BOB MOULD

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Verrückte Zeiten

Bob Mould? Neue Platte? Interview? Ich bin dabei! Denn HÜSKER DÜ zählen zu meinen ewigen Lieblingsbands, mit allen Platten. Und mit der Ausnahme einer kleinen Schwächephase in der mittleren Schaffensperiode, als Mould sein „anderes Leben“ als DJ für meinen Geschmack zu sehr in seine Gitarrenmusik hinein ließ, gilt das auch für seine Solo-Alben. In dieser Hinsicht ist Mould das, was man im Englischen als „prolific“ bezeichnet: sehr fleißig und daueraktiv. Nun ist mit „Here We Go Crazy“ sein 15. Soloalbum raus und ein weiteres Interview war fällig.

Bob, du hast bis zum Beginn der Pandemie einige Zeit in Berlin gelebt, dann in San Francisco – auch jetzt noch?

Ich lebe teils in San Francisco und teils in der Wüste in Südkalifornien, wie jetzt gerade.

In den USA erfreuen sich die südlichen, warmen Teile des Landes, gerade auch die Wüstengegenden, im Winter bei Rentnern aus dem kalten Norden großer Beliebtheit ...
Du hast schon recht, Menschen aus Kanada und dem Norden der USA entwickeln eine Vorliebe für den Süden und ein milderes Klima, wenn sie älter werden. Aber mich zur Ruhe zu setzen, das ist nicht das, was ich im Sinn habe. Doch wer weiß ...

Wenn man vier, fünf Jahrzehnte auf der Bühne steht, welche Spuren hinterlässt das an den Knochen, am Rücken, wo auch immer?
Ich glaube, ich bin immer noch ziemlich gut in Form. Ich den letzten drei Jahren habe ich viele Solo-Touren gemacht mit meinen Elektronik-Sachen, vor allem in Nordamerika, aber auch in Großbritannien und Spanien. Gerade bin ich aus Australien und Neuseeland zurück und ich halte mich immer noch ziemlich gut, finde ich. Ich erkläre bei solchen Fragen wie deiner immer wieder, dass nicht der Auftritt an sich schwierig ist, sondern die Genesung danach. Mit der Zeit wird es immer ein bisschen schwieriger, sich von einer Tournee oder einer besonders anstrengenden Show zu erholen. Aber alles in allem denke ich, dass es mir bislang noch ganz gut geht.

Ich drücke dir die Daumen. Wir brauchen noch ein paar Platten von dir. „Here We Go Crazy“ ist nun dein 15. Soloalbum, und das ist eine ganze Menge. Ich stelle immer wieder fest, dass viele Bands, die man eigentlich schätzt, gar nicht so viele Releases gemacht haben, das sind oft in 25 Jahren vielleicht fünf Alben. Du bist also ziemlich produktiv. Wie kommt das?
Danke dafür. Bis zu diesem neuen Album sind seit „Blue Hearts“ viereinhalb Jahre vergangen. Das könnte bei mir die längste Zeit zwischen zwei Veröffentlichungen sein. Ich habe ziemlich viele Songs geschrieben und bin viel getourt, habe neues Material live ausprobiert. Alles war ganz normal und es ist schon seltsam, dass es so lange gedauert hat, bis ich dieses Album gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort habe. Und ja, seit dem Beginn meiner Karriere habe ich ständig gearbeitet und war so beschäftigt wie möglich. Dass vor fünf Jahren mit der Pandemie die Welt zum Stillstand kam, das war, denke ich, ein Faktor, der dazu beigetragen hat. Normalerweise schreibe ich ein paar Lieder, nehme sie auf, das Ganze wird fertiggestellt und in den drei oder vier Monaten bis zum Release mache ich viel Presse und dann gehe ich auf Tournee. Das war immer ein Kreislauf: vom Beginn des Schreibens bis zum Abschluss der Tour. So hat sich das über all die Jahre ständig wiederholt.

