
Tobbe Falarz ist kein Mensch, der gerne zurückblickt, und so hätte er fast das Jubiläum seiner Plattenfirma verpasst. Wir sprechen aber mit dem Kopf von Arising Empire, dem Label, das Bands wie LANDMVRKS, IMMINENCE, LIONHEART und vielen anderen ein Zuhause bietet.
Ich war fast ein wenig erschrocken, als ich gehört habe, dass Arising Empire jetzt schon die zehn Jahre vollmacht. Wie geht es dir damit, wenn du das hörst?
Bei mir ist das genauso. Ich habe keine Ahnung, wo diese zehn Jahre geblieben sind. Die sind wirklich wie im Flug vergangen. Liegt wahrscheinlich auch teilweise daran, dass ich mich wirklich in die Arbeit gestürzt habe, aber dass das so schnell geht, diese zehn Jahre, da musste ich mich wirklich umgucken. Ich musste auch erst darauf hingewiesen werden. Ich glaube, ich hätte unser Jubiläum verschlafen.
Ich finde, das ist eigentlich ein gutes Zeichen, weil das heißt, dass man sehr aktiv ist und soweit alles noch läuft. Wenn man seine Jahrestage so auf dem Schirm hat, geht es häufig nur noch um Nostalgie.
Also ich muss sagen, ich bin ganz froh, dass diese Jubiläen nicht allzu häufig sind, denn ich bin nicht so der Mensch, der gerne zurückblickt. Ich sehe lieber nach vorne. Und ich glaube, so versuche ich das auch mit dem Label zu halten.
Du hast ja bereits einiges an Labelerfahrung gesammelt, auch vor Arising Empire. Wo siehst du bei deiner jetzigen Arbeit Parallelen oder Unterschiede zu dem, was du vorher gemacht hast oder wo du herkommst?
Angefangen habe ich schon, sage ich mal, Anfang der 1990er. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch das Lager betreut bei einem Vertrieb, der alles Mögliche an Tonträgern im Programm hatte. Da habe ich das Lager gefegt und Platten verpackt und gleichzeitig damit angefangen, mein Label zu starten, wobei sich Bands wie ALL OUT WAR auch sehr schnell großer Beliebtheit erfreuten. Da wurden die Cover noch selber mit dem Pritt-Stift beklebt oder die Rückseiten mit der Schreibmaschine beschriftet. Da war das Faxgerät noch ein gängiges Medium der Kommunikation. Und wenn ich jetzt mal an die People Like You-Zeit denke, die so in den 2000ern losging mit Punk’n’Roll und all so was, kann man die Arbeit mit Arising Empire damit eigentlich so gut wie gar nicht mehr vergleichen. Der Arbeitsalltag ist komplett, also wirklich in jeglicher Hinsicht nicht mehr derselbe. Ich glaube, das Einzige, was sich nicht geändert hat, ist, dass man ab und zu ein Telefon benutzt und dass man auch einen Computer braucht. Aber was sich da alles geändert hat, auf wie vielen Ebenen, ist schon erstaunlich. Also es gab das Telefon, es gab ein Faxgerät, es gab Briefsendungen und da musste man bei allem, was das Organisatorische angeht, aber auch was die Herstellung betrifft, oft wirklich Geduld haben. Es war alles noch sehr viel mehr handmade.
Fehlt dir das manchmal, also gerade dieser Handmade und Hands-on-Aspekt?
Das hatte zu seiner Zeit alles so seine Qualitäten. Wie gesagt, ich schaue nicht gerne zurück und ich bin eigentlich ganz froh, dass ich keinen Pritt-Stift oder keine Schreibmaschine mehr benutzen muss. Aber zu der damaligen Zeit war es auch so, dass nicht jede Band ein Management hatte, nicht jede Plattenfirma hatte einen Plan. Zu einem großen Teil war es der DIY-Gedanke, der einen nach vorne getrieben hat. Und mit geballter Freude am Machen wurde dann eine Platte veröffentlicht. Da war auch egal, ob eine Band gerade auf Tour ist oder nicht. Das wurde gemacht. Wenn es fertig war, war es fertig und dann wurden Konzerte gespielt. Und das hatte genauso seinen Reiz wie vielleicht das jetzige professionelle Arbeiten mit Dropboxen, künstlicher Intelligenz und was weiß ich, was es heute alles für Hilfsmittel gibt.
Wenn ich die letzten zehn Jahre Arising Empire so betrachte, hatte ich immer das Gefühl, dass es da eine besondere Fähigkeit gibt, immer irgendwo total spannende Newcomer auszugraben und die zu Headlinern zu machen. Ist das nur Zufall oder steckt ein Plan dahinter?
