© by BandJede Band muss sich damit auseinandersetzen: Wie bringt man sich selbst und sein Equipment zum Proberaum oder bei Auftritten zum Veranstaltungsort und wieder zurück? Wenn man viel auf Tour ist, wird das Transportmittel zum zweiten Wohnzimmer. Autos, Sprinter, Nachtbusse und Flugzeuge werden zu einem Zuhause fern der Heimat. Ich bin Willem von ANTILLECTUAL aus Nijmegen und erzähle euch, wie das bei uns so läuft. Mehr solcher Storys gibt’s übrigens bald in einem Buch, das 2026 anlässlich unseres 25. Bandgeburtstags erscheint.
Fangen wir ganz am Anfang an. Bei unseren ersten Shows hatten wir das Glück, dass Bob, unser damaliger Schlagzeuger, einen Führerschein hatte und seine Eltern ein großes Auto und die Bereitschaft, ihren Sohn damit fahren zu lassen. Es war ein Minivan, in den die komplette Backline passte, wenn man einige der zusätzlichen Sitze herausnahm. Leider war Bob der Einzige mit Führerschein und wohnte am weitesten weg, so dass er meist dazu verdammt war, nüchtern zu bleiben, zu fahren und erst spät ins Bett zu kommen, nachdem er alle nach den Shows nach Hause gebracht hatte. Möglicherweise auch ein Grund, warum er die Band verlassen hat ...
Unsere erste richtige Tour, also mit mehreren Shows im Ausland, waren vier Konzerte in Italien im März 2004. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch meinen Führerschein gemacht, was bedeutete, dass Bob und ich uns beim Fahren abwechseln konnten und Yvo sich hätte betrinken können, wenn er nicht abstinent gewesen wäre. Leider konnten oder wollten Bobs Eltern uns ihren Minivan für diese Tour nicht leihen, aber zum Glück hatte Yvos Vater ein Auto, das wir benutzen konnten. Fragt mich nicht, wie wir das geschafft haben, aber wir haben drei Personen, die komplette Backline, Merchandise und unser persönliches Gepäck in einen gelben Renault Kangoo verstaut. Da Yvo nicht fahren konnte und ziemlich dünn war, musste er immer auf der Rückbank sitzen, mit dem Equipment auf dem Schoß. Es ist ein Wunder, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir angehalten wurden oder etwas Schlimmes passiert ist. Das Schlimmste war vielleicht die Tatsache, dass es 2004 noch keine Navigationsgeräte gab. Wir hatten eine Wegbeschreibung zu dem Squat in Mailand ausgedruckt und dachten, das wäre besser, als eine altmodische Landkarte mitzunehmen. An Kreisverkehren stand in der Wegbeschreibung jedoch „nehmen Sie die dritte Ausfahrt rechts“, wo normale Menschen „links abbiegen“ sagen würden. Wir haben eine Weile gebraucht und uns ziemlich geärgert, bis wir das herausgefunden hatten ...
Unsere erste USA-Tour im August 2004 war in Bezug auf das Transportfahrzeug etwas Besonderes: Wir tourten mit HYPATIA aus Allentown, Pennsylvania und konnten in ihrem Van mitfahren. Als wir ihn das erste Mal bestiegen, fiel uns ein seltsamer Geruch auf, es roch irgendwie nach Gebratenem. Es stellte sich heraus, dass der Van einen Motor hatte, der von Diesel auf Pflanzenöl umgerüstet worden war. Zum Tanken besuchten wir Restaurants und fragten, ob sie uns ihr altes Öl überlassen könnten. Der Geruch unserer Kleidung nach der dreiwöchigen Tour war unbeschreiblich. Ebenfalls unbeschreiblich: die Tatsache, dass wir auf dieser Tour 7.000 Kilometer gefahren sind und nur 70 Dollar für Diesel ausgegeben habe – der Motor brauchte Diesel zum Starten. Nach der Tour gründete Dave, der Schlagzeuger von HYPATIA und Besitzer des Vans, eine Firma, die Motoren von Diesel auf Pflanzenöl umrüstet.
