
Mit „Season Of Surrender“ gehen AUGUST BURNS RED aus Pennsylvania nicht den Weg der Neuerfindung, sondern den deutlich schwierigeren: den nach innen. Im Gespräch zeichnet Jake Luhrs das Bild einer Band, die nach über 20 Jahren nicht versucht, Trends hinterherzulaufen, sondern ihren eigenen Kern immer weiter freilegt. Zudem verrät er uns, warum er noch immer auf die Bühne geht.
Zum neuen Album fällt Sänger Jake Luhrs zuallererst der kompromisslose Anspruch der Band an sich selbst ein: „Ich habe das Gefühl, dass wir in diesen Aufnahmeprozess mit einer extrem klaren Vorstellung gegangen sind, was die Richtung des Albums angeht. Und für uns ging es nicht darum, unseren Sound drastisch zu verändern. Wir wollten vielmehr noch tiefer in das eintauchen, was AUGUST BURNS RED überhaupt ausmacht.“
Tiefer gehen zu wollen, ist dabei alles andere als eine leere Floskel. Es ist ein Arbeitsprinzip, das sich durch jede einzelne Schicht des Albums zieht: „Wir sind als Band enorm gewachsen, gerade was unsere Reife als Musiker angeht. Und deshalb war die Herangehensweise im Grunde: Lasst uns das beste ABR-Album schreiben, das wir überhaupt schreiben können.“ Was zunächst fast nüchtern klingt, entpuppt sich im Detail als intensiver, teilweise zermürbender Prozess. Denn das Ziel war nicht, schnell gute Songs zu schreiben, sondern die einzelnen Songs so lange zu hinterfragen, bis sie sich nicht mehr verbessern lassen: „Wir haben unglaublich viel Zeit damit verbracht, Songstrukturen auseinanderzunehmen, und das immer mit der Frage im Hinterkopf: Wie können wir das noch besser machen? Gibt es Parts, die wir überarbeiten sollten?“
Das Ergebnis war eine permanentes und ständiges Infragestellen ohne vorschnelle Kompromisse: „Viele Songs wurden mehrfach überarbeitet, teilweise immer wieder neu gedacht, damit wir wirklich die bestmögliche Version erreichen.“ Entscheidend dabei ist nicht nur die Detailarbeit, sondern die Haltung dahinter. In einer Band, die auf diesem Level arbeitet, könnten Egos schnell zum Problem werden. Bei AUGUST BURNS RED scheint das Gegenteil der Fall zu sein. „Es gab keine großen Egos im Raum, niemand hat auf seinen Vorschlag bestanden. So arbeiten wir nicht.“ Stattdessen gibt es Konsens, Diskussionen, gemeinsames Ringen um die beste Lösung. „Wir wollen alle am Ende sagen können: Das ist das Beste, das wir gemeinsam als Team schaffen konnten.“
Ein entsprechender Moment findet sich direkt im Opener „Legions“. „Dustin meinte irgendwann: ‚Ich weiß, das ist ein bisschen unerwartet, aber ich habe das starke Gefühl, wir sollten hier einen extrem, extrem heavy Part schreiben.‘“ Der Song selbst beschäftigt sich mit Narzissmus, allerdings aus der Perspektive des Narzissten. „Das Stück ist also sehr dunkel, manipulativ und kontrollierend.“ Dass dieser Part überhaupt funktioniert, liegt nicht nur an der Idee selbst, sondern an der Bereitschaft der Band, sich daran anzupassen und weiterzuentwickeln. „Matt meinte erst: ‚Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt spielen kann‘ – und dann hat er gesagt: ‚Okay, gib mir Zeit, ich arbeite daran.‘“ Ein Satz, der sinnbildlich für die gesamte Arbeitsweise steht. Es geht darum, Herausforderungen annehmen, zu wachsen und sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. „Wir sind Musiker, die nach Fortschritt und Wachstum streben.“
