
Ganze acht Jahre hat es gedauert, bis die Hamburger ARRESTED DENIAL mit „Nirgendwo angekommen“ wieder eine neue Platte an den Start bringen. Dazwischen liegt eine Zeit mit Höhen und Tiefen. Valentin (voc, gt) und Daniel (dr, voc) geben einen Einblick in das, was in den letzten Jahren passierte und was euch auf der neuen Platte erwartet.
Im Vergleich zum letzten Album „Frei.Tal“ von 2017 gibt es einige Veränderungen im Line-up. Wer ist nun dabei und wie kam es zu den Wechseln?
Valentin: Die markanteste Änderung ist sicherlich, dass wir uns vor ein, zwei Jahren doch endlich mal dazu durchgerungen haben, mit Pip einen festen Trompeter in die Band aufzunehmen. Jetzt müssen wir also nicht mehr RANTANPLAN, OXO 86 oder DIE BRASSTERDS anzapfen. Wir sind ja nun keine Trompetenpunk-Band und wollen es auch nicht werden. Aber da wir eben doch ein paar eher traditionelle Ska-Songs haben, hat live immer ein bisschen was gefehlt. Und das bringt ziemlichen Spaß jetzt und war definitiv die richtige Entscheidung. Unsere Grundbesetzung ist ansonsten seit jeher die Gleiche, allerdings wurde unserem Basser Timo die ganze Reiserei nach der letzten Europatour mit den ANGELIC UPSTARTS irgendwann einfach zu viel. Und so haben wir nun seit 2020 Janosch mit an Bord.
Du hast gerade euren ehemaligen Basser Timo erwähnt. Leider habe ich vor wenigen Tagen über die sozialen Medien von seinem viel zu frühen Tod erfahren. Timo war offensichtlich gut vernetzt und hat viel für die Szene getan. Hat Timo noch in irgendeiner Form am neuen Album mitgewirkt und wie geht ihr mit der Situation um?
Valentin: Das hat uns alle völlig umgehauen. Und es wird sicher auch noch dauern, bis wir das verdaut oder auch nur richtig verstanden haben. Timo war auf sehr vielen Ebenen ein wahnsinnig kreativer und herzlicher Mensch und hatte einen immensen Einfluss auf uns, nicht nur als Band. Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte und der Kontakt ist ja nicht abgebrochen. Erst letzten Herbst ist Timo beim Mind The Gap-Festival am Bass eingesprungen und da haben wir auch ein paar neue Songs gespielt. Er kannte das neue Zeug also und hat das ziemlich abgefeiert. An der Platte selbst hat er nicht mitgewirkt. Wir hätten ihn gerne noch bei ein paar Vocals mit dazugenommen, aber das war nicht mehr möglich. Und wie man damit umgeht? Schwer zu sagen, ich denke, so etwas verarbeitet jeder auf seine eigene Art und Weise. Ich hatte zum Glück noch die Möglichkeit, mich zu verabschieden. Das war der wohl schwerste Gang in meinem bisherigen Leben, es war aber dennoch gut. Ich habe ihm ein paar Songs vorgespielt und ihn ein bisschen dicht gequatscht, was so los ist. Wir hatten alle bis zum Schluss die Hoffnung, dass das wieder wird.
Ein harter Cut, aber kommen wir nun zur neuen Platte. Satte acht Jahre sind nun seit der Veröffentlichung von „Frei.Tal“ vergangen. Weshalb hat es so lange gedauert, bis ihr eine neues Album am Start habt?
Valentin: Wir haben uns in den ersten Jahren nach dem Release von „Frei.Tal“ den Arsch abgespielt. Da kommt man einfach nicht wirklich dazu, neben Job und Konzerten, auch noch Songs zu schreiben. Ich brauche für so etwas Zeit und Ruhe und das war nicht gegeben. Und dann kamen auch noch private Baustellen und so einige ungeplante „Spezialeffekte“ im Laufe der Produktion hinzu. Das würde hier etwas den Rahmen sprengen, aber vielleicht schreiben wir ja eines Tages mal ein Buch darüber, das könnte ein recht unterhaltsamer Bestseller werden.
Zwei Titel des Albums entstanden mit Unterstützung von bekannten Szene-Stimmen, Steff von ALARMSIGNAL und Tex Brasket von SLIME. Wie kam es dazu?