Und die Pandemie hat nun diesen Rhythmus aufgebrochen?
Ja, ich denke, dass die anderthalb bis zwei Jahre, in denen viele von uns Musikern nicht in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dass die vielleicht eine Unterbrechung in meinem Lebenszyklus waren, an den ich mich so sehr gewöhnt hatte. Es gab in der Vergangenheit Zeiten, in denen ich mich absichtlich von der Arbeit zurückgezogen habe, um mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Und es gab Zeiten, in denen ich mein musikalisches Gehör und meine Kreativität in andere Richtungen gelenkt habe, wie in den 2000er Jahren mit elektronischer Musik. Die große Zeitspanne zwischen den Alben hat also wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass alles stillstand. Dass ich schon 15 Solo-Platten gemacht habe, ganz ehrlich, das war mir nicht bewusst, bis ich das selbst in der aktuellen Bio für die Presse gelesen habe.

Hast du eine bestimmte Arbeitsweise, hast du auch mal mit Schreibblockaden zu kämpfen? Wie kommt es, dass du so viel schreiben und aufnehmen konntest?
Ich habe jüngeren Musikern immer wieder mal erklärt, dass das viel damit zu tun hat, sein Handwerkszeug zur Verfügung zu haben. Wenn du nicht ständig bereit bist, deine Ideen festzuhalten, wirst du es wahrscheinlich nicht schaffen. Ich glaube, es geht vor allem darum, dass man immer bereit ist zu arbeiten. Instrumente, Aufnahmegeräte, Notizbücher, digitale Aufzeichnungsgeräte müssen jederzeit startklar sein, um die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, aufzunehmen und zu dokumentieren – dann kannst du sie später ausformen. Es geht also darum, immer bereit zu sein, aufzunehmen und ein Instrument in die Hand zu nehmen. Das ist meine Kurzversion davon, wie kreative Menschen ihre Arbeit angehen sollten. Bring ein bisschen Disziplin mit und sei bereit zu arbeiten.

Du klingst fast so, als könntest du eine zweite Karriere als Motivationsredner starten.
Das bezweifle ich. Ich versuche nur heute, so gut ich kann, optimistisch zu sein.

Dieser Arbeitseifer zeichnete schon HÜSKER DÜ aus, teilweise habt ihr zwei, drei Alben innerhalb eines Jahres gemacht. Wie habt ihr das damals geschafft?
Wir waren sehr jung und ehrgeizig und wollten die Welt verändern. Und es gab eine gesunde Konkurrenz zwischen mir und Grant Hart. Wir waren zwei Songwriter, die ständig versuchten, besser zu werden und etwas Großartiges zu leisten. Die Zeit, von der du sprichst, ist die rund um „Zen Arcade“, ein Doppelalbum, das im September 1984 herauskam. „New Day Rising“ kam dann im Januar 1985, und „Flip Your Wig“ folgte im September 1985. Das war ein sehr produktives Jahr für uns. Wir waren ständig auf Tour und haben viel aufgenommen. Und wir waren diesbezüglich in guter Gesellschaft. Viele unserer Zeitgenossen machten das ganz ähnlich, etwa MINUTEMEN, die waren auch sehr produktiv. Ebenso die REPLACEMENTS. HÜSKER DÜ waren aber schon einzigartig, würde ich sagen, und das lag an den beiden sehr motivierten Songwritern. 40 Jahre später sieht die Musiklandschaft ganz anders aus, vor allem der geschäftliche Aspekt. Lass es mich so sagen: Wenn es für junge Musikerinnen und Musiker keine Einstiegshürden gibt, wenn Musik ihr Leben ist und sie Tag und Nacht daran arbeiten, wenn sie ihr eigenes Label gründen und den Vertrieb selbst kontrollieren können, ist es dann nicht logisch, dass sie äußerst produktiv sind?

