BUSTERS

Foto© by Jessy Reiner

Ska against racism

Mit „Calling“ erschien im Januar das 17. Studioalbum der Wieslocher Ska-Institution. Seit über acht Jahren waren sie nicht mehr bei uns im Interview, allein dadurch ergeben sich zahlreiche Fragen, die nicht nur das neue Album betreffen. Sänger und Gitarrist Joe und Rob, der Posaunist, der fast von Anfang an dabei ist, sowie Gründungsmitglied Schramme (Orgel) gaben redselig Auskunft.

Zwei eurer Gründungsmitglieder sind in den letzten Jahren verstorben. Wie geht ihr damit um und ist eure Musik auch ihr Vermächtnis?

Rob: Die beiden sind natürlich immer dabei. Dadurch, dass wir seit Jahrzehnten immer in den gleichen Clubs spielen und den gleichen Backstages sitzen, fallen mir fast jedes Mal Schoten zu den beiden ein. Bei Jesse Günther, dem Percussionisten, ein paar mehr, weil er bis zum Schluss in der Band war. Posaunist Jan Brahms ging ja kurz nach der Gründung von THE BUSTERS nach London, um bei BAD MANNERS zu spielen. Er hatte mich in die Band geholt. Wir kannten uns von der Stadtkapelle Wiesloch her.

Es gab auch Umbesetzungen: der „ewige“ Drummer Stefan verließ die Band und zuletzt nach 15 Jahren Saxofonist Matthias. Hat das etwas mit eurer etwas anderen musikalischen Ausrichtung zu tun?
Joe: Mit der Musik hatte das nichts zu tun. Über die lange gemeinsame Zeit hinweg haben sich Lebensumstände und Prioritäten verändert. In einer Band zu sein über so viele Jahre ist ein sehr intensiver Job, der viel Zeit, Energie und Verlässlichkeit verlangt. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man offen und produktiv miteinander arbeiten kann, damit so ein gemeinsamer Weg dauerhaft funktioniert. Das lässt sich nicht in jeder Lebensphase problemlos mit dem privaten Leben vereinbaren. Die Entscheidungen, die getroffen wurden, hatten deshalb persönliche Gründe und keine musikalischen.
Schramme: Eine Vollzeitstelle als Musiklehrer an einer Schule ist schwer vereinbar mit dem Arbeitspensum und dem Tour-Routing einer Band wie THE BUSTERS.

Im letzten Interview stellte ich fest, dass ihr eigentlich keinen Ska-Punk macht. Das ist nun anders. Das ist jetzt Ska-Punk oder bisweilen fast Ska-Rock, wegen der zwei Gitarren.
Joe: Wenn man sich durch unsere Diskografie hört, fällt schnell auf, dass wir musikalisch schon immer gerne Ausflüge in andere Bereiche gemacht haben, sei es Latin, Jazz oder Punk und Rock. Am Ende hört man aber immer den typischen BUSTERS-Sound raus. Punkige Einflüsse gab es auch schon in den ganz frühen Jahren, das ist also kein neues Phänomen. Zum Beispiel haben wir aktuell auch ältere Stücke wie „Do ya thang“ oder „No risk no fun“ im Live-Set, beides ziemlich punkige Songs. Und wir sind einfach viele Personen in der Band, was auch viele verschiedene Einflüsse mit sich bringt – wir lieben Vielfalt, auch in der Musik. Wenn ich Songs schreibe, entsteht die Stilistik ganz von selbst. Ich setze mich nicht hin und denke, ich muss jetzt einen Punk- oder Rocksong schreiben. Gleichzeitig färben äußere Einflüsse natürlich immer ab. Wir leben aktuell in einer harten und rauhen Zeit. Wir werden täglich mit schrecklichen Nachrichten konfrontiert, Trump hier, AfD da, unzählige Kriege, die einfach nicht enden. Da ist es kein Wunder, dass sich unsere Musik stellenweise härter anfühlt. Wenn wir zum Beispiel beim Song „Freak show“ über den Aufstieg des Faschismus in den USA singen, funktioniert diese Message für mich nicht mit einem happy karibischen Ska-Song. So ein Song muss knallen!
Schramme: Als alter Hase der Band freue ich mich über die Möglichkeit, gerade im Bereich Ska/Rocksteady/Reggae auf zwei Gitarren mit unterschiedlichen Funktionen zurückgreifen zu können: eine für den Offbeat und die andere zum Doppeln der Basslinie – wie seit den 1960ern in der jamaikanischen Musik üblich.

