ARTLESS

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Punk im Pott

1981 brachte der WDR mit der Dokumentation „No Future – Kein Bock auf Illusionen“ den Punk in die westdeutschen Wohnzimmer. Das war für viele wie auch für mich die erste Begegnung mit Punk. Den Soundtrack dazu lieferten ARTLESS, die 1979 unter dem Namen HOMICIDE gegründet worden waren. Ebenfalls 1981 veröffentlichten ARTLESS ihre EP „Mein Bruder is’ en Popper“ und lösten sich kurze Zeit später wieder auf. 2007 kam es dann zur Reunion mit den Urmitgliedern Hank Sinatra und Willi Solid. Wir lassen im Gespräch mit Hank Sinatra vor allem die erste Zeit der Band noch mal Revue passieren. Allerdings fand das statt, bevor Willi Solid im Februar 2021 nach langer Krankheit verstarb. Wie es mit der Band jetzt weitergeht, ist noch nicht klar.

Wie bist du damals auf Punk aufmerksam geworden?

Ich war 1976 in London, hatte da flüchtig von einer neuen, schrillbunten Jugendbewegung, die sich Punk nannte, gehört. Am Abend spielten GENERATION X mit Billy Idol und SLAUGHTER AND THE DOGS im Marquee Club, und ich dachte mir, zieh dir das mal rein. Die Musik war Drei-Akkorde-KINKS-THE WHO-Mucke und nach drei bis vier Liedern war es das mit dem Set, und die Bands fingen wieder von vorne an oder brachten Coverversionen. Das Publikum feierte die Bands, hüpfte zu den Songs auf und ab – später nannte man das Pogo – und volle Bierbecher flogen durch die Menge. Die Musik war für jemanden, der Festivals mit bis zu 10.000 Zuschauern gesehen hatte, schon recht primitiv, aber die Energie dieses Konzerts knisterte wie Kandis im heißen Tee. Ich war total begeistert. Zurück in Deutschland, Punk? Nichts, nie gehört. Dann habe ich von einem Typen in Jeans und Lederjacke, Jürgen Krause, auf einem DR. FEELGOOD-Konzert den Tipp mit dem Ratinger Hof in Düsseldorf bekommen. Also nix wie hin. Im Hof trafen sich damals am Wochenende gefühlt sämtliche Punks aus NRW. Hier lernte ich Willi Solid und Martin Marter kennen, die mit zwei anderen Jungs HOMICIDE gründen wollten. Ein Proberaum war vorhanden, aber keine Instrumente und Verstärker.

Und wie bist du dann zur Band gestoßen?
Nach zwei Monaten stieg der Sänger aus und Martin fragte mich: „Kannst du singen, willst du einsteigen?“ Ich brauchte nicht lange zu überlegen, war es doch seit meinem achten Lebensjahr und den ersten BEATLES-Songs, die ich im Radio gehört hatte, mein Wunsch, in einer Band zu spielen. Der Name HOMICIDE gefiel mir nicht so gut, und ich überredete die Jungs, uns in ARTLESS umzubenennen, mir gefiel „Kunstlos“ schlicht. Keiner von uns konnte damals richtig ein Instrument spielen. Wir waren stark beeinflusst von den Bands, die im „Hof“ auftraten, wie MALE, DER KFC, MITTAGSPAUSE und natürlich von CLASH und BUZZCOCKS.

Du hast euren Proberaum schon angesprochen. Wo habt ihr geprobt?
Unser Proberaum war damals unter der Bilker Kirche in Düsseldorf in einem Luftschutzbunker. Wir trafen uns am Wochenende, probten ein bisschen, tranken viel Bier und gingen abends zum Hof. Nachts zurück zum Proberaum, in irgendeiner Backstube im Hinterhof die ersten ofenwarmen Baguettes gekauft und weiter geprobt. Unser Proberaum entwickelte sich zum Treffpunkt für alle, die keinen Bock hatten, nach Hause zu gehen, damals gab es noch die Sperrstunde um ein Uhr. Die Jungs vom KFC, Martina von ÖSTRO 430 und ein paar Teds waren regelmäßig da. Das Bier floss in Strömen. Anfang der Achtziger wurde es ruhiger im Ratinger Hof, der Besitzer hatte gewechselt und verfolgte ein anderes Konzept. Der Proberaum wurde uns gekündigt und unser neuer Bassist Det Caruso besorgte uns einen neuen in Oberhausen.

Welche Konzerte sind dir in besonderer Erinnerung geblieben? Ihr seid ja auch auf dem Punk statt Papst Festival Osnabrück 1980 aufgetreten.
Unser erster Auftritt war in einer Schrebergartenkolonie, selbst organisiert, mit DER KFC und MALE. Wir hatten drei oder vier Lieder geschrieben und ich war vor dem Konzert hypernervös. Ich hatte die Befürchtung, dass ich oben auf der Bühne die Texte vergessen habe und kein Wort rauskriege. Es hat aber dann doch irgendwie geklappt. Bei dem berühmt-berüchtigten Konzert in Osnabrück brach auf der Bühne ein Feuer aus und das Konzert wurde abgebrochen. Die Feuerwehr rückte an, der Saal wurde geräumt und wir flüchteten zum Hotel. Im Hotel haben wir mit den Papstanhängern richtig gut getrunken. Nachts hörten wir auf dem Flur ein Kichern und Jauchzen, ein Bandmitglied hatte seine nackten Füße in den Schuhputzautomaten gesteckt.

