
Lässig oder sauer, lustig oder kritisch, irgendwie ist das im Fall der Band BACHRATTEN aus Kassel nie so ganz eindeutig. Fragen wie diese können diskutiert werden, aber so oder so macht ihr ungooglebares neues Album „Rockmusik“ eine Menge Spaß. Das Gleiche lässt sich auch vom Gespräch mit Sänger Yusuf und Schlagzeuger Leonard sagen, die uns einen kleinen Einblick in ihre weiteren Pläne geben.
Ihr habt ein relativ hohes Tempo beim Releasen, ist mir aufgefallen.
Yusuf: Ja, ich weiß auch nicht, wo das herkommt. Ich habe jetzt schon wieder so viele Songs, dass ich schon wieder gefühlt eine super EP rausbringen könnte. Es gibt manchmal Phasen, da läuft es einfach so. Manchmal schreibe ich drei Songs in acht Stunden und die finde ich schon so gut, dass ich die gefühlt auch schon direkt releasen könnte. Und deswegen finde ich auch gut, dass wir das Album „Rockmusik“ wieder zügig rausgebracht haben. Na ja, das letzte kam ja im Januar 2024.
Jedes Jahr ein Album ist schon zügig.
Leonard: Ja, das ist okay. Mit 40 können wir irgendwann vielleicht mal nur noch alle sechs Jahre so ein Comeback-Album rausbringen. Aber ich finde, am Anfang sollte man schon viel Output haben.
Dann kenne ich jetzt auf jeden Fall schon mal eure Goals, das ist auch gut zu wissen. Ich habe mir die anderen Platten noch mal angeguckt, die hatten ja alles recht kryptische Titel. Nun haben wir „Rockmusik“. Was habt ihr euch dabei gedacht?
Yusuf: Als wir das Album aufgenommen haben, habe ich einen Song geschrieben, da habe ich irgendwas über Rockmusik gesungen, „Das ist Rockmusik“ oder irgend so was. Das hatte ich textlich was zusammengewürfelt. Ich glaube, das hat uns ein bisschen inspiriert. Ich glaube, wir wollten einen ganz schlichten, einfachen Titel.
Leonard: Wir haben ein bisschen hin und her diskutiert, ob es so gut ist für den Suchverlauf bei Spotify, wenn ich „Rockmusik“ eingebe. Und da haben wir irgendwann beschlossen: Ey, scheiß doch mal auf diesen ganzen Kram. Wer uns hören will, der findet uns schon.
Yusuf: Wir sagen immer im Scherz, dass wir Rocker sind. Das ist ein kleiner Insider. Wir werden immer gefragt, was BACHRATTEN für Musik machen. Und ich weiß gar nicht, wie man das beschreiben kann. Ich behaupte einfach, ja, ich mache Rockmusik oder so was. Ich könnte noch ein paar Genres nennen. Wir haben den Titel dann einfach so belassen.
Leonard: Und weil wir es auch irgendwie witzig fanden, weil das so nach Dad-Rock klingt. Das ist gar nicht negativ gemeint! Dad-Rock ist ja zum Beispiel Tom Petty und so was.
Es ist vielleicht nicht der erste Gedanke, weil eure Songs so lässig und unaufgeregt wirken, aber da ist schon viel Ironie drin, oder? Der erste Titel des Albums ist ja „Kunstunitrottel“. Das ist schon einigermaßen vermessen bei einer Band aus lauter Kunsthochschulstudis, oder?
Yusuf: Der „Kunstunitrottel“ ist was, das auf meiner Zunge bereits die ganze Zeit gebrannt hat. Schon bevor ich auf der Kunsthochschule war. Ich bin da seit 2019, aber gefühlt Scheinstudent. Also ich studiere da schon, aber ich bin nicht so richtig dabei. Vor meinem Studium habe ich super viele Kunstuni-Menschen kennengelernt, die mir richtig auf den Sack gingen. Die haben immer so auf arm gemacht, obwohl die super privilegiert waren, und sich von heute auf morgen so Secondhand-Klamotten überzogen, um irgendwie ein Teil von der broken Gesellschaft zu sein. Das sind die Kunstunitrottel. Ich glaube, Selbstironie steckt da jetzt nicht viel drin.
Also du bist nicht so?
Yusuf: Ich bin nicht privilegiert aufgewachsen, auf keinen Fall. Aber ich kenne es auch von Freund:innen, die ich wirklich gern habe, wo aber natürlich in meinen Augen hier und da Kunstunitrottel dabei sind. Ja, das musste mal raus.
Die Inhalte auf der Platte sind ja wieder recht alltäglicher Natur und nicht so super politisch. Das war schon Thema bei eurem letzten Interview im Ox. Da hattet ihr gesagt, dass es ja nicht immer politisch sein muss. Da stellt sich jedoch die Frage, ob eine gewisse Überwindung von Inhalt nicht auch irgendwo politisch ist.
