CANARIAS CALLING

Foto© by Joachim Hiller

Auf Punkrock-Klassenfahrt

Kat aus Berlin hat zwei Leidenschaften: Punkrock und die Kanaren. Dort ist sie aufgewachsen, nachdem sie als Kind dorthin verpflanzt wurde, dort lernte sie die seit den späten 1970ern schon sehr bunte Punk-Szene der Inseln kennen, die von Deutschen gemeinhin nur auf ihre „Beurlaubbarheit“ hin wahrgenommen werden. Wie so oft aber stellt man bei genauerem Hinsehen fest, wie vielfältig die Subkultur auch hier ist. Kats Projekt „Canarias Calling“ will vernetzen: einerseits kanarische Bands unter diesem Banner nach Deutschland bringen – zuletzt Berlin und Hamburg, bald auch Essen –, zum anderen deutsche und internationale Bands auf die Kanaren.

Anfang Dezember 2025 sind wir – Uschi und Joachim vom Ox – nun zum zweiten Mal eingeladen, Teil dieser „Punkrock-Klassenfahrt“ zu sein. Los geht es am 04.12.: Am Gate auf dem Düsseldorfer Flughafen sorgt unsere kleine Reisegruppe, bestehend aus Babette von den VAGEENAS und ihrer Band (und Frank!), direkt für Aufmerksamkeit: bunte Haare, wilde Looks, lautes Lachen – wir fallen auf unter den Funktionsgekleideten auf dem Weg in den Teneriffa-Urlaub. Knappe fünf Stunden später sind wir angekommen auf der „Ferieninsel“ – ein schlimmes, unbedingt zu vermeidendes Wort, denn tatsächlich, da und auf den anderen Inseln leben auch ganz normale Menschen, sorgt der Tourismus einerseits für Arbeitsplätze, aber auch für prekäre Lebensverhältnisse und entzieht Wohnraum denen, die da leben. Entsprechend sind vereinzelte an Bushaltestellen und Hauswände gekritzelte Parolen à la „Touris raus!“ zu kontextualisieren.

Mit dem von Kat perfekt organisierten Transferbus geht es für uns ... nicht nach Las Américas oder Los Cristianos, sondern in die Inselhauptstadt Santa Cruz, wo über 200.000 der fast eine Million Einwohner von Teneriffa sehr großstädtisch leben. Unser schickes Hotel ist direkt in der Innenstadt, Rooftop-Bar inklusive. Gepäck ablegen, Hunger, Durst! Ab auf die Fressmeile mit der ganzen Reisegruppe, die später angekommene Kat stößt bald zu unserer Gruppe, und dann geht es noch in die lokale Punkrock-Bar Lone Star unten am Hafen – mit entsprechendem Resultat. Der Fußweg zurück ins Hotel fühlt sich surreal an: ein warmer Abend, überall wildeste Weihnachtsbeleuchtung, das wird gut! (Notiz an mich selbst: Obacht, wenn nach Landessitte der G&T oder Cubata mit eher 12 als 4 cl Alkohol zubereitet werden ...)

Der nächste Tag diente der Akklimatisation (sprich: Tourigelatsche kreuz und quer durch die Stadt), aber ein Termin war gesetzt: 18 Uhr „Umtrunk“ in der Rooftop-Bar des Hotels. Im Laufe des Tages sind viele der anderen Bands und Akteure eingetroffen, im Hotelfoyer stolpere ich in Diggen, einst Frontmann von SLIME, der mit RASTA KNAST als Band einige von deren Klassikern auf die Bühne bringen wird, hier und auf La Palma. Elisa und Enrico von LOS FASTIDIOS sind da, mit denen wir später noch die vegane Restaurantlandschaft erkunden werden (Spoiler: sieht solide aus hier), und die in fast schon in Fußballmannschaftsstärke aufgelaufene Berliner Ska-Legende BLECHREIZ. Dazu ein paar der „Locals“, wo ich nach der zehnten Vorstellung aber leider den Überblick verliere – „Salud!“, „Cheers!“, „Prost!“ ist auch Kommunikation. Locker 25 Leute tummeln sich in der lauen Abendluft über den Dächern der Stadt – was für eine Einstimmung! Später klingt der Abend erneut in und um das Lone Star aus, Bier auf der Terrasse kurz vor Weihnachten, das gefällt.