1981 wart ihr bei der WDR-TV-Doku „No Future – Kein Bock auf Illusionen“ dabei. Wie ist es dazu gekommen, wie habt ihr die Aufnahmen in Erinnerung und wie waren die Reaktionen?
Ich lernte damals Willi Wucher kennen, der das Fanzine Ungewollt rausbrachte. Willi hat uns dann unter seine Fittiche genommen und wurde so was wie unser Manager. Er besorgte uns Konzerte, wir waren fast immer Titelstory im Ungewollt und er sagte eines Tages: „Ich habe da so einen Typen kennen gelernt, Michael Braun, der ist beim WDR Moderator in einer Jugendsendung. Der will einen Film drehen über Punk im Pott. Habt ihr nicht Lust, die Musik dafür zu machen?“ Wir haben uns dann mit Michael Braun getroffen, der sagte, ihr braucht nur die Musik zu machen, den Rest würde er machen. Ich glaube, der Film ist beim Publikum ganz gut angekommen, doch mir war er ein bisschen zu klischeehaft.

1981 erschien eure 7“ „Mein Bruder is’ en Popper“? Wie hast du die Aufnahmen zu eurer Platte in Erinnerung?
1981 haben wir dann unsere Kohle zusammengeschmissen und sind ins Studio gegangen, um „Mein Bruder is’ en Popper“ aufzunehmen. Wir mussten die Platte selbst finanzieren, keiner war bereit, uns zu unterstützen. Vielleicht waren wir zu spät, in Düsseldorf war schon alles auf Kommerz ausgerichtet und wir waren ja nicht mal aus Düsseldorf, sondern aus Essen, Mülheim, Dortmund und Grevenbroich. Also haben wir alles selbst bezahlt. Die Aufnahmen im Studio waren ganz schön stressig, alle mussten einzeln spielen und andauernd unterbrach der Mixer und sagte: „Nee, dat war nix. Mach noch mal.“ Aber irgendwann hatten wir es geschafft. Der Mixer hatte nix mehr zu meckern, vielleicht war er auch nur frustriert und hatte keinen Bock mehr. Nach dem Abmischen hörten wir uns das Ergebnis an und waren geschockt. Es fehlten sämtliche Mitten und die Songs waren irgendwie ein höhenlastiges Etwas mit Hall im Gesang. Da wir die Kohle im Voraus bezahlen mussten, standen wir da mit einem Produkt in der Hand, das uns so eigentlich nicht gefiel. Die Kohle war alle, neu machen war nicht drin. Also haben wir das Ding so genommen, wie es war, und haben versucht, einen Vertrieb dafür zu finden. Am Anfang wollte es keiner haben, und wir haben dann versucht, die EP auf Konzerten und unter Bekannten zu verkaufen, bei einer Auflage von 2.000 Stück gar nicht so einfach damals. Irgendwann haben wir die Restauflage komplett an einen Plattenladen, ich glaube, in Bochum verkauft.

Wie viel Eigenes steckt in eurem Song „Mein Bruder is’ en Popper“ oder ist das nur die Beschreibung eines persönlichen Albtraums?
Das Lied „Mein Bruder ...“ ist frei erfunden, ich habe keinen Bruder. Der Song reflektiert einfach nur die aufkommende Popper-Kultur. Popper waren das genaue Gegenteil von uns. Nett gestriegelt, Muttis Liebling, „Du bist, was du trägst“. Ich mochte diese Typen nicht, ihre Musik hatte nichts mit Rock’n’Roll zu tun.

„Punk 80“ handelt vom Ausverkauf der Punk-Szene, von denjenigen, die sich in London einkleideten, bis zu THE CLASH. Und auch in „Peace & Anarchie“ übt ihr Szenekritik und stellt Anspruch und Wirklichkeit gegenüber. Warum habt ihr diese Texte geschrieben?
„Punk 80 und „Peace & Anarchie“ haben ein gleiches Thema, die Enttäuschung, dass eine Jugendbewegung, die so krachend und geil angefangen hat, doch ins Kommerzielle abgerutscht ist. Alles wurde vermarktet und machte auf Neue Deutsche Welle. Punks wurden belächelt. Frag mal nach bei DIE TOTEN HOSEN, die damals noch immer die Fahne hochhielten.

