© by Marshall RecordsCANCER BATS-Sänger Liam Cormier spricht mit uns über kreative Neuanfänge, das Älterwerden in einer Hardcore-Band, Inspiration durch die Natur und warum die besten Songs oft erst entstehen, wenn man aufhört, ständig über Musik nachzudenken.
Manche Bands werden mit den Jahren berechenbarer. Andere verlieren ihre ursprüngliche Energie. Und dann gibt es CANCER BATS. Seit mehr als zwei Jahrzehnten bewegen sich die Kanadier irgendwo zwischen Hardcore, Punk, Sludge, Metal und Rock’n’Roll, ohne jemals auf der Stelle zu treten. Ihr neues Album „Give Me Dirt“ ist dafür der beste Beweis. Für die Aufnahmen zog es die Band erstmals ins God City Studio von CONVERGE-Gitarrist Kurt Ballou. Nach den letzten beiden Alben wollte die Band bewusst aus gewohnten Strukturen ausbrechen. Die Reise führte nach Salem, Massachusetts: „Dieses Album war anders, weil wir mit einem komplett neuen Produzenten gearbeitet haben“, erzählt Liam. „Wir sind zu God City gefahren und haben mit Kurt Ballou und Zach Weeks aufgenommen. So etwas hatten wir vorher noch nie gemacht. Es war einfach spannend, mit neuen Leuten zu arbeiten und einen anderen kreativen Prozess kennenzulernen.“ Dass die Wahl auf Ballou fiel, überrascht kaum. „Wir sind riesige CONVERGE-Fans. Aber nicht nur das – wir lieben generell die Produktionen von Kurt. Deshalb war es unglaublich interessant, sein Studio zu sehen und in einer Umgebung zu arbeiten, die so viel Geschichte hat. In diesem Raum steckt unglaublich viel Energie. Das Studio ist relativ klein und dadurch wirkt alles sehr intensiv. Du stellst dein Schlagzeug auf und weißt genau: Hier haben all diese großartigen Musiker gearbeitet. Hier entstehen HIGH ON FIRE-Platten. Hier hat Ben Koller seine Drums aufgebaut. Man spürt diese Geschichte.“
Die Atmosphäre hinterließ auch hörbare Spuren auf dem Album. „Ich glaube, Kurt hat vor allem unsere Energie eingefangen. Er hat es geschafft, diese rohe, ungefilterte Seite der Band hörbar zu machen. Wenn ich die Platte höre, klingt sie für mich sehr ähnlich zu dem, was wir live machen.“ Besonders beeindruckt zeigte
sich Liam von Ballous Arbeit als Mixing Engineer: „Er hört jede einzelne Nuance. Jede Kleinigkeit. Er nimmt Dinge wahr, die anderen vielleicht gar nicht auffallen würden. Das war unglaublich faszinierend.“ Nicht nur die Aufnahmen selbst unterschieden sich von früheren Produktionen. Auch die Lebensumstände während der Sessions waren ungewöhnlich: „Über dem Studio gibt es einen Raum mit Stockbetten. Wir haben tatsächlich direkt dort gewohnt.“ Was zunächst nach Jugendherberge klingt, erwies sich als kreativer Vorteil. „Man isst, schläft und atmet das Projekt. Du wachst auf und bist sofort wieder mittendrin. Es gibt keine Ablenkungen. Alles dreht sich um die Platte.“ Gerade für eine Band, deren Mitglieder inzwischen über verschiedene Städte Kanadas verteilt leben, war diese intensive Zeit besonders wertvoll. „Normalerweise läuft das anders. Unser Schlagzeuger Mike lebt in Winnipeg bei seiner Familie. Die letzten Alben haben wir dort aufgenommen. Er konnte abends nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern fahren, während wir anderen in einem Airbnb gewohnt haben. Diesmal waren wir wirklich alle permanent am selben Ort. Das hat sich besonders angefühlt.“
Die Art, wie CANCER BATS heute Songs schreiben, hat sich zwangsläufig verändert. Die Zeiten, in denen die vier jungen Musiker täglich gemeinsam im Proberaum standen, sind längst vorbei. „Keiner von uns lebt mehr in derselben Stadt“, erklärt Liam. „Deshalb mussten wir neue Wege finden.“ Oft beginnt der Schreibprozess inzwischen in Zweierteams. „Manchmal fahre ich beispielsweise zu Jaye und wir arbeiten an ersten Songstrukturen. So bekommen die Ideen eine Richtung, bevor wir sie der gesamten Band präsentieren.“ Erst danach beginnt die eigentliche Feinarbeit. „Wir spielen die Songs unzählige Male. Wirklich unzählige Male. Jeder bringt seine Ideen ein und irgendwann entwickelt sich daraus die endgültige Version.“ Wenn Liam an frühere Alben wie „Hail Destroyer“ oder „Dead Set On Living“ zurückdenkt, erinnert er sich an völlig andere Bedingungen. „Damals haben wir jeden einzelnen Tag geschrieben. Einfach jeden Tag. Unser ganzes Leben bestand aus der Band.“ Doch Nostalgie verspürt er deshalb nicht unbedingt. „Natürlich hatte es etwas Magisches, Anfang 20 zu sein und ausschließlich für Musik zu leben. Aber heute haben wir auch andere Dinge in unserem Leben. Ich glaube sogar, dass unsere Platten dadurch besser geworden sind.“
Früher entstanden Alