ALICE DONUT

Interview mit Tom Antona und Sissy Hayes

ALICE DONUT sind eine gute Band. Punkt. Mehr gibt's von unserer Seite nicht zu sagen, alles wichtige steht im Interview, und so geben wir gleich ab an Tom Antona, den Sänger und kreativen Kopf der NYC-Band, sowie Sissy Hayes, Bassistin, die als Exil-Wienerin eigentlich auch hätte auf Deutsch antworten können.

In eurer Heimatstadt scheint New York-Hardcore immer noch das große Ding zu sein. Wo steht da eine Band wie ALICE DONUT?
Tom:
Mmmh, Ludlow Street? (lacht) Ich glaube, NYHC ist hier in Deutschland populärer als bei uns zu Hause.
Sissi: In Europa gibt es gewisse voneinander abgegrenzte Szenen, denen sich die Leute zugehörig fühlen. In New York dagegen hast du das East Village, wo jeder jeden kennt. Tom: Du findest dort jede Menge Bands, die alle ziemlich unterschiedliche Musik spielen. Ich weiß, dass es in New York eine Reihe von Bands gibt, die Musik spielen, die... keine Ahnung, ich glaube die Leute nennen das immer Hate-Core. Von denen hatte ich noch nie etwas gehört oder gesehen, bevor wir hierher kamen.

Es gibt ja viele amerikanische Bands, die in Europa populärer sind als zu Hause. Wie sieht das bei euch aus?
Tom:
Das hängt von der Stadt ab. Wenn wir in New York spielen, kommen erheblich mehr Leute zu unseren Konzerten als hier. Im Süden der USA kann es die passieren, dass mal 50 und mal 500 Leute auftauchen.

Mit was für Bands spielt ihr in New York zusammen?
Tom:
ULTRA BIDE, LUNACHICKS...

ULTRA BIDE, die Japaner?
Tom:
Ja, das ist eine wirklich tolle Band. Eigentlich wollten wir sie mit auf Tour nehmen, aber das hat leider nicht geklappt. Sie spielen gerade eine EP für Alternative Tentacles ein.

Ihr habt vor der Tour die „Nadine"-EP herausgebracht. Ist ein neues Album schon in Planung?
Tom:
Ja, wir haben beinahe genug Material für zwei Alben, aber die Songs sind noch nicht ganz fertig. Wir sind in letzter Zeit einfach zu viel unterwegs gewesen. Wenn wir das hier hinter uns gebracht haben, wollen wir so schnell wie möglich nach Hause und erstmal für eine Weile ins Studio gehen. Fuck everything else! Vom Touren habe ich für die nächsten paar Monate genug.

Wer Schubladen mag, hat bei euch so seine Probleme. Ich fand es ziemlich lustig, als das große Gezeter zwischen A.T. und Maximumrocknroll losging und man entschied, wessen Alben noch besprochen würden. Da hieß es dann „D.O.A. are in, NOMEANSNO, GROTUS, NEUROSIS, etc. are out, and ALICE DONUT are on the fence". Könnt ihr damit irgendetwas anfangen?
Tom:
Yeah.. .we're not jumping in. I'd rather jump all the way out. Das ist albern. Was ist Punk, was nicht? Wen interessiert's?

Zwischenzeitlich war es ziemlich ruhig um euch geworden, und euer letztes Studioalbum ist auch schon über zwei Jahre alt.
Tom:
Ja, wir waren einfach zu lange auf Tour. Wir hätten letztes Jahrein Album herausbringen sollen.

Wart ihr so lange in den USA unterwegs?
Sissi:
Einmal das, und dann waren wir auch noch in England und zum ersten Mal überhaupt in Japan.

Wie war Japan?
Tom:
Großartig. Wir sind mit ULTRA BIDE dort gewesen und haben bei den Eltern des Bassisten in Kyoto gewohnt. Nette Leute!
Sissi: Japan ist sehr modern, sehr korrekt, sehr sauber.
Tom: Aber es ist nicht antiseptisch. It's cool!

