…BUT ALIVE

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Ein Phänomen aus Hamburg

BUT ALIVE aus Hamburg sind schon ein Phänomen. Selten konnte ein Debüt-Album so (fast) einstimmig überschwängliche Reaktionen verbuchen wie „Für uns nicht" und das, obwohl sich die Band auch noch zu allem Überfluss deutschen Texten verschrieben hat. Jedenfalls katapultierten sich die sympathischen Jungs innerhalb eines halben Jahres von null auf hundert in der deutschen Punklandschaft und sind aus dieser genauso wenig wegzudenken wie SLIME, BOXHAMSTERS oder EA 80. Ein Interview mit Sänger und Texter Marcus war also unumgänglich.

Bevor die „Für uns nicht"-Platte veröffentlicht wurde, habe ich noch nie etwas von euch gehört. Was war denn vorher?

Wir waren ein Jahr lang eine Demo-Band, für die sich kein Schwein interessiert hat. Wir haben also viel auf Demos und Gegendemos gespielt. Nein, wir hatten ein 8-Spur-Demo und darauf waren fast die gleichen Songs wie auf der Platte. Das haben wir dann auch ans Ox geschickt und sogar eine ziemlich gute Kritik darauf bekommen. Aber wie das halt so ist: Niemand hat sich für uns interessiert. Weder die Leute, die Tourneen organisieren, noch irgendwelche Labels. Das zeigt auch den desolaten Zustand unserer Szene. Man muss erst ein gutes Label gefunden haben, mit Anzeigen und Hochglanz und so weiter. Deswegen tun mir die Demo-Bands auch richtig leid. Die armen Jungs.

Wart Ihr vorher schon in irgendwelchen tollen Bands, die jeder kennt?
Ja, aber die Namen spielen keine weitere Rolle. Wir haben einfach mal als ganz normale Punkband angefangen. aber das war alles nicht der Rede wert. Wir kommen ja auch nicht direkt aus Hamburg, sondern mehr aus der Vorstadt.

Ihr wart also richtige Lederjackenpunker?
Eigentlich nicht. Wir gehören nicht zu dieser Fraktion, sondern waren typischen Vorstadtpunks, die nie die Brunftzeit mitgemacht, sich dann aber für die Musik begeistert und die dann auch selbst gespielt haben.

Für welche Musik?
Die Bands, die uns ganz am Anfang beeinflusst haben, waren schon so Deutschpunkhelden wie SLIME oder RAZZIA. Damals hatten wir das halt gehört und dann angefangen SLIME zu covern.

Hamburger Tradition?
Ja, also das wäre schwachsinnig, wenn wir das nicht zugeben würden. Obwohl wir dann auch relativ schnell Ami-Hardcore gehört haben, 7 SECONDS und so.

Wie alt seid Ihr denn?
Im Durchschnitt 25 und einer ist 30.

So alt? Ich dachte, ihr seid so ne richtige Kiddie-Newcomerband.
Nö, siehste doch. Alt und verbraucht.

Ihr wart ja auch bei der letzten SLIME-Tour als Support dabei. Wie seid Ihr da rangekommen? Hat euch das weitergeholfen?
Klar, das hat uns sehr geholfen. Stefan von SLIME habe ich auf dem „Nazis Raus"-Festival kennengelernt und der hatte mich dann nach einem Demo gefragt. Zwei Tage bevor SLIME auf Tour gingen, ist denen ihre Support-Band abgesprungen und da haben sie uns gefragt. Wir hatten schon so unsere Zweifel, was man von den neuen SLIME halten soll, wie die sich nun so businessmäßig bewegen, aber alle blöden Gerüchte können wir nur entkräften. Sie waren sehr korrekt zu uns, und ich finde es auch nicht so verwerflich für eine Band wie SLIME, wenn sie 15 Mark Eintritt nehmen.