Die Rahmenbedingungen waren also ideal für euch. Heute ist alles viel kontrollierter: Labels, Managements, Booker, sie alle nehmen Einfluss auf Bands und bestimmen den Rhythmus. Die Musikwelt ist heutzutage so vernetzt, dass es viel schwieriger ist, sein eigenes Tempo, seinen eigenen Rhythmus, seinen eigenen Weg zu finden, die Dinge ganz nach seinen Vorstellungen zu machen. Das könnte eine Erklärung dafür sein. Andererseits gibt es etwa KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD, die auch mehrere Alben im Jahr veröffentlichen.
WET LEG fallen mir als aktuelles Beispiel ein für einen eigenen Weg. Die haben eine Single nach der anderen herausgebracht und dann das Album, das die Singles enthielt. Das war fast so wie bei den BEATLES, wo es eine Reihe von Songs gab, die den Kern eines kommenden Albums bildeten. Und GUIDED BY VOICES haben früher auch mehrere Platten im Jahr veröffentlicht. Sie konnten sich den Luxus leisten, einfach auf einem Vierspurgerät die Aufnahmetaste zu drücken und fertig. Das Musikgeschäft und die Vertriebswege haben sich verändert seit damals. Die Plattenlabels hatten damals eine Gatekeeping-Funktion, in den 1980er Jahren kontrollierten die Labels den Output. Und die Musikmagazine kontrollierten, worüber geschrieben wurde. Heute haben alle freien Zugang zur Öffentlichkeit. Ich bin dankbar, dass ich zu einer Zeit mit einer Band erfolgreich war, als es noch höhere Eintrittsbarrieren gab.

Als ich damals auf HÜSKER DÜ stieß, las ich irgendwo, dass ihr von THE BYRDS beeinflusst worden wärt. Die waren für mich als Punk damals schon so eine „Oldie-Band“ und ich kapierte den Bezug nicht. Ihr habt auch „Eight miles high“ gecovert – woher kam das mit den BYRDS?
Ich war schon als Kind ein Fan von dieser Art Popmusik, die im Radio lief. Ich wurde 1960 geboren. Als ich begann, mich für Musik zu interessieren, gab es die BEATLES, THE WHO, THE HOLLIES und eben THE BYRDS, von denen ich zwar ein paar Lieder kannte, aber nicht wusste, wie sie aussahen oder wofür sie standen. Ich kannte nur die Musik. Und als HÜSKER DÜ 1979 anfingen, wussten wir, was die Hippies gemacht hatten. Wir wussten, was die Punks draufhaben, und uns war klar, dass wir unseren eigenen Weg gehen konnten vor diesem Hintergrund. Ich glaube, mein besonderes Interesse an den BYRDS wurde durch meinen Freund Peter Buck von R.E.M. geweckt. Peter und ich waren befreundet und ich besuchte ihn oft in Athens, Georgia. Er arbeitete in einem Plattenladen und hatte eine unglaubliche Plattensammlung. Wir unterhielten uns über Musik und die BYRDS kamen zur Sprache und ich sagte: „Hm, ja, die haben ein paar gute Sachen.“ Er antwortete: „Nein, lass uns die Platten mal bewusst durchhören.“ Die BYRDS hatten einen starken Einfluss auf R.E.M., da bin ich mir ziemlich sicher. Und mit einem Freund zusammenzusitzen und „Younger Than Yesterday“ durchzuhören und zu wissen, dass da so viel mehr ist als nur die paar Lieder, die ich aus dem Radio kannte, das war eine prägende Erfahrung. Was Roger McGuinn danach gemacht hat oder David Crosby mit CROSBY, STILLS & NASH, das war mir nicht bewusst, bis wir uns zusammen diese Platten anhörten. In dem Moment erkannte ich, worum es ihnen ging. Und ich hoffe, das hilft dir zu verstehen, warum die Leute bei uns Spuren der BYRDS heraushörten.