Für Luhrs bedeutete das auch, seine stimmlichen Grenzen zu überwinden: „Ich musste tatsächlich zu meinem Gesangslehrer David Benitez gehen und an diesen speziellen Parts arbeiten, weil sie so extrem tief waren.“ Doch es ging nicht nur um die Technik, sondern auch um die Emotion. „Dieser Part verlangte nach noch mehr Intensität, noch mehr von dieser bösen, dunklen Wut. Wir mussten das aus mir herausholen und wir wussten gar nicht genau: Was ist überhaupt möglich? Wie kommen wir da hin?“ Doch Jake Luhrs ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Solche Momente auf dem Album machen mich unglaublich stolz.“
Besonders deutlich wird das in „Den of thieves“, einem Song, der sich thematisch mit Verrat und emotionalem Schmerz auseinandersetzt. Hier erlaubte er sich, mal etwas auszuprobieren. „Ich habe da so eine rauhe Stimme, die trotzdem eine gewisse Tonalität hat, fast schon melodisch ist. So was habe ich auf einem Album vorher noch nie gemacht.“ Die Unsicherheit, die damit einhergeht, ist spürbar und das ist gewollt. „Ich habe mich gefragt: Kann ich das überhaupt umsetzen? Wird das gut klingen?“ Am Ende wurde genau daraus ein Moment, der für ihn heraussticht. „Es ist etwas, das ich so noch nie versucht hatte und genau das macht es für mich spannend.“
Das Herz des Albums liegt klar im Inhalt. Die Songs kreisen um emotionale Ausnahmezustände und erzählen diese Geschichten bewusst aus ungewohnten Perspektiven. „Es gibt einen Song über Depression, einen über Narzissmus, einen über Selbstsabotage.“ Besonders interessant ist dabei der Umgang mit moralisch schwierigen Themen.
„Normalerweise schreiben Leute Songs über Untreue aus der Perspektive der betrogenen Person. Wir wollten das aus der Sicht desjenigen erzählen, der den Fehler gemacht hat.“ Das lenkt den Fokus auf die eigene Verantwortung: „Wenn du dich darin wiedererkennst: Was kannst du tun? Kannst du dir selbst vergeben? Kannst du um Vergebung bitten?“ Es sind Fragen, die nicht bequem sind. „Kannst du in den Spiegel schauen und sagen: Ich muss etwas in meinem Leben verändern?“ Dass Musik solche Prozesse überhaupt anstoßen kann, hat Luhrs selbst früh erlebt. Eine prägende Rolle spielte dabei „April left with silence“ von HOPESFALL. „Die Emotionen in diesem Song haben mich damals tief getroffen.“ Für ihn wurde der Song in einer Zeit, in der sein Leben von Problemen geprägt war, zu einem Ventil. Diese Reaktion war kein Zeichen von Schwäche, sondern der Beginn eines Heilungsprozesses.
Daraus entstand für ihn ein klares Ziel. „Ich wollte genau diese Erfahrung auch anderen ermöglichen.“ Das ist ihm offenbar gelungen und gleichzeitig der wichtigste Antrieb weiterzumachen. „Diese Reaktionen sind der Grund, warum ich das alles noch mache.“ Denn die Geschichten, die ihm Fans erzählen, gehen weit über klassische Musikbegeisterung hinaus. „Ein Fan hat mir gesagt: ‚Das, was du geschaffen hast, hat mich zu einem besseren Vater gemacht.‘“ Für jemanden, der selbst ohne stabile Vaterfigur aufgewachsen ist, ist das von besonderer Bedeutung. „Zu wissen, dass ich jemanden dazu bringen konnte, ein besserer Vater zu werden, ist der Grund, warum ich auf die Bühne gehe.“
Noch eindringlicher sind Momente, in denen es um Leben und Tod geht. „Jemand hat mir gesagt: ‚Ich wollte mir das Leben nehmen und habe immer wieder ‚Composure‘ gehört ... und jetzt bin ich noch hier.‘“ Mit „Season Of Surrender“ haben AUGUST BURNS RED hoffentlich den Grundstein für weitere solche Geschichten gelegt.
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