BETWEEN BODIES

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Politisch emotional

Der Emo der 1990er Jahre ist in letzter Zeit wieder verstärkt als Einfluss bei Bands wahrzunehmen. Nicht nur in den USA, auch hier. Darüber sprechen wir mit Chris von BETWEEN BODIES und fragen, warum auch seine Band zunehmend politisch geworden ist.

Als jemand, der mit dem Emo-Sound in den 1990ern aufgewachsen ist, erscheint mir „Hands To Hold Each Other“ seltsam vertraut. Wie viel von dieser Ära steckt deiner Meinung in der DNA von BETWEEN BODIES und speziell in diesem Album?

Ich würde tatsächlich sagen, dass da gar nicht so viel ist, um ehrlich zu sein – obwohl wir natürlich oft damit in Verbindung gebracht werden. Die Einflüsse haben wir eher über Bande mitbekommen. Sue und Nils sind ein paar Jahre älter und haben die 1990er noch voll miterlebt, aber Benni und ich waren da noch sehr klein und haben musikalisch noch nicht so viel mitgeschnitten. Wir haben eher Bands der 2000er und early 2010er gehört, wie THE MENZINGERS, SPANISH LOVE SONGS, RVIVR und IRON CHIC. Aber auch emolastige Pop-Punk-Bands wie MODERN BASEBALL, THE WONDER YEARS und der (Post-)Hardcore-Sound von FUCKED UP, SINKING SHIPS oder THE TIDAL SLEEP haben uns geprägt. Aber wahrscheinlich lässt sich Musik auch gar nicht so klar in Dekaden und Jahre einteilen. Alles ist ja stetig voneinander beeinflusst und so schwimmen auch wir irgendwo mit im breiten und langen Strom der Prägungen.

Lange hatte ich das Gefühl, dass dieses „Emo-Revival“ nur in den USA geschieht, wo viele alte und neue Bands wieder an diesen Sound anknüpfen. In den letzen Jahren gibt es aber auch vermehrt Bands aus Deutschland wie SHORELINE oder eben BETWEEN BODIES. Ist das nun auch voll bei uns angekommen?
Ich habe schon den Eindruck, dass es eine neue Welle von Indie / Emo-Punk Bands gibt. Ich glaube, dass Festivals wie Booze Cruise in Hamburg, aber auch Konzertgruppen wie Analog Nostalgia in Bonn oder das Kölner Those Days Are Gone Festival in den letzten Jahren szene­prägend waren und Räume schufen, wo diese Bands zusammenkommen können, sowohl Musiker:innen aus der Region als auch internationale Acts. Sogar in meiner Heimatstadt Paderborn gibt es nun mit Distressed Booking eine neue Konzertgruppe für Punk und Emo, die wieder das örtliche Jugendzentrum bespielt – richtig gut!

Eines, das ich allgemein und auch bei euch wahrgenommen habe, unterscheidet sich von damals, nämlich dass dieser Sound verstärkt mit politischen Themen kombiniert wird. Das war damals noch eher selten. Siehst du das auch so? Und sind da noch andere Unterschiede?
Ich kann ehrlich gesagt gar nicht sagen, ob die neue Welle an Bands in dem Genre in den USA politischer ist als in den 1990ern. Für uns war Punk schon immer politisch und Teil der Gegenkultur, aber wir wurden auch sehr deutlich durch Hardcore und auch teils deutschem Punk sozialisiert. Bei Bands wie VERSE oder PROPAGANDHI gehört Politik ja auch ganz selbstverständlich zur Musik dazu. Unser neues Album ist auf jeden Fall deutlich politischer als unsere erste LP „Electric Sleep“. Das liegt vor allem daran, dass in der Zeit, als die damaligen Songs entstanden sind, mich vor allen Dingen persönliche Themen beschäftigt haben und Benni und ich außerdem noch GIVER als politisches Bandprojekt hatten, wo wir parallel an einer Platte gearbeitet haben. „Hands To Hold Each Other“ enthält eine Mischung aus politischen und persönlichen Songs, aber so wirklich trennbar ist das eigentlich nicht. Ich bin schon lange in politischen Bewegungen aktiv, habe als gewerkschaftlicher Organizer die Kolleg:innen der Krankenhausbewegung NRW bei ihrem 77-tägigen Streik für Entlastung unterstützt, war davor viele Jahre in anderen politischen Kontexten wie etwa dem AZ Köln aktiv, und finde die CDU als Treiber des Rechtsrucks einfach gefährlich und auf vielen Ebenen menschenverachtend. Das alles bewegt mich auch emotional sehr und treibt mich an, aktiv zu bleiben und Songs zu schreiben. Aber ich denke auch, dass die Tracks des Albums, die sich eher mit persönlichen Themen und Gefühlen von Ohnmacht, Alleinsein oder Geschichten von Freund:innen, die mit dem Leben in dieser Gesellschaft zu kämpfen haben, auseinandersetzen, nicht losgelöst von der sozialen Kälte, Vereinzelung und dem Bedürfnis nach einer Gesellschaft, in der einander die Hände gereicht werden, statt gegeneinander zu stehen, zu betrachten sind. Über all diese Themen gibt es Songs, weil uns in den letzten Jahre beschäftigt haben. Ich bin sehr froh darüber, im Punk eine Umgebung gefunden zu haben, in dem es sich nicht ausschließt, diese Themen zu verbinden, auf ein Album zu packen und gemeinsam zu singen. Da fühle ich mich verstanden.

Gibt es ein einen roten Faden auf dem Album? Für mich scheint es oberflächlich betrachtet um Freundschaften und Beziehungen zu gehen ...
Auf jeden Fall. Ich würde die Begriffe Freundschaft und Füreinanderdasein allerdings um Solidarität und Genoss:innenschaft ergänzen. Zu letzterem fällt mir keine bessere Bezeichnung ein, aber es geht mitunter um eine Verbundenheit und einen Zusammenhalt, der durch ein geteiltes Weltbild, kollektiv gefühlte und erfahrene Probleme und einen gemeinsamen Blick in die Zukunft entsteht. Ich denke, die Menschen begegnen sich oft in ihrer Unsicherheit und Schwäche und schöpfen sehr viel Stärke und Hoffnung aus der Gemeinschaft und daraus, einander zu halten. Im Kleinen, aber auch im Großen. Das ist eine zentrale Erfahrung, die ich in meinen Freundschaften, aber auch in der Arbeit in verschiedenen Streikbewegungen und in der Punk-Szene gemacht habe. Nichts ist so bestärkend wie Solidarität.

Abschließend: Kann ein Song die Welt verändern?
Ich glaube, ein Song kann dir die Energie und Inspiration geben, immer wieder einen Schritt auf diesem steinigen Weg zu gehen, nicht Halt zu machen, sondern dich mit anderen Menschen zusammenzutun, um gemeinsam stärker zu sein. Die Welt verändert allerdings nicht der Song, das tun wir. Wir schreiben unsere Geschichte selbst.

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