BOLOKOS

Foto© by Band

Punk aus der Karibik

Während meines letztjährigen Urlaubs auf der zu Frankreich gehörenden Karibikinsel Guadeloupe (die ist Teil der Europäischen Union, gehört jedoch nicht zum Schengen-Raum) entdeckte ich zufällig die grandiosen THE BOLOKOS. Mit ihrem einzigartigen Mix aus Streetpunk, Ska und traditioneller kreolischer Musik hat das Trio ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Das nun in Europa auf Wolverine Records erscheinende zweite Album „Tropikal Noise“ nahm ich zum Anlass, mit Gitarrist und Sänger Edy Caramello, Bassistin und Sängerin Océ Cheapfret und Schlagzeuger Mister Fridge über ihre Pionierarbeit als einzige Punkband auf Guadeloupe, die kreolische Kultur und natürlich den weltberühmten Rum zu reden.

Fragen nach dem Bandnamen sind eigentlich immer ziemlich blöd. Aber in eurem Fall muss ich doch mal nachhaken: Hat der Name eine Bedeutung? Stammt er aus dem Kreolischen?

Océ: Ja, tatsächlich! Boloko ist ein eher abfälliger kreolischer Begriff, der einen alten Sack bezeichnet, jemanden, der nicht mit der Zeit geht. Ein bisschen wie wir.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, euch zu schminken und zu maskieren?
Océ: Das war nicht wirklich durchdacht. Das erste Make-up war Zufall. Wir wurden kontaktiert, um eine Band zu ersetzen, die in letzter Minute abgesagt hatte. Dieser Ort war für seine thematischen Kostümpartys bekannt. Dieser Abend war eine ganz besondere Anfrage an uns. Tatsächlich mussten wir nach einer Improvisationstheatergruppe unter der Leitung des in Frankreich bekannten Komikers Gustave Parking auftreten, der manchmal eine rote Nase trägt. Wir dachten, es wäre eine Kostümparty und verkleideten uns als Clowns. Aber es stellte sich heraus, dass wir die Einzigen waren, die verkleidet waren! Nach diesem Abend wurden Fotos davon an andere Konzertveranstaltern weitergegeben und dieses Bild eines Clowns ist von uns im Gedächtnis geblieben. So kam es zu unserer Maskerade.

Die Antillen sind bis jetzt nicht unbedingt für ihre Punkrock-Szene bekannt. Was könnt ihr mir über Punk auf Guadeloupe oder gar in der ganzen Karibik erzählen? Gibt es auch länderübergreifende Verbindungen und Kooperationen? Welche Bands sollte ich mir unbedingt anhören?
Mr Fridge: Auf den Antillen gibt es quasi keine Punk-Szene. Wir sind die erste Punkrock-Band von Guadeloupe. Wir versuchen, Kooperationen mit anderen Punkbands einzugehen. Aber im Moment kommen sie meist aus Europa, insbesondere die DEAD DATES aus Deutschland! Allerdings ist hier die Rock-Szene im weiteren Sinne recht aktiv und vielseitig mit Bands wie LIVESTOCKS, BLACK SARGASS, DOWN THE LINE und HELLEPHANT.
Edy: Es ist zwar keine Insel in unserer Nähe, aber es gibt die hervorragenden ANTI EVERYTHING aus Trinidad, und es ist nicht mal derselbe Ozean, aber es gibt auch PLUTO CREVÉ auf der ebenfalls französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean, die mir wirklich gefallen.

Wie fühlt es sich an, als Band Pionierarbeit in Sachen Punk zu leisten?
Mr Fridge: Es erfüllt uns tatsächlich mit Stolz. Es war nicht immer einfach, uns in der Musiklandschaft Guadeloupes zu etablieren. Aber mit ein wenig Ausdauer und neuen Ideen im Vergleich zu dem, was hier sonst gemacht wird, haben wir es geschafft, dass unsere Musik wertgeschätzt wird und bekannt zu werden.
Edy: Ich sehe es eher als eine Art heiliges Amt: Jemand musste es tun und es fiel uns zu. Das hindert uns natürlich nicht daran, immer noch die gleiche Freude am gemeinsamen Musizieren zu haben.
Océ: Wir hoffen, dass unser Ansatz auch andere dazu ermutigt, eine Band zu gründen, ob jetzt Punk oder nicht, und so die Sichtbarkeit von Rock auf den Antillen zu erhöhen. Es gibt viele Talente und sehr gute Musiker auf der Insel.

