AGE OF RATS

Foto© by Geschmacksrichtung Grün

Regensburger Nager-Punk

Anfang 2025 erfreute mich die Regensburger Band mit ihrer EP „Lebenslänglich Scheißtag“: Erfrischender Deutschpunk der rauen Art mit 1980er-Jahre-Kante, fernab von weichgespültem Pop und trendigen Elektrosounds. Ich kontaktierte die Jungs aus der mittlerweile hippen oberpfälzischen Bezirkshauptstadt Regensburg und unterhielt mich mit ihnen über die Band sowie die aktuelle Situation von Punk in dieser viel zu wenig beachteten Region, in der ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht habe.

Was sind die Ursprünge von AGE OF RATS?

Jan: Die Band entstand 2015 aus der Asche von REVOLTA ALCOHOLICA. Seitdem hat sich die Besetzung hier und da geändert. Ich habe euch alle immer noch lieb. Rest in power, Jali. Von der ursprünglichen Besetzung sind noch Bommi am Schlagzeug und ich am Mikro dabei. Cristian bassiert und die Gitarren hängen sich Bergl und Sami um.

Und woher kommt der Name?
Jan: Es gab einige Vorschläge, die aber alle nichts waren. Und so haben wir unserem Glauben an die Überlegenheit der Ratten und das baldige Ende der Menschheit auch ein Denkmal gesetzt.
Bergl: Ich glaube, die Regensburger Szene verstand sich eine Weile als „Schlüsselratzn“ wegen des Stadtlogos.

In welchem Genre und zwischen welchen zwei anderen Platten wäre eure aktuelle EP in einem Plattenladen am besten aufgehoben?
Bergl: In der Ramschkiste eines Plattenladens, der seit zwölf Jahren geschlossen ist.

Ihr bezeichnet euch ja selbst als bummelig. 2017 gab es die EP „Alles nur Lüge“ mit sechs Stücken auf CD, 2018 eine Split-EP mit ZAHNLOS IN SEATTLE, 2021 einen Live-Mitschnitt von einem Konzert aus dem Jahr 2020 und jetzt eben vier respektive sechs neue Songs auf einer 7“-EP oder einem Tape.
Sami: Ich würde uns eher als „Bommi-lig“ bezeichnen. Es dauert alles immer ewig, weil unser Schlagzeuger das Drumset auf rechts umbauen muss.
Jan: Nicht auf links? Aber dem Drummer die Schuld zu geben, halte ich immer für eine Option. Mich hat viel mehr genervt, dass ich bei keiner Aufnahme bisher völlig gesund war. Aber anscheinend muss das so sein und gehört zum Gesamtkonzept. An „Alles nur Lüge“ habe ich zum Beispiel kaum noch Erinnerungen. Die haben wir im Proberaum aufgenommen. Den haben wir uns mit ZAHNLOS IN SEATTLE geteilt, die leider nichts mehr machen. Da es auch Überschneidungen zwischen den Bands gab, lag es nahe, mal zusammen etwas zu veröffentlichen. Ich fand’s geil. Das war mein erster Vinyl-Release. Das kann man auch mit Mitte 30 noch feiern. Dann kam Corona und damit auch einige skurrile Konzerte. Eines davon fand vor wenig Publikum statt, wurde aber im lokalen Webradio „Ghost Town Radio“ live übertragen. Und wenn wir dann schon eine Live-Aufnahme haben, konnten wir diese auch auf Tape veröffentlichen. Sami ist außerdem bei den großartigen PARKPUNK und ich bin auf dem Papier noch bei der Band F.C.H., die in den Köpfen der Leute noch aktiv ist.

Das schlichte Coverartwork von „Lebenslänglich Scheißtag“ orientiert sich an der bekannten Abbildung „Halte deine Umwelt sauber“. Nur anstelle des Nazisymbols bedient ihr euch eines Kopfes. Was soll oder soll nicht getan werden?
Sami: Nachdenken.
Jan: Der Kopf macht ja immer wieder Dinge, die du gar nicht steuern kannst. Es geht also gar nicht darum, etwas bewusst zu tun oder nicht zu tun. Die Drecksmurmel soll einfach die Schnauze halten, zumal die Umstände außerhalb des Schädels schon furchtbar genug sind.

