
Es geht mit großen Schritten auf die Festivalsaison zu! Beim Überfliegen der stromgitarrenaffinen Festivallandschaft hat sich während eines Plauschs in der Ox-Redaktion folgende Frage gestellt: Von wem werden Festivals, die dem musikalischen Profil der Ox-Leser:innen nahe liegen dürften, wohl in zehn Jahren maßgeblich bespielt? Schließlich werden neben den Besucher:innen auch die Menschen auf der Bühne nicht gerade jünger.
Erst jüngst konnte Alex Schwers mit der Ankündigung eines Auftritts der SEX PISTOLS mit Frank Carter am Mikrofon vielen Musikfans einen Besuch des Ruhrpott Rodeo (04.-06. Juli 2025) schmackhaft machen. Getreu dem bekannten Satz „weitere Kracher folgen“ steht inzwischen fest, dass am Samstag die alte Garde des UK-Punkrock in Form von UNDERTONES, COCK SPARRER, THE DAMNED und den erwähnten SEX PISTOLS auf der Rodeo-Bühne stehen wird. Alles Bands, deren Gründung bereits um die 50 Jahre zurückliegt. Genre-Veteranen und altgediente Held:innen (obwohl in diesem Fall ergäbe es Sinn, nur von Helden zu reden) scheinen auf den ersten Blick für die Planungssicherheit eines Festivals wie dem Ruhrpott Rodeo eine zentrale Rolle zu spielen. Der Wunsch nach dem„Abhaken“ dieser „Dinosaurier“ auf virtuellen Bucketlists der Fans liefert im Umkehrschluss eine gute Grundlage für Ticketverkäufe bei den letzten Unentschlossenen, die zum Beispiel nur ein Tagesticket kaufen. Ich gehe zumindest schwer davon aus, dass ich mit dem Führen einer imaginären Band-Bucketlist nicht alleine dastehe.
Doch wie sieht die Festivallandschaft aktuell aus? Welchen Anteil haben auf den Flyern die „alten Hasen“ im Gegensatz zu der „jungen Garde“? Ich mache mich an die Recherche. Selbstverständlich ist klar, dass es sich hier um eine Analyse auf absolutem Bierdeckelniveau handelt. Aber ich möchte einen wertfreien Überblick gewinnen, welche Bands derzeit im Headliner-Segment, im Mittelfeld oder im restlichen Bereich vorzufinden sind. Wer sind die mutmaßlichen Rennpferde, die dem Festival die Besucher:innen garantieren, wer sind die „spannenden“ Neuentdeckungen, die für das Erweitern des eigenen Horizonts sorgen? Und was für ein Ausblick lässt sich vielleicht daraus ableiten? Um eine gewisse Trennschärfe und ein Auswahlkriterium zu haben, beschließe ich aus dem Bauch heraus zwischen Bands, die sich vor oder nach 1995 gegründet haben, zu unterscheiden. Keine Frage: Sicherlich lässt sich so kein feinsäuberliches Mittelfeld erschließen, aber Diagramme und Tabellen sind vielleicht etwas dröge, wenn es um Rockmusik geht. Passend zum Festival-Feeling eröffne ich also die Wall of Death des Bandalters. Untersucht wurden dabei die Line-ups folgender Festivals: Ruhrpott Rodeo, Rebellion, Krach am Bach und Back to Future in Deutschland, Punk Rock Holiday in Slowenien sowie Ieperfest und Brakrock in Belgien.
Beginnen wir mit dem Ruhrpott Rodeo, auf dessen Flyer kein einziger Headliner der Kategorie „Unter 30“ zuzuordnen ist. Dafür werden internationale Bands wie COCK SPARRER, die SEX PISTOLS oder THE HELLACOPTERS aufgeführt. Aus dem deutschsprachigen Raum sind es wiederum WIZO und die DONOTS. Im Mittelfeld sieht es sehr ausgewogen aus: Von insgesamt 18 angekündigten Bands lassen sich zehn dem U30-Spektrum zuordnen. Zu diesen zählen Bands, die stilistisch breiter gestreut sind – vom HipHop der ANTILOPEN GANG über den schnellen Ska-Punk von TALCO bis hin zu den MONSTERS OF LIEDERMACHING. Beim Ü30-Mittelfeld gibt es im Kern Punkrock in verschiedenen Ausführungen: Von den internationalen „Klassikern“ THE DAMNED, THE EXPLOITED, THE UNDERTONES und D.I. über den melodischen Skatepunk von IGNITE und LAGWAGON bis hin zum Deutschpunk von SLIME und BETONTOD. Im restlichen Bereich verlässt sich das Rodeo komplett auf Bands der Kategorie U30 in Form von DIE SPITZ, SLOPE, MAID OF ACE oder (mein bisheriger Lieblingsbandname) SEXSCHWEISS.