2008 spielten wir so viele Konzerte, dass es Sinn machte, einen eigenen Van zu kaufen, einen Mercedes Sprinter. Die niederländische Band MALKOVICH hatte sich gerade aufgelöst und unser gemeinsamer Manager Jeroen „Beer“ Vrijhoef hat den Kauf arrangiert. Vor MALKOVICH gehörte er bereits einer Tourbus-Vermietungsfirma namens Smoeff, die von Gijs de Wit betrieben wurde. Wir trafen ihn ein paar Mal und er war überrascht, dass der Van MALKOVICH überlebt hatte. Der Besitzer vor Gijs war Engelbarts, eine gewöhnliche Werkstatt, die Transporter vermietete. Dennoch waren viele Bands, darunter auch wir, ihre Kunden, da sie die einzige Firma in den Niederlanden waren, die Transporter mit unbegrenzter Kilometerzahl vermietete, während andere nur eine bestimmte Anzahl von Kilometern kostenlos zuließen und man bei Überschreitung extra bezahlen musste. Lange Rede, kurzer Sinn: Aufgrund seiner vielen früheren Besitzer und Mieter hatte der Van bereits 424.000 Kilometer auf dem Tacho, als wir ihn bekamen, und er war nicht in perfektem Zustand. Aber der Zustand war immerhin so gut, dass es uns das Gefühl gab, auf dem Gipfel der Welt zu stehen, als wir ihn kauften.
Am auffälligsten war sicher die Tatsache, dass der Auspuff aus irgendeinem Grund immer Probleme machte und der Sprinter irgendwann klang, als würde er einen Metallkoffer voller Besteck hinter sich herziehen, so dass wir jedesmal unsere ganze Nachbarschaft aufweckten, wenn wir spät nach Hause kamen. Dann war da die seltsame Schnellreparatur: Die Vakuumpumpe war kaputt, und da die Werkstatt, die ihn gewartet hatte, wusste, dass wir nicht viel Geld hatten, bastelten sie einen Schlauch, damit wir eine menschliche Vakuumpumpe sein konnten. Wir mussten an dem Schlauch saugen, damit der Motor abgestellt werden konnte. Ich habe viele seltsame Blicke geerntet, als ich hinter dem Steuer an einem Schlauch gesaugt habe, wie eine Art umgekehrte Alkohol-Wegfahrsperre. Und eine unangenehme Eigenart unseres Vans: Wir haben herausgefunden, dass der Tank in Wahrheit bereits leer ist, wenn er laut Anzeige noch zu einem Viertel gefüllt ist. Das passiert einem nur einmal, aber dann findet man es auf die harte Tour heraus. Der Sprinter hat uns zehn Jahre lang quer durch Europa gefahren und hatte zum Schluss 700.000 Kilometer auf dem Tacho. Wahrscheinlich ist er gerade irgendwo auf der anderen Seite der Welt unterwegs und knackt seinen millionsten Kilometer.
Auf unserer Bucketlist stand schon ewig eine Nightliner-Tour. 2013 wurden wir dann eingeladen, PROPAGANDHI auf ihrer „Failed States European Tour“ zu begleiten. Obwohl wir bereits wussten, dass ein Nightliner nicht so luxuriös ist, wie die meisten Leute denken, waren wir sehr aufgeregt, diesen Punkt auf unserer Liste abhaken zu können. Es ist allerdings alles wahr: Die Etagenbetten sind klein und eng, die Nachtfahrten halten einen wach und die Klimaanlage ruiniert die Stimme und die Gesundheit, bis man sich nach dem eigenen beschissenen Van zurücksehnt, der wenigstens Fenster hat, die man öffnen kann. Trotzdem würden wir es sofort wieder tun! Im Grunde begann und endete diese Tour etwas seltsam. Die Nightliner-Firma hatte ihren Sitz in der Nähe von Hamburg, aber PROPAGANDHI flogen direkt nach Kopenhagen, wo das erste Konzert in Skandinavien stattfinden sollte. Das bedeutete, dass wir den Nightliner abholen und den Anhänger selbst beladen mussten, bevor wir PROPAGANDHI und ihre Crew in Dänemark trafen. Wir kamen nachts bei der Nightliner-Firma an und verbrachten die erste Nacht alleine im Bus auf dem Weg nach Kopenhagen. Dort holten wir PROPAGANDHI ab und hießen sie herzlich an Bord „unseres“ Nightliners willkommen, der sich zu diesem Zeitpunkt schon wie unser eigener anfühlte.