Aber von der Musik her ist das, was Ihr macht, eben doch nicht so der typische Deutschpunk. SLIME sind für mich dann schon eine Ecke prolliger und erst recht so Sachen wie MÜLLSTATION oder SCHLEIMKEIM. (Moin Joachim, wie kommst Du bei SLIME bitte immer auf „prollig"? Haste von denen überhaupt schon mal die neue gehört? d.T.) Musikalisch ist das doch eine ganz andere Qualitätsklasse, oder?
Ich würde zwar nicht sagen, dass wir bessere Musik machen, aber wir bewegen uns musikalisch auf einer ganz anderen Ebene. Aber das muss man bei BUT ALIVE auch so sehen, dass bei uns keiner „nur" Punk hört. Unser Drummer z.B. hört fast überhaupt keinen Punk, sondern nur Jazz, Hip-Hop und ein bisschen Rock. Ein ganz normaler Mensch halt, mit einem ganz normalen Musikgeschmack. Die beiden Gitarren waren so von Anfang an dabei und haben die musikalische Richtung vorgegeben und dabei kommen dann eben so Sachen raus, wie Balladen, HipHop und so weiter. Uns langweilt es zu Tode, nur einen Musikstil zu spielen.

Aber sobald man deutsche Texte macht, wird eine Band ja automatisch in die Deutschpunkschublade gesteckt.
Das ist halt so. Wir werden ja auch immer mit den ganzen Deutschpunk-Bands verglichen. Wenn wir Glück haben, dann reduziert sich das meistens auf Bands wie BOXHAMSTERS, was schon okay ist. Aber der Begriff Deutschpunk an sich ist auch derbe ausgelutscht und deshalb würde ich Bands wie EA 80 oder BOXHAMSTERS auch nicht als Deutschpunk bezeichnen. Zu viele Bands haben dieses Genre einfach ruiniert.

Ich betrachte Bands wie EA 80 oder BOXHAMSTERS auch mehr so als „Intellekto-Punk". Deutschpunk heißt für mich dann doch eher so TOXOPLASMA auf der Lederjacke und sich jeden Abend mit Hansa-Pils völlig zu saufen. (Ey Joachim, d u ignoranter Student. Außerdem ist Hansa-Pils total lecker und preisgünstig. d.T.) (Herr Hähnel, wer von uns beiden studiert denn Betriebswirtschaft, hm?jh)
Es ist bedauerlich, dass diese Bands den Begriff Deutschpunk so ruiniert haben. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Bands, die deutsch singen. HOUSE OF SUFFERING zum Beispiel haben eine sehr gute Platte gemacht, die BOXHAMSTERS haben sicherlich Pionierarbeit geleistet und vielleicht können auch wir, weil wir gerade recht erfolgreich sind, unseren Teil dazu beitragen, dass Bands nachkommen, die verdammt nochmal deutsch singen. Dann könnte der Begriff Deutschpunk auch wieder eine ganz andere Wucht oder Klasse kriegen. Vielleicht findet man auch ein neues Wort dafür

Gerade bei deutschen Bands, die englisch singen, merkt man ja auch, dass deren Texte sich oftmals durch unglaubliche Plumpheit, Peinlichkeit und Plattheit auszeichnen, ganz einfach weil gute Ideen stümperhaft ins Englische übersetzt werden.
Das ist genau meine Rede. Die besten deutschen Texte machen in dieser Hinsicht BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE. Die finde ich sogar noch besser, als die von BOXHAMSTERS oder EA 80. Das sind alles nur so Gefühle und der gewisse Wahnsinn dabei ist, dass das im Prinzip jeder ausdrücken könnte, wenn er sich nur zusammenreißt. Da gehört dann der Willen und Mut dazu und das fehlt halt bei den meisten Bands. Viele Bands orientieren sich musikalisch an irgendeiner Ami-Band und die Texte bleiben dann auf der Strecke. Und im Grunde genommen geht es ja eben um nichts anderes. Auch der Erfolg von BUT ALIVE basiert wohl größtenteils auf den Texten, so zumindest meine persönliche Erfahrung.

Ich denke, mangelnder Inhalt lässt sich auch hervorragend durch englische Texte verkleiden.
Das ist halt diese musikorientierte Seite des Hardcore. Die Bands hören sich SICK OF IT ALL an und sagen sich, das können wir auch. Da werden Parolen einfach übernommen, die überhaupt nichts mit deren Leben zu tun haben. Das ist alles so lächerlich.