DieVorstellung der meisten Menschen von Japan besteht wahrscheinlich zu einem Großteil aus Klischees.
Tom:
Ja, ich hatte auch eine Masse angespannter, hektisch zur Arbeit rennender Leute erwartet, ungefähr so wie in downtown New York. Aber so war es überhaupt nicht. Wir waren nur zehn Tage dort, aber die Leute schienen eher eine kalifornische Mentalität zu haben. Man nimmt sich Zeit und setzt sich in ein Cafe, sehr laid back halt. Und die japanischen Bands, mit denen wir gespielt haben, waren sehr gut, vor allem COPASS GRINDERZ. Sehr, sehr gute Band. NUKEY PIKES waren ebenfalls großartig. Außerdem haben wir mit zwei Mitgliedern der BOREDOMS gespielt. Die haben so ein 20-Minuten-Seitenprojekt auf die Beine gestellt, das sich anhörte wie Musik vom Mars, wirklich sehr gut. Musikalisch haben wir einige interessante Erfahrungen machen können. Abgesehen davon hat es viel Spaß gemacht, Land und Leute kennen zu lernen. Kyoto rules!
Sissi: Und das Essen ist hervorragend
Tom: Was mich erstaunt hat, waren die Texte einiger Bands. Die waren teilweise sehr explizit und viel extremer als unsere. Aber das wird in Japan akzeptiert.

Eure Texte klingen wie eine Art New York-Großstadt-Alptraum. Gab es da Gemeinsamkeiten mit dem Publikum in Metropolen wie Tokio oder Osaka?
Tom:
Ja, ich glaube schon, dass die uns verstanden haben. Es war ja auch nichts Neues, da sie von den eigenen Bands noch ganz andere Sachen gewohnt sind. Und die Comics sind noch extremer.

Aber nur bei der Gewalt, nicht beim Sex.
Tom:
Oh doch, auch beim Sex. An den Straßenecken stehen Verkaufsautomaten, aus denen du Pornos ziehen kannst, in denen alles drin ist... kleine Kinder, die sich gegenseitig vollscheißen. Nur Schamhaare dürfen nicht gezeigt werden. Du hast also all diese sexuell expliziten Zeichnungen, in denen irgendwelche Monster minderjährige Mädchen vergewaltigen, aber die Schamhaare fehlen.

Nach dem Erscheinen eures letzten Albums habt ihr sehr viel gute Presse bekommen. Als man dann lange Zeit nichts mehr hörte, habe ich schon vermutet, ALICE DONUT stünden in Vertragsverhandlungen mit einem Major-Label und würden den Deal jede Minute bekanntgeben.
Tom:
Das wird nicht passieren. Angebote gab es schon, aber wir wollten nicht.
Sissi: Wir sind von einigen Leuten zum Abendessen eingeladen worden. (lacht)
Tom: Wir haben eine dreimonatige Probierphase absolviert und danach die Sache abgehakt.

Und jetzt, wo alle Leute nur noch Pop-Punk hören wollen, ist der Zug für ALICE DONUT abgefahren?
Tom:
Der ganze Bubblegum-Punk-Trend interessiert mich eigentlich überhaupt nicht. Ich finde die Musik ziemlich langweilig. Aber die Majorlabel-Sache... vergiss es! No way! They are freaks. Wir wollen das machen, was uns gefällt. Auf unserem nächsten Album werden wir versuchen, neue Instrumente auszuprobieren. Vielleicht werden wir auf Gitarren verzichten, jedenfalls teilweise. Die Hälfte der Songs, die wir bisher geschrieben haben, ist relativ heavy, aber den andern Teil könnten wir mit andern Instrumenten einspielen, die etwas interessanter sind.

Könnte es sein, dass ihr eine Vorliebe für lange Album- und Songtitel habt?
Tom:
Ja, das kann ich wohl nicht abstreiten. Der nächste Albumtitel wird aber kürzer sein.

...um radiofreundlicher zu sein?
Tom:
(lacht) Nein, das ist mir egal.

