ALFRED HILSBERG

Foto© by Sabine Schwabroh

1947-2025 – ein Nachruf

Alfred Hilsberg schrieb in den 1970er Jahren für das Musikmagazin Sounds, zuvor arbeitete er bei einem Vertrieb für experimentelle Filme und unterrichtete an Kunsthochschulen die Geschichte des Dokumentarfilms. Auf seinen Beitrag „Neue Deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern“ in der Sounds-Ausgabe vom Oktober 1979 ist der Begriff „Neue Deutsche Welle“ zurückzuführen, wobei es strittig ist, ob er von ihm stammt oder der Redaktion. Gemeint waren Bands wie ABWÄRTS, ZK, DAF, DER PLAN und MITTAGSPAUSE. Der Begriff wurde bald von der Musikindustrie übernommen und für die Vermarktung von Musik kommerzialisiert, die eben so gar nichts mit diesen Bands zu tun hatte.

Hilsberg hatte bereits 1976 die Ursprünge von Punk in London erlebt und organisierte im Februar 1977 ein Konzert von THE VIBRATORS im Fährhaus in Winterhude in Hamburg, das erste Punk-Konzert in Hamburg überhaupt. THE STRANGLERS folgten im September 1977, ebenfalls im Fährhaus (Vorverkauf: 8 DM). Hilsberg gründete 1979 das legendäre Label ZickZack, was in gewisser Weise seine freigeistige „Arbeitsmethodik“ beschrieb. ZickZack veröffentlichte Bands wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, GEISTERFAHRER (Katalognummer ZZ 1), FSK, ABWÄRTS („Computerstaat“-7“, Katalognummer ZZ 2, von deren 1980er Debütalbum „Amok Koma“ verkauften sich zu Beginn ca. 20.000 Exemplare), DIE KRUPPS, PALAIS SCHAUMBURG und später BLUMFELD und prägte in den 1980er Jahren eine ganze Generation in ihrer musikalischen Sozialisation. Legendär ist die Label-Compilation „Lieber zuviel als zuwenig“ (1981), ein einmaliges Kompendium des damaligen deutschen Undergrounds, auch jenseits von Punk und New Wave, beispielsweise mit X-MAL DEUTSCHLAND.

Hilsberg veranstaltete Festivals wie das „Geräusche für die 80er“ in der Hamburger Markthalle, wo auch Bands auftraten, die nicht zwingend zusammenpassten, wie die Performance-Gruppe MINUS DELTA T, die das Publikum mit Tönen des Polizeifunks aus der Lautsprecheranlage beschallte, was zu Kritik aus der Punk-Szene führte. 1981 machte ZickZack eineinhalb Millionen Mark Umsatz. Die Platten wurden im Sounds mit dem Slogan „Keine Mark der Industrie!“ beworben.

Später gründete Hilsberg das Label What’s So Funny About, das ebenfalls zu einem Taktgeber des deutschen Undergrounds avancierte. Hier veröffentlichte er auch Lizenzierungen von THE GUN CLUB, Henry Rollins, Helios Creed oder SCRATCH ACID für den deutschen Markt. Der 2023 verstorbene Xaõ Seffcheque (u.a. FAMILY*5) nannte ZickZack einmal „das beste Label der Welt mit der schlechtesten Zahlungsmoral der Welt“. Finanzielles war nicht das Thema von Alfred Hilsberg („Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht, nicht mal über das Finanzamt.“). Ein Prinzip von Hilsberg war es, die Einnahmen aus den Verkäufen der Platten wieder in neue Produktionen zu stecken. Ausschüttungen an die Musiker waren nicht immer drin. Er wollte vermutlich auch nicht ernsthaft Geld verdienen und hatte zunehmend mit hohen Schulden zu kämpfen. Später musste er die eigene Plattensammlung, circa 7.000 LPs, verkaufen, um die Pleite von ZickZack abzuwenden.

Den musikalischen Visionär und prinzipientreuen Alfred Hilsberg umrankte ein Legendenstatus. Detlef Diederichsen, damals Autor der Spex und heute der taz, Gründer von DIE ZIMMERMÄNNER (auch bei ZickZack), fand einst treffende Worte: „Alfred hat Wege gefunden, Türen geöffnet, Anstöße gegeben, Menschen und Projekte auf den Weg gebracht, Ideen entstehen lassen und dann bei ihrer Verwirklichung entscheidend geholfen.“

Alfred Hilsberg ist am 18. August 2025 nach langer Krankheit in Hamburg gestorben. Er wurde 77 Jahre alt.

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