Würdest du sagen, dass es so was wie eine Linie gibt, die sich über all die Jahre durch dein Songwriting und die Art, wie du dein Instrument spielst, zieht? Und was verbindet dich heute mit dem, was du zu Beginn deiner Karriere gemacht hast?
Ich kann einen Bruch in dieser Linie erkennen, und das war mein 1998er Solo-Album „The Last Dog And Pony Show“. Weg von den Gitarren, hin zur elektronischen Musik. Das war ein Bruch. Abgesehen davon schreibe ich aus einer persönlichen Perspektive heraus. Ich beobachte das Leben, ich beobachte mein eigenes Leben, und ich denke mir Geschichten dazu aus. Mal bin ich darin die Hauptfigur, manchmal handeln sie von Menschen, die ich kenne. Mal schwingt darin eher Mitgefühl mit, mal Unverständnis. Bei meiner Arbeit habe ich immer auf Melodien und Harmonien gesetzt. Und ich hoffe, dass ich mit der Musik, die ich schreibe, andere Menschen aufmuntern kann. Ich denke, dass viele meiner Texte eher schwer sind, so dass es da einen Kontrast gibt zwischen den düsteren Texten und den recht hellen Melodien. Man sagt mir oft, das sei meine Spezialität. Ich weiß nicht, aber ich glaube an die Worte, die ich schreibe, und ich versuche, das auch zu zeigen. Ich denke, dass die Menschen sehen können, dass ich aufrichtig bin. Ich habe immer konsequent an meine Arbeit geglaubt und so auch andere Leute dazu gebracht, daran zu glauben. Meine Verbindung zu meinem Publikum auf Basis dieser Arbeit, das ist vielleicht die Linie, die sich durchzieht, und der Grund, warum die Leute mir immer noch zuhören. Wenn Menschen meinen Namen hören, haben sie eine feste Vorstellung davon, was sie erwartet, denke ich. Bei dem neuen Album bin mir dessen sehr bewusst gewesen. Wenn Künstler älter werden, wird von ihnen oft erwartet, dass sie sich immer wieder neu erfinden. Ich hingegen bin sehr dankbar, dass ich mit dem weitermachen kann, was ich vor Jahrzehnten begonnen habe. In den letzten drei Jahren habe ich eigentlich erst richtig verstanden, was die Leute an meiner Musik mögen. Ich hatte bei der neuen Platte nicht das Gefühl, das Rad neu erfinden zu müssen. In den letzten drei Jahren habe ich viele der Lieder live ausprobiert und konnte sehen, wie die Leute darauf reagieren. Das war gut, weil ich jetzt wusste: Sie mögen die neuen Sachen, diese Lieder passen gut zu den alten Songs, die sie lieben. Mir ist bewusst geworden, was den Leuten an meiner Musik gefällt. Merkwürdigerweise sind das auch die Dinge, die ich daran mag.

Wie gut für uns! Wir alle haben ja schon die Erfahrung gemacht, dass es Bands und Künstler gibt, die man mag, und dann geht man zu einer Show oder hört sich das neue Album an und denkt sich: Hm, warum konnte er oder sie nicht bei dem bleiben, was vorher gemacht wurde?
Ja, und es gibt Bands, die darauf eine Karriere aufgebaut haben. Die Band, die mir als Erstes einfällt, ist AC/DC. Wenn du das Logo siehst und weißt, dass es eine neue Platte gibt, kannst du dir zu 95% sicher sein, was du bekommst. Und andere Künstler fordern ihr Publikum ständig heraus, mit gemischten Ergebnissen. Dagegen steht jemand wie Nick Cave, der auf vielen verschiedenen Klangplattformen arbeitet, aber sobald du die Stimme hörst, weißt du, wer es ist. Vielleicht ist das bei ihm ein bisschen was von beidem. Und dann gibt es andere, die das Publikum immer wieder herausfordern und wo du gar nicht merkst, dass das Album von jemandem stammt, dessen Musik dir früher gefallen hat. Es gibt da also ein großes Spektrum, das reicht von Leuten, die genau das liefern, was du erwartest, bis zu jenen, die kreativ völlig aus dem Ruder laufen und wo du keine Ahnung hast, dass sie es sind. Ich selbst habe das Gefühl, dass ich dieses Mal relativ nah dran bin an dem, was die Leute an meiner Arbeit mögen.