Grundsätzlich thematisiert ihr die Tristesse und Lethargie des Alltags in unserer Gesellschaft. Wie wollt ihr dieser Falle entgehen?
Sami: Achtsam durch die Welt laufen, kein Arschloch sein, die eigenen Standpunkte ständig reflektieren und so versuchen, möglichst wenig Schaden durch die eigene Rolle im Scheißsystem zu verursachen.
Bergl: Keine Reproduktion ist ein Ansatz, den ich persönlich aktiv zu verfolgen versuche. Aber im Grunde ist es das, was Sami sagt. Als geeignetes Role Model sieht sich glaube ich keiner von uns. Vielleicht ist das ein Anfang.

Meiner Meinung nach wird die Oberpfalz zu stiefmütterlich behandelt. Außerhalb der CSU- und inzwischen auch AfD-Hochburgen gibt es doch sicher noch „gallische Dörfer“ in Form von Subkulturen.
Jan: Unterschätzt die Oberpfalz nicht! Natürlich ist das hier mega provinziell, und dabei rede ich noch von der Stadt Regensburg. Was die Naziwählerschaft angeht, ist Regensburg aber wirklich etwas weniger gestraft als das Umland. Ein paar Kilometer weiter kommt dir das braune Kotzen. Lichtblicke gibt es zum Glück aber. Im vergangenen November haben wir ein Konzert in Weiden gegeben. Das Rioraum ist ein sehr cooler Laden. Da haben wir zusammen mit der Band BUNKER WEST gespielt. Eine tolle Band aus Regensburg.
Sami: Das Viechtacher Werkstød organisiert auch immer wieder Konzerte. Die Leute dort sind cool und es lohnt sich, sie zu unterstützen. Letztes Jahr war ich keine zwei Minuten vor Ort, da sind auch schon die ersten Faschisten mit LANDSER-Shirts auf ihren Rollern vorbeigedüst. Ansonsten fällt mir noch das JuZ Hängematte in Sulzbach-Rosenberg ein.
Jan: Das JuZ Burglengenfeld sollte geschlossen werden – sozusagen als Herzensprojekt der CSU. Das war auch quasi beschlossene Sache. Ich habe jedoch neulich gehört, dass es möglicherweise doch weitergehen könnte. In Regensburg selbst gibt es leider viel zu wenige Möglichkeiten für kleinere Konzerte. Wenn du dich ein bisschen streckst, kannst du in der Alten Mälzerei etwas organisieren. Das ist finanziell aber nicht immer sinnvoll. Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne gibt es die PLK. Dort ist vieles möglich, auch kleinere Punk-Shows. Allerdings nur zeitlich befristet, bis die Stadt da irgendetwas hinbaut. Andere tolle Projekte wie das Lederer wurden verdrängt oder wie im H5 verunmöglicht. Und natürlich gibt es noch die legendäre Danz, also Danziger Freiheit, die dank des Mietshäusersyndikats inzwischen sich selbst gehört. In manchen Kneipen steigt auch ab und zu ein Konzert. Musikalisch ist das meist nicht so mein Fall, aber es gibt einigermaßen regelmäßig Shows im Tiki Beat, hin und wieder in der Apotheke und vielleicht ja auch irgendwann wieder im Büro. Das ist meiner Meinung nach die wichtigste Kneipe in Regensburg. Seit 2024 wird sie als Genossenschaft von den Leuten selbst getragen. Und trotz der chronisch knappen Proberäume gibt es eine aktive Musikszene in der Stadt und drumherum. Aktuelle Bands sind BUNKER WEST, PARKPUNK, FEACES CHRIST, SOVIET SPACE DOGS, HEADPATCH, POPPO VON ROTT, ERECTION oder RULES OF REVENGE – ich vergesse sicher einige. Ihr findet sie alle auch auf Bandcamp – für jede:n ist etwas dabei!

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