Valentin: Steff ist der netteste Punker der Welt. Wir sind mehr oder minder in Kontakt, seitdem er mal ein Review zu unserer ersten Platte geschrieben hat. Das Lustige ist, dass ich jahrelang überhaupt keinen Plan hatte, dass er bei ALARMSIGNAL spielt, weil wir uns eher über Reisen, andere Musik und dies und das ausgetauscht hatten. Das kam erst heraus, als unsere Bands 2018 mal zusammen gespielt haben. Das war eine lustige Situation. Der Song „Für ein paar Stunden“ hat für das Feature mit Steff inhaltlich einfach super gepasst, da das für unsere Verhältnisse ein ziemlich positiver Song ist. Ich bin ja sonst doch eher mit der Depri-Brechstange unterwegs. Auf Tex bin ich durch sein Stück „Nach Berlin“ gestoßen. Die Nummer hat mich auf allen Ebenen umgehauen. Wir haben Tex einfach mal unseren Song „Mauern“ geschickt und angefragt, ob er sich das vorstellen kann. Konnte er. Vier Wochen später kam per Sprachnachricht auch noch ein eigener Textentwurf mit völlig eigenem Flow für seine Parts. Da ist mir erst einmal richtig der Stift gegangen. Für mich war es bis dato völlig undenkbar, mir bei Lyrics von irgendwem reinreden zu lassen. Hat hier aber funktioniert, weil es einfach verdammt gut war. Ein paar Wochen später haben wir uns für ein paar Tage eingeschlossen, gechillt, viel gequatscht, am finalen Text gefeilt und aufgenommen.
Im Titel „Nichts zu bereden“ geht es nach meinem Verständnis darum, dass es sich einfach nicht lohnt, mit Nazis zu reden oder zu argumentieren. Woher kommt diese harte Erkenntnis? Resignation?
Valentin: Diese Frage ist so vielleicht etwas missverständlich formuliert, denn wer den Song nicht kennt, wird im Punk-Kontext wohl erst einmal von so einem „Faschos aufs Maul“-Text ausgehen. Das ist es aber nicht. Es geht darum, offensichtlichen Demokratiefeinden keine Plattform zu bieten. Ihnen nicht die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie selbst abschaffen wollen. Warum gibt es Sommerinterviews mit Rechten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Warum werden ständig irgendwelche „Wir sind doch keine Nazis, aber ...“- Nazis in Talkshow eingeladen, um dort ihren Schwachsinn zu verbreiten? Weil die gesellschaftliche Mitte den Anstand wahren will und man diese Leute im sachlichen Dialog bekämpfen möchte? Kommt mal klar! Das Letzte, was Faschos interessiert, ist Sachlichkeit. Deswegen sind sie doch Faschos geworden. Diese konstante Normalisierung von rechtsradikalen Positionen im öffentlichen Diskurs hat aus meiner Sicht nicht unerheblich zum Erstarken der AfD beigetragen und die Grenzen des Sagbaren völlig verschoben. Die Leute nehmen mittlerweile doch den letzten menschenverachtenden Müll als Meinung wahr. Hass ist aber keine Meinung.
Daniel: Der Song soll auf keinen Fall sagen, dass wir keinen Dialog mit Menschen führen wollen, die eine andere Meinung vertreten. Ganz im Gegenteil! Ich finde es wichtig, mit allen zu sprechen, die sich auf eine aufrichtige, inhaltliche Diskussion einlassen. Da muss ich auch mal Sachen ertragen, die ich kacke finde, und versuchen, die Leute mit Argumenten zu überzeugen. Aber Faschos wollen keinen offenen Dialog. Die wollen nur unter dem Mäntelchen der letztlich auch für sie geltenden Meinungsfreiheit unsere Dialogbereitschaft ausnutzen, um ihre menschenverachtenden Ideologien zu verbreiten. Und da gibt es dann nichts mehr zu bereden.
Wenn Reden nicht mehr hilft, was können wir machen, um dem Rechtsruck entgegenzuwirken?
Valentin: Mit solchen Fragen tue ich mich etwas schwer. Das „Wir“ ist ja auch sehr selektiv. Ein AJZ irgendwo im ländlichen Osten hat ganz andere Probleme als „wir“ hier in einer halbwegs stabilen Großstadt. Da halte ich den Ball echt lieber flach. Aber um vielleicht etwas universeller und im Kontext des Songs zu bleiben: Nazis keine Plattform bieten, sie bleiben Nazis. Es gibt trotz aller Alarmglocken aktuell keine wehrhafte Demokratie, die Rechten den Riegel vorschiebt, deren Strukturen konsequent unterbindet und denen den Geldhahn zudreht.
Ein Weg, die Subkultur zu stärken, ist diese tatkräftig zu unterstützen. Im Titel „Offbeat Antifa“ huldigt ihr den beteiligten Menschen und Freiräumen zu Recht. Seid ihr neben der Musik noch anderweitig politisch aktiv?
Valentin: Wir drücken uns als Band ja schon relativ klar politisch aus. Ich sehe uns jetzt aber auch nicht als Polit-Punk-Truppe, denn die persönlichen Themen überwiegen am Ende schon deutlich. Natürlich bringen wir uns im Kleinen auch außerhalb der Band mal bei politisch gelagerten Dingen ein. Das würde ich jetzt aber nicht in Relation sehen, dafür frisst die Band auch viel zu viel Zeit. Es wird ja auch immer wieder diskutiert, ob Musik selbst etwas verändern kann oder nicht. Kann ich nicht fundiert beurteilen, aber bei mir hat sie etwas verändert. Und selbst wenn wir als Band subkulturell engagierten Menschen auch nur ab und an einen Soundtrack bieten können, ist das für mich schon sehr viel wert.
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