Nicht überspringen sollten wir eure „Live & Loud“-LP von 2024. Während eure Live-CDs früher stets mit denselben Hits punkteten, hattet ihr da fast nur neue Songs ausgewählt. Eine gute Idee, wie ich fand.
Joe: Genau. Wir wollten nicht schon wieder eine vierte Live-Platte mit denselben Hits veröffentlichen. Auf der „More Love“-Tour, bei der die Aufnahmen entstanden sind, haben wir bei den neuen Songs eine unglaublich starke Energie gespürt. Das hat sich live einfach richtig gut angefühlt und genau das wollten wir festhalten. Deshalb haben wir uns diesmal bewusst entschieden, den Inhalt etwas anders zu gestalten und den Fokus stärker auf die neuen Stücke zu legen.

Auch auf dem 2022 von BONSAI KITTEN-Marleen großartig zusammengestellten Sampler für die Ukraine seid ihr vertreten, mit „Mickey Mouse in Moscow (FCK PTN)“ mit einem angepassten Text. Was war eure Motivation?
Schramme: Um unsere Haltung dazu mal ganz klar zu machen: im Gegensatz zu den gesteuerten Machterhaltsverfahren in Russland hat die ukrainische Bevölkerung in demokratischen und freien Wahlen ihren Präsidenten bestimmt, der nach Kräften versucht, das Land durch den von Russland aufgezwungenen Krieg zu führen. Whataboutism ist hier also vollkommen fehl am Platz. Wie selten in einem Konflikt ist der Aggressor hier eindeutig: die Russische Föderation mit ihrem quasifaschistischen Ex-KGB-Oligarchen-Machtapparat mit Putin an der Spitze hat den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine, verknüpft mit Terror an der Zivilbevölkerung, begonnen.
Joe: Wenn man einen großen Bogen um Hetzmedien wie Bild oder Nius macht und sich stattdessen aus verschiedenen seriösen Quellen informiert, kann man sich meiner Meinung nach ein ziemlich gutes Bild machen.

Zurück zur Ska-Punk-Party. Die Fokussierung auf Joe ist schon wesentlich stärker als bei früheren THE BUSTERS-Sängern. Joe, wie geht dir damit und wie hältst du die Jungs bei Laune?
Joe: Das liegt mit Sicherheit auch an der heutigen Zeit und an den Möglichkeiten durch Social Media, mit den Fans zu kommunizieren. Wenn es etwas zu sagen gibt, ist es einfach leichter, zum Beispiel beim Spaziergang mit meinem Hund oder in meinem Studio schnell ein kurzes Video oder Foto aufzunehmen, anstatt acht Leute abzufragen, wann wer wo und wie Zeit hat. Dadurch bin ich vielleicht auch öfter präsent. Natürlich habe ich als so eine Art Band-Pressesprecher etwas mehr Druck, aber ich fühle mich dabei wohl und mache das gerne. Was das Thema „bei Laune halten“ angeht, ist es gar nicht so, dass ich dafür sorgen muss. Das regelt sich in der Band von selbst. Wir lachen sehr viel zusammen, verstehen uns super und haben einfach eine gute Stimmung. Nicht nur auf der Bühne, sondern genauso im Backstage, im Bus, im Hotel oder auch in unserer Freizeit. Und genau das hält uns zusammen.

Die Schauspielerin Katharina Wackernagel war nicht nur beteiligt an dem Song „Wehrt euch!“, auch live kam sie ja schon mal für ein Stück auf die Bühne. Sind da weitere Dinge in Planung?
Rob: Wir haben mit Kathi und auch ihrem Bruder Jonas Grosch zusammen schon einige Projekte gestartet. THE BUSTERS haben schon mehrfach Musik komponiert für deren Filme und auch sonst sind wir immer in Kontakt. Also kann da hinsichtlich neuer Projekte immer mal wieder was passieren. Aber ich denke, dieses Jahr feiern wir erst mal, dass unser Herzensprojekt „Wehrt euch!“ so eine Verbreitung erreicht hat. Ein tolles Projekt, zu dem auch noch viele andere Schauspieler und Sänger etwas beigetragen haben. Der Song und das Video sind noch überall präsent und kommen auch auf Demos zum Einsatz und werden auch wahnsinnig oft im Netz geteilt. So war es gedacht und danke, dass andere Menschen das Gleiche denken und fühlen, wenn es um die derzeitige Politik in der Welt geht.

