© by Concord RecordsDie Band aus Indien, die Folk- und Nu Metal auf Hindi und Englisch gekonnt kombiniert, ist nach zwei Jahren unermüdlichen Tourens und Gigs auf den größten Festivals der Welt vermutlich den meisten ein Begriff. Ich treffe Raoul Kerr, den Rapper der Gruppe, vor dem Konzert in Hamburg in einer Location, in die bis zu 1.500 Menschen passen – BLOODYWOOD haben es also durchaus geschafft. Sie sind der Beweis, dass Talent, harte Arbeit, Leidenschaft und schlichte Freundlichkeit eben mehr zählen als Herkunft und eine große Szene. Eine Band, der man jeden Erfolg gönnen möchte.
Wie kommt man in Indien zum Metal?
Ich glaube, für uns alle gibt es eine Antwort: LINKIN PARK. Sie waren einfach die Größten, auch in Indien. Ich glaube, Karan [Multi-Instrumentalist, Producer und Komponist] begeisterte sich früh für härtere Musik. Unser Sänger Jayant bekam von seinem Cousin Bootleg-Tapes geschenkt. Er hörte LAMB OF GOD und MESHUGGAH. Und dann entdeckte er SLIPKNOT, das wurde seine erste große Liebe, und er dachte: Das ist es, was ich mit meinem Leben machen will. Für mich war es so, dass ich durch und durch ein Nu-Metal-Typ war, meine ersten Lieblingsbands waren LIMP BIZKIT und RAGE AGAINST THE MACHINE und SYSTEM OF A DOWN, aber ich wusste nie genug über das Genre, um es als Metal zu kategorisieren. Oh, HipHop mit Rock, das dachte ich immer, und dann bin ich in die andere Richtung gegangen und habe eher das HipHop-Genre erforscht. Als ich dann die Jungs traf und wir überlegten, ob wir zusammenarbeiten sollten, habe ich gar nicht lange drüber nachgedacht, ich wusste ja, dass Rap und Metal miteinander funktionierten. Als wir das Video für „Machi bhasad“ gedreht haben, haben wir einen Roadtrip von Neu Delhi nach Jaisalmer im Staat Rajasthan gemacht. Es war meine erste längere Reise, 750 km ungefähr, ich war 25, und ich war eben nicht so im klassischen Metal drin. Wir fuhren auf für indische Verhältnisse guten Straßen, hatten wunderschöne Landschaft um uns herum, wir sind durch all das Orange und Gelb der Erde gefahren und es lief: SLAYER. Es war wie ein Erweckungserlebnis für mich, haha. Erst durch die Band habe ich Metal so richtig kapiert, und ich bin so froh darüber. Ich bin der Meinung, Metalheads sind die besten Menschen, die man finden kann, überall auf der Welt. Ich denke, es benötigt eine hohe emotionale Intelligenz, um mit dieser Musik wirklich etwas anfangen zu können. Wenn man solch intensive Musik hört, ist man auch total im Einklang mit seinen Gefühlen. Wir haben damit tatsächlich nur gute Erfahrungen gemacht bisher.
Gibt es einen Unterschied zwischen Konzerten im Ausland und denen in Indien?
Dazu muss man sagen, dass wir überhaupt erst in Indien gespielt haben, nachdem wir schon im Ausland Erfolg hatten. Es ist nicht die übliche Geschichte, bei der man sich zu Hause einen Namen macht und es dann vielleicht in der internationalen Szene schafft, einfach weil es in Indien keinen Raum für Metal gab. In Indien zu spielen fühlt sich wie zu Hause an, vertraut und gut, aber das Seltsame ist, dass sich das Spielen im Ausland auch wie zu Hause anfühlt, wegen der Fans. Egal wo man in der Welt ist, wir haben bemerkt, dass die Stimmung und die Energie der Leute die gleiche sind. Man trifft Leute, die genauso denken und fühlen wie man selbst. Bei einem Konzert hat uns mal ein Barkeeper gesagt: „Ihr habt die besten Fans, immer wenn ihr spielt, sind hier die nettesten Leute.“ Und ich denke, das ist die Energie, die wir mit unserer Musik anziehen wollen. Wir versuchen, genug Leute zusammenzubringen, um in der Welt etwas zu bewirken. Und die Menschen, die sich mit unserer Musik identifizieren, sind vielleicht bereit, diesen Schritt zu machen: alles zu tun, was sie können, um einen positiven Einfluss auf die Welt zu haben. Das fängt bei einem selbst an, einfach damit, dass man ein netter, cooler Mensch ist. Ich würde also sagen, die Frage ist nicht, wie sich die Shows unterscheiden, sondern es geht tatsächlich darum, wie ähnlich sie einander sind.
Ihr sprecht in euren Texten viele Themen an, die gerade in der indischen Gesellschaft eine Rolle spielen, aber normalerweise totgeschwiegen werden. Ihr habt Songs gegen Mobbing oder für Frauenrechte und setzt euch auch für Tierschutz ein. Habt ihr schon weitere Pläne für soziale Engagements?
Wir haben einen Song auf diesem Album, „Kismat“, was im Grunde genommen Schicksal bedeutet, der von Menschen handelt, die zu schnell erwachsen werden mussten und deshalb nicht ihre ganze Kindheit erleben konnten. Er soll ihnen Hoffnung geben, so dass sie als Erwachsene vielleicht dieses innere Kind am Leben erhalten können. Genauso soll er den Kindern gewidmet sein, die so etwas durchmachen und gezwungen sind, wie Erwachsene zu leben und viel zu viel Verantwortung zu übernehmen. Er soll eine Quelle der Motivation sein, das durchzustehen. Diesen Song wollen wir auf jeden Fall für etwas Tolles nutzen, ich kann aber noch nicht so viel dazu sagen, da die Pläne noch nicht final sind. Wir versuchen immer, den effektivsten Weg zu finden, um zu helfen. Es ist nichts falsch daran, einfach nur etwas Geld zu spenden oder so etwas, aber wir wollen die Leute wirklich inspirieren, so dass sie sagen: Yo, lasst uns etwas tun. Die Ausführung ist dabei super wichtig. Es ist schon eine Weile her, dass wir in der Lage waren, etwas Bedeutungsvolles bewirken zu können und es mit einem Song zu verbinden. Wenn man diese Balance richtig hinbekommt, kann es als Konzept wirklich durch die Decke gehen, indem es die Leute auf den Gedanken bringt, dass das eine großartige Sache ist, an der sie teilhaben möchten.
Es ist toll, dass ihr eure Musik so einsetzt.
Das war von Anfang an das Ziel von uns allen, deshalb habe ich mich auch dazu entschieden, der Band beizutreten. Das wollten wir schon immer: Musik machen, dabei Spaß haben, aber auch etwas Sinnvolles damit verbinden. Etwas bewirken, nicht als Nebenprodukt, nicht zufällig – sondern mit ganzer Absicht. Wir wollen unsere Songs wie Raketen gegen all den Scheiß einsetzen, der heute in der Welt falsch läuft, und sie explodieren und etwas Neues daraus entstehen lassen.
© by Fuze - Ausgabe #93 April/Mai 2022 und Dennis Müller
© by Fuze - Ausgabe #111 April/Mai 2025 und Christina Kiermayer
© by Fuze - Ausgabe #111 April/Mai 2025 und Christina Kiermayer
© by Fuze - Ausgabe #92 Februar/März 2022 und Marcus Buhl