dienstweg verloren. Die zweite habe ich doppelt geschickt, nämlich eine Kopie an den Personalrat. Da bin ich dann sogar bis zum Amtsleiter persönlich gegangen, der mir dann knallhart ins Gesicht gesagt hat, er würde einen von der Qualifikation gleichwertigen Bewerber jederzeit mir vorziehen. So wie ich aussähe, würde er mich nicht befördern. Tja, wenn du jetzt mehr Kohle brauchst, dann ziehst du dich am nächsten Tag anders an. Und wenn du damit anfängst, kommst du da nicht mehr raus.
Es Ist sehr einfach, das Spiel mitzuspielen. Aber was machst du denn mit deiner Kohle, wenn du nichts brauchst? Versäufst du alles? So üppig wird deine Bezahlung zwar auch nicht sein, aber du wirst schätzungsweise ganz gut davon leben können.
Bei mir geht alles in Platten, Comics und Alkohol - und Konzerte.
Was für Bier, was für Platten?
Hansa aus der Flasche.
Gibt's Hansa denn in Pfandflaschen?
Klar. Früher habe ich Hansa zwar immer aus der Dose getrunken, aber der Umwelt zu Liebe bin ich dann auf Pfandflaschen umgestiegen. Obwohl, Dosen lassen sich leichter tragen. Wenn du ne Flasche Bier hast, kommen dazu noch 400 Gramm Glas. Für nen halben Liter Bier musst du also beinahe ein Kilo schleppen. Bei ner Dose hast du da nur 10 Gramm oder so.
Was hörst du denn zur Zeit für Musik?
GWAR sind meine absoluten Favourites, aber auch Deathmetal wie CARCASS, OBITUARY und so.
Äh, Deutschpunk ist das aber auch nicht gerade...
Tja, in dem Bereich gibt's ja auch irgendwie nichts gutes Neues. BECKS PISTOLS vielleicht. LARD finde ich auch sehr gut. Ich find's Scheiße, denn zur Zeit kommt nichts mehr raus, was ich als Punk bezeichnen würde.
Da ist aber auch wieder die Frage, ob Punk eine Frage der Musik oder der Einstellung ist.
In diesem Fall der Musik, denke ich. Abgrenzen kann ich das jetzt aber auch nicht. Musik ist eben Punk oder nicht Punk. Am liebsten würde ich nur Punk hören, aber leider gibt's im Moment so viele andere Sachen, die auch gut sind, da muss ich die eben anhören, hahaha. Zur Zeit stehe ich auch auf die Drei-Sekunden-Songs von diesen 7" - Samplern „Bleeaaauurrrgghh!" und „Son of Bleeaaauurrrgghh!". SONIC YOUTH finde ich auch gut, aber die finde ich schon deshalb nicht mehr so toll, weil die jetzt jeder hört. Grundsätzlich bin ich einer, der nie dieSachen hört, die alle hören. BAD BRAINS würde ich mir zum Beispiel ne Platte holen, aber die hat jeder - die kann ich überall hören. Ich suche immer nach Sachen, die ich nicht kenne; wenn ein Textblatt dabei ist, kurz die die Texte anlesen, ob die was taugen, und wenn das Cover gut ist, ist die Band meistens auch ganz gut.
Machst du denn politisch irgendwas?
Ja, ich mache bei der Antifa Essen mit. Aber sonst nichts.
Ich denke mir mal, dass du als Beamter da aber durchaus bei Demos aufpassen musst, dass du keinen Ärger mit den Bullen bekommst, oder?
Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Als Pazifist bin ich sowieso dagegen, mich mit irgendwelchen Leuten zu prügeln, aber das hat ja nichts mit dem Job zu tun. Aber wenn es bei einer Demo zu Gewalt kommen sollte, dann würde ich mich schon aus ganz anderen Gründen absetzten, denn ich bin absolut gegen Gewalt. Nichts gegen die Leute, die was machen, aber für mich persönlich ist das nichts.
Was wir die Zukunft für dich bringen? Wirst du für immer Punk bleiben?
Ja, obwohl das natürlich klischeemäßig klingt. Ich denke nicht, dass ich in zehn Jahren anders rumlaufen werde als jetzt.
Die Frage Ist natürlich, ob es einem nicht Irgendwann mal zu blöd wird, seine Innere Einstellung durch entsprechendes Outfit kenntlich zu machen.
Ich hatte zwischendurch mal eine etwas ruhigere Phase, als Punk in der ursprünglichen Form am Ende war, fing dann aber wieder damit an. Heute wird Punk als solches ja nur als dieser Saufpunk angesehen, und die anderen Leute sind eher dem Hardcore zuzurechnen. Das war zu der Zeit, als dieser Umschwung hin zu den ganzen Amerika-Sachen losging. Ich hatte da auf dieses ganz Wilde nicht mehr so nen Wert gelegt, weil die Sache, für die das damals stand, Rebellion nur um der Rebellion Willen war und nicht mehr mit Ideen dahinter. Heute ist das schon wieder lustiger, wenn man sieht, wie verbohrt manche Hardcore-Leute sind, die sich selbst schon wieder in irgendwelche Subgruppen zurückziehen. In dem Moment finde ich es für mich wieder wichtig auch klamottenmäßig zu rebellieren, einfach um diese Leute zu provozieren. Nichts macht mehr Spaß als auf ein Straight Edge-Konzert zu gehen und den Leuten die Bierpulle ins Gesicht zu halten. Wie böse die gucken könne, das ist wirklich lustig, hahaha. Ich meine, ich lehne die Leute nicht irgendwie ab, aber die werden mir nie erklären können, warum sie Straight Edge sind. Ich lehne nur ab, dass diese Leute alles andere ablehnen. Ich meine, ich bin auch Veganer und die werden ja oft schlecht angesehen, weil die meisten Veganer aggressiv gegen alle Nichtveganer und auch schon gegen Vegetarier vorgehen. Neulich habe ich ich zu dem Problem einen Artikel gelesen, in dem der Verfasser die Ansicht vertrat, dass alle Rebellionen inkonsequent sind und die vegane Rebellion das einzig Wahre ist. Man muss aber auch sehen, dass Punk von Anfang weniger Rebellion mit dem Ziel der Veränderung der Gesellschaft war, sondern in erster Linie Provokation. So habe ich das immer empfunden.
O.k., ich denke, das reicht als Einblick in dein Leben. Willst du abschließend noch was sagen?
Ja, demnächst erscheint wahrscheinlich ein Tape mit Gedichten von mir. Da gibt's dann mit Computer erzeugte schräge Töne, über die ich meine Gedichte gesprochen habe.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Joachim Hiller