Der nächste Morgen offenbart beim Frühstück im Hotel hier und da die Spuren der Nacht, bis zur Abfahrt des Transferbusses den Berg hoch nach La Laguna ist aber noch Zeit. Wir bummeln durch die feiertäglich ruhige Stadt, es ist ein langes Wochenende für die Locals, Montag ist auch noch frei. Der Bus? Kommt nicht zum Hotel, Kat schwitzt und flucht. Enge Straßen, großer Bus ... es endet damit, dass wir eine Karawane aus locker 30 Leuten bilden und durch die Fußgängerzone zum Busparkplatz am Hafen pilgern, Merchkoffer, Gitarren und Saxophone schleppend. Der Bus braucht nur 15 Minuten, man hätte eigentlich auch die Straßenbahn nehmen können von Tür zu Tür. La Laguna ist Weltkulturerbe, Touri-Hotspot, die milde Wintersonne wärmt und die Straßencafés sind voll. Mittendrin in La Laguna, in einem Kinokomplex aus den 1980ern, ist das Aguere Cultural. Rockclub-Look wie überall auf der Welt, wie zu Hause.

Wir verzichten auf den Soundcheck, testen das Angebot einer Wermuteria (lecker!), beruhigen eine lampenfiebrige Babette und sind pünktlich um 17 Uhr wieder da, als BLECHREIZ die Bühne entern. Die Halle ist leidlich gefüllt, auch hier wird vor dem Eingang noch geraucht und gequatscht. Die Berliner sind gut eingespielt, hauen Klassiker wie „Bumble bee“ raus – Ska ist ein Rhythmus, bei dem jede:r mit muss. In ähnlicher Weise geht es weiter mit der erst 2024 gegründeten Ska-Punk-Band EARTH ATTACKS aus Gran Canaria. Hier und da auch mit eher hardcorigen Momenten, heizen sie den Leuten schon ganz gut ein. Aber das ist nichts gegen das Feuerwerk, das Babette dann mit ihren VAGEENAS abbrennt: Babette tobt und rennt über die Bühne, beweist, dass das Geheimnis jeder guten Band die Action der Person am Mikro ist. Ihr Look ist heute besonders gewagt, da ihr Rock bald flöten geht, weil durch missbräuchliches Tragen seitens Gitarrist Volker (DIE SCHWARZEN SCHAFE) etwas ausgeleiert. Die Canariensos feiern die Show. Weiter geht es mit GRUPO SORPRESA von hier, der Insel Teneriffa. Das Frauentrio ist seit 2019 zusammen, war auf der CD zu Ox #182 zu hören und steht auf Masken und Schnickschnack – und Punkrock! Als Locals haben sie ihre Fans dabei, die Halle ist voll.