Jello Biafra hat mal erzählt, dass es für ein Label wie A. T. nahezu unmöglich sei, Videos seiner Bands in MTV-Shows zu plazieren. ALICE DONUT seien bisher die einzige Ausnahme gewesen.
Tom:
Von einem unserer Videos haben sie mal einen kurzen Ausschnitt im Hintergrund gezeigt, während der MTV-Typ im Vordergrund über ALICE DONUT geredet hat. Wir haben noch ein anderes Video eingereicht, das ihnen auch gefiel, aber es ist trotzdem abgelehnt worden, weil... naja, Geld macht's möglich, das ist alles Payola. VH-1 und MTV arbeiten zusammen und du solltest mal sehen, was einige dieser Leute zu Weihnachten bekommen. Motorräder...

Werdet ihr trotz alledem weiterhin Videos produzieren?
Tom:
Ja, denn bisher haben wir bei der Herstellung der Videos immer sehr viel Spaß gehabt. Die meisten Clips haben wir mit Mindy Weissberger gedreht. Wir wollen in Zukunft auch mit anderen Produzenten zusammenarbeiten. Das einzige Problem ist unser begrenztes Budget.

Werden eure Videos denn überhaupt irgendwo gesendet?
Tom:
Klar, zum Beispiel auf offenen Kanälen. Außerdem gibt es da noch einen Kabelkanal, „USA Up All Night". Der Produzent mag unsere Videos und spielt sie manchmal um drei Uhr morgens.

Also nicht die Art von Airplay, die die Verkaufszahlen eurer Alben durch die Decke schießen lassen würde?
Tom:
(lacht) Nein. Verkaufszahlen? In Amerika ist es schwer genug, unsere Platten in Läden zu finden.

Wie ist die Idee mit den Publikums-Samples zwischen den Songs zu Stande gekommen?
Sissi:
Das war eigentlich nur ein Spaß.
Tom: Wir dachten, wenn wir schon Publikumsgeräusche auf unserer Platte haben, warum dann nicht vom größten Publikum aller Zeiten?

Woher stammen die Samples?
Tom:
FRAMPTON, KISS, CHEAP TRICK - wir haben die alle übereinandergemischt.
Sissi: Das war unheimlich interessant. Als wir uns den Applaus auf den Platten angehört haben, konnten wir feststellen, dass da immer dieselben Schreie kamen. Die haben also damals schon die Publikumsreaktionen gesamplet.
Tom: Auf der CD ist es völlig offensichtlich. All diese Live-Alben sind manipuliert. Wir müssen es wissen, wir haben sie uns alle angehört. Wir haben SLAYER studiert, all den Scheiß. Du springst auf der Platte von Applaus zu Applaus und hörst immer das Selbe. Also haben wir es genauso gemacht, nur noch offensichtlicher: Wir haben noch ein Baseball-Game und einen Stierkampf dazugemischt.

Tom, du singst Spanisch auf der neuen David Baker -Platte. Sowas Ähnliches hast du ja schon auf „The Ass Trilogy" gemacht...
Tom:
Ja, ich bin Kubaner.

Ääh... tja... das erklärt dann wohl, weshalb du so gut Spanisch sprichst. Kennst du David Baker durch MERCURY REV?
Tom:
Ich kannte ihn schon davor. Er hat einige Shows für uns in Baltimore gebucht und mich mal in New York besucht. Als ich ihn dann vor kurzem in einer Bar getroffen habe, hat er mich als erstes gefragt: „Hey, hast du Lust, zu singen?" und ich hab' gesagt: „Na klar.". Er hat mich bei den Aufnahmen in einen Raum gesteckt, in dem ich den Song selber gar nicht hören konnte. Ich war da alleine mit einem Mikro und jede Menge Hall. Ich hab' dann einfach angefangen loszubrüllen und irgendwelche Phrasen auszuspucken.

Das war also frei improvisiert, so wie auf „Come up with your hands out"?
Tom:
Ja, nur dass ich diesmal mehr singe als spreche. Wahrscheinlich wird nur ein kurzer Ausschnitt irgendwo in den Song reingematscht werden. Ich habe keine Ahnung, wie sich das anhören wird. David spielt nämlich alles unter Wasser. Er ist der Erfinder der Unterwassergitarre.

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