© by Chris LowWer in Deutschland bei der Erwähnung des Bandnamens THE APOSTLES mit einem Ahnungslosigkeit offenbarenden „Wer?“ reagiert, sollte von den (All)Wissenden nicht gleich mit Spott und Häme übergossen werden. Als pop- oder besser punkkulturelles Phänomen haben sie Zeit ihrer Existenz seit der Gründung 1979 in Islington im Großraum London bis zur Auflösung 1989 für einige Aufmerksamkeit in der Anarcho-Punk-Szene gesorgt, wohingegen ihr Beitrag zu Bestenlisten britischer Punksongs eher gering ist.
Denn wie viele andere Bands aus dem CRASS-Kontext oder auch die niederländischen THE EX verabschiedete sich die Band, die schon nach kurzer Zeit alle Gründungsmitglieder verloren hatte, von musikalischen Blaupausen, die man nach heutigen (und sicher vielfach auch damaligen) Hörgewohnheiten als „typischen“ Punk bezeichnen würde. Unter teils primitiven Aufnahmebedingungen entstanden reichlich Demos, EPs und Platten. Gerade mit dem CRASS-Kontext vertraute Menschen finden da musikalische Parallelen, die sich fortsetzen zu Bands wie FLUX OF PINK INDIANS, CONFLICT, DIRT, AMEBIX etc. Später wurde das dann etwas „freier“, was sich auch in den Nachfolgeprojekten ACADEMY 23 und UNIT äußerte. Liest man sich etwas ins Thema ein, verschwindet man schnell im Kaninchenbau der komplexen Geschichte der radikalen britischen Linken und Anarchisten inklusive verwirrender Diskussionen um (missverstandene) Provokationen. Der später zur Band gestoßene Drummer Chris Low hat sich daran gemacht, das Erbe der Band aufzubereiten, nachdem das Munster-Sublabel Beat Generation aus Spanien 2014 das einst 1985 auf dem CONFLICT-Label Mortarhate erschienene „Punk Obituary“-Album in die Gegenwart geholt hatte. 2022 veröffentlichte Low auf Horn of Plenty die Doppel-LP „Best Forgotten“, eine Zusammenstellung von „Early Demo, Live and Practise Tapes ’81-’83“, und nun legte er „There Can Be No Spectators“ vor, eine Sammlung von vier 7“-EPs auf jeweils einer LP-Seite. Ich schickte Chris ein paar Fragen ... und der erzählt uns in den Antworten auch gleich die oder besser eine Geschichte des britischen Anarcho-Punk.
Chris, es heißt, dass du 1983/84 mit nur 14 Jahren APOSTLES-Mitglied wurdest. Wie und wo bist du aufgewachsen, wie und wann hast du angefangen zu trommeln und Punkrock zu spielen?
Ich bin in Stirling aufgewachsen, einer kleinen, inzwischen aber deutlich größeren Stadt in Zentralschottland. Von dem Haus, in dem wir wohnten, hatte man einen Blick auf den Parkplatz des örtlichen Clubs. 1978 haben dort lokale Punkbands geprobt, denen ich und meine Freunde dabei zusahen. Unser Nachbar war Jamzy, der Bassist von Stirlings bekanntester Punkband THE FAKES, die eine großartige EP namens „Production“ herausbrachten, die man auf YouTube finden kann. Sie waren auch die erste Band, die ich je live gesehen habe. Anfang 1979 besuchte ich das Stirling Punk Festival, bei dem THE FAKES neben mehreren anderen Bands aus Glasgow und dem Umland auftraten. Zu dieser Zeit begann ich auch, John Peel im Radio zu hören, der in seiner Sendung immer die neuesten Punk-Platten spielte. Das erste große Konzert, das ich sah, war mit SHAM 69 im Apollo in Glasgow. Das war kurz nachdem sich die SEX PISTOLS aufgelöst hatten, und Steve Jones und Paul Cook kamen für die Zugabe auf die Bühne, was, wie du dir vorstellen kannst, für einen Jungen von neun oder zehn Jahren ein monumentaler Moment war.
Was hat dich an Punk fasziniert?
Ich glaube, in diesem Alter geht es beim Punk darum, eine Art Identität für sich zu finden oder einfach Teil einer Gang zu sein. Alle Punks aus Stirling hingen samstags vor dem örtlichen Einkaufszentrum herum, und allein schon dabei zu sein, fühlte sich unglaublich aufregend und erwachsen an. Ich erinnere mich auch noch sehr genau daran, wie ich im Woolworth eine Kassette des ersten THE CLASH-Albums entdeckte und die Schule schwänzte, um sie zu klauen. Ich holte sie mit einem Schraubenzieher aus der Plastikvitrine, war aber etwas enttäuscht, als ich hörte, wie melodiös sie klangen, da ich das aufgrund ihres Aussehens und ihres Rufs – ihre Konzerte endeten oft in Krawallen – nicht wirklich erwartet hatte. Bald darauf gelang es mir, auf die gleiche verbrecherische Weise eine Kopie von „Never Mind The Bollocks“ zu bekommen, und das war schon eher nach meinem Geschmack. Vor allem „Bodies“, klang so wütend und böse, wie ich es erwartet hatte! Aber ich glaube, das erste Mal, dass ich etwas hörte, das ich als genredefinierend bezeichnen würde, war „The Feeding Of The 5000“ von CRASS, eine Platte, die zu 100% so klang, wie ich mir immer vorgestellt hatte, wie Punk sein muss und soll – ohne kitschige transatlantische Gesangsmanierismen, Rock’n’Roll-Riffs oder alberne Gitarrensoli wie bei vielen anderen 77er-Acts. Es war durchweg dissonant und unerbittlich, eine totale akustische und sensorische Attacke, die einem von Anfang bis Ende kaum einen Moment zum Durchatmen ließ. Ich werde nie die Kraft und Wirkung vergessen, die „The Feeding Of The 5000“ hatte. Ich nahm die Platte mit nach Hause, legte sie auf unseren alten Bakelit-Plattenspieler mit dem Lautsprecher im Deckel, nahm das mitgelieferte Textblatt, setzte mich hin, hörte sie mir an und las jede Zeile mit. Damals war ich zehn Jahre alt. Als ich am Ende von Seite zwei angekommen war, war es, als wäre in meinem Kopf eine Bombe explodiert. Ein Jahr später, 1980, sah ich CRASS zum ersten Mal live, als sie in einem örtlichen Veranstaltungsort, der Albert Hall in Stirling, spielten. Seltsamerweise war ich nur wenige Monate zuvor mit der Religionsklasse der Grundschule zum selben Veranstaltungsort gebracht worden, um mir eine Aufführung des christlichen Musicals „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ anzusehen. Aber um auf CRASS zurückzukommen: Die Tatsache, dass sie auf der Bühne so intensiv rüberkamen, verstärkte nur das ohnehin schon unglaublich starke und kraftvolle Gesamtbild. Eines, das irgendwie auch sehr zugänglich schien, da die Beleuchtung auf der Bühne so simpel war und nicht mit den Lichtshows anderer Bands vergleichbar, die ich mir ansah, wie STIFF LITTLE FINGERS oder THE DAMNED. Und die Tatsache, dass die Bandmitglieder mit einem Eimer voller Anstecknadeln und Flugblättern, die sie verteilten, durch die Menge liefen, brach die Trennung zwischen Publikum und Rockstar noch weiter auf. Natürlich war mir das damals nicht bewusst, aber es muss großen Eindruck hinterlassen haben, da ich mich heute, 45 Jahre später, noch an alles erinnern kann.
Du warst Teil der sogenannten Anarcho-Punk-Szene. Wann bist du das erste Mal auf den Begriff Anarcho-Punk gestoßen?