Nach 21 Uhr gehen RASTA KNAST auf die Bühne, spielen halb eigene Songs, halb die von SLIME. In all den Jahren waren sie schon viel international unterwegs, kündigen Songs auch mal auf Spanisch an. Die mitgereisten Deutschen, die Canariensos und auch einige deutsche „residentes“ und Urlauber feiern dann natürlich die SLIME-Klassiker, die Diggen singt und die auch in Spanien dem einen oder anderen geläufig sind. Ein erster Höhepunkt in Sachen Kulturaustausch. LOS FASTIDIOS from Verona, Italia are up next und setzen dank des perfekt aufeinander eingestimmten Duos und Ehepaars Enrico und Elisa noch einen drauf. Diese Mischung aus Ska und Punk und Rudeboy/girl-Attitüde zündet auch hier auf der Insel. Worauf die paar hundert Leute, die den ganzen Abend über schon ausgelassen feiern, gegen 23 Uhr wirklich gewartet haben, sind LAS RATAS, auch aus Teneriffa, die ihre Leute mitgebracht haben. Seit Mitte der 1990er schon sind sie dabei, haben zig Platten gemacht, auch schon in Deutschland gespielt, und ihr zappeliger Crossover-Sound mit so einem gewissen RATM-Touch und permanentem Gehüpfe auf und vor der Bühne reißt mit. So feiern, das können (fast) nur Spanier. Das Ganze ist auch ein Statement in Sachen Body Positivity: Sänger Txowie (eine echte Szenelegende hier) steht mit bloßem Oberkörper auf der Bühne, die zierliche Co-Sängerin Cris daneben, und niemand stört sich dran – kann es sein, dass OKF ein sehr deutsches Nischenthema ist?

Um 0:30 Uhr ist alles vorbei, es gibt eine lustige Musikmenschenkarawane durch die auch hier sehr weihnachtlich illuminierte Fußgängerzone zum Bus, dann Schönheitsschlaf für die einen und Nachglühen für die anderen – das Ergebnis sieht man am Sonntagmorgen um neun, als wir wieder den Bus besteigen. Auf zum Aeropuerto Tenerife Norte, von wo uns Binter Canarias mit einer dieser im Stundentakt die Inseln verbindenden Propellermaschinen nach La Palma bringen wird. Dort angekommen heißt es zunächst, all die Menschen auf verschiedene Fincas zu verteilen. Die Bands müssen um 15 Uhr schon zum Soundcheck im LunÁtico in El Paso sein, für uns geht es erst in den Pool und dann um 18 Uhr los. El Paso kennt der typische Wanderurlauber, ein krawalliger Nachbar in ein paar Kilometern Entfernung ist der Vulkan, der 2021 hunderte Häuser und mehrere Ort in Sichtweite vernichtete. Redet man mit den Menschen hier, kennt jeder jemand, der alles verloren hat. Letztes Jahr fand das Canarias Calling Festival, das Kat und ich da erstmals zum OxFest „umgebrandet“ hatten, im unweit des Marktplatzes und der Kirche gelegenen CreaLab statt. Leider ging das diesmal nicht wegen Renovierungsarbeiten, deshalb ist das Ganze ein paar Meter weiter ins LunÁtico gezogen, direkt an den Treppen zur Kirche gelegen, ein mit etwas Mut 120 Leute fassender DIY-Club von Musikbegeisterten, darunter auch viele kreative Deutsche aus der Region. Die Getränke sind günstig, die Stimmung von Anfang an gut – oder eher ruhig.

Denn es geht los mit einem Film über die verstorbene Teneriffa-Punklegende Pistol von FAMILIA REAL. Wir schaffen es knapp, die Anreise von der Finca ist etwas mühsam: eine halbe Stunde Gegurke über Haarnadel-Serpentinen durch Nebel und Regen, dann der Tunnel – und warme Abendsonne. La Palma eben. BLECHREIZ legen los, passen kaum auf die Bühne mit so vielen Menschen, die sofort lostanzen. Als Nächstes kommen MANIKOMIO DEL SUR aus Fuencaliente auf La Palma auf die Bühne, „stilecht“ mit Schottenröcken (wtf?), und sie haben logischerweise ein paar feierwütige lokale Fans mitgebracht. Weiter geht es mit SONIDO KACHARRO aus Fuerteventura, die im Herbst 2025 auch in Berlin und Hamburg beim „CC“ dabei waren – Punkrock mit Pappteufel! Auch bei DISTORTION aus Teguise auf Lanzarote hatte man im Herbst die Chance, sie in Deutschland zu sehen: thrashiger Skatepunk mit legendär hohen Luftsprüngen. Zwischendurch gibt es vor der Tür eine überraschende Begegnung: der legendäre Götz Widmann (einst Teil von JOINT VENTURE) steht mir plötzlich gegenüber, er hat hier sein Winterquartier, schaut mal eben vorbei. Der Abend wird kälter, aber spätestens bei LOS FASTIDIOS ist es drinnen muckelig warm und voll. Die italienische Ska-Punk-Legende begeisterte an diesem Abend mit einer halbakustischen Version ihrer selbst – das ist sehr gut! Mit etwas Verspätung kommen dann auch wir auch ins Bett, denn merke: die Tankklappe an einem vollelektrischen Auto geht deshalb nicht auf, weil da kein Tankstutzen ist ...