Ihr bezieht politisch immer wieder und von jeher klar Stellung.
Joe: Seit Stunde eins wird bei uns ganz klar das Motto „Ska against racism“ gelebt. Es gab damals wie heute Texte, die unsere antifaschistische Haltung deutlich machen. Zuletzt zum Beispiel ganz bewusst auf Deutsch in den Stücken „Wehrt euch“ oder auch „Geschichte schreiben“, damit es wirklich jede:r versteht.Wer uns kennt, weiß außerdem, dass wir innerhalb der Band unterschiedliche Wurzeln, Hintergründe und sexuelle Orientierungen haben, dass wir in verschiedenen Sprachen singen und Vielfalt bei uns ganz selbstverständlich dazugehört, und genau das spiegelt sich auch auf unseren Konzerten wider. Was da jeden Abend passiert, ist eigentlich das Entscheidende: Viele Fremde kommen in einen Club und feiern dann gemeinsam eine große Party, völlig egal, woher sie kommen, welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder Religion sie haben. Am Ende liegen sich alle in den Armen und singen dieselben Lieder. Darauf kommt es an. Und sollten sich trotzdem irgendwelche Rechte auf unsere Shows verirren, sind sie herzlich eingeladen, sich diese gelebte Vielfalt anzuschauen und das eigene Weltbild zu überdenken.

Auf eurem neuen Album „Calling“ fiel mir besonders „Detox Baby“ auf, das klingt nach gut gelauntem Punk von der US-Westküste. Worum geht es in dem Song?
Rob: Kann gut sein, dass wir da was aufgesogen haben auf unserer US-Westcoast-Tour Anfang der 1990er Jahre. Wir trafen dort auf einige gut gelaunte College-Ska-Bands. Der Song wirkt so leicht, aber das Thema ist bluternst interpretierbar. Ich finde das sehr spannend, einen Gegensatz zwischen ernsten Themen und einer leichten, fast schon humorvollen oder Party-ähnlichen Stimmung herzustellen. Das macht schwierige Themen erträglicher und sie verschwinden nicht einfach, weil keiner darüber reden oder nachdenken will. Wohin Spannungen in einer partnerschaftlichen Beziehung führen können, ist kein Geheimnis und darf es auch nie werden.

Die Scheibe start mit „Champagne“. Was perlt trotz aller Krisen und Kriege in eurem Leben?
Joe: Mein Wunsch, politisch informiert zu bleiben, und mein Wunsch nach mentaler Gesundheit lassen sich manchmal nur schwer miteinander vereinbaren. Aber wir alle müssen versuchen, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen. Man kann sich natürlich zu Hause einschließen, nur meckern, griesgrämig werden und sich über alles beschweren oder man geht raus und macht das Beste aus seinem Leben. Und genau das tun wir und genau das ist auch die Message von „Champagne“. Wir haben das große Glück, mit Musik arbeiten zu dürfen. Sie gibt uns die Möglichkeit, uns auszudrücken, aber eben auch, Party zu machen und glücklich zu sein. Gerade auf Konzerten ist es wundervoll, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. Ständig Konzerte zu spielen und an neuen Songs zu arbeiten, ist für uns eine enorme Motivation und einfach eine schöne Beschäftigung.

Bei „Geschichte schreiben“ denke ich an SONDASCHULE oder BROILERS. Ist das lediglich meine subjektive Wahrnehmung?
Joe: Die von dir genannten Bands schätze ich beide sehr, und wir nutzen im Grunde die gleichen musikalischen Elemente. Deutscher Text, mächtige Gitarren, Bläser und Ska. Natürlich erinnert einen das an andere Bands, die sich aus einem ähnlichen Baukasten bedienen. Das passiert eher automatisch und ist eine gemeinsame musikalische Sprache.

Euer Markenzeichen war immer poppig gespielter Ska, also schon immer absichtlich an den ewigen Puristen vorbei. Ich denke da an Songs wie „Agatha“, „Candy“ oder „Dead or alive“ und aktuell „One more time“. Mit welcher Prämisse seid ihr diesmal ins Studio gegangen?
Joe: Wir gehen neue Stücke erst mal ganz neutral an, ohne festen Plan, wo es am Ende hingehen soll. Die Songwriter stellen ihre Ideen vor und wir probieren die Songs gemeinsam im Proberaum aus. Da entscheidet sich dann ziemlich schnell, was funktioniert und was nicht. Nach dieser Phase haben wir uns für dieses Album bewusst entschieden, wieder mit einem externen Produzententeam zu arbeiten. Wir waren zwei Wochen lang in einem kleinen Dorf in Brandenburg, mitten im Wald, und haben dort gemeinsam mit Philipp Hoppen und Oliver Zülch die neuen Songs aufgenommen. Die beiden haben unter anderem schon mit DIE ÄRZTE, KRAFTKLUB, FEINE SAHNE FISCHFILET oder SPORTFREUNDE STILLER gearbeitet und bringen viel Erfahrung mit. Das Einzige, was wir diesmal ganz bewusst anders gemacht haben, war die Art des Recordings. Wir haben alle Songs live zusammen in einem Raum eingespielt und so die Energie eingefangen, die wir auch auf der Bühne haben. Wenn Musik es schafft, Energie und Emotion zu transportieren, dann ist es am Ende eigentlich egal, wie man genau klingt.