Meine erste wirkliche Begegnung mit der Szene hatte ich durch das Fanzine Guilty of What?, das ich gründete, nachdem mich Toxic Graffiti und Kill Your Pet Puppy und allgemein die DIY-Ethik von CRASS dazu inspiriert hatten. Lustigerweise habe ich erst kürzlich herausgefunden, dass in der dritten Ausgabe meines Fanzines in einer Rezension der Begriff Anarcho-Punk das erste Mal in gedruckter Form auftauchte. Ich habe 1981/82 drei Nummern des Fanzines rausgebracht, da war ich gerade zwölf, dreizehn Jahre alt. Den Namen, den ich dem Fanzine gab, könnte man im Nachhinein als unbewussten Versuch betrachten, Anarchismus und Punk miteinander zu verbinden. Denn „Guilty of What?“ war sowohl der Slogan auf einem Sid Vicious-Badge, nachdem er wegen Mordes an Nancy Spungen verhaftet worden war, als auch der Titel eines Artikels, den ich in entweder im Black Flag- oder im Freedom-Magazins über den „Persons Unknown“-Prozess gegen eine Gruppe Anarchisten gelesen hatte, denen eine Gefängnisstrafe wegen Verschwörung zum Bombenbau drohte, nachdem alle Adressen auf der Hülle der „Bloody Revolutions/Persons Unknown“-Split-7“ von CRASS und POISON GIRLS angeschrieben worden waren. Anfangs war Guilty of What? ein ziemlich normales Punk-Zine, in dem ich etwa über die legendäre „Apocalypse Now“-Tour schrieb, mit Bands, die man heute als UK82-Acts bezeichnet. Die dritte und letzte Ausgabe aber konzentrierte sich fast ausschließlich auf die typischen Anarchopunk-Themen. Es gab Artikel über Vivisektion, das Wettrüsten, die Wehrpflicht oder Apartheid und dazu Interviews mit CRASS, CONFLICT, FLUX OF PINK INDIANS, DISCHARGE und anderen großen Anarcho-Bands der Zeit, aber auch Texte über kleinere Acts, darunter eine der ersten Besprechungen von NAPALM DEATH überhaupt sowie ein Bericht über THE ALTERNATIVE aus Dunfermline, die oft als die schottischen CRASS bezeichnet wurden und später eine EP auf deren Label veröffentlichten.
Und was verbindest du mit dem Begriff Anarcho-Punk beziehungsweise was bedeutete er für die damalige Szene?
Um zu verstehen, was Anarcho-Punk für mich und andere damals bedeutete, lohnt es sich vielleicht, einige Fakten zu klären, die durch neuere Historisierungen, die von Personen verfasst wurden, die nicht direkt involviert waren, möglicherweise verwirrt wurden. Während der Begriff Anarcho-Punk durch die Kombination von Punk mit dem anarchistischen Ethos entstand, für das sich die meisten Bands einsetzten – wobei der Name allein darauf hindeutet, dass die Botschaft genauso wichtig war wie die Musik –, entwickelten sich die Ursprünge des Anarcho-Punk bereits Jahre bevor daraus eine anerkannte Subkultur und Musikrichtung wurde. Es war die erste „Bullshit Detector“-Compilation auf Crass Records, die der noch in den Kinderschuhen steckenden Szene ein Gefühl von Zusammenhalt gab, und für mich ist diese fantastische Platte zweifellos der größte Ausdruck der DIY-Punk-Ästhetik, der jemals auf Vinyl gepresst wurde. Sie wirkte wie ein Weckruf für viele ausgestoßene Jugendliche, die sonst räumlich und kulturell isoliert geblieben wären von all den anderen Gleichgesinnten, die im ganzen Land Bands gründeten und Fanzines herausbrachten. Ich würde also sagen, dass dies der absolute Kristallisationspunkt der Szene war, aus der der Anarcho-Punk hervorging, wie wir ihn heute kennen. Während CRASS, andere Bands ihres Labels und viele weitere, die auf „Bullshit Detector“ zu hören waren, dem Anarcho-Punk eine Identität verliehen und das Wapping Anarchy Centre und das besetzte Centro Iberico in London, die von 1981 bis 1982 als Veranstaltungsorte und Treffpunkte dienten, das Fundament der Bewegung bildeten, waren es die politisierten Punks und Hausbesetzer, die sich dort tummelten. Sie führten das Konzept des Aktivismus in ein Umfeld ein, das bis dahin hauptsächlich auf Musik ausgerichtet war, und der Szene, so wie wir sie kennen, die Eigenschaften verliehen, die für sie von wesentlicher Bedeutung sind. Später, als mehr Bands bei Crass Records und vergleichbaren Labels wie Spiderleg und Mortarhate veröffentlicht wurden, wurde der Begriff Anarcho-Punk zu einer einfachen Möglichkeit, Bands zu definieren, die einen ähnlichen musikalischen Ansatz, eine ähnliche visuelle Ästhetik und Ideologie hatten. Zuvor wurden CRASS-ähnliche Acts von den Mainstream-Bands, die in kommerziellen Veranstaltungsorten spielten und die Seiten der Musikpresse zierten, mit den Begriffen Peace-Punk oder sogar nur CRASS-Punks abgegrenzt.
Bisweilen scheint der Begriff Crust-Punk fast synonym verwendet zu werden.
Anders als viele heute zu glauben scheinen, gab es Crust in der frühen Anarcho-Punk-Ära noch nicht. Man hörte erst in den späten 1980er Jahren von Anarcho-Bands, die als Crusties bezeichnet wurden. Es war eine Verschmelzung eines DIY-Punk-Ansatzes mit einem metallischen Sound und dem von Bikern inspirierten Look des Heavy Metal wie abgeschnittene Kutten, die mit Bandaufnähern bedeckt sind, und langen Haaren. Wenn diese Szene heute einen Fehler hat, dann vielleicht, dass das einstige Gleichgewicht zugunsten einer zunehmenden Konzentration auf die Musik verloren gegangen ist, während die Politik auf Slogans auf den Aufnähern reduziert wird. Aber ich würde immer noch behaupten, dass das durchschlagende Vermächtnis des Anarcho-Punk darin besteht, dass er über ein Vierteljahrhundert später immer noch der verbindende Soundtrack einer Kultur des Widerstands ist, die sich in der einen oder anderen Form von England bis Indonesien erstreckt. Er ist immer noch genauso weit von der Mainstream-Musik entfernt und steht der konventionellen Kultur genauso ablehnend gegenüber wie in den frühen 1980er Jahren und zeigt keine Anzeichen einer Veränderung. Im Gegenteil: Je mehr die Anarcho-Punk-Szene, die ich in Europa und auch in Japan beobachtet habe, auf DIY, Underground und finanzielle Unabhängigkeit setzte, desto weniger musste sie sich mit dem Musik-Establishment und denjenigen auseinandersetzen, die eventuell versuchen, die Botschaft der Bewegung zu verwässern – oder sie, wie diese dilettantischen Es-geht-nur-um-die-Musik-nicht-um-die-Politik-Labels, -Vertriebe und -Festivals, zu melken und auszubeuten, um mit ihr Geld zu verdienen. Um FLUX OF PINK INDIANS zu paraphrasieren: Punk sollte „den Punks gehören, nicht den Geschäftsleuten“.
Wie bist du letztendlich bei THE APOSTLES gelandet? Du warst damals noch nicht alt genug, um Auto zu fahren oder zu wählen, aber alt genug, um in einer bekannten Band zu spielen.
Mit elf Jahren habe ich angefangen zu trommeln und meine erste richtige Band waren DISTRAUGHT, die ein paar Gigs gespielt haben und ein paar Tracks auf der 1982 erschienenen „Twisted Nervous Breakdown“-Compilation veröffentlichten, die von Miles Ratledge, dem ursprünglichen Schlagzeuger von NAPALM DEATH, herausgebracht wurde. Später wurde der Name geändert in POLITICAL ASYLUM, wir nahmen das „Fresh Hate“-Demo auf und ich spielte bei den ersten paar Gigs Schlagzeug, bevor ich die Band verließ und mich 1983 den APOSTLES anschloss. Im Sommer zuvor hatte ich sie mit meinen Kumpels Miles, dem anderen Gründungsmitglied von NAPALM DEATH, und dem Sänger Nick Bullen, die ich beide durch Fanzines und Tape-Trading kennengelernt hatte, im Centro Iberico live gesehen, zusammen mit CONFLICT, OMEGA TRIBE und ICONS OF FILTH. Danach begann ich, mit THE APOSTLES-Frontmann Andy Martin zu korrespondieren. Und im Sommer 1983, kurz nachdem ich 14 geworden war, fuhr ich nach London und wohnte bei ihm in dem besetzten Haus, das er sich mit Ian „Slaughter“ Rawes teilte, der das berüchtigte Pigs For Slaughter-Fanzine herausgab, und Larry Peterson, der das Label Cause For Concern betrieb und die erste APOSTLES-EP veröffentlicht hatte. Damals hatten sie Razzle von HANOI ROCKS als Aushilfsschlagzeuger, aber Andy fragte mich, ob ich den Job nicht übernehmen wolle, nachdem wir zusammen im Studio ein bisschen gejammt hatten, während die ASSASSINS OF HOPE ihr zweites Demo aufnahmen, und er beeindruckt davon war, wie gut ich bei allen APOSTLES-Songs mithalten konnte. Als ich Mitglied der Band war, nahm ich immer den Nachtzug von Schottland nach London, wenn wir eine Platte aufnehmen mussten. Ich war ja fast noch ein Kind, also suchte ich mir im Zug ein Paar, das so aussah, als würde es mitmachen wollen, und versteckte mich unter dem Tisch, an dem sie saßen. Oder ich verbrachte die Nacht auf der Toilette, und wenn ein Schaffner vorbeikam, sagte ich, mir sei schlecht geworden und meine Eltern befänden sich mit meinem Ticket weiter hinten im Zug. In London angekommen, hatten wir normalerweise einen Tag Zeit, um die Songs zu proben, die Andy für die Aufnahme ausgewählt hatte, bevor wir ins Studio gingen. Die erste EP, die ich mit ihnen aufnahm, war „Rising From The Ashes“, für die ich auch die Namen von Baader-Meinhof- und Angry Brigade-Mitgliedern vorlas, die am Ende des letzten Tracks „The Stoke Newington Eight“ erwähnt werden.
