© by Michael FaschingChris Magerl aus Graz hat mit seiner Band THE BURNING FLAGS das neue Album „Pathways“ via Noise Appeal Records am Start und blickt auf über drei Jahrzehnte aktives Musikmachen zurück, unter anderem mit SICK OF SILENCE und ONCE TASTED LIFE. Da bot es sich an, ihn mal nach seinen Erfahrungen on the road zu befragen.
Was war das beste Essenserlebnis bei einer Show oder einem Festival und was war das schlechteste?
Ich muss sagen, dass wir speziell in letzter Zeit meistens Glück mit dem Essen hatten. Die Veranstalter waren sehr bemüht und das Essen war auch immer gut. Manchmal fiel es zeitlich mit unserem Soundcheck zusammen, so dass wir dann Pizza auf der Bühne bekamen, während wir immer wieder kurz spielten. Trotzdem ist das deutlich besser als auf manchen der Touren mit meinen alten Bands. Da gab es regelmäßig überhaupt kein Essen von Seiten der Veranstalter. Ich kann mich an eine Phase erinnern, da lebten wir auf Tour von einem großen Tofublock mit Algen, den wir kalt zu ungetoastetem Toastbrot aßen. In England gab es oft eine kleine Portion kalte Pommes. Das Bier, das wir uns zuvor schon gekauft hatten, wurde uns vom Pub-Betreiber abgenommen, weil er meinte, auch wenn wir bei ihm spielen, müssen wir die Getränke bei ihm regulär kaufen. Aber immer noch besser, als darauf zu verzichten und stattdessen einfach Wasser zu trinken. Denn diesem ist in manchen Ländern einfach Chlor zugesetzt.
Gibt es Geschichten über liegengebliebene Autos, (Beinahe-)Unfälle, schrottreife Tourbusse ...?
Ich kenne das alles. Unseren jetzigen Bus haben wir schon lange, und bis auf einen Platten auf der Autobahn hatten wir bis jetzt kaum Probleme. Das war aber nicht immer so. Ich hatte auf einer Tour durch das Baltikum einmal einen Bus mit faustgroßen Löchern in der Bodenplatte der Ladefläche, gesprungener Frontschreibe, vier verschiedenen Reifen und – wie sich bald herausstellen sollte – kaum funktionierenden Bremsen. Den Bus hatte der Tourpromoter wohl billigst organisiert. Meine alten Busse blieben auch regelmäßig liegen oder uns ging der Sprit aus, weil die Tankanzeige nicht funktionierte.
Ich schätze, dass ihr im Laufe der Jahre viele Freunde und vielleicht auch ein paar Feinde gewonnen habt. Was waren einige denkwürdige Begegnungen?
Es gibt viele Bands aus unserem Umfeld, mit denen wir regelmäßig zusammenspielen und mit denen es auch immer lustig ist. MELONBALL aus Nürnberg gehören zum Beispiel dazu. Eine Band, mit der wir ein Problem haben, fällt mir nicht ein. Ich glaube, wir sind eigentlich recht gesellig. Generell habe ich das Gefühl, dass ich kaum schräge Leute oder Bands mit Allüren in der Szene treffe. Wenn wir mit größeren Bands zu tun haben, sind schon manchmal auch schräge Vögel dabei, aber das ist eher amüsant. Bei einem Konzert mit den THE REAL McKENZIES lernte ich ihren Frontmann Paul kennen, indem er zu mir kam, mir eine 9-Volt-Batterie hinhielt und mich fragte, ob ich sie für ihn einmal abschlecken könne. Ich meinte: „Vielleicht später.“ Dann lachten wir beide und es wurde ein sehr witziger Abend. Auch mit FLOGGING MOLLY letztes Jahr verstanden wir uns sehr gut, tranken Jameson-Whisky zusammen und unterhielten uns blendend. Nur bei einem der Typen von den LENINGRAD COWBOYS habe ich wohl vor ein paar Jahren ungewollt eine Grenze überschritten. Ich hatte damals noch lange Dreadlocks. Die band ich vor meiner Stirn zusammen und teilte ihm mit, dass ich jetzt eigentlich bei ihnen mitspielen könnte. Ich dachte, es wäre ein guter Witz, aber er lachte nicht, sondern drehte sich einfach um und ging.
Was für Erfahrungen mit Polizei, Zoll, etc. habt ihr schon gemacht?
Es wurde etwas besser, seitdem wir einen weniger rostigen Bus fahren und ich graue anstelle von bunten Haaren habe. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, da wurden wir ständig angehalten und von der Autobahn geholt. An jeder Grenze hieß es „Den Bus ausräumen“ – und regelmäßig wurden die Hunde geholt. Das war auf eine nervige Art einfach anstrengend. Meine „lustigste“ Geschichte mit der Polizei gab es vor vielen Jahren in Bayern. Unser Gitarrist damals hatte auf Tour Geburtstag. Seine Freundin hatte ihm ein verpacktes Geschenk mitgegeben und ihm verboten, es vor seinem Geburtstag zu öffnen. Genau das verlangte aber der Polizist bei der Kontrolle. Und als sich unser Gitarrist weigerte, wurden wir allen Ernstes gefragt, ob sich im Paket eine Bombe befindet. Letztlich mussten wir das Ding öffnen, unser Gitarrist durfte dabei wegschauen und man ließ uns weiterfahren.