Eine sehr gute Entscheidung.
Danke.

In den 1980er Jahren dachten wir Punks, die Welt würde untergehen. Da war das atomare Wettrüsten, wir glaubten, die Russen oder die Amerikaner würden uns in die Luft jagen, überall war Umweltverschmutzung und es fühlte sich an, als sei das Ende nah. Nun, das Ende kam nicht, wir hatten Hoffnung, doch nun sind wir 40 Jahre später in einer Situation, in der das Ende der Welt umso näher gerückt zu sein scheint. Heute, am Tag dieses Interviews, ist Präsident Trump in sein Amt eingeführt worden. Wie sind deine Gefühle heute im Vergleich zu denen des jungen Mannes, der du damals warst?
Die 1980er Jahre waren für mich ziemlich erschreckend, und zwar auf einer persönlichen Ebene. Auf künstlerischer Ebene war es eine unglaubliche Zeit, da war so viel Energie, so viel Wut und es gab so viele Bestrebungen, etwas gegen all das Unrecht zu tun. Aber für einen schwulen jungen Mann war das Amerika der 1980er Jahre auch eine echte Herausforderung.

Es war das Jahrzehnt der HIV-Hysterie, als viele schwule Männer an AIDS erkrankten und starben.
Es hat mein Leben wirklich verändert, und nicht zum Besseren. Dieses Jahrzehnt miterleben zu müssen und zu hören zu bekommen, dass man sterben sollte, dass man weniger wert ist als andere, dass man keine Rechte hat, das war hart. Das lieferte eine Menge Stoff, der verarbeitet werden musste, aber ich habe das als Antrieb für meine Arbeit genutzt. Das waren also die 1980er Jahre für mich. Und dann kam 1989, das war ein gigantisches Jahr, mit dem Fall der Mauer und all den Dingen, die darauf folgten. Die 1990er Jahre waren ein Auf und Ab, aber dass sich die Computer durchsetzten, dass die Politik in Amerika fortschrittlicher, aufgeklärter, und integrativer war, das war besser als die 1980er Jahre. Aber mit der Zeit wurde die Gesellschaft immer gieriger, was Anfang der 2000er Jahre einen Tiefpunkt erreichte, und dann kam der 11. September und der Zusammenbruch des amerikanischen Finanzsystems. Und später kam Obama und damit wieder Hoffnung und es sah so aus, als würde es überall auf der Welt Fortschritte geben. Doch nun steuern wir der Pleite entgegen und haben unsere Weltraumpläne an diesen Typen verkauft ... Wir sind in einer schwierigen Lage.

Was ist schiefgelaufen?
Was alles verändert hat, sind das Internet und die sozialen Medien. Du und ich sind in einer Welt aufgewachsen, in der Informationen auf einer „Einbahnstraße“ verbreitet wurden. Und der einzige Weg, um das zu kommentieren, war in Echtzeit: am Telefon, in einem Café, in einer Kirche, überall dort, wo sich Menschen versammeln und miteinander reden. Mittlerweile gibt es in Amerika nicht mehr viele Gelegenheiten, bei denen sich Menschen zum Austausch versammeln. Die Menschen versammeln sich eher als Gruppe mit der Hilfe von einem Gerät, das sie in der Hand halten. Wenn es nicht an ist, ist es ein schwarzer Spiegel, und wenn es an ist, nimmt man darüber eine Menge Informationen auf. Ich glaube, die größte Angst, die ich habe, betrifft den Verlust des kritischen Denkens. Ich mache mir Sorgen, dass ich alle Antworten zur Geschichte der Welt in einem Stück Glas und Metall in der Hand halten kann. Kritisches Denken steht bei den Menschen nicht mehr im Vordergrund. Es wurde durch Informationsbeschaffung ersetzt. Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die entrechtet sind, nur noch auf die Weise reagieren, dass sie Kommentare abgeben, die du bloß auf diesem Gerät in deiner Hand zu sehen sind. Im echten Leben tauchen sie nicht mehr auf. Die Hochschulausbildung ist glücklicherweise noch intakt. Aber im Großen und Ganzen befürchte ich, dass wir in Amerika einen hohen Preis dafür zahlen, dass wir die Menschen nicht mehr zu kritischem Denken erziehen. Die Leute sehen sich Informationen an und wissen nicht, was sie davon glauben sollen. Sie nehmen sich aber auch nicht die Zeit nachzuforschen. Und es ist schwierig zu beurteilen, was wahr ist. Die Welt insgesamt war noch nie in so einer Situation, einfach weil wir früher keine sozialen Medien hatten. Vor den sozialen Medien gab es die Idee nicht, dass uns Fehlinformation als Wahrheit verkauft werden als Gegenleistung dafür, dass wir unsere Gefühle und unser Verhalten einen Unternehmen offenlegen. Das ist total neu.