THE APOSTLES machten auch durch den Einsatz von Direct Action von sich reden und hatten Verbindungen zum militanten Flügel der Anarcho-Punk-Szene. Kannst du dich daran erinnern, welche Aktionen damals durchgeführt wurden, um die Message zu verbreiten?
Wir waren der militante Anarcho-Punk-Flügel! Zwischen 1980 und 1983/84 gab es wirklich fast niemanden außer uns, der sich für einen aufständischen, direkt handelnden Anarchismus einsetzte – neben Andy Martin mit seinen verschiedenen Projekten wie BLACK CROSS, LIBERTARIAN YOUTH und LUZ Y FUERZA. Dazu kamen noch THE ASSASSINS OF HOPE, THE SINYX, Ian Bones’ LIVING LEGENDS und Ian „Slaughter“ Rawes mit seinem Fanzine Pigs For Slaughter. Und natürlich CONFLICT, die sich später auch für Direct Action einsetzten. Damals hätte man sich sicherlich kaum vorstellen können, dass Anarchopunks und so was wie die Antifa etwas miteinander zu tun haben könnten. Außerdem waren wir Teil der Anarchist Youth Federation/AYF, die ein Versuch war, alle nicht-pazifistischen Bands, Fanzines und Aktivisten, die damals mit der Anarcho-Punk-Szene verbunden waren, zu vereinen, um direkte Aktionen zu koordinieren und Ressourcen wie Druckereien gemeinsam zu nutzen. Die AYF wurde 1983 aufgelöst und ihre beiden Hauptorganisatoren, Ian „Slaughter“ Rawes und Sean Mason, schlossen sich mit dem London Class War Collective zusammen, da es offensichtlich war, dass dies eine populistischere und weniger marginalisierte, also mit Punk assoziierte Angelegenheit sein würde. Was die damaligen Aktionen betrifft, kann ich nur sagen, dass die meisten heute wohl besser nicht wiederholt werden sollten. Aber ich kann dir von einer Geschichte erzählen, die stattfand, bevor ich in der Band war, und von der ich erst erfuhr, nachdem der Hauptverantwortliche vor einigen Jahren verstorben ist. Es war ein versuchter Brandanschlag im Jahr 1981 auf eine Reihe von Londoner Punk-Boutiquen, die es gewagt hatten, das Anarchie-Symbol zu entweihen, indem sie es auf ihre Kleidungsstücke gedruckt hatten. Die Brandsätze waren alle für eine koordinierte Detonation vorbereitet, aber ihre Zünder versagten, da diese Möchtegern-Guerilleros zu geizig gewesen waren, Marlboro-Zigaretten zu kaufen, und stattdessen dürre Selbstgedrehte als Zeitzünder verwendet hatten, die nach dem Anzünden sofort wieder ausgegangen waren. Das Ganze mag aus heutiger Sicht wie ein schlechter Witz wirken, aber es zeigt, wie fanatisch und militant die APOSTLES und ihr engeres Umfeld damals waren. Da der Slogan der Band „Blow It Up, Burn It Down, Kick It Till It Breaks“ lautete, nehme ich an, dass sie dachten, sie müssten sie ihren Worten auch Taten folgen lassen. Vielleicht etwas konstruktiver war es, dass sich Mitglieder der Band 1982/83 den East London Workers Against Racism anschlossen, die Patrouillen von einer Art Bürgerwehr rund um die Brick Lane organisierten, nachdem es zu zahlreichen rassistischen Angriffen auf die lokale bengalische Community gekommen war, um Nazis, die beim Verursachen von Ärger erwischt wurden, „nachdrücklich und unmissverständlich zu ermutigen“, von solchen Aktivitäten in Zukunft abzusehen.
Du hast kürzlich die Compilation „There Can Be No Spectators“ mit frühen EPs von THE APOSTLES plus Bonustracks zusammengestellt, die bei Grow Your Own Records erschienen ist. 2022 gab es bereits eine Sammlung von Live- und Demotracks aus den Jahren 1980 bis 1983 mit dem Titel „Best Forgotten“. Wer hatte die Idee dazu und warum?
Ich hatte meine Kopien der Originalbänder der Plattenaufnahmen immer sorgfältig aufbewahrt. Es sind die einzigen, die noch existieren, da Andy ja bekanntermaßen alle seine Masterbänder der APOSTLES schon vor Jahrzehnten zerstört hat. Und ich wollte sie schon immer irgendwie wiederveröffentlichen, da die ursprünglichen Vinyl-EPs so miserabel klangen. Denn Andy bestand darauf, eine völlig sinnlose Menge an Musik auf jede Seite zu packen, mit dem Ergebnis, dass die Rillen so eng beieinander lagen, dass die Musik ihren gesamten Dynamikumfang verlor und einfach nur blechern klang. Vor etwa 15 Jahren hatte ich die Bänder einem Freund gegeben, der in einer Band mit ehemaligen Mitgliedern von STEREOLAB spielte und Zugang zu einem richtigen Mastering-Studio hatte. Tragischerweise starb er unerwartet kurz danach, so dass das Projekt erst mal wieder auf Eis lag. Denn ein ordnungsgemäßes Remastering kann man einfach nicht auf einem Laptop mit kostenloser Software machen, sondern ist ein mühsamer und recht teurer Prozess. Aber mein Ethos lautete immer, dass man, wenn man etwas machen will, es so gut wie möglich machen sollte oder gar nicht. Und wenn es schon passieren sollte, dann wollte ich, dass es in der bestmöglichen Qualität geschieht, insbesondere angesichts der beschissenen mp3s, die von knisternden alten Vinyl-Kopien stammen. Vor ein paar Jahren wurde meine Begeisterung für das Projekt neu entfacht, nachdem ich bei der Produktion des Doppelalbums der experimentelleren APOSTLES-Werke von 1980 bis 1983 mit dem Titel „Best Forgotten“ geholfen hatte, das von dem wunderbaren Label Horn of Plenty veröffentlicht wurde. Ich wusste schon immer, dass es eine Nachfrage nach einem Album mit den EPs der APOSTLES geben würde – vor allem, wenn sie so klingen, wie sie hätten klingen sollen und können – und ich war überglücklich, als Grow Your Own, das Plattenlabel meiner Wahl, sagte, dass sie dazu bereit wären. Zumal es von alten Freunden betrieben wird, Gary von ANTHRAX [nicht die amerikanische Thrash Metal-Band. Anm. d. Red.] und Steph von HAGAR THE WOMB. Es ist nicht nur das beste Anarcho-Punk-Label, das es aktuell gibt, sondern wird auch von Leuten geführt, die sich schon lange in der Szene engagieren und ein echtes DIY-Unternehmen sind, das aus den richtigen Gründen handelt und fantastische Platten von großartigen Bands, alten wie neuen, veröffentlicht. Das ist etwas, das ich auch für das Projekt für wichtig hielt.
Es heißt, die Tatsache, dass Ty Segall eure Band 2014 in einem Interview erwähnt hat, hatte auch etwas damit zu tun ...
Es war eine ziemliche Überraschung, bei einigen der alten Demos, die auf YouTube hochgeladen worden waren, Kommentare zu lesen wie „Ty Segall brought me here“ und Links zu erhalten, wo er in Interviews von der Band schwärmte. Wir tauschten ein paar E-Mails aus und er sagte zu, dass er gerne ein paar Worte für das Booklet schreiben würde, als ich ihm erzählte, dass es bald einen Rerelease der alten EP-Tracks geben würde. Ich habe ihm noch einmal eine Nachricht geschickt, als es soweit war, aber keine Antwort mehr erhalten, und ich wollte ihn nicht belästigen, da er ein großer Künstler ist, also sehr beschäftigt sein wird und wahrscheinlich schon genug Leute um sich herum hat. Ich muss zugeben, als die Leute mir zum ersten Mal sagten: „Hey, Ty Segall hat THE APOSTLES in einem Interview erwähnt!“, glaube ich nicht, dass ich seine Musik jemals gehört hatte, aber ich ging zu einem seiner Konzerte in London letztes Jahr und er war brillant. Es ist eine ziemliche Ehre, wenn jemand, der so berühmt ist, sagt, wie sehr er eine Band liebt, für die man Schlagzeug gespielt habe, als man noch zur Schule ging und mit der man wahrscheinlich nie vor mehr als hundert Leuten aufgetreten bin. Mir wurde gesagt, dass Thurston Moore von SONIC YOUTH ebenfalls ein Fan ist und er in den letzten Jahren Veranstaltungen besucht hat, an denen ich beteiligt war.
