
Die letzten 20 Jahre waren turbulent im Hause BIOHAZARD. Splits und Reunions prägten das Bild. Nun stellen die New Yorker dieser Tage ihr neues Album „Divided We Fall“ vor. Darauf schlagen Billy Graziadei und Co. die Brücke in die frühen 1990er. Wir sprechen mit dem Frontmann über die Entstehung der Scheibe und den aktuellen Status der Band.
Was bedeutet heuteErfolg für dich?
Ich setze mir realistische Ziele, arbeite darauf hin und dann gehe ich weiter. Das war schon immer mein Maßstab. Ich versuche, mir nicht zu viel auf einmal vorzunehmen. Mein erstes Ziel war es, im CBGB’s zu spielen. Damals war ich in einer Punkband namens MUSEUM OF CORRUPTION. Die Jungs wollten aufgeben, aber ich sagte ihnen: „Vertraut mir, eines Tages stehen wir im CBGB’s auf der Bühne.“ Und schließlich passierte es. Ich glaube, es ist besser, erreichbare Ziele zu haben, als nach etwas völlig Unrealistischem zu streben.
Und was ist aktuell das Ziel?
Das Ziel mit BIOHAZARD war einfach nur, zusammen zu jammen, miteinander klarzukommen und dabei Spaß zu haben. Das waren unausgesprochene Ziele, wir haben uns nie hingesetzt und gesagt: „Lasst uns das so machen.“ Es hieß einfach nur: „Lasst uns Musik machen.“ Und wir hatten Spaß. Dann kamen mehr Shows, es wurde immer besser, und es war großartig. Ich denke, wir haben jeden Schritt genossen und das hat es möglich gemacht, dass die Band bis heute diese überwältigende Energie hat. Auf Tour, mit all den klassischen BIOHAZARD-Songs, hatten wir so viel Spaß, dass wir einfach weitermachten – und die Shows wurden nicht schlechter, sondern immer besser. Das Publikum hat unsere Energie gespürt und sie zurückgegeben, und so ging es immer weiter. Diese Energie haben wir dann mit ins Studio genommen. Wir haben uns nie bewusst vorgenommen, ein neues Album zu machen. Wir haben einfach Musik miteinander geteilt – und alles passierte ganz organisch. Diese Power und positive Stimmung haben sich auf die Platte übertragen.
Wann kam die Idee für ein neues Album auf? Als ihr die Shows gespielt habt und als Band wieder zusammengefunden habt?
Ich glaube nicht, dass zuerst die Idee eines neuen Albums im Raum stand. Wir haben das gar nicht wirklich diskutiert. Die Songs entstehen einfach, das tue ich mein Leben lang. Ich habe eine Inspiration und schreibe sie auf. Irgendwann ziehen sich die Songs gegenseitig an, springen vom Papier und sagen: „Wir sind ein Album!“ Sie passen zusammen, es ergibt sich ein Bild, ein Ausdruck. So war es auch diesmal. Wir teilten unsere Ideen miteinander, hatten Spaß, fühlten die Musik und plötzlich waren da Songs, die zusammengehören. Sie nannten sich „Divided We Fall“ und wir wussten: Das ist unser Album. Ich bin stolz darauf, weil ich finde, es kann neben den klassischen BIOHAZARD-Platten bestehen. Ich könnte heute sterben und wäre ein glücklicher Mann.
An dem Album gefällt mir – und du hast es schon erwähnt –, dass es wie ein geschlossenes Werk klingt und gleichzeitig nach klassischem BIOHAZARD-Sound. Hattest du beim Songwriting eine Richtung im Kopf?
Ich habe meine Musik nie gefiltert, sie ist immer organisch entstanden. Aber diesmal haben wir mit Matt Hyde gearbeitet, unserem Produzenten. Er sagte zu mir: „Ich brauche nicht den Billy von heute – ich brauche den Billy von 1994. Vergiss alles, was du gelernt hast.“ Also habe ich alle Techniken, alle Lektionen, die ich über die Jahre gesammelt habe, über Bord geworfen und gesungen, als wäre es wieder Anfang der 1990er. Und genau das hört man: diese rohe, ungefilterte Energie. Das Herz und die Seele von BIOHAZARD. Zwei Jahre auf Tour, die alten Songs, der Spaß zusammen auf der Bühne – das hat es leicht gemacht, ein Album wie „Divided We Fall“ zu schreiben.
Wie fühlt es sich für dich als Songwriter an, alles Gelernte wegzuwerfen, wieder dumme Musik zu schreiben und quasi wieder bei Null anzufangen? Ist das komisch oder befreiend?
Haha, ich weiß, du meinst nicht „dumm“, wir nennen es „Bonehead“. Als Texter bin ich natürlich gewachsen, habe gelernt, Dinge subtiler auszudrücken. Aber das Grundgerüst von BIOHAZARD ist gleich geblieben – von „Urban Discipline“ über „State Of The World Address“ bis jetzt. Das neue Album kannst du direkt daneben stellen. Es fühlt sich gut an, weil wir etwas Besonderes erschaffen hatten, das einzigartig ist – und wir haben es jetzt wiederentdeckt.
Auf dem Album wechselt sich dein Gesang mit Evans Rap-Parts ab. Musstet ihr das genau austüfteln?
Oft ist es klar. Bei „Eyes on six“ zum Beispiel wusste ich, dass die Bridge perfekt für Evan ist. Ich habe es versucht zu singen, aber es funktionierte nicht. Er hat den Flow gefunden, den ich im Kopf hatte. Manchmal singe ich alles, manchmal er. Wichtig ist nur: Wenn einer von uns die Worte des anderen singt, muss er sie so kraftvoll bringen, dass sie echt wirken. So fordern wir uns gegenseitig heraus.
Auch die Gitarrensoli fallen auf. Sind sie ausgearbeitet oder improvisiert?
Bobby ist unser Leadgitarrist und er spielt immer aus dem Bauch heraus. Klar, er hat Ideen, aber es ist alles Gefühl. Auf „Divided We Fall“ hat er einige der besten Performances seiner Karriere abgeliefert, trotz persönlicher Schwierigkeiten. Das macht ihn so besonders: Er spielt, was er fühlt.
Die Band existiert seit den 1990ern, mit Trennungen und Reunions. Wie ist deine Rolle heute? Hat sie sich über die Jahre verändert?
Ich habe auf Patreon eine Serie namens „Built with BIOHAZARD“. Da habe ich es mal so ausgedrückt: Mein Spitzname ist „Sergeant“, eigentlich müsste er „General“ lauten. Ich war immer derjenige, der die Zügel in der Hand gehalten hat: Wir müssen proben, wir müssen dies oder das versuchen. Natürlich sind wir alle vier BIOHAZARD, aber einer muss das Schiff steuern und das war immer ich.
Eine letzte Frage: Hat es der Band geholfen, dass ihr euch eine Zeit lang zurückgezogen habt? Hat das den Mythos gestärkt und neue Fans gebracht?
Ja, definitiv. Musik funktioniert zyklisch. In Zeiten wie jetzt, die an die späten 1980er und frühen 1990er erinnern, blüht harte Underground-Musik wieder auf. Damals wie heute brauchen die Menschen einen Ausgleich, ein Ventil, ein Gefühl von Zugehörigkeit. Genau das bietet unsere Musik. Junge Leute entdecken diese Energie jetzt wieder und das ist schön zu sehen.
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