Soll euer bandeigenes Label Bokit Production auch ein Beitrag sein zur Stärkung und Vernetzung der Szene sowohl auf Guadeloupe als auch im ganzen karibischen Raum?
Mr Fridge: Bokit Production versucht, Guadeloupe-Rock in seiner Verbreitung zu fördern und eine Struktur für die Durchführung dieser Projekte zu schaffen. Es wurde ein Festival ins Leben gerufen und 2021 eine Compilation mit dem Titel „Rock In Gwada“ veröffentlicht, die alle Gruppen aus Guadeloupe vereint. Im Laufe der Jahre kam es auch zum Austausch mit anderen Inseln. Dank dieses Systems konnten wir sogar in anderen Ländern spielen. Letztes Jahr war es Mexiko und dieses Jahr werden wir auch wieder euch in Deutschland besuchen.

Euer neues Album „Tropikal Noise“ verbindet wieder gekonnt Punk, Streetpunk und Celtic Rock mit Ska und traditioneller kreolischer Musik. So habt ihr etwa für den Song „Ti kanno“ mit dem bekannten Künstler Kali zusammen gearbeitet. Wie kam es dazu und wie hat Kali auf euch reagiert?
Mr Fridge: Wir hatten das große Glück, unser erstes Album mit Kali in seinem Studio auf Martinique aufzunehmen. Kali wurde ein Freund, und die Idee, gemeinsam einen Song aufzunehmen, war fast eine Selbstverständlichkeit. Es war ein großartiger Moment in unserer Karriere, mit einem ebenso talentierten wie großherzigen Künstler zu spielen.
Edy: Ja, auf „Tropikal Noise“ haben wir versucht, den Einfluss der karibischen Musik auf uns weiter zu betonen. Es ist eine Mischung, die nicht einfach ist, weil die Musik rhythmisch und melodisch ziemlich unterschiedlich ist. Wir mussten den richtigen Ansatz finden und gleichzeitig diese beiden Welten respektieren. Besonders aufgefallen ist uns, dass Gwo Ka, die hiesige Volksmusik, inhaltlich hinsichtlich Protest und Popularität gar nicht so weit von Punkrock entfernt ist.

Neben Englisch und Französisch singt ihr eben auch auf Kreolisch. Welchen Einfluss haben die kreolische Kultur und Sprache generell auf eure Musik?
Océ: Wir sind auf den Antillen aufgewachsen. Die Kultur der Antillen und Kreolisch sind Teil unseres Lebens und noch mehr Teil der DNA der Band. Ich wurde auf Martinique geboren und Edy auf Guadeloupe, Mister Fridge lebt dort auch seit langer Zeit. Karibische Musikstile wie Zouk, Biguine, Bèlè und Dancehall haben unsere Kindheit geprägt. Gwo Ka ist ebenfalls eine großartige Inspirationsquelle. Die Mischung dieser verschiedenen Klänge mit Punkrock war uns sehr wichtig, auch wenn es nicht einfach war.
Edy: Punksongs auf mal Kreolisch zu singen, ist eine Wunsch, den wir seit dem Debüt hatten, der damals jedoch noch eher zaghaft geäußert wurde, weil Englisch so bequem ist. Bei unserem zweiten Album wollten wir diesen Ansatz aber weiter verfolgen und aus dieser Komfortzone herauskommen. Wir hatten im Grunde keine Vorbilder, die uns inspiriert haben, es kam von alleine. Das Album beginnt und endet jetzt auf Kreolisch und damit sind wir sehr zufrieden.

Die BOLOKOS-Besetzung ist eigentlich ganz klassisch Gitarre, Bass und Schlagzeug. Aber dazu kommt noch eine Anzahl anderer Instrumente wie Bläser, Percussion, Banjo oder auch ein Dudelsack. Habt ihr die alle selbst eingespielt oder hattet ihr Unterstützung?
Océ: Einige Instrumente, darunter der Dudelsack, wurden von Edy und die Mandoline von mir gespielt. Aber wir hatten die Chance, noch mit weiteren Künstlern und Musikern aus der Szene Guadeloupes zusammenzuarbeiten.
Edy: Es war uns möglich, auf diese Weise aufzunehmen, weil wir alle drei mehrere Instrumente spielen. Was wir jedoch an Musik interessant finden, ist das Miteinander. Sich Gäste einzuladen ist aus musikalischer, aber vor allem menschlicher Sicht immer eine Bereicherung. Wenn es dann noch damit endet, nach der Session einen Ti Punch zusammen zu trinken, macht es umso mehr Spaß!