Die Veröffentlichung enthält eine 32-seitige Sammlung von Grafiken und Texten des Pigs For Slaughter-Fanzines, das von einem engen Freund der Band herausgegeben wurde. Was gibt es hier für eine Verbindung?
Pigs For Slaughter war für mich immer ein integraler Bestandteil von THE APOSTLES. Wenn du an die erste – und beste – APOSTLES-EP „Blow It Up Burn It Down Kick It Till It Breaks“ denkst, woran denkst du dann? An den ersten Track „Pigs for slaughter“ und die brutalen Grafiken und Artikel aus dem Fanzine, aus denen das Artwork besteht. Obwohl es nur drei Ausgaben gab und Pigs For Slaughter vielleicht nicht das bekannteste Fanzine aus dieser Zeit ist, ist sein Einfluss riesig. Es bleibt, rein politisch gesehen, das einflussreichste Anarcho-Punk-Fanzine aller Zeiten. Die erste Ausgabe begann mit den Worten „Im Moment gibt es kein Fanzine für anarchistische Punks“, und so überraschend es heute auch klingen mag, damals stimmte das. Als die letzte Ausgabe von Pigs For Slaughter mit dem aufrührerischen Aufruf „Die einzige Sprache, die Politiker verstehen, ist die von Molotowcocktails, die Polizeiautos in Brand setzen“ endete, begann sich diese Situation zu ändern. Zusammen mit THE APOSTLES war das Fanzine Pigs For Slaughter die erste Stimme in der Anarcho-Punk-Szene, die einen revolutionären, klassenkämpferischen Anarchismus propagierte in einer Bewegung, die zu dieser Zeit überwiegend pazifistisch und nicht auf Konfrontation aus war. Dies wurde mit Entsetzen und Abscheu aufgenommen.
Kannst du das etwas näher erklären?
Der 16-jährige Herausgeber des Fanzines, Ian „Slaughter“ Rawes, Sohn eines Ingenieurs und einer Sekretärin aus Hammersmith, wurde von solchen Punk-Ikonen wie CRASS, Annie Anxiety und FLUX OF PINK INDIANS als „gefährlich“ und „verrückt“ verunglimpft und denunziert. Als Bannerträger der Anarcho-Szene genossen sie allgemeine Bewunderung, doch Ian verhöhnte sie in seinem Fanzine als „feige Pazifisten“ und nannte ihren „gewaltfreien Anarchismus“ eine „Verhinderung revolutionärer Veränderungen“. Während die meisten anderen Fanzines Rezepte für vegetarische Gerichte und Berichte über ausländische Punk-Szenen enthielten, gab es Pigs For Slaughter Rezepte für Brandsätze und Berichte über Unternehmen, denen Briefbomben geschickt worden waren. Ich begegnete diesem „gefährlichen Verrückten“ zum ersten Mal an der Tür des besetzten anarchistischen Zentrums Centro Iberico, als ich im Sommer 1982 dort ein Konzert von THE APOSTLES besuchte. Ich war ein 13-jähriger Punk mit strahlenden Augen und stacheligen Haaren, als er mir beim Bezahlen meines Eintrittsgeldes ein fotokopiertes Blatt überreichte. Es trug den Titel „Warum Punk ein totaler Misserfolg ist“. Angesichts seines Rufs war ich zu schüchtern, um ihm zu widersprechen. Im darauffolgenden Sommer stieg ich bei THE APOSTLES als Schlagzeuger ein und Ian wohnte in dem selben besetzten Haus im Norden Londons wie ihr Sänger und die Gitarristen Andy Martin und Larry Peterson, einem treibenden Motor in der Londoner Power-Electronics- und Industrial-Szene, der die erste EP finanziert und die Split-LP „Live At The LMC“von THE APOSTLES und THE MOB veröffentlicht hatte. Ians elfenbeinweiße Sergio-Tacchini-Trainingsjacke beeindruckte mich ebenso wie seine Behauptung, JOY DIVISION live gesehen zu haben, und es hob ihn definitiv von den anderen ungepflegten Punks in der Szene ab. Wir fanden schnell Gemeinsamkeiten, was unsere Vorliebe für New Yorker Elektromusik, marokkanisches Haschisch und Schundfilme anging. Seine scharfe Beobachtungsgabe und sein einzigartiger Sinn für Humor brachten mich immer wieder zum Lachen. Auch nachdem ich die APOSTLES verlassen hatte, blieben wir in Kontakt. Ich war überglücklich, als er mir bei einem unserer regelmäßigen Telefongespräche mitteilte, dass er beschlossen hatte, nach Schottland zu ziehen, wo er oft bei mir zu Hause in Stirling zu Besuch war und so was wie ein Familienmitglied wurde. Als ich 16 wurde und nach Edinburgh zog, um dort aufs College zu gehen, war Ian wieder an den meisten Wochenenden zu Besuch und zog bald in die Wohnung ein, die ich mir mit Deek von OI POLLOI und Murph, dem ehemaligen Schlagzeuger von THE ALTERNATIVE, teilte. Bis er im Oktober 2021 tragischerweise an einem Gehirntumor verstarb, blieben wir enge Freunde. In den letzten Jahren hatte er sich durch seine Pionierarbeit mit der Website „London Sound Survey“ international einen Namen als Tonkünstler gemacht. Auch wenn Ian Slaughter die einst in Pigs For Slaughter geforderte „Anarchist Punk Revolution“ vielleicht nicht erreicht hat, so hat er damit doch einen unauslöschlichen Funken in der Anarchopunk-Bewegung entfacht, der fast ein halbes Jahrhundert später heller denn je brennt. Auch wenn sein Name nicht so bekannt ist wie der vieler anderer Pioniere der Anarcho-Punk-Szene, hätte er es sicherlich verdient. Ich selbst denke jeden Tag an ihn und vermisse ihn sehr. Ich habe bei zahlreichen Nachrufen auf Ian und seine Arbeit nach seinem Tod mitgeholfen, und der im Standard [siehe Linksammlung] ist wahrscheinlich mein Favorit, da er auch ein schönes Foto enthält, das ich bei einer der letzten Gelegenheiten gemacht habe, als ich ihn auf einer Fieldrecording-Expedition begleitet habe.
Damals kümmerte sich niemand wirklich um Urheberrechte, Veröffentlichungsrechte oder die Archivierung von Aufnahmen. Wie schwierig war es, diese Neuveröffentlichungen zusammenzustellen und alles richtig zu machen?
Es ist lustig, dass du das sagst, denn etwas, das mich immer verwundert hat, ist die Anzahl der angeblich anarchistischen Punkbands, die in den 1980er Jahren auf der Bühne „Smash the state!“ und „Fuck the law!“ riefen, aber jetzt Angst davor zu haben scheinen, ihre eigenen Platten neu aufzulegen, weil sie fürchten, dass sie damit irgendwie Vertragsbruch begehen würden. Nicht einmal bei der Hälfte dieser Platten gab es überhaupt Verträge! Ich habe während meiner Tätigkeit für die Managementfirma, die die Indie-Band SUEDE betreute, genug über Musikverträge und Urheberrechte gelernt, um zu wissen, dass die meisten Verträge das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, und, was noch wichtiger ist, dass der Vertrag in der Regel ohnehin ungültig ist, wenn ein Label es versäumt hat, ein aufgenommenes Werk in irgendeinem Format zum Kauf anzubieten. Also, um deine Frage zu beantworten: Diese Seite der Angelegenheit war überhaupt kein Problem. Tatsächlich war die Gestaltung des Covers mein größtes Problem, da ich ein absoluter Perfektionist bin, wenn es um Grafikdesign geht. Glücklicherweise hatte ich mit Paul Davies einen hervorragenden Designer, der mir bei der digitalen Seite der Dinge half. Als ich damals auf Grafikdesign studierte, waren Photoshop und andere digitale Tools noch völlig undenkbar.
In musikalischer Hinsicht waren die APOSTLES – vor allem in ihren späteren Jahren – ziemlich aufgeschlossen. Dasselbe kann man über einige andere Veröffentlichungen auf Crass Records sagen. Es scheint, dass das Verständnis dafür, was Punk musikalisch sein kann, in der Zwischenzeit im Vergleich zu damals sehr viel enger geworden ist. Wie akzeptiert waren diese „anderen“ Punk-Ansätze im Vergleich zu den eher typischen Klängen?