Als reale Erfahrung ist es neu. Nachlesen kann man das seit 1948 in George Orwells Dystopie „1984“. Meiner Meinung nach das wichtigste Buch überhaupt. Darf ich dir eine Frage stellen? Hast du persönlich Angst? Trump ist homophob, er beendet alles, was es in Sachen LGBTQ+ an Fortschritten gab. Was für ein Gefühl gibt es dir, wenn du in gewisser Weise im Fadenkreuz seiner Politik stehst?
Ich hätte nicht gedacht, dass ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben noch einmal in so eine Lage kommen würde. Ich habe das schon einmal erlebt, also weiß ich, was das bedeutet. Die amerikanische Regierung neigt dazu, sich sehr langsam zu bewegen. Es kommen immer wieder Leute an die Macht, die Veränderungen wollen, die einen Umbruch wollen, die eine Art „psychische Anarchie“ wollen, und ich glaube, darum geht es hier. Ich bin sehr besorgt über die Dinge, die Trump sagt. Wenn ich darüber nachdenke, was die Menschen, die ihm zuhören, nun glauben, tun zu können ... Das ist für die USA neu, zumindest in diesem Ausmaß. Und wenn der mächtigste Mann deines Landes, der auch in der NATO das Sagen hat, neben Leuten sitzt, die die Welt kaufen und verkaufen wollen, dann mache ich mir Sorgen. Und ich mache mir noch mehr Sorgen um jene Menschen, die nicht kritisch denken, die den Dialoglinien folgen, die Trump und seine Leute etablieren, und die sich nun ermächtigt fühlen, danach zu handeln. Was dann passiert, das haben wir vor vier Jahren nach der Wahl gesehen. Ich glaube also nicht, dass ich mir diese Befürchtungen einbilde.

Ich wollte gleich zu Beginn des Interviews schon eine Frage stellen. Es geht um Track Nummer zwei auf deinem Album, der sich auf einen Ort bezieht, der nur ein paar Kilometer von hier entfernt ist: „Neanderthal“. Was hat es damit auf sich?
Ich habe den Begriff „Neanderthal“ eher auf einer oberflächlichen Ebene benutzt: Es geht um Menschen, die sich wie Kinder verhalten, die nicht über Dinge nachdenken und einfach nur reagieren. Ich hätte stattdessen auch „Bonehead“ oder „Bully“ sagen können.

Dein ehemaliger Bandkollege Greg Norton ist ebenfalls wieder musikalisch aktiv, seine Band heißt ULTRABOMB.
Ich habe die schon gehört und sie sind ziemlich gut. Viele Leute haben mir schon von der Band vorgeschwärmt, das freut mich für Greg. Ich weiß, dass es seine Leidenschaft ist, als auf Tour zu gehen und Konzerte zu spielen.

Apropos ... hast du schon Pläne?
Bisher ist noch nichts 100% sicher. Aber ich kann es kaum erwarten, wieder in Deutschland zu sein. Mein Mann und ich haben letztlich aufgrund der Pandemie weniger Zeit in Berlin verbracht, als wir eigentlich geplant hatten, und vermissen die Stadt sehr. Deshalb hoffe ich, dass wir bald zurückkommen können.

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