BLISTERHEAD

Foto© by Philip Liljenberg

Punkrock Family

Skandinavien war schon immer ein heißes Pflaster für Punkrock. Davon zeugen auch BLISTERHEAD, die seit fast drei Dekaden mit ihrem rauhen, melodischen Streetpunk ihre Fans und Kritiker gleichermaßen verzücken. Mit dem neuem Album „Where We Belong“ im Gepäck startet das schwedische Quartett nun ins noch junge Jahr 2026 und – so viel sei versprochen – legt die Messlatte wieder verdammt hoch. Im Interview sprechen Sänger Kim und Bassist Andreas über die turbulente Geschichte der Band und werfen einen Blick auf Svensk Punk, der momentan eine regelrechte Renaissance erlebt.

Wie schafft ihr es nach 27 Jahren Bandgeschichte noch immer, miteinander auszukommen?

Kim: Wir haben die Band 1998 gegründet und waren damals gerade einmal um die 16 Jahre alt. Gefühlt ist die Zeit dann doch ziemlich schnell vergangen, weil wir irgendwie zusammen aufgewachsen sind. Wenn ich also unsere Bandhistorie beschreiben müsste, wäre es so, als würde ich ein Buch über das Erwachsenwerden schreiben. Wir sind wie Brüder, BLISTERHEAD ist also wie unsere Familie. Natürlich braucht man hin und wieder eine Auszeit voneinander, aber letztlich können wir nicht ohne einander. Manchmal verlässt man eben seine Familie und geht zu seiner zweiten, seiner Punkrock-Familie, haha.

Nun gibt es ja auch eine lange Tradition von Punkbands und entsprechenden Labels in Schweden. Wie wichtig war das für eure Sozialisation?
Kim: Oh ja, das hat uns ebenfalls maßgeblich geprägt. Gerade mit Robert Samson von ADHESIVE haben wir ein enges freundschaftliches Verhältnis. Er ist Künstler und hat das Cover für zwei unserer Alben gestaltet. Und besonders Burning Heart Records hatte einen großen Einfluss auf uns sowie die gesamte Szene in Schweden. Auch wenn wir dort nie etwas veröffentlicht haben, haben wir viele Shows mit deren Bands gespielt. Allerdings waren wir nie so gut gebucht und erfolgreich wie diese, wir waren immer eher eine Stufe darunter. Aber es sind Bands, die wir immer noch lieben, zum Beispiel BOMBSHELL ROCKS oder VOICE OF A GENERATION.

Wie hat sich die schwedische Szene im Laufe der Jahre verändert?
Andreas: Seit unseren Anfängen in den 1990er Jahren hat sich alles stark weiterentwickelt. Viele Bands wurden richtig groß, so wie THE HIVES, die ja anfangs ebenfalls bei Burning Heart unter Vertrag standen. Alle diese Bands spielten Punkrock und sangen auf Englisch. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass wir die letzte schwedische Band sind, die noch Punkrock mit englischen Texten macht.

Schwedische Texte sind also gerade stark angesagt im Punk?
Kim: Ja, sehr sogar. Heute gibt es zwar in Schweden noch ein paar größere Festivals oder Punkrock-Veranstaltungen, aber fast alle Bands singen auf Schwedisch. So hat sich quasi schon ein eigenes Genre namens Svensk Punk herauskristallisiert. Ich finde also, dass die Szene heute lebendiger und größer ist als beispielsweise Anfang der 2000er Jahre, wenn auch mit anderen Schwerpunkten als früher.

Wie sieht es bei den jungen Bands aus?
Kim: Für den Nachwuchs ist es heute schwieriger, sich einen Platz zu erobern, und ich denke, das ist ein generelles Problem. Auch wenn ich mir zum Beispiel das Programm beim Punk Rock Holiday in Slowenien anschaue. Natürlich ist es toll, diese alten Bands sehen zu können. Aber was passiert, wenn sie alle nicht mehr können und wir keine neuen Helden für die Kids haben? Das gilt aber im Übrigen nicht nur für Punkrock. Es werden immer wieder die gleichen Headliner gebucht, und diese müssen erst sozusagen richtig alt werden, bevor jemand anderes eine Chance bekommt.

Euer letztes Album „The Stormy Sea“ wurde 2021 veröffentlicht, also mitten in der Corona-Pandemie. Welchen Einfluss hatte diese Zeit auf euch als Band?
Andreas: Als die Pandemie ausbrach, war es wirklich schwierig. Dadurch hat das Album natürlich nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie erhofft. Wir hatten Tourneen gebucht und als diese abgesagt wurden, war das schon wie eine Zerreißprobe für BLISTERHEAD. Daneben mussten wir zum ersten Mal in unserer Geschichte unsere Besetzung ändern, was auch eine komplett neue Situation für uns darstellte. Wenn ich darauf zurückblicke, wird mir klar, dass es für mich immer wichtiger war, genau das zu tun, was wir tun.
Kim: Die Pandemie hat mich nur noch mehr in meiner Überzeugung bestärkt, dass ich Harmonie brauche und dass manche Menschen wahrscheinlich auch in gewissen Situationen eine Zurechtweisung benötigen. Die Pandemie hat letztlich offenbart, wie viel man von sich selbst aufgeben muss, um dieses Punkrock-Ding durchziehen zu können. Und Andreas, Eric und ich wollten es wirklich unbedingt, auch wenn die Zeiten schwieriger wurden. Ich glaube, das hat uns als Einheit nur noch enger zusammengeschweißt.