Der Hauptunterschied zwischen den Anarcho-Punk-Bands und den eher traditionellen Punkbands bestand darin, dass bei den ersteren die Songstrukturen oft zugunsten einer schonungslosen textlichen Polemik aufgelöst wurden, was von einem ähnlich kompromisslosen und aggressiven Sound begleitet wurde. Bemerkenswert ist, dass die ersten Anarcho-Acts, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten und von denen viele auf den bahnbrechenden „Bullshit Detector“-Compilations zu hören waren – die im Laufe der Zeit auch immer formelhafter wurden –, eher wie kantigere LoFi-Versionen früher Post-Punk- und experimenteller DIY-Bands klangen als die Mehrheit ihrer stachelhaarigen Kollegen in der Punk-Szene zu dieser Zeit. Dies sollte nicht überraschen, da die Mehrheit der Punkbands von 1977 ihre nach Vorbildern suchenden Fans nur auf den Rock’n’Roll der 1950er oder den Garage-Rock der 1960er verweisen konnte, während die vielfältige musikalische Palette, derer sich CRASS bedienten, ihre begeisterten Zuhörer in alle möglichen Richtungen jenseits der Parameter des Punk führte. So unterschiedliche Bands wie Björks erste Band KUKL, die Power-Electronics-Pioniere WHITEHOUSE und Adrian Sherwoods On-U Sound-Labelroster teilten sich in ihren Anfangstagen oft die Bühne mit Anarcho-Punk-Bands, und die Beeinflussung war wechselseitig. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, es stimmt, dass wir alle ziemlich aufgeschlossen waren, wenn es um Musik ging, und ich kann mir vorstellen, dass im Laufe der Jahre immer mehr davon in den Sound der APOSTLES einfloss. Abgesehen von den Bands, mit denen wir befreundet waren, hörte damals keiner von uns wirklich viel Punkmusik.
Kannst du ein paar Beispiele nennen?
Andy und Dave standen auf ALTERNATIVE TV, CRISIS, THE PACK, THE AFFLICTED, THIRD WORLD WAR, 12 CUBIC FEET, ALIEN KULTURE, THE ELECTRIC CHAIRS, HAWKWIND, GONG, HERE & NOW, THE GROUNDHOGS, THE POP GROUP, THE FALL, VELVET UNDERGROUND, THROBBING GRISTLE und JOY DIVISION/WARSAW. Und ich stand damals, als ich Mitglied war, hauptsächlich auf elektronische Musik und Hip-Hop. Von den bekannteren Bands mochten wir alle RUDIMENTARY PENI, THE MOB und PART ONE. In den frühen 1980er Jahren, als die gesamte Punk-Szene etwas öde wurde, erschien uns die aufkommende Industrial- und Power-Electronics-Szene mit Acts wie WHITEHOUSE, RAMLEH, CONSUMER ELECTRONICS, SPK, LUSTMORD, NOCTURNAL EMISSIONS oder Maurizio Bianchi als das Aufregendste und Lebendigste, das es derzeit gab. Zusammen mit Larry Peterson von Cause For Concern Records, der schon Alben von THROBBING GRISTLE und eine Compilation mit CHRIS & COSEY, TEST DEPT., ATTRITION und anderen herausgebracht hatte, gründeten wir in Hackney den Recession Club als eine Art Homebase für experimentelle Musik. Hier absolvierten zum Beispiel COIL ihren allerersten Live-Auftritt. THROBBING GRISTLE wohnten nur ein paar Straßen von dem Squat der APOSTLES entfernt und Andy war gut mit Genesis P-Orridge befreundet, – sie trafen sich regelmäßig zum Schachspielen. Und wir hatten ein paar LEMON KITTENS-Cover auf unserem vierten Demo, für das Ian Rawes Backing-Tapes beisteuerte. Dennoch waren wir nie ein vollwertiger Teil der Industrial-Szene und standen immer ein wenig außerhalb. Ich bin seit damals mit den Jungs von WHITEHOUSE, RAMLEH und Consumer Electronics befreundet. Aber ich war früher gemeinsam mit William von WHITEHOUSE als Clubbetreiber aktiv und in den letzten Jahren habe ich Cover-Fotos für Gary von Ranlehs Solo-Projekt KLEISTWAHR gemacht.
Eure Texte waren manchmal ziemlich direkt, mit Zeilen wie „Napalm the NF“ und „The only good nazi is a dead one“. Würdest du das heute wieder so formulieren?
Das würde ich in der Tat, obwohl ich noch viele weitere Namen auf die Liste setzen würde, da die extreme Rechte im heutigen Großbritannien um einiges stärker und gefährlicher ist, als es die Spinner und Synagogenanzünder der NF je waren. Aber um auf die Zeit zurückzukommen, aus der diese Zeilen stammen: THE APOSTLES hatten ihre Basis in Hackney, wo die rechtsextreme National Front und die Neonazis vom British Movement auf den Straßen eine gewaltige Bedrohung darstellten. Es war schnell klar, dass eine pazifistische Einstellung zwar schön und gut ist, wenn man im grünen Epping Forest lebt, aber nicht so praktisch, wenn man auf dem Heimweg von einem Punk-Konzert immer Gefahr lief, von Naziskins verprügelt zu werden. Dieses hippieartige Mantra „Anarchy, Peace and Freedom“ infrage zu stellen, wurde von dieser „Sekte“, die an schwarz gekleidete Buddhisten erinnerte, fast als Ketzerei aufgefasst. Damals wurden wir von den wichtigsten Wortführern in unserer Szene als „Irre“ beschimpft, dabei findet das, wofür wir uns damals einsetzten, heute bei allen Protesten gegen die Regierung, die Polizei, den Kapitalismus oder die Globalisierung auf der ganzen Welt die größte Resonanz.
Einige eurer Texte sind gut gealtert, andere nicht, wie das bereits erwähnte „The Stoke Newington Eight“, in dem einige berüchtigte RAF-Mörder verherrlicht wurden. Die deutsche Linke hat Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, wie falsch die RAF lag und wie falsch es war, mit ihrer Agenda zu sympathisieren. Was denkst du?
Das war mein „Gesangsdebüt“, als ich die Liste mit den Namen der Angry Brigade- und Baader-Meinhof-Mitglieder verlas, und darauf bin ich immer noch ziemlich stolz. Aber ja, die Verehrung von Terroristen und Stadtguerillas durch die APOSTLES war ziemlich naiv, aber ich nehme an, dass auch das eine Reaktion auf den Pazifismus der Szene war – und wahrscheinlich eine Provokation. Die Strophe, die der Aufzählung dieser Namen folgt, lautet jedoch: „Some of you were locked away and some of you have died / What seperates you from the rest is at least you tried / Anarchists and Activists and Nihilists and all / You each have your own part to play to make the system fall.“ Wozu ich immer noch stehe. Wobei ich natürlich nicht davon ausgehe, dass „das System“ in nächster Zeit gestürzt wird. Ich würde im Allgemeinen weder der RAF noch dem avantgardistischen Elitedenken von Terroraktionen zustimmen, die nicht von der Basis unterstützt werden. Übrigens stand ich bis zu seinem Tod im Jahr 2009 mit Jake Prescott von der Angry Brigade in Briefkontakt. Ich habe auch mit mit dem Anarchisten und Aktivisten Stuart Christie korrespondiert. Doch erst 2013, als ich für eine Weile nach Stirling zurückkehrte, um mich um meine Mutter zu kümmern, nachdem bei ihr Krebs im Endstadium diagnostiziert worden war, und sie seine Adresse auf einem Paket sah, das ich verschickte, erfuhr ich, dass sie Stuart Christie kannte, da er ein großer Fan ihrer besten Freundin war, der schottischen Folksängerin Jean Redpath. Die Welt ist klein.
„DIY“ ist ein weiterer Begriff, der häufig im Punk-Kontext verwendet wird. THE APOSTLES waren – das steht in eurer Bandbiografie – Mitbetreiber der Londoner Locations Wapping Anarchy Centre und Centro Iberico. Was für eine Geschichte steckt dahinter?