Hast du das Gefühl, dass eure Texte immer noch aktuell sind? Gibt es Texte beziehungsweise Songs, die du so heute nicht mehr schreiben oder auch spielen würdest?
Ich bin nicht sicher, ob unsere Songs und Texte immer noch aktuell sind oder für irgendjemanden etwas bedeuten. Vielleicht den Jungs und Mädchen aus dem Osten, die einen gewissen Nachholbedarf hatten. Auf unseren Konzerten zwischen 2009 und 2011 haben wir oft in Magdeburg, Leipzig, Cottbus und so weiter gespielt und die Leute haben uns gefeiert und kaum von der Bühne gelassen. Meistens hatten wir vier oder fünf Vorbands und unser Gig ging erst um circa ein Uhr los und wir kamen nie vor drei Uhr morgens von der Bühne. Die Leute waren einfach nett und wir haben viele Nächte bis zum Morgengrauen geredet und gesoffen. Oft wurden wir gefragt, warum wir einige Songs nicht mehr spielen, zum Beispiel „Schnulze“, „Wozu“, „Knoblauch“. „Schnulze“ war ein simpler Song, über den wir uns kaputtgelacht haben, weil dieses „UhUhUh ...“ im Refrain so schief klang, dass es schon wieder gut war. „Knoblauch“ war ein Stück von Det Caruso – er hat wirklich immer Knoblauch gegessen und gestunken wie Hulle –, das, nachdem er nicht mehr in der Band war, für mich jegliche Bedeutung verloren hatte. Wir waren wirklich gute Kumpel und haben damals jeden Scheiß gemacht, vom Knastaufenthalt in Amsterdam bis zum Krankenhausaufenthalt wegen einer Schlägerei in einer Kneipe. Das sind Songs, die eigentlich nur etwas mit unserer Freundschaft zu tun hatten, und deshalb spiele ich sie heute nicht mehr so gerne. Det Caruso lebt seit über dreißig Jahren in Australien und irgendwie fehlt er mir.

Im Rückblick, wie war es für dich, in den Achtzigern in einer Punkband gespielt zu haben? Was ist der Unterschied zu heute?
In den frühen Achtzigern in einer Punkband zu spielen, war für mich das geilste Gefühl ever, dich austauschen, machen, was du willst, dich nächtelang mit den unterschiedlichsten Leuten unterhalten, Freundschaften schließen. Das sind noch heute einige meiner Beweggründe, auf Konzerte zu geben. Geld hat mich noch nie interessiert und wir spielen noch immer für Spritkosten, frei saufen und pennen. Ich nehme es heute auch keinem übel, der mit seiner Musik jede Menge Kohle verdient. Bands wie DIE TOTEN HOSEN oder DIE ÄRZTE als Verräter zu bezeichnen, ist mir zu kurzsichtig.

1990 erschien auf Teenage Rebel Records die LP „Tanzparty Deutschland“, der Rerelease eures Tapes von 1980. Wie ist es dazu gekommen?
Ach ja, unser Tape „Tanzparty Deutschland“. Wir hingen damals jeden Samstag in einer Kneipe namens Espresso in Duisburg herum, die gehörte so einem Rockabilly-Typen von TEDDY TECHNIK UND DIE EFFEKTHASCHER, mit Proberaum und Studio. Er hat uns damals angeboten, alle unsere Lieder aufzunehmen und eine Demokassette daraus zu machen. Ich war total erkältet und hatte kaum Stimme, aber wir hatten nur diesen einen Aufnahmetag. Die Kassette war lange verschollen und irgendwann hat mich Rüdiger Thomas von Teenage Rebel Records gefragt, ob er das Demo auf Platte pressen könnte. Ich habe gesagt, mach mal, die Platte war ziemlich schnell ausverkauft und musste nachgepresst werden.

Wie kam es dann zur Reunion?
Ein paar Jahre später kam das ganze Zeug auf einer CD raus und es kam eins zum anderen, Interviews in Plastic Bomb und anderen Zeitungen. Willi Solid, mit dem ich immer in Kontakt war, fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, wieder mit ARTLESS auf Tour zu gehen, zu proben und den ganzen Rest. Willi hat dann innerhalb kurzer Zeit neue Bandmitglieder gefunden. Max von Planlos an der Gitarre, Holle Holms am Bass und Steve Steak an den Drums, und ich konnte meinen Sohn Pete Pancake motivieren, in die Gitarrenseiten zu greifen. Wir haben fünf- bis sechsmal auf einem Bauernhof in Rommerskirchen geprobt und dann unser erstes Konzert in Oberhausen im Druckluft gehabt. Ich war überrascht, wie viele Leute uns noch sehen wollten. Es ist ganz klar, wenn du nach so langer Zeit wieder live spielst, wollen die Leute die alten Lieder hören und tun sich bei den neuen Stücken schwer.

Diskografie
Tanzparty Deutschland (MC, Sado Maso, Knoblauch, 1980) • Live Essen 4.7.81 (MC, Sado Maso, Knoblauch, 1981) Mein Bruder is’ en Popper (7“, Knoblauch, 1981) • Die Zeiten der Schwäche sind vorbei (MC, Knoblauch, 1982) • Tanzparty Deutschland (LP, Teenage Rebel, 1990) • s/t (LP, Teenage Rebel, 2012)