© by Frauke HollmannBraunkohle wird am Niederrhein im Tagebau gefördert, im Ruhrpott (in Essen!) holte man einst Steinkohle aus der Tiefe. Diese Unschärfe kann man BRAUNKOHLEBAGGER (aus Essen!) verzeihen, die gerade ihr Album „Angstapparat“ veröffentlicht haben, das durch komplexen, aber dennoch eingängigen Post-Hardcore überzeugt. Gitarrist Hendrik erklärt uns, wie es sich so lebt als Musiker in Essen.
Wie hat es euch nach Essen verschlagen? Dort aufgewachsen oder zugewandert und hängengeblieben?
Bis auf mich sind wir alle vor Jahren zugezogen – des Studiums oder Jobs wegen. Und unser Bassist Stefan lebt in Detmold. Er ist der tapfere Pendler zu jeder Bandprobe. Essen ist aber unser Zentrum, hier in Altenessen ist der Proberaum.
Würdet ihr sagen, dass ihr einen konkreten Bezug zu Essen habt? Etwa was Namensgebung, Songs, Plattentitel, Artworks etc. angeht?
Nein, zumindest nicht bewusst. Sicher prägt einen das Umfeld, in dem man täglich lebt, arbeitet, komponiert. Ob unsere Musik so auch in der bayerischen Provinz entstanden wäre, kann niemand sagen.
Gibt es für eure Musik eine Szene und gleichgesinnte Bands oder seid ihr eher Einzelkämpfer?
Für unsere Musik gibt es schon eine Szene, insofern gibt es in Essen viele Menschen, die härtere Gitarrenmusik mögen. Wir sind gut vernetzt, alleine durch unsere vorherigen Bands, Freundschaften und Konzertbesuche. Wir teilen uns aktuell einen Raum mit der Post-Rock-Band IM WASSER. Persönlich ist man auch verbandelt mit Bands wie KOCHKRAFT DURCH KMA oder BANDA SENDEROS. Da ist das Genre dann egal. „Gleichgesinnt“ sind sicher viele Bands. Aber ein wenig ist unser Eindruck, dass es schwieriger geworden ist, an Auftritte zu kommen, und vielleicht viele Bands sich wie Einzelkämpfende fühlen.
Bezieht ihr euch auf eine bestimmte musikalische Tradition der Stadt, gibt es da „historische“ Connections?
Essen ist in der Wahrnehmung, auch historisch gesehen, eine Metal-Stadt. Bands wie SODOM oder KREATOR sind Legenden. Beide Bands proben quasi bei uns nebenan. Wir beziehen uns nicht darauf, aber es gibt schlechtere Orte, um eine Band mit verzerrten Gitarren und Geschrei zu gründen.
Welche DIY-Strukturen wie Konzertgruppen etc. gibt es, wo bringt ihr euch ein?
In Essen gibt’s mit Zinnober, dem Reifenlager West und dem EMO aktive Gruppen und Orte, die sich um Punk in seinen vielfältigen Facetten bemühen. Dass wir fester Teil dieser einen „Szene“ wären, können wir gar nicht so sagen. Denn Szene wandelt sich stetig und wie überall erodieren auch in Essen die Strukturen. Generell kann man den Eindruck haben, dass zum Beispiel die Techno-Szene aktuell viel lebendiger ist, wo sich überall Kollektive bilden, neue Partyreihen entstehen und man auch mal DIY im Wald eine Bühne baut.
Nehmt uns mal mit in die Live-Musikszene von Essen. Wo geht was, welche Clubs, AZ gibt es, was zeichnet die aus ... und wo da habt ihr schon überall gespielt?
Läden wie das Turock, Cafe Nord und Don’t Panic sind weithin bekannte Orte für Metal-Hardcore-Punk. Mit dem EMO, Cafe Nova, Reifenlager West, Weststadthalle und natürlich auch Jugendzentren gibt’s hier ein paar Läden, in denen lokale wie internationale Bands spielen. Wir selbst haben mit BRAUNKOHLEBAGGER nach Corona noch nicht dort spielen können.
Was schätzt ihr an der Musikszene dieser Stadt?
Essen hat eine reiche Geschichte der harten Musik und eine lebendige Kulturszene. Genres sind hier nicht so wichtig und man kollaboriert untereinander. Arrogant ist hier kaum einer, das kann man sich aber auch nicht leisten. Obwohl wir eine Großstadt sind, geht es oft provinziell zu, so dass man sich immer wieder über den Weg läuft und auch recht schnell Menschen kennt, die was starten und machen.
Wie sieht es mit Infrastruktur aus? Gibt es bezahlbare, akzeptable Proberäume?
Öffentlich geförderte Räume sind schwierig zu finden. An der Stauderstraße, wo wir jetzt seit einigen Jahren sind, scheinen sich gefühlt alle Bands eingemietet zu haben. Ansonsten ist es eine konstante Herausforderung für alle Musikschaffenden, einen bezahlbaren und freien Raum zu finden. Wer einen Raum hat, der gibt ihn lieber nicht so schnell auf.
Wo kauft man bei euch seine Platten? Welche Läden könnt ihr empfehlen?
Es gibt mit Lifeshark Records und Yeah Records zwei Plattenläden für Rock etc. Aber vorrangig für gebrauchtes Vinyl. Man kauft online und streamt. Wir wüssten nicht, dass es in Essen lebendige Plattenläden so wie vor Jahrzehnten gibt.
Und wie lautet die abschließende Wertung? „Jederzeit gerne wieder!“ oder „Ich will hier weg!“?
Das ist individuell zu bewerten. Essen ist vielfältig in allen Belangen. In Essen pflegt wohl jeder eine Hassliebe zu seiner Stadt. Aber es ist nicht der schlechteste Ort, um als Band dort sein Zentrum zu haben und sich im Ruhrgebiet und Rheinland zu vernetzen. Man ist schnell auf der Autobahn, es gibt zahlreiche Locations und Festivals in der Gegend, viele gute Bands und Produzenten.
© by Fuze - Ausgabe #114 Oktober/November 2025 und Sandra Monterey
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #142 Februar/März 2019 und Sebastian Wahle
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #146 Oktober/November 2019 und Peter Wingertsches
© by Fuze - Ausgabe #114 Oktober/November 2025 und Sandra Monterey