Jede Musikszene im Vereinigten Königreich hat ihre spirituelle Heimat. Von The Cavern über das Wigan Casino, The Roxy, den Blitz Club bis hin zur Hacienda gab es immer einen bestimmten Veranstaltungsort und einen harten Kern von Musikern, Dichtern und „Gesichtern“, die sich dort trafen und untrennbar mit ihren jeweiligen Subkulturen verbunden waren. Für die Szene, die zum „Anarcho-Punk“ wurde, wie wir ihn heute kennen, waren es diese beiden Londoner Anarcho-Zentren, die von 1980 bis 1982 existierten. Diejenigen, die dort ein- und ausgingen, dort probten und spielten, waren die Anarchy Centre-Punkbands und die wahren Vorläufer des Anarcho-Punk. Das erste anarchistische Zentrum in Wapping, besser bekannt als Autonomy Centre, wurde größtenteils durch die Einnahmen der CRASS/POISON GIRLS-Split-Single „Bloody Revolutions/Persons Unknown“ finanziert. Es befand sich tatsächlich unter der anarchistischen Druckerei Little-@-Press, in der Andy und Dave arbeiteten, und sie waren es auch, die den Standort vorschlugen. Zusammen mit einigen eher traditionellen Anarchisten wie Ronan Bennet, Vince Stevenson und anderen, die im „Persons Unknown“-Prozess wegen terroristischer Verschwörung angeklagt waren, aber auch mit Ian Slaughter, Tony Drayton und dem Kill-Your-Pet-Puppy-Kollektiv sowie einigen Leuten aus befreundeten Bands wie Grant von RUDIMENTARY PENI und Mitgliedern von THE MOB, ASSASSINS OF HOPE, FLACK waren sie maßgeblich an der Gründung des Zentrums beteiligt. Als dieser Ort aus Gründen geschlossen wurde, an die ich mich nicht mehr genau erinnern kann, die aber meiner Meinung nach hauptsächlich darauf zurückzuführen waren, dass die anfängliche Finanzspritze einfach versiegte, zogen die Organisatoren in das besetzte Centro Iberico in Notting Hill, das von legendären spanischen Anarchisten wie Miguel Garcia gegründet worden war, der ursprünglich zum Tode verurteilt worden war und unter dem faschistischen Diktator Franco zu lebenslanger Haft begnadigt wurde.
Was für Leute waren da aktiv?
Hier tummelte sich zu dieser Zeit eine lebendige Ansammlung von Agitatoren und Künstlern, darunter der Musiker und zukünftige Madonna-Produzent William Orbit und Eliseu Huertas Cos, ein Freund des THROBBING GRISTLE-Gefährten und katalanischen Surrealisten Jordi Valls, auch bekannt als Vagina Dentata Organ. Deshalb traten auch THROBBING GRISTLE dort auf und später WHITEHOUSE, die ihre Verbindung zur Avantgarde-Kunst aufrechterhielten und das Neo Naturist Cabaret als Vorgruppe dabei hatten, zu deren Darstellern auch der künftige Turner-Preisträger Grayson Perry alias „Claire“ gehörte. Meine bleibende Erinnerung an das Centro war, dass es nicht im Entferntesten so war wie die Veranstaltungsorte, an denen ich zuvor Punkbands wie THE CLASH, UK SUBS oder STIFF LITTLE FINGERS gesehen hatte. Es war nicht einmal wie die Gemeindesäle und Pfadfinderhütten, in denen ich CRASS spielen gesehen hatte. Es sah aus, wie man sich einen Veranstaltungsort nach der Apokalypse vorstellt. Mit kaputten Möbeln, einer Bühne, die aus Bierkisten und alten Türen bestand, und schimmeligen alten Teppichen, die an den Wänden hingen, während unterernährte Hippies barfuß zwischen den herumliegenden Punks und den Glasscherben herumtänzelten. Es war ein ganz besonderer Ort. Und sicherlich nichts, das ich mir heute auch nur ansatzweise vorstellen könnte, obwohl es bemerkenswert ist, wie viele erstaunliche, wegweisende und kreative Persönlichkeiten aus dieser Szene und diesem Milieu hervorgegangen sind.
CRASS gelten allgemein als das Zentrum dieses Teils der Punk-Welt. Wie wichtig waren sie damals? Und welche anderen Bands von damals sollten nicht vergessen werden?
Der Einfluss von CRASS ist nicht zu unterschätzen und natürlich haben sie den Grundstein für die Szene gelegt. Aber was Menschen, die damals nicht dabei waren, nicht erkennen, ist, dass ihr wahres Vermächtnis weit über sie als Band/Kunstkollektiv hinausging. Es gibt eine Menge Unsinn, den die Leute heute über sie glauben, wie zum Beispiel die Annahme, dass es eine Art Verschwörung gab, um ihre Platten aus den Charts herauszuhalten. Dabei verkauften sie sich in respektablen Stückzahlen, was sich in den damaligen alternativen Chartplatzierungen widerspiegelte, aber sie hätten DURAN DURAN oder der GANG OF FOUR damit kaum schlaflose Nächte bereitet. Außerdem glaube ich, dass das größte Publikum, vor dem sie je gespielt haben, nicht einmal tausend Leute waren. Und sie haben ganz sicher nicht die Campaign for Nuclear Disarmament und die Friedensbewegung wiederbelebt! Abgesehen von ein paar Anspielungen in ihren Songtexten und einem Handzettel, auf dem ein Rezept für Brot abgedruckt war, haben sie sich, im Gegensatz zu dem, was viele heute fälschlicherweise glauben, auch nicht für Tierrechte eingesetzt. Und ihre Einstellung zu Rassismus, Klassenkampf und anderen sozialen Faktoren, die die wahren Ursachen von Unterdrückung waren, war erbärmlich. Selbst ihr „Feminismus“ stellte die Frau nur als das ewige Opfer dar, anstatt sie zu stärken. Ich bin absolut verzweifelt, wenn ich auf Anarcho-Punk-Seiten bei Facebook Dummköpfe sehe, die die unüberlegten Texte der CRASS-Songs „White punks on hope“ und „Bloody revolutions“ nachplappern, als wären sie ein päpstliches Edikt. Und was die Zeilen „Pogo on a Nazi, spit upon a Jew / Vicious mindless violence that offers nothing new / Left wing violence, right wing violence all seems much the same / Bully boys out fighting, it’s just the same old game“ betrifft, ist das eine so falsche Gleichsetzung und so offensichtlich absurd, dass es nicht einmal einen Kommentar verdient. Aber niemand kann leugnen, dass sie den Funken lieferten, der die Lunte entzündete.
Kannst du das konkretisieren?
Ihr Verdienst war es, Tausende von Punks, die zuvor eher unpolitisch waren oder bestenfalls Anti-Establishment in einer vagen Besaufen-und-Zerstören-Art, zu inspirieren zu hinterfragen, wie die Gesellschaft organisiert ist – und von wem für wen – und, was sehr wichtig ist, daran zu glauben, dass sie durch Aktivismus und Protest Veränderungen bewirken könnten. Obwohl ich eigentlich argumentieren würde, dass CRASS angesichts ihres Profils völlig richtig lagen, unter ihren Anhängern keine Illegalität oder Militanz zu fördern, da jedem, der über die Texte und Slogans hinausblickte, klar wurde, dass Direct Action und aktiver Widerstand in den meisten Fällen der einzige Weg waren, um etwas zu bewirken. CRASS wurden für die Anarcho-Punk-Bewegung, die sie inspiriert hatten, mit der Zeit weitgehend irrelevant. Ich selbst hatte Ende 1982 so ziemlich das Interesse an ihnen verloren. Ich glaube nicht, dass ich mir „Christ The Album“ oder eine der späteren Singles gekauft habe, da Bands wie THE APOSTLES, THE SINYX, THE EX, THE ASSASSINS OF HOPE, LACK OF KNOWLEDGE, COLD WAR, THE S-HATERS, TERMINAL DISASTER, FLACK, FALLOUT, die ursprünglichen NAPALM DEATH und viele andere, die nie die Anerkennung erhalten haben, die sie zu Recht verdient hätten, politisch unendlich fortschrittlicher und auch musikalisch interessanter zu sein schienen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass CRASS als Band an sich immens wichtig waren und, was genauso wichtig ist, die „Bullshit Detector“-Alben herausbrachten, die der damals noch namen- und begrifflosen Anarcho-Punk-Szene einen Fokus und eine Identität gaben. Aber als die Bewegung wuchs und sich organisch und von innen heraus entwickelte, nahm ihre Bedeutung innerhalb der Szene ab. Ich bin mir sicher, dass es genau das war, was sie wollten.
Wie habt ihr Anarchie damals definiert? Es scheint, als würden viele im Jahr 2025 leider zuerst an den argentinischen Präsidenten Milei denken, wenn dieser Begriff fällt.