Auf dem erwähnten letzten Studioalbum gab es vier deutschsprachige Songs, ist „Geschichte schreiben“ diesmal ganz bewusst die Ausnahme?
Joe: In der Songwritingphase haben wir bei verschiedenen Stücken immer wieder ausprobiert, ob sie auf Deutsch oder Englisch besser funktionieren. Das war völlig offen und überhaupt nicht geplant, dass am Ende nur ein deutscher Song übrig bleibt. So hat sich das einfach ergeben. Gerade bei „Geschichte schreiben“ war aber ziemlich früh klar, dass er auf Deutsch sein muss. Als ich die Melodie geschrieben habe, hatte ich sofort die Zeile „Lasst uns Geschichte schreiben“ im Kopf und deshalb sind wir genau dabei geblieben. Bei einem Thema wie diesem ist es einfach gut, wenn die Message ohne Umwege ankommt, also direkt ins Herz und in den Kopf, ganz ohne Übersetzungsmodus.

Ihr seid viel auf Tour. Wie muss ich mir das Tourleben vorstellen: die alten Hasen Schramme, Hardy und Stephan gehen sofort ins Bett, während die Jüngeren voller Adrenalin sind und Party machen? Oder geht das sowieso nicht mehr wie früher?
Joe: Ich habe als Sänger relativ schnell gemerkt, dass es für mich keine gute Idee ist, nach einer Show groß Party zu machen, wenn am nächsten Tag direkt das nächste Konzert ansteht. Klar, es gibt Sänger von anderen Bands, die die ganze Nacht durchfeiern und am nächsten Tag trotzdem ihre Show spielen. Bei mir funktioniert das einfach nicht. Wenn mich Freunde auf Tour besuchen, gehe ich natürlich auch gerne mal nach dem Konzert noch mit ihnen weg. Aber ganz sicher nicht nach jeder Show. Dafür sind mir die nächsten Abende einfach zu wichtig. Würde ich „nur“ Gitarre spielen ohne zu singen, sähe das vielleicht anders aus. Aber mein Hauptinstrument ist nun mal mein Körper, und der muss jeden Abend zu 100% fit sein. Da bin ich auch ziemlich streng mit mir selbst. Ich möchte einfach, dass jede Stadt und alle Besucher:innen gleichermaßen das bestmögliche Konzert bekommen und mittlerweile ist es mir auch wichtig, dass ich nach so einem Tour-Wochenende zu Hause noch funktioniere und nicht erst drei Tage durchschlafen muss, bis ich wieder ansprechbar bin.

Hört ihr das neue Album jetzt noch nach dem Release oder braucht ihr dazu ein paar Tage Abstand? Und probt eine Profi-Truppe wie ihr die Konzerte vorab komplett?
Joe: Während der Mix- und Masterphase haben wir das Album wirklich rauf und runter gehört, da brauche ich danach erst mal ein bisschen Abstand. Bei mir ist es meistens so, dass ich kurz nach dem Release noch ein paar Mal reinhöre und danach eigentlich gar nicht mehr. Was die Konzerte angeht: Ja, wir haben diesmal wirklich viel geprobt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich ein Programm richtig gesetzt hat, wir verschiedene Abläufe geprobt und auch mal ältere Songs ausprobiert und eingebaut haben und alles sitzt. Und dann proben wir natürlich auch das komplette Set durch. Für die Generalproben mieten wir sogar einen Live-Club, bauen alles genauso auf wie später auf Tour und spielen das gesamte Konzert mit Band und Crew komplett durch.

Wenn live die „Raumpatrouille Orion“-Titelmelodie als Intro erklingt, was genau geht da in euren Köpfen vor? Ist noch Lampenfieber im Spiel?
Joe: Ich habe tatsächlich jeden Abend aufs Neue ziemlich heftiges Lampenfieber. Ich versuche, mir das aber nicht anmerken zu lassen und mich bis zum Auftritt so gut wie möglich abzulenken. Meistens ist das nach den ersten ein, zwei Songs wie weggeblasen und dann kann ich das Konzert in vollen Zügen genießen.
Rob: Sobald das Intro läuft, schießt bei mir das Adrenalin ein und ich versuche einfach, diesen Moment zu genießen. Dann läuft es entweder komplett in Trance ab, also ohne nachzudenken oder den Angststellen im Set zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, oder ich kann es professionell ausblenden, dass das so ist. Für den den nötigen Fun, um nie mit der Band aufhören zu wollen, braucht es für mich dringend dieses Zusammenspiel aus Anspannung und Entspannung.

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