Leonard: Wer uns kennt, der weiß ganz genau, was wir für Werte vertreten. Wir waren mit TEAM SCHEISSE auf Tour, die kennen uns auch gut und die nehmen uns ja nicht mit, wenn wir kein gutes Zeug denken würden. Aber wir wollen eben nicht diesen politischen Punk machen, der mit der Keule kommt. Das hat auch seine Daseinsberechtigung, finden wir auch cool, aber wir wollen das nicht. Das heißt nicht, dass wir komplett unpolitisch sind. Wir sind als Personen alle sehr politisch und machen uns auch Gedanken. Aber das soll nicht so im Vordergrund stehen bei unseren Texten.
Musikalisch haben eure Songs ja schon sehr lässige Vibes. Auffällig fand ich den letzten Song „Feuer im Vulkan“. Bei dem höre ich auf einmal sehr viel Bock auf Rock. Ist das vielleicht ein Ausblick darauf, wie die BACHRATTEN zukünftig klingen?
Yusuf: Ja, der gibt mir auch so ein bisschen einen Teasing Vibe, dass man denkt: Okay, in Zukunft kommt so eine nächste EP oder ein Album. Wieder mal ein bisschen back to the roots. Also bald in 1.000 Jahren. Mir ist wieder so ein bisschen nach schnellerer Musik. Das Witzige ist aber, dass „Feuer im Vulkan“ der allererste BACHRATTEN-Song überhaupt war. Wir hatten den tatsächlich schon mal rausgebracht, auf „34127“, das ist die Postleitzahl von Kassel-Nordstadt. Das waren Dan und ich, ein Mikrofon und Interface-Kram im alten Proberaum und da haben wir einfach mal Tracks aufgenommen. Da war ich gerade frisch getrennt und sehr traurig. Und deswegen ist es auch entstanden, dieses „Feuer im Vulkan“. Ich finde es ganz cool, dass wir das jetzt noch mal auf die Platte gepackt haben.
Du hast im letzten Interview ja erzählt, dass du im Rahmen des Kunststudiums viel mit Film machst und dass ihr die Musikvideos selbst produziert. Die sind ja schon aufwändig, das zu „Berlin“ zum Beispiel. Wie hoch priorisiert ihr diese visuelle Komponente?
Yusuf: Gar nicht eigentlich. Das Video zu „Durch dich durch“ habe ich beispielsweise mit dem iPod Nano gefilmt. Also ich lege nicht so wirklich viel Wert darauf, aber das Geile ist eben, dass wir alles DIY machen und vor allem auch Freund:innen haben, die zum Beispiel gut designen können und das gerne für uns tun. Und Dan hat die Platte designt, dazu haben wir immer noch eine Fotografin oder einen Fotografen, die einfach Bock haben, Bilder zu machen. Und dieses High-Quality-Video „Berlin“, das hat der Fritz gemacht, auch ein super Homie von uns. Und der fand, dass „Berlin“ ein Cowboy-Video sein muss, und ich hatte gerade sowieso Bock auf so einen Cowboy-Scheiß. Der hat sich da was zusammengeschrieben und dann sind wir alle für zwei Tage nach Witzenhausen gefahren.
Leonard: Fritz hat auf jeden Fall für dieses „Berlin“-Video voll gebrannt und hat damit alle motiviert. Und er hat uns mit seiner Motivation mitgenommen, mit seinem Engagement. Das war witzig.
Yusuf: Ich glaube nicht, dass wir in Zukunft irgendeine Filmproduktion anschreiben und fragen: Ey, könnt ihr bitte eure Drohnen mitbringen? Und dann machen wir so geile Shots und sind 10.000 Euro los. Die Kohle hätten wir sowieso nicht. Ich finde, was BACHRATTEN ausmacht, ist, dass wir einfach von Anfang bis Ende DIY sind. In Sachen Merch zum Beispiel sind wir jetzt auch nicht so groß, aber soweit drucken wir alles selber. Wir bestellen alles, dann treffen wir uns und drucken einen Tag lang Shirts für die nächste Tour. Und unser Freund Fritz hat das designt. Dadurch spart man auch voll viel Kohle.
Also die Szene in Kassel lebt, oder?
Yusuf: Geht so, finde ich. Natürlich haben wir CATCH AS CATCH CAN oder MONOMONACO, aber sonst ist eigentlich tote Hose. Es gibt alle sechs Monate mal einen Gig hier. Es ist eine Frage der Jahreszeit.
Leonard: Wenn du in der Szene bist und die Leute hier kennst, ist es natürlich cool. King Khan kam zum Beispiel auch von hier. In dieses Musikdings kamen wir schnell rein. Das ist schon cool. Aber insgesamt, von dem her, was so abgeht, war es schon mal geiler.
Yusuf: Ja, vor Corona und als Udo von der Goldgrube noch gelebt hat. Da war noch mehr Disco.
Ja, die Story von Udo hattet ihr uns im letzten Interview erzählt.
Yusuf: Ja, man spürt es immer noch auf jeden Fall. Es kommen nicht mehr so coole Bands nach Kassel, bei denen ich morgens schon Bock habe und mich darauf freue, da hinzugehen. Das gibt es irgendwie nicht mehr seit Corona. Es ist natürlich eine Zeitfrage, aber da muss man anfangen, so was selber zu veranstalten.
Leonard: Auf jeden Fall. Unsere Release-Party haben wir auch selber organisiert. Das ist natürlich stressig, aber da werden wir belohnt.
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