Man kann mit Sicherheit sagen, dass THE APOSTLES vielen, die sich für Anarcho-Punk interessierten, durch die Texte und die von uns produzierten Veröffentlichungen den „echten Anarchismus“ näherbrachten: Andy produzierte „Scum“, ich produzierte „Angry“ und natürlich trug das Pigs For Slaughter-Zine immens zur politischen Bildung bei. Trotz all ihrer Fehler waren es offensichtlich CRASS, die mich und die meisten anderen in der damaligen Szene mit dem Konzept des Anarchismus an sich bekannt machten und dazu motivierten, mich über die Geschichte der Bewegung und ihrer Protagonisten zu informieren und grundlegend zu verstehen, wofür die Theorie hinter dem Anarchie-Zeichen, das ich auf meine Lederjacke gemalt hatte, eigentlich stand. Es versteht sich von selbst, dass mir dabei immer mehr klar wurde, dass die politische Einstellung von CRASS entgegen der landläufigen Meinung nicht einmal im traditionellen Sinne anarchistisch war, obwohl sie zugegebenermaßen Elemente von Kropotkins sanftem/kollektivistischem Anarchismus enthielt. Wenn überhaupt, dann ähnelte es eher einer Art selbsternanntem säkularem Quäkertum, insbesondere in Bezug auf ihre allgemeine Askese, ihren Pazifismus, ihren Vegetarismus und ihre plumpe Beschwörung eines jüdisch-christlichen Konzepts von Moral. Aber eigentlich ist das überhaupt kein Anarchismus, da sie das Konzept des Klassenkampfes ablehnten, das dafür grundlegend ist und sein Herzblut darstellt. Ebenso wie der Widerstand gegen den Kapitalismus und der Kampf gegen den Faschismus, die dieses Herz am Leben erhalten. Aber trotz aller politischen Naivität haben CRASS mich, und ich hoffe auch alle anderen mit einem aktiven Gehirn und kritischen Fähigkeiten, dazu angeregt, über die Texte hinauszuschauen, und die meisten von ihnen dazu angetrieben, alle Erscheinungsformen rechter, reaktionärer Politik und des Staatsapparats aktiv infrage zu stellen und physisch zu bekämpfen, wo immer sie auftauchten. Denn das ist der einzige Weg, wie man ihnen jemals entgegentreten und sie besiegen kann. Das Beste und Wertvollste, was Anarchisten heute tun können, ist, ihre Energie dem Kampf gegen den sehr realen und sehr bedrohlichen Aufstieg des Faschismus sowohl auf der Straße als auch, was heute im Kampf um die Herzen und Köpfe genauso wichtig ist, online zu widmen und sich auch an basisdemokratischen Kämpfen zu beteiligen. Denn du kannst darauf wetten, dass sowohl rechte als auch linke Opportunisten dies nur für ihre eigenen eigennützigen Zwecke tun werden.
Siehst du dich heute noch als Anarchist?
Ich würde mich nicht mehr als Anarchist bezeichnen, denn je mehr man vom Leben sieht, desto unvorstellbarer erscheint eine Gesellschaft, die nach anarchistischen Prinzipien geführt wird. Ich habe jedoch nach wie vor Grundüberzeugungen, die vom Anarchismus geprägt sind und es immer sein werden. Ich kenne Milei nicht allzu gut, abgesehen von dem, was ich nach seiner Wahl in der Presse gelesen habe. Aber er kann sicherlich nicht schlimmer sein als der abscheuliche „libertäre“ Anarchismus, der in den letzten Jahren populär geworden zu sein scheint und im Grunde nur ein für unser postmodernes Zeitalter zurechtgemachter und mit einem ausgefallenen Image versehener Third-Position- beziehungsweise Strasseristischer Querfront-Faschismus ist.
Du hast von euren diversen Aktionen berichtet. Habt ihr denn damals oft Probleme mit der Polizei bekommen?
Nicht wirklich. Ich war gerade 14, 15, als ich bei THE APOSTLES war, und nachdem ich die Band verlassen hatte, entfernte ich mich irgendwie von der Anarcho-Punk-Szene. Und auch danach, als ich bei der Class War-Zeitung mitmachte, wo ich Artikel verfasste und zu mehreren frühen Ausgaben Grafiken beisteuerte. Als ich die Gruppe verließ, wie die meisten Londoner Mitglieder, als sie 1985 zur Class War Federation wurde, glaube ich nicht, dass die Polizei sie wirklich ernst genug nahm, um eine aufwändige Überwachung zu rechtfertigen, obwohl ich verstehe, dass sich das nach dem Poll Tax Riot 1990 für eine Weile geändert hat. Ich glaube, die einzigen Male, als ich während meiner Zeit bei den APOSTLES Probleme mit der Polizei bekam, waren nicht gerade mit Anarchismus verbunden. Abgesehen von der Verhaftung wegen dummer Sachen wie der Zerstörung von Nobelkarossen und der Rädelsführerschaft bei einem Angriff auf einen Stand der Jungen Konservativen, der ausgerechnet an dem Tag aufgebaut worden war, an dem in Edinburgh das Punks Picnic stattfand. Einmal bin ich mit Dave zu einem besetzten Haus gegangen, um Drogen zu besorgen, und offenbar wurde der Ort, ohne dass wir es ahnten, observiert. Als die Polizei eine Razzia durchführte, wurde ich als Verdächtiger festgenommen. Da ich 14 Jahre alt war, dachten sie, ich sei von zu Hause ausgerissen und hätte mich auf schlechte Gesellschaft eingelassen. In Wirklichkeit hatten meine Eltern schon lange aufgegeben, mich zu kontrollieren, und mich einfach mir selbst überlassen, im Guten wie im Schlechten. Ich wurde auf die örtliche Polizeiwache gebracht, wo man versuchte, meine Eltern zu erreichen, die aber gerade im Urlaub waren. Also kontaktierten sie peinlicherweise den Direktor meiner Schule, da sie einen „verantwortungsbewussten Erwachsenen“ finden mussten, der ihnen bestätigen konnte, wer ich war. Ich wurde dann in einen Zug zurück nach Schottland gesetzt, aber da ich in London war, um mit den APOSTLES eine Platte aufzunehmen, und das nicht verpassen wollte, stieg ich einfach am ersten Bahnhof wieder aus und nahm den nächsten Zug zurück nach London und kehrte zu Andys besetzter Wohnung zurück, worüber er natürlich nicht allzu erfreut war, aber zum Glück gab es keine Konsequenzen, nur dass ich von meinen Eltern eine Tracht Prügel bekam, als ich schließlich nach Hause zurückkehrte.
THE APOSTLES engagierten sich in der Schwulenrechtsbewegung, während andere Punkbands zeitweise eine eher homophobe Sprache verwendeten. Was sind deine Erinnerungen daran?
Ich glaube, Andy und Dave waren wahrscheinlich die ersten Persönlichkeiten in der Anarcho-Szene, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten, und mir fallen auch keine anderen aus der breiteren Punk-Szene ein, die sich damals geoutet haben. Andy, der immer etwas älter war als die meisten anderen in der Szene, hatte sich bereits in den 1970er Jahren in der Gay Liberation-Bewegung engagiert und versucht, zusammen mit Wayne/Jayne County ein Gay-Punk-Festival zu organisieren, als sie zu Zeiten des Roxy Clubs in London waren. Dabei wären CHELSEA und THE RAPED zusammen mit Andys damaliger Band THE WITCHES aufgetreten, neben Wayne County die einzige Punkband zu dieser Zeit mit geouteten schwulen Mitgliedern. Aber aus irgendeinem Grund kann ich mich nicht daran erinnern, warum es nie passiert ist. Obwohl ich selbst nicht schwul bin, wurde ich immer dazu erzogen, Fanatiker und Tyrannen zu hassen, und ich erinnere mich, dass ich wirklich überrascht und schockiert war, wie viel Homophobie THE APOSTLES erfuhren, als ich Mitglied war, sogar von einigen Leuten aus der angeblich so liberalen Anarcho-Gemeinschaft. Und heute ist es enttäuschend, die Transphobie zu sehen, die immer noch in dieser Gruppe existiert. Diese wird natürlich von der amerikanischen christlichen Rechten als Waffe eingesetzt, um Angriffe auf die lesbische, schwule und bisexuelle Community zu rehabilitieren, die mittlerweile weitgehend in die normale Gesellschaft und Kultur integriert ist. Wenn Punk jemals für etwas stand, dann für Inklusivität und den Widerstand gegen konservative Vorurteile. Fanatismus ist Fanatismus, und ob er sich gegen Hautfarbe, Sexualität oder Geschlecht richtet: Wenn du ein Fanatiker bist oder Fanatismus und Vorurteile nicht aktiv infrage stellst, sobald du sie siehst, insbesondere in der Punk-Szene, kannst du in Teufels Küche kommen. Und diejenigen, die das nicht tun, sind einfach nur rückgratlose Wichser und eine Schande für die Ideen, die sie einst vertraten.
Was ist aus deinen ehemaligen Bandmitgliedern geworden?