Zu den Anfängen von Arising Empire war das natürlich ... Wie soll ich sagen, was heißt Zufall? Man fängt ja sozusagen bei Null an, sitzt an einem Schreibtisch und hört sich Musik an und irgendwann sagt man, stopp, das gefällt mir. So war das bei NOVELISTS oder bei EMINENCE. Und da wurde nicht nach Zahlen oder nach Profit oder dergleichen entschieden, sondern was zählte, war einfach nur, das ist eine tolle, interessante Band.
Und so hat es einfach angefangen. Man ist zusammen den Weg gegangen und viele Leute empfanden es dann ähnlich, dass diese Bands gut sind. Und so sind mit dem Label die Bands gewachsen und andersherum. Und man hat, da diese Szene sehr aktiv ist und auch sehr viele Bands ihr Unwesen treiben, immer sehr viel kommuniziert mit Musikern, mit Managements, mit Leuten, die zu Konzerten gehen und so weiter. Natürlich bekommt man dadurch sehr viel Input und auch sehr viele neue Bands vorgestellt. Am Anfang war es einfach das leere Blatt Papier und mittlerweile ist es einfach so, dass neben den großen Namen auch weiterhin kleinere Bands mit aufgebaut werden. Das finde ich auch ganz schön so und spannend. Es ist auch immer wieder toll zu sehen, was man bei einer Band, die im Grunde genommen keiner kannte oder die vielleicht nicht einen einzigen Instagram-Follower hatte, wie zum Beispiel THROWN, also was man da mit geballtem Aktivismus alles erreichen kann.
Ist es schwieriger geworden, eine Band irgendwo zu finden und zu sagen, das gefällt mir, da arbeiten wir jetzt dran?
Ja, das ist es. Also 2025 war ein schwierigeres Jahr als das davor und ich weiß nicht, inwieweit da Besserung zu erwarten ist. Es gab mal eine Handvoll Labels, die sich um diese Art von Musik gekümmert haben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr, denn auch diese Art von Musik ist stärker in den Fokus gerückt, weil aus dieser Heavy-Ecke die neue Generation des Heavy Metal hervorgegangen ist, so sehe ich das jedenfalls. Ältere Bands werden mit der Zeit stiller und leiser, einfach aus bekannten Gründen, weil man über 70 ist, und es folgen eben jüngere Bands nach. Wenn man sich PARKWAY DRIVE anschaut, die zum Beispiel in Dortmund vor 15.000 Leuten in der Westfalenhalle spielen, kann man nicht mehr sagen, dass das noch irgendwie eine Nische ist. Diese Musik ist einfach in den Mainstream reingewachsen. Und das bleibt natürlich großen Labels auch nicht verborgen. Und dementsprechend ist es schwieriger, passende neue Bands zu finden, weil sehr viele Labels Interesse an Nachwuchs haben, auch schon in den frühen Stadien. Die Leute haben aber trotzdem nicht mehr Geld. Die
Tickets werden immer teurer und viele überlegen es sich jetzt zweimal, ob sie sich das Vinyl von einem Newcomer kaufen oder auf ein Festival fahren. Das merkt man schon.
Zehn Jahre sind natürlich eine lange Zeit, da ist viel passiert, andererseits ist das auch einfach so an dir vorbeigerauscht. Mal angenommen, wir sitzen hier wieder im Jahr 2035, was glaubst du, wie sich das Labelgeschäft bis dahin weiter entwickelt hat?
Das ist eine Frage, die mich auch beschäftigt. Gar nicht so viel, wie man vielleicht denkt, wird sich durch die künstliche Intelligenz verändern. Ich glaube, dass die nur im Hintergrund eine Rolle spielen wird. Ganz viele Menschen, die in dem Bereich arbeiten, haben Angst um ihren Job und fragen sich, was da mit diesen ganzen computergenerierten AI-Bands passiert. Diese Frage stellt sich für mich nicht. Ich finde, Kunst und Musik sind immer noch was Menschliches und Gefühlssache und, zumindest in der Szene, in der wir uns bewegen, auch eine Lebenseinstellung – und das lässt sich nur oberflächlich kopieren. Ich glaube, diese Kunstform wird weiterhin existieren, ob es am Ende immer noch um Streaming geht, kann man nicht vorhersagen. Früher dachte man, nach den Downloads geht es nicht weiter, an Streaming hatte noch keiner gedacht. Da sieht man, wie schnell das alles gehen kann. Nun sind wir schon längst da angekommen, dass das Streaming eigentlich das Hauptmedium ist, mit dem Leute Musik hören. Aber wer wiederum hätte damals gedacht, dass man heute
immer noch Vinyl herstellt? Das gibt’s ja auch noch. Man ist vor Überraschungen nie gefeit.
Aber eins kann ich dir auf jeden Fall versprechen: Es wird 2035, take it for granted, immer noch handgemachte Musik geben und natürlich auch Leute, die Musik hören.
© by Fuze - Ausgabe #115 Dezember 2025 /Januar 2026 2025 und Dennis Müller