Wie seid Ihr eigentlich an euer Label Weird System gekommen?
Nachdem unser Demo relativ gefloppt ist, sind wir in ein teureres Studio gegangen und haben dort so ein Promo-Tape aufgenommen. Das haben wir dann an vier Plattenfirmen geschickt und dann ist alles recht schnell gegangen.

Weird System zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass sie zwar nur wenige Platten rausbringen, aber dann im Großen und Ganzen eben „richtige" Platten, mit ordentlicher Promotion.
Klar, das hat uns auch geschmeichelt. Ich meine, wir waren die erste Band seit Jahren, seit GO AHEAD, und uns war schon klar, dass, wenn man mit Weird System eine Platte macht, dann verläßt man auch irgendwie das Hardcore-Metier. Die wollen dann auch im ZILLO oder SPEX die Leute erreichen und das fanden wir dann eigentlich auch okay.

Also keine Berührungsängste?
Für uns ist es schon wichtig, auf dieser HC-Basis zu bleiben, aber auf der anderen Seite langweilt es auch relativ schnell, vor immer wieder denselben Leuten aufzutreten. Das ist einfach nicht mein Weg. Da draußen gibt es genug Kiddies, die sich vielleicht noch irgendwie inspirieren lassen. Es macht für mich keinen Sinn, zum hundertsten Mal im „Störtebeker" aufzutreten.

Klappt das denn, auch andere Leute zu erreichen?
Da gibt es halt diese zwei Theorien. Die einen sehen uns dann als Sellout oder wir verlassen das Ghetto, weil es uns einfach zu langweilig ist. Da gehe ich halt lieber den Weg, dass die Leute mir Sellout vorwerfen, ich aber andere Leute erreiche. So wie in Schopfheim etwa, da hatte das Publikum nichts mit Punk zu tun. Das waren alles total normale Kiddies, aber die waren total offen für unsere Musik. Wir sind dort ziemlich gut angekommen und das macht für uns mehr Sinn, als dauernd vor denselben Leuten zu spielen, die sowieso alles wissen. Das war jedenfalls ein geiles Konzert und da kommst du halt auch ganz anders ran an die Leute. Dazu kommt noch, daß BUT ALIVE schon Musik machen, die in gewisserWeise „massenkompatibel" ist, also poppig arrangiert und eben Wolf Mahn-mäßig.

Ihr seid die Wolf Mahn des Hardcore?
Ja, das stand im ZAP.

Sozialarbeiterrock?
Ja, Besinnungsrock.

Trifft einen sowas?
Ich hab' den Typen kennengelernt. Zenker war das, der macht eher selten was für's ZAP. Als ich das zum ersten mal gelesen habe, dachte ich, das sei völliger Schwachsinn. Der hat EA 80 im selben Atemzug hochgejubelt, und uns hält er für zu weinerlich. Da kann ja irgendwas nicht stimmen. Aber das war wohl eher eine psychologische Sache für ihn, denn wenn eine Band ständig gehypt und hochgepusht wird, dann ist man auch irgendwie misstrauisch. Innerhalb des Artikels hat er sich dann auch widersprochen, indem er sagte, dass unsere Interviews gut wären, ebenso wie unsere Texte. Ich hab' den Typen mittlerweile getroffen und der war ganz lustig so.

Hat deutscher Punkrock auch 1994 noch seine Daseinsberechtigung?
Aber hunderprozentig. Nichts ist neu, aber du musst das so sehen, dass da immer tausende Kiddies nachkommen, und die gehen entweder zu PHIL COLLINS oder werden Punk. Das ist so die Alternative, die man anbietet. Damit meine ich jetzt eine Szene wie die Hardcoreszene, mit gewachsener Struktur und da kann das nicht falsch sein, wenn Sechzehnjährige ins „Störtebeker" gehen. Aber ich sehe im „Sörtebeker" eben keine Sechzehnjährigen und das ist irgendwie echt bitter, denn da fehlt einfach der Nachwuchs.