Und wo steht ihr als Band heute?
Kim: Das ist sozusagen das erste Mal seit 15 Jahren, dass wir uns in einer wirklich idealen Position befinden, um ein richtig gutes Album zu veröffentlichen. Mit „Where We Belong“ haben wir unser bisher stärkstes Album aufgenommen, es gibt absolut keine Füllstücke darauf. Zudem sind wir in der Lage, mehr Konzerte zu spielen, da wir eine neue Booking-Agentur und mit Sunny Bastards ein neues Label haben, so dass die Rahmenbedingungen für die Band besser sind als je zuvor. Und ich glaube, wir haben jetzt mehr Energie in der Band als seit vielen Jahren. Wir sind also schon sehr gespannt, was die Leute davon halten.

Stilistisch klingen die Songs auf „Where We Belong“ wieder ursprünglicher als zuvor. Was habt ihr anders gemacht?
Andreas: Nun, das Album klingt natürlich immer noch nach BLISTERHEAD und das ist auch gut so. In der Vergangenheit haben wir uns immer wieder einmal an neuen Einflüssen und Stilmitteln versucht: Wir haben eine Pop-Punk-Platte veröffentlicht, wir haben eine harte, fast schon crustpunkige EP gemacht – hauptsächlich zu unserem eigenen Vergnügen und um zu sehen, wie weit wir uns aus der eigenen Komfortzone hinaus bewegen können. Aber letztlich sind wir einfach eine Punkrock-Band. Das ist es, was wir am besten können, und das ist auch das, was am Ende meistens dabei herauskommt.
Kim: Dieses Mal haben wir das ganze Album live aufgenommen. Wir hatten das Studio für ein Wochenende gebucht, aber schon nach dem ersten Tag waren wir fast fertig, weil alles so reibungslos lief. Ich glaube, die Idee war einfach, ein waschechtes Punkrock-Album zu machen, das intensiv und melodisch ist und bei dem wir wirklich auf alles Unnötige verzichten. Rückblickend stelle ich fest, dass wir in der Vergangenheit zwar immer sehr experimentierfreudig im Studio waren, dabei aber auch ein paar Dinge gemacht haben, die die Songs nicht wirklich gebraucht hätten. Wir verlassen uns mittlerweile wieder mehr auf unsere Fähigkeiten und unser Tempo und das soll die Stücke letztlich tragen. Ich finde also, dass wir diesmal hervorragende Arbeit geleistet haben.

Wie sieht es mit den Texten aus, gibt es einen roten Faden, der sich durch alle Songs zieht?
Andreas: Also ich würde sagen, dass BLISTERHEAD schon immer politisch waren, weil wir im Herzen eine linke Band sind. Wir arbeiten mit linken Leuten zusammen und ich halte nicht viel davon, wenn manche Punkbands sagen, dass Punk nicht politisch sei. Denn alles, was man tut, ist in gewisser Weise politisch. Und ich möchte, dass wir eine Botschaft vermitteln – egal ob an jung oder alt –, die einfach auf den Punkt kommt und linksgerichtet ist, antirassistisch, antifaschistisch sowie die persönliche Freiheit betreffend. Und wir akzeptieren auch keinen Blödsinn bei unserem Publikum. Wir haben uns immer dem linken Teil der Szene zugehörig gefühlt und das werden wir nicht aufgeben.
Kim: Ein Großteil der Texte stammt aus meiner Feder und wie Andreas schon sagte, sind viele unserer Songs politisch, aber stets mit einer persönlichen Note. Wir sind nicht CRASS oder PROPAGANDHI, uns geht es vielmehr darum, eine persönliche Metaebene in die Texte einfließen zu lassen.

Lasst uns zu guter Letzt noch einmal den Blick nach vorne richten. Wie sehen eure Pläne für 2026 aus?
Kim: Erst mal stehen viele Shows auf der Agenda und wir wollen das neue Album gebührend live promoten. Wir werden dabei auch zwei- oder dreimal nach Deutschland kommen – keine langen Tourneen, sondern es gibt jeweils drei oder vier Konzerte im März, Mai und September. Wir hoffen natürlich, dass euch die neuen Songs genauso gut gefallen werden wie uns, und wir freuen uns schon sehr auf verschwitzte Clubshows bei euch!

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