2019 seid ihr als erste karibische Band auf dem legendären Rebellion Festival aufgetreten. Wie war das für euch? Und was hat sich daraus ergeben oder entwickelt?
Océ: Es war eine großartige Gelegenheit, unsere Musik auch international bekannt zu machen. Menschen aus der ganzen Welt kommen zu diesem Festival und wir hatten das Glück, eingeladen zu werden. Das erste Stück des neuen Albums, „Caribbean dream“, haben wir eigens für diesen Anlass geschrieben. Wir wurden von Wayne Barrett von SLAUGHTER AND THE DOGS gesponsort und vorgestellt. Die Show war wirklich intensiv und der Empfang durch die Engländer war überwältigend. Wir wären auch in den folgenden Jahren eingeladen gewesen, aber dann brach Corona über uns herein. Dies gab uns 2022 die Zeit, weitere Stücke für ein zweites Album zu komponieren. Wir hoffen, dorthin zurückkehren zu können, um auch unser zweites Album auf dem Rebellion vorstellen zu können.

Auf Guadeloupe spielt der Rum eine große Rolle. Darüber habt ihr den Song „White rum“ geschrieben. Rum ist bei euch aber viel mehr als ein Getränk, sondern eine Art eigene Kultur. Welche Bedeutung hat die Kultur des Rums für euch?
Edy: Im Ausland haben uns Leute manchmal kritisiert, dass wir mit dieser Art von Trinkliedern für Alkoholkonsum werben würden. Rum ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Antillen. Er ist nicht nur ein fermentiertes Getränk, das die Sinne betäuben soll, sondern eine Lebenskunst! Die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaften der Antillen basierte auf dem Zuckerrohranbau und leider auch auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Rum ist ein Produkt, das die Gesellschaft hier spiegelt und hat das Tempo der Insel schon immer geprägt. Es versteht sich von selbst, dass Rum bei in allen Lebensereignissen präsent ist, auf jedem Familienfest, beim Karneval bis hin zu traditionellen Trauerfeiern. Wir haben das Glück, eine Reihe von Rumflaschen zu besitzen, die den Namen der Band tragen, etwa Cuvée The Bolokos von der Montebello-Brennerei – ich hatte das Privileg, das Etikett dafür zeichnen zu dürfen. Auf Guadeloupe und Martinique produzieren wir Rhum Agricole, also Rum aus reinem Zuckerrohrsaft und nicht aus Melasse wie im Rest der Welt, und es erfüllt uns mit Stolz, dass er von Kennern meist als der Beste bezeichnet wird. Entschulde die lange Antwort, aber wenn es um Rum geht, werde ich leidenschaftlich! Ich schätze, es ist bei euch ungefähr dasselbe, wenn jemand gutes deutsches Bier anspricht.

Im Zusammenhang mit dem Zuckerrohranbau müssen aber auch die Kolonialgeschichte und die Sklaverei erwähnt werden. Welchen Einfluss haben der Kolonialismus und seine Folgen noch heute auf die Gesellschaft in Guadeloupe?
Océ: Die Wunden sind auf mehreren Ebenen immer noch sehr präsent und die Bevölkerung von Guadeloupe ist weiterhin systemischem Rassismus ausgesetzt. Einige Familien, die direkt von den Kolonialisten abstammen, besitzen noch immer einen großen Teil des Wohlstands auf der Insel. Ich möchte aber meine Antwort nicht so lange ausfallen lassen wie Edy eben beim Thema Rum, hahaha, auch wenn es zu diesem Thema viel zu sagen gäbe.

Gibt es auf Guadeloupe auch den Wunsch nach Unabhängigkeit von Frankreich – so wie in anderen französischen Überseegebieten wie etwa Neukaledonien? Wie steht ihr zu dieser Frage?
Mr Fridge: Natürlich gibt es auf Guadeloupe eine Fraktion, die für die Unabhängigkeit ist. Die stellt jedoch nicht die Mehrheit auf der Insel dar. Es ist offensichtlich, dass wir großteils die gleichen Probleme haben, mit denen alle Überseegebiete konfrontiert sind. Die Lebenshaltungskosten, die Arbeitslosigkeit, der Zugang zu Wasser ... Das gibt uns viele Themen, mit denen wir uns für neue Songs befassen müssen.

Im April kommt ihr nach wieder Deutschland. Welche Erwartungen habt ihr an die Tour?
Mr Fridge: Wir freuen uns sehr darauf, unser neues Album zu präsentieren zu können. Was für eine Ehre, an solch coolen Orten spielen zu dürfen! Wir möchten uns auch bei unserem Booker Mike Vogel in Hamburg bedanken, ohne den diese Tour nicht möglich wäre.
Edy: Die Freunde, die wir dort gefunden haben, wiederzusehen, dann vor Ort zu essen und mein heimlicher Traum, auch wenn es nicht die Saison dafür ist, wäre es, eines Tages die berühmte Feuerzangenbowle probieren zu können.
Océ: Wir freuen uns natürlich darauf, im dritten Jahr in Folge nach Deutschland zu kommen. Wir wurden immer sehr gut aufgenommen, dafür sind wir sehr dankbar.

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