Zum Abschluss der Tour spielten wir beide beim Punk Rock Holiday in Slowenien. PROPAGANDHI flogen danach von Venedig aus weiter, und der Nightliner sollte mit uns zurück nach Hamburg fahren. Dort wollten wir unseren Van abholen und nach Hause fahren. Aber für uns war die Tour noch nicht vorbei. Nach dem Punk Rock Holiday hatten wir noch einen Auftritt beim Anti-Fest in München. Im Vorfeld hatten wir mit der Nightliner-Firma vereinbart, dass sie uns nicht nur zurück nach Hamburg bringen würde, sondern auf dem Rückweg auch das Anti-Fest mit einbezog. München passte perfekt zur Route und zum Zeitplan der Fahrer. Und so kam es, dass eine kleine Band aus den Niederlanden dort in einem riesigen Nightliner ankam und den größten Parkplatz am Veranstaltungsort benötigte. Wir wurden komisch angeschaut. Die Krönung waren jedoch zwei deutsche Fans, die nichts von unserem Transportmittel wussten und nach der Show fragten, ob wir sie zurück ins Ruhrgebiet mitnehmen könnten. Wir luden sie in den Nightliner ein. Zuerst dachten sie, wir machten einen Witz. Ihr hättet ihre Gesichter sehen sollen!
2017 wurden wir eingeladen, mit SATANIC SURFERS auf Tournee durch Lateinamerika zu gehen. Die führte uns nach Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Costa Rica und Mexiko. Da die Städte zu weit voneinander entfernt waren, flogen wir zwischen den Shows hin und her. Es wurde zur Routine, um vier Uhr morgens ins Bett zu gehen und um fünf wieder aufzustehen, um trotz des verrückten Stadtverkehrs rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Wir haben mehr Schlaf im Flugzeug bekommen als in den Hotels, in denen wir „übernachtet“ haben. Fly-in-Tourneen sind schlecht für die Umwelt und genauso schlecht für den Schlafrhythmus. Ich bin kein Fan davon, aber wir würden es sofort wieder machen!
Auf unserer aktuellen Bucketlist stehen noch einige spezielle Optionen: Touren mit dem Zug sind sehr umweltfreundlich, das sollten wir in Zukunft mal ausprobieren. Und als niederländische Band sollten wir auch mal eine Tour mit dem Fahrrad machen, oder? Aber zuerst müssen wir in einen ordentlichen Bollerwagen investieren, denn aufgrund der neuen Umweltzone in unserer Stadt dürfen wir unseren Proberaum mit unserem Van nicht mehr anfahren!
© by - Ausgabe # und 7. Juli 2026
© by - Ausgabe # und 25. Juni 2025
© by - Ausgabe # und 5. September 2024
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #80 Oktober/November 2008 und Sebastian Banse
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #98 Oktober/November 2011 und Douwe GEWAPEND BETON
© by Fuze - Ausgabe #101 August/September 2023 und Dennis Müller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #127 August/September 2016 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #131 April/Mai 2017 und Willem Heijmans
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #168 Juni/Juli 2023 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Willem Heijmans
© by Fuze - Ausgabe #83 August/September 2020 und Ingo Rieser
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #151 August/September 2020 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #127 August/September 2016 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #105 Dezember 2012/Januar 2013 und Robert Meusel
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #109 August/September 2013 und Robert Meusel
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #87 Dezember 2009/Januar 2010 und Sebastian Banse
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #83 April/Mai 2009 und Sebastian Banse
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #59 April/Mai 2005 und Paul Tackenberg
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #93 Dezember 2010/Januar 2011 und Sebastian Banse
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #78 Juni/Juli 2008 und Sebastian Banse
© by Fuze - Ausgabe #100 Juni/Juli 2023 und Joscha Häring
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #168 Juni/Juli 2023 und Wolfram Hanke