Das fand ich auch so hart im Interview mit den ABSOLUTE BEGINNERS im letzten Ox. Das sind auch so Siebzehn-, Achtzehnjährige, und wenn du dort HipHop mit Hardcore austauschst, dann hätte es vor sieben oder acht Jahren im TRUST stehen können. Wenn ich da so unsere Szene betrachte, in der kaum jemand unter 25 ist, komme ich immer mehr zur Einsicht, daß heute HipHop wohl das Ding ist, das Hardcore mal war.
Das stimmt. Wenn die Kiddies die Wahl zwischen HipHop und Hardcore haben, entscheiden sie sich größtenteils für HipHop. Das ist aber nicht die Schuld von Hardcore, sondern weil HipHop trendgerechter ist. Das wird auch sehr viel von den Medien so hingedreht.

Droht eine Vergreisung der Szene?
Die Aktiven in der Hardcoreszene, also Fanzine-Macher, Konzertveranstalter, Tourbooker und so weiter, die sind alle schon recht alt. Ich bin mal gespannt, was dann so in fünf Jahren passiert, wenn die sich alle richtig verabschieden.

Erhebt Ihr eigentlich mit Euren Texten einen moralischen Anspruch? Versteht Ihr sie als Appell?
Das ist eine ganz schwierige Sache. Wir versuchen Zeigefingertexte weitesgehend zu vermeiden, indem wir auch so Texte wie „Grau" haben. Aber wir sind auch großgeworden mit Zeigefingertexten wie von den DEAD KENNEDYS oder PUBLIC ENEMY, die trotzdem hochgradig genial sind. Das hat schon eine gewisse Wucht. Aber man muss eben versuchen - um es parolenhaft auszudrücken -, Wissen zu vermitteln, ohne auszubilden. Ich kann meinen persönlichen Standpunkt beziehen und den in meinen Texten begründen, ohne dabei jemanden auszubilden. Es zeigt einfach eine Möglichkeit auf. Das macht für micht mehr Sinn, als irgendwelche schwammigen Emocore-Texte nach dem Motto „Ey, heute fühl' ich mich wieder so scheiße, weil das System mich unterdrückt.

Das ist teilweise auch so bei SLIME. Ein Text wie „Deutschland muss sterben" klingt heute zwar unheimlich platt und nicht mehr akzeptabel, aber im Nachhinein gesehen hat das auch was. Dagegen diese ständige Ausgewogenheit, das kann auch sehr bequem sein.
Ja, da wären wir dann auch wieder bei den BOXHAMSTERS. Die fand ich auf den ersten zwei Platten teilweise auch etwas zu schwammig. Die neue Platte dagegen finde ich da wesentlich besser.

Es gibt da ja auch immer diese Diskussionen mit politischen Artikeln in Fanzines, wie z.B. diese reinen Polit-Artikel über RAF oder Vegetarismus, die ich eigentlich hasse, da sie meistens platt oder schlecht recherchiert sind. Auf der anderen Seite waren genau diese Artikel ganz früher für mich interessant.
So ein Sechzehnjähriger ist halt auch voller Fragen, der will alles beantwortet wissen. Wir stellen ja keine Fragen mehr. Und wenn so einer dann mal im rechten Sumpf versackt, kann er halt auch mal von der anderen Seite zugeballert werden, und das ist dann eben Punk. Das macht schon Sinn, wenn Fanzines über Politik reden oder Bands Stellung beziehen. Aber halt nie den Fehler machen, so plump zu sein, dass man versucht, Leute auszubilden. Jetzt so diese autonome, dogmatische Infoladenherrlichkeit, die ist mir irgendwie zu trocken und spröde. Wichtig wäre es halt, dass hier mehr junge Leute nachkommen, sei es jetzt über Kultur oder Musik, die weniger verkrampft sind. Es gibt da draußen echt genug Leute, die keinen Bock auf ein normales Leben haben, so nach dem Motto Lehre, Arbeit und Tschüß. Denen kann man das dann anbieten.

Das klingt nun alles doch extrem nach Sozialarbeiter.
Nein, auf gar keinen Fall, denn Sozialarbeiter wollen ja eben Leute ausbilden. Die wollen pädagogisch Leute formen, und genau das liegt mir fern.

Und wie geht's weiter? Schon eine neue Platte aufgenommen?
Wir haben gerade ein Single mit vier Songs gemacht, nur auf Vinyl. Werft Eure Plattenspieler nicht weg. Vinyl darf nicht sterben. Danach machen wir dann eine neue Platte und eine neue Tour.

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