Von Luxushotels bis hin zu von Kakerlaken befallenen Dreckslöchern ... wir wollen deine Anekdoten hören!
Ich will ganz ehrlich sein: Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist, dass wir uns, wenn wir ganz sichergehen wollen, für den nächsten Tag ausgeschlafen zu sein, auch mal selbst ein Hotelzimmer gönnen. Die richtig miesen Dinge, die ich von früher kenne, als wir uns zum Beispiel einmal zu sechst in unseren kleinen Bus zum Schlafen quetschten, nachdem wir festgestellt hatten, dass die private Unterkunft quasi mit Hundehaufen übersät war, oder als wir überhaupt im Freien übernachten mussten, als eine Show ausgefallen war, im Oktober wohlgemerkt, passieren heute eigentlich nicht mehr. Ich kann mich aber zum Beispiel an ein Hotel in Belgien erinnern, wo wir eine super enge Treppe bis in den dritten Stock hinaufgehen mussten und unterwegs an einer offenen Tür nach draußen vorbeikamen, die wortwörtlich ins Nichts führte. Wäre dort jemand hinausgegangen, wäre er mehrere Stockwerke abgestürzt. Die Decke im Hotel war schwarz, aber nicht wegen der Farbe, sondern wegen des Schimmels. In einem Luxushotel landete ich auch einmal überraschend vor ein paar Jahren in Berlin. Ich hatte das nicht auf dem Schirm. Bei der Ankunft hatte ich einen zerknüllten Fünf-Euro-Schein einstecken. Den bekam dann gleich einmal der Page. Danach hatte ich erst mal gar nichts mehr. Am Abend wollte ich gemütlich auf ein Bier in die Hotelbar und wurde nicht reingelassen. Offiziell war kein Tisch mehr frei, aber ich konnte sehen, dass das natürlich nicht stimmte. Also bin ich wieder zurück ins Zimmer, habe in der Bar angerufen und mir alles aufs Zimmer bringen lassen – zumindest das war irgendwie witzig.
Was war die härteste, längste, schrecklichste Fahrt zu einer Show?
Für mich sind die schrecklichsten und meistens in der Folge auch längsten Fahrten in der Regel bei Shows im Winter, wenn das Wetter nicht mitspielt. Man kriecht dahin oder steht überhaupt im Stau, wissend, dass man vielleicht noch hunderte Kilometer vor sich hat, und muss sich beim Fahren auch extrem konzentrieren. Da viele von uns unter der Woche einem Brotjob nachgehen, spielen wir zudem regelmäßig Weekender, was meist automatisch mit langen Distanzen verbunden ist, weil du halt nicht auf dem Weg zur Show in XY noch schnell ein, zwei andere Konzerte einfügen kannst. Aber wir haben mittlerweile eine Art Tourroutine. Ein Teil schläft, ein Teil spielt Computerspiele und ich cruise meistens so dahin. Das klappt ganz gut. Ich kenne aber auch Tourpläne, wo am Tag nach der Show in Rom ein Konzert im Norden Österreichs auf dem Plan steht. Das funktioniert vielleicht mit einem Tourfahrer, den hatten wir aber damals nicht. Da hieß es direkt nach der Show um drei Uhr morgens Abfahrt, zwischendurch auf einem Rastplatz kurz powernappen und weiter geht’s. Aber auch das hat funktioniert.
Irgendwelche Nahtoderfahrungen?
Tatsächlich haben wir uns auf einer Tour in Russland fast einmal umgebracht, weil wir die Situation beim Überholen auf der Bundesstraße völlig falsch eingeschätzt hatten. Ich dachte, wir könnten einem Sattelzug vor uns direkt hinterherfahren, als dieser einen anderen Lkw überholte. Falsch gedacht. Denn selbst für ihn war es eigentlich ein knappes Manöver und als er sich vor dem überholten Lkw wieder einordnete, sahen wir, dass uns gerade ein Sattelzug direkt entgegenkam. Neben uns war auf der einen Seite nun der erste Lkw und auf der anderen Seite ein Wald. Um uns wieder zurückfallen zu lassen und den Überholvorgang abzubrechen, waren wir schon zu weit vorne – das wäre nicht mehr sicher ausgegangen. Letztlich reagierten die Fahrer der Lkw sehr schnell und richtig. Zwei stiegen voll in die Bremsen, um Platz für uns zu schaffen, wir gaben Vollgas, um es noch in die Lücke zu schaffen, womit es zentimetergenau ausging. Infolgedessen wählten wir dann aber für die nächste Tour dort eine Kombination aus Flugzeug und Zug.
Und eure verrückteste Erfahrung überhaupt?
Es fällt mir schwer, da jetzt ein Erlebnis oder einen Abend herauszupicken. Unterwegs sein ist immer aufregend, es passiert immer irgendwas und tatsächlich ist es auch jedes Mal anders. Wir freuen uns, unser neues Album jetzt endlich live zu spielen und die neuen Nummern zu präsentieren. Und all jenen, die nach diesem Interview neugierig auf mehr geworden sind, sei verraten, dass im Herbst ein Buch erscheinen soll, an dem ich gerade mit einem Freund arbeite und in dem viele Touranekdoten zu finden sein werden.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und H.C. Roth