Am Montag, dem 08.12.2025, ist hier Feiertag, da bot sich eine Nachmittagsmatinee an. Punkt zwölf sitzen nicht wenige leicht angekaterte Menschen im LunÁtico, um den von Kat koproduzierten Film über Diggen zu sehen – in Hamburg und Berlin lief der auch schon. Anschließend eröffnen die mit jeder Show besser werdenden GRUPO SORPRESA den Band-Reigen, wobei hier die sonnigen Treppenstufen und das Bier vor der Tür noch recht verlockend auf das Publikum wirken. Ganz anders bei den VAGEENAS, die kurz nach 14 Uhr loslegen. Wirbelwind Babette dreht den Laden auf links, rauf auf die Theke, rein ins Publikum – weniger Action sollte keine Band machen. Sie werden gebührend gefeiert und sind auch musikalisch mittlerweile eine Wucht. Dann „the men in black“: Lea und Uli vom Berliner Wild at Heart sind angereist, Uli steht mit CHURCH OF CONFIDENCE auf der Bühne – die pure Rock’n’Roll-Coolness. Die aber getoppt wird von der 1983 gegründeten Punklegende SUBRESIDUOS aus Las Palmas de Gran Canaria um ihren charismatischen Frontmann Juanillo. Mit Gehstock schwankt er zur Bühne, wird dort sofort geheilt und tobt manisch herum wie die Kanaren-Version von Iggy Pop. Muss man erlebt haben! Und genauso legendär geht es weiter mit Diggen und RASTA KNAST, die ein weiteres Mal zwei Handvoll SLIME-Klassiker zur Aufführung bringen und damit für Euphorie sorgen, nicht nur bei den deutschen Anwesenden, sondern auch bei den anderen Bands. Der Rest des Programms wie gehabt RASTA KNAST-Originale.

Pünktlich um 18 Uhr ist Feierabend, aber der Abend war nicht vorbei, denn 30, 40 Leute – Bands und Helfende – ließen das Wochenende in einem nahegelegenen Restaurant ausklingen, es floss reichlich lokaler Wein und Bier. Als Transferbusfahrer (nüchtern, nach den vier vorhergehenden Abenden kein großes Opfer ...) hatte ich dann das Vergnügen, eine reichlich angetrocknete Horde Punks durch die Nacht zu gurken und an ihren Fincas abzusetzen. Es folgte noch fast eine ganze Woche Erholung vom „Ruf der Kanaren“ mit der einen oder anderen Grillparty und touristischen Exkursionen und auch ein bisschen „Workation“. Sind wir im Dezember 2026 wieder dabei? Auf jeden Fall! Danke an Kat für die perfekte Orga –einen Sack Flöhe hüten ist leichter, als 30, 40 Punks in Hütehundmanier zusammenzuhalten ...

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Unbedingt sehenswert
• LOS FASTIDIOS haben auf ihrem YouTube-Kanal einen super Kurzfilm zum Festival und Drumherum veröffentlicht.
• Auf dem Facebook- und Instagram-Profil von Canarias Calling gibt es alle Infos zu den deutschen und kanarischen Terminen. Am 08./09./10.10.2026 stehen Berlin, Hamburg und erstmals Essen auf dem Plan, auf den Kanaren ist 2026 am 04.12. (Teneriffa), 05.12. (Gran Canaria) und 06./07.12. (La Palma) Programm.

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