Leider ist Andy vor einigen Jahren ganz falsch abgebogen, was ihn von einer der faszinierendsten und inspirierendsten Figuren, die die Bewegung je hervorgebracht hat, zu einem Kayne West für Arme des Anarcho-Punk gemacht hat. Ein anderes Mitglied, das an einer der Singles beteiligt war, auf denen ich Schlagzeug spielte, hat eine ähnliche Wendung Richtung Anti-Impf-Verschwörungsmist und Holocaust-Leugnung genommen. Wie Andy selbst ironisch auf unserer ersten EP gesungen hat: „The only good nazi is a dead one.“ Insofern habe ich Dave seit Jahrzehnten weder gesehen noch Kontakt zu ihm gehabt, aber ich hoffe, dass er glücklich und wohlauf ist, was auch immer er gerade macht. Ich glaube, er unterrichtet heute Kampfsport. Ich bin aber mit Larry Peterson in Kontakt geblieben, der „Hello, you bastard“ gesungen und die erste APOSTLES-EP und mehrere Kassetten veröffentlicht hat, und er ist immer noch so ein wacher Geist wie eh und je. Ich bin sogar erst vor ein paar Tagen mit ihm etwas trinken gewesen. Und es ist erwähnenswert, auch wenn ich nie zur gleichen Zeit wie er in der Band war, aber es ist einfach so bizarr, dass ein bestimmter ehemaliger Gitarrist der APOSTLES, der amerikanischer Ureinwohner ist, bei unserem letzten Treffen gerade aus Amerika von einer Tour mit einem von ihm produzierten Künstler kam, der ... Kid Rock war! Unglaublich, aber wahr! Obwohl ich mir natürlich nicht vorstellen kann, dass er das immer noch tut, wenn man Kid Rocks widerwärtige Ansichten bedenkt.
Was sind deine jüngsten und aktuellen musikalischen Aktivitäten, was machst du beruflich?
Nach meiner Zeit bei THE APOSTLES war ich eine Weile bei OI POLLOI. Ich habe auf ihrem ersten Album „Unite And Win!“ und auf ihrer ersten Europatournee Schlagzeug gespielt und saß danach etwa zehn Jahre lang nicht mehr hinter einem Schlagzeug. In dieser Zeit leitete ich Acid-House-Clubs, legte als DJ auf und nahm Techno/House-Musik auf. Nachdem ich nach London gezogen war, begann ich in einer Managementfirma für Indie-Bands wie SUEDE, PRIMAL SCREAM und ECHOBELLY zu arbeiten, wodurch ich dazu kam, für eine portugiesische Band namens THE PARKINSONS zu trommeln, die sie manageten und die einen Schlagzeuger brauchten. Ich nahm mit ihnen ein schreckliches Album und eine Single auf – produziert von dem Typen, der auch das Album der SPICE GIRLS gemacht hat –, spielte aber mit ihnen auf allen großen europäischen Musikfestivals, tourte durch Japan und die USA und schaffte es an die Spitze der Charts in Portugal, was alles ziemlich beeindruckend war und sehr weit von der DIY-Szene entfernt, die ich vorher kannte. Ich gründete mit ein paar anderen Saufkumpanen aus Camden eine Band namens QUANGO, die eine sehr rohe, aber großartige Platte namens „Fatality“ aufnahmen, die im Grunde genommen wie all unsere gemeinsamen Einflüsse klingt – SIX MINUTE WAR, CRISIS, THE RONDOS, RUDIMENTARY PENI und WARSAW – und die sich ziemlich gut verkaufte. Ich habe auch für die Band von Billy Rath getrommelt, der durch Johnny Thunders und Iggy Pop bekannt wurde, als er in London war, und vor allem für die RUDIMENTARY PENI-Schwesterband PART 1, als sie sich 2013 neu formierten, mit denen ich ein leider unveröffentlichtes Demo aufgenommen habe und durch Europa und Amerika getourt bin, bevor leider alles in sich zusammenbrach. In den letzten Jahren ist das Schlagzeugspielen gegenüber anderen Projekten, an denen ich beteiligt war, in den Hintergrund getreten. 2016 schlug mir ein Freund, der eine Kunstgalerie in London leitete, vor, eine Ausstellung mit den Fotos zu machen, die ich auf Facebook gepostet hatte und die die Punk-Szene in Tokio dokumentierten, die ich seit meinem Umzug dorthin fotografiert hatte. Ich hatte nie zuvor darüber nachgedacht, denn obwohl ich seit meiner Kindheit fotografiere, habe ich keine fotografische Ausbildung. Ich wählte etwa 80 meiner Lieblingsfotos aus, und diese bildeten meine erste Ausstellung mit dem Titel „Up Yours! Tokyo Punk & Japanarchy Today“, die ein großer Erfolg war und der ein Fotobuch und Ausstellungen in ganz Europa, Amerika, Japan und Mexiko sowie eine Zusammenarbeit mit Vice, Vogue und I-D folgten.
Und in Sachen Platten, was tat sich da?
Vor kurzem war ich Co-Kurator der Optimo Records-Compilation „Cease & Resist – Sonic Subversion & Anarcho Punk In The UK“, die Tracks von CRASS, CHUMBAWAMBA, THE EX, POISON GIRLS und THE CRAVATS enthält. Alle damit erzielten Gewinne wurden an die Scottish Campaign For Nuclear Disarmament und das Faslane Peace Camp gespendet. Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte ich im Selbstverlag das Buch „Best B4 1984: Fanzine And Flyer Images From The Original Anarcho Punk Underground“, das eine Auswahl meiner Lieblingstexte und -grafiken aus meinem persönlichen Archiv zusammenfasst. Es wurde kürzlich neu aufgelegt. Leider musste ich einen Rückschlag hinnehmen, der zu einer Verzögerung bei der Produktion meines nächsten Fotobuchs „Beyond the Monochrome“ geführt hat. In diesem Buch sind die Anarcho-Punk-bezogenen Fotos zusammengestellt, die ich zwischen 1982 und 1985 nicht nur von Bands wie CRASS, CONFLICT, THE ALTERNATIVE, OI POLLOI und vielen anderen gemacht habe, sondern auch in Punk-Squats, anarchistischen Zentren, DIY-Veranstaltungsorten, bei Class War-Veranstaltungen, Stop-the-City-Aktionen, Tierrechtsdemos, CND-Kundgebungen, Streikposten bei Bergarbeiterstreiks, Punk-Picknicks ... und vieles mehr, was das gesamte Spektrum dessen zeigt, was die Szene damals ausmachte. Wenn alles gut läuft, wird es aber diesen Sommer erscheinen. Wer mehr über die oben genannten Themen erfahren möchte, kann mich leicht in den sozialen Medien finden, wobei ich Instagram dem zunehmend toxischen Umfeld von Facebook vorziehe. Was die Musik angeht, bin ich fest entschlossen, ein Projekt auf den Weg zu bringen, über das ich schon seit einiger Zeit mit meinem alten Kumpel Justin Broadrick von NAPALM DEATH, GODFLESH, JESU und den RAMLEH-Jungs spreche, das aber aus gesundheitlichen oder anderen Gründen noch nicht zustande gekommen ist. Die Idee ist, dass es zwei Schlagzeuger geben wird: Stuart Dennison von RAMLEH und SKULLFLOWER und mich, was ziemlich beeindruckend sein dürfte, wenn es klappt, und man kann mit Sicherheit sagen, dass es verdammt intensiv sein wird! Was meine Arbeit angeht, so ist London in den letzten Jahren so wahnsinnig teuer geworden, dass die einfache Antwort lautet: Was immer ich kann. Und bei all den Projekten, die ich habe, habe ich selten Zeit, mich hinzusetzen und ein Interview wie dieses zu beantworten. Ich hoffe, dass es allen, die es lesen, genauso viel Spaß gemacht hat wie mir, die zum Nachdenken anregenden Fragen zu beantworten. Ich danke euch allen für eure Zeit und euer Interesse. Lasst euch niemals dazu verleiten, diejenigen, die weder Macht noch Reichtum haben, für die Probleme verantwortlich zu machen, die von denen verursacht wurden, die beides haben, und lasst euch niemals von diesen Bastarden zermürben!
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Diskografie
„Blow It Up Burn It Down Kick It Till It Breaks“ (7“, Self-Release, 1983) • „Rising From The Ashes“ (7“, Scum, 1983) • „The Curse Of The Creature“ (7“, Scum, 1984) • „The Giving Of Love Costs Nothing“ (7“, Scum, 1984) • „Smash The Spectacle!“ (7“, Mortarhate, 1985) • „Death To Wacky Pop“ (7“, Split w/ THE JOY OF LIVING, Fight Back, 1986) • „The Split EP“ (7“, Split w/ ANATHEMA, Fight Back, 1986; Rerelease Inflammable Material 2019) • „Punk Obituary“ (LP, Mortarhate, 1986) • „The Lives And Times Of The Apostles“ (LP, Children Of The Revolution, 1986) • „How Much Longer?“ (LP, Acid Stings, 1986) • „Equinox Screams“ (LP, Andy Brant Inc., 1987) • „The Acts Of The Apostles In The Theatre Of Fear“ (LP, Acid Strings, 1988) • „The Other Operation / Reminence Of A Destructive Age“ (LP, Split w/ STATEMENT, Active Sounds, 1988) • „Hymn To Pan“ (LP, No Master’s Voice, 1988) • „No Faith No Fear / Who Won The Human Race?“ (7“, Split w/ STATEMENT, Active Sounds, 1989) • „Best Forgotten“ (2LP Comp, Horn of Plenty, 2022) • „There Can Be No Spectators“ (2LP/2CD Comp, Grow Your Own, 2024)
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