Weiter geht es mit dem Rebellion Festival in Blackpool, das ebenfalls wie das Ruhrpott Rodeo bei den Headlinern durchweg auf Ü30-Bands setzt, zum Beispiel THE DAMNED, PUBLIC IMAGE LTD., THE UNDERTONES, THE EXPLOITED und den UK SUBS. Auffällig ist hier gerade in der zweiten Reihe die vermehrte Buchung von Solo-Acts, die in ehemals genreprägenden Bands Mitglied waren: Neville Staple von den SPECIALS, HR von den BAD BRAINS oder Hugh Cornwell von den STRANGLERS. U30-Bands sind beim Rebellion grundsätzlich nur im Mittelfeld (3 Bands) oder auf dem unteren Rest des Flyers (10 Bands) vorzufinden. Die Ausrichtung des Festivals ist klar erkennbar: 34 Bands/Acts der Kategorie Ü30 treffen auf 13 der Kategorie U30. Unberücksichtigt blieben hier die über 150 weiteren Bands, die nicht auf dem Flyer/Poster stehen.
Ganz anders sieht es wiederum beim Punk Rock Holiday in Slowenien aus: Zwar sind auch hier fast alle Headliner Ü30 (REFUSED, MILLENCOLIN, TURBONEGRO) , jedoch wird gerade in der zweiten Reihe und beim Rest ein klarer Überhang an „jungen“ Bands deutlich. Hier treffen zehn Vertreter der Kategorie Ü30 auf 44 U30-Bands. Darunter AGNOSTIC FRONT und SKIN OF TEARS auf der einen und CLOWNS, THE IRON ROSES und die slowenischen Locals CURBRIGEN auf der anderen Seite. Ähnliches gilt für das Krach am Bach: 24 U30-Bands in den mittleren und unteren Reihen, bei insgesamt 31 Bands auf dem Flyer!
Ein ähnlicher Überhang ließ sich bei der Zusammenstellung des leider jüngst abgesagten Back to Future-Festivals erkennen, wobei hier gerade bei den Headlinern eine 50/50 Teilung auffällt, genauer zwischen SHAM 69, den COCKNEY REJECTS und MAD SIN gegenüber THE BABOON SHOW, SMOKE BLOW und OXO 86. Ansonsten wird gerade im Ü30-Mittelfeld „klassischer“ (Hardcore-)Punk zum Beispiel von D.I., HAMMERHEAD und den UPRIGHT CITIZENS geboten. Ein ähnliches Bild also wie beim Ruhrpott Rodeo: Das Mittelfeld wird einerseits von den „alten Hasen“ stilistisch relativ eng bedient, während die „jungen“ Bands das musikalische Profil etwas auffächern.
Das wohl extremste Beispiel bei den untersuchten Festivals ist das Ieperfest in Belgien, das weitestgehend auf Hardcore spezialisiert ist. Von insgesamt 47 aufgeführten Bands sind lediglich zwei vor über 30 Jahren gegründet worden und zeitgleich Headliner (ALL OUT WAR und CRAWLSPACE). Vielleicht hängt dieser Überschuss junger Acts mit anderen Strukturen in der Hardcore-Subkultur zusammen, wenn es um das Booking oder die „Lebensdauer“ von Bands geht.
Bleiben wir in Belgien: Dort besticht das Brakrock mit MILLENCOLIN und den CIRCLE JERKS (beide Ü30) und FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS als Headliner. Ähnlich wie beim Rebellion wird hier das Mittelfeld den altgedienten (Hardcore-)Bands wie AGNOSTIC FRONT, CRO-MAGS oder RAISED FIST überlassen, während gerade der Rest des Flyers mit 17 respektive 13 Bands pro Alterskategorie, zum Beispiel D.O.A. und T.S.O.L (Ü30) vs. THE LAST GANG und STREET DOGS (U30), erstaunlich ausgeglichen ist.
Einmal kurz durchatmen: Das waren jetzt viele Bandnamen und trockene Zahlen, aber die wichtige Frage, die sich stellt, ist doch: „Und was nun?“ Grundsätzlich ist die Buchung von Festivalslots vom demografischen Wandel ebenso betroffen wie das Publikum: Menschen werden älter, können nicht mehr auftreten etc. und an deren Stelle treten neue Bands. Hinzu kommen Abweichungen in der aktuellen Festivallandschaft je nach Genreausrichtung und Subkultur. Parallel dazu verändert sich das Publikum, das als Zielgruppe früher oder später neue Interessen mitbringen wird. Bands des Mittelfeldes oder gar Newcomer können über die Jahre zu neuen „Dinosauriern“ heranreifen.
Bei meinem Blick in die Glaskugel spezifische Bands betreffend, fällt mir zunächst auf, dass gerade „ältere“ beziehungsweise Ü30-Bands es mit Hilfe von elementaren Neuausrichtungen schaffen, vom Mittelfeld in die Headliner-Position zu rutschen. Offensichtliche Beispiele sind dafür die DONOTS, die seit ihrer Neuausrichtung ins deutschsprachige Segment vor gut zehn Jahren einen weiteren Schub erhalten haben und in meinen Augen das Potenzial haben, sich zu solchen „Dinosauriern“ oder Headlinern zu mausern. Es fällt jedoch auch auf, dass dies keine Universalformel ist: Während die damals frisch wiedervereinten SLIME noch 2010 neben WIZO als Deutschpunk-Dinosaurier und Headliner des Ruhrpott Rodeos auftraten, spielen erstere 2025 trotz der einschneidenden Umbesetzung mit Tex Brasket am Mikro vor wenigen Jahren, „nur“ im Mittelfeld. Dies mag sicherlich auch mit dem parallelen Wachstum des Festivals zu tun haben. Aber auch aufstrebende und jüngere Bands, haben in meinen Augen das Potenzial, sich als feste Mittelfeldgrößen zu etablieren, wie zum Beispiel die in den Punkrock vorstoßenden ANTILOPEN GANG oder DAS LUMPENPACK, die sich ursprünglich als Kleinkunst-Duo im Poetry Slam/Comedy-Sektor gegründet haben und inzwischen zu einer ausgewachsenen Rockband geworden sind – also auch in diesem Fall, eine Band die ihre Reichweite aufgrund einer Neuausrichtung des Konzepts erweitern konnte. Oder eben Bands, die sich in den letzten zehn Jahren ein gewisses (subkulturelles) Standing erspielen konnten, wie zum Beispiel AKNE KID JOE, SHORELINE oder LOVE A neben schon etwas größeren Mittelfeldbands wie PASCOW, ITCHY, MONTREAL, FJØRT oder ADAM ANGST. Aber auch neue internationale Bands wie THE CHATS, GRADE 2, THE CHISEL, LAMBRINI GIRLS, HOME FRONT und andere haben in meinen Augen das Potenzial, gerade im Punkrock zu langfristigen Line-up-Größen mindestens im Mittelfeldbereich zu werden, auch wenn dies sicherlich nur eine Prognose ist. AMYL AND THE SNIFFERS oder IDLES beweisen, wie ich finde, dass (im weitesten Sinne) Punkrock auch 2025 das Zeug dazu hat, international bekannte Headliner-Bands hervorzubringen – auf die Gefahr hin, auf diesem Weg die Wurzeln zu verlieren.
Das Konstrukt „künftige Dinosaurier-Headliner“ ist also ein komplexes Geflecht, das durch drei Faktoren bedingt wird:
1) den Bands und ihrer Fähigkeit, „spannend“ zu bleiben (siehe DONOTS) beziehungsweise einen eigenen Signature-Sound zu etablieren (COCK SPARRER, BAD RELIGION, HELLACOPTERS, DANKO JONES etc.),
2) der sich entwickelnden Größenordnung von Festivals (siehe SLIME 2010 vs. 2025 auf dem Ruhrpott Rodeo)
3) dem Zuspruch des Publikums, der eine Band (egal ob alt oder jung) als potenziell „groß“ markieren kann, sowie ein gewisser „Hype“ um Bands, wie der zügige (teils virale) Aufstieg von TEAM SCHEISSE, PISSE, NECK DEEP, LAMBRINI GIRLS, HIGH VIS, TURNSTILE oder FONTAINES D.C. zeigt, wobei diese interessanterweise gerne für stilistisch breit kuratierte und etablierte Festivals mit einem gewissen Pop/Rock-Einschlag gebucht werden.
Ich glaube, dass wir uns gerade mit dem Blick in die Zukunft der Festivallandschaft und das Auswählen „neuer Bands“ intensiver und aktiver damit auseinandersetzen sollten, wie wir unsere jetzigen Lieblingsfestivals in zehn Jahren erleben wollen, Stichwort: „stilistische Altersvorsorge“. Dafür braucht es auf der einen Seite den Willen seitens der Veranstalter:innen, „junge“ Bands für Festivals zu buchen und diese dem Publikum zugleich schmackhaft zu machen. Gerade die konventionelle Struktur von „alte Band mit hoher Strahlkraft spielt am Abend auf der großen Bühne“ verleitet dazu, das Tagesprogramm mit jungen Bands aus den üblicherweise mittleren und unteren Feldern zu füllen. Ein Wechsel und der Mut, auch große Bands in das Tagesprogramm zu setzen, macht es für das Publikum attraktiver, auch unbekanntere Bands dazwischen zu entdecken, anstatt nur beim Dosenschießen bis zur Dämmerung auf dem Zeltplatz zu versauern, wie in der Sonne stehen gelassene Ravioli.
Aber auch bereits im Vorfeld lassen sich in der Kommunikation des Festival-Line-ups solche Strukturen in der Größenwahrnehmung mit einfachen Mitteln aufbrechen. So verzichtet zum Beispiel das Rock am Berg Open Air in Merkers in diesem Jahr auf seinem Flyer auf die konventionelle Gliederung mit verschiedenen Schriftgrößen. Stattdessen werden die spielenden Acts ganz simpel in alphabetischer Reihenfolge ohne jegliche typografischen Hierarchien aufgeführt. Hier stehen aktuelle Größen wie FJØRT und TEAM SCHEISSE, die wohlgemerkt bereits auf den „Riesen“ Rock am Ring und Hurricane gespielt haben oder spielen werden, in derselben Zeile wie zum Beispiel die HipHop-Crew HÄCK/MÄCK. Das ist eine, wie ich finde, sehr einfache Möglichkeit, um bereits vor dem Festival dem Thema „Welcher Act ist auf den ersten Blick der Größte?“ etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen und die Bands in ihrer (potenziellen) Qualität als gleichwertig darzustellen. Andererseits haben bei dem Thema, wie groß und wie weit oben eine Band steht, diverse Egos und Managements mitzureden ...
Das zentrale Punkt ist: Wenn wir als Festivalbesucher:innen auch in zehn Jahren noch „Dinosaurier“ eines Genres auf Festivals erleben wollen, ist es an uns, unsere Komfortzone zu verlassen und uns mit der „jungen Garde“ des Mittelfeldes auseinanderzusetzen beziehungsweise dem etablierten Mittelfeld den nötigen Stupser in der Reichweite zu geben. Diese Acts können bei Gefallen auf dem Festival bei Solo-Gigs auf Tour unterstützt werden, um somit im Umkehrschluss wieder mehr Aufmerksamkeit bei den Festival-Booker:innen zu erlangen. Genauso wie Musikgenres fluide sind, verhält es sich also letzten Endes mit Festivals: Es liegt gewissermaßen an uns als Publikum und Besucher:innen, inwiefern wir es zulassen, dass Genre-Bands „größer“ werden, damit auch in zehn Jahren Festivalschaffende diese Interessen erkennen und ihr Profil halten oder sinnig nachschärfen können. So könnten sie sich dem demografischen Wandel anpassen, ehe das Programm „unseres“ Lieblingsfestivals zu einer profillosen „Everybody’s darlings“-Veranstaltung mit Acts aus anderen Bereichen als Lückenfüller verwässert wird.
Disclaimer: Der abgebildete Fake-Festival-Flyer wurde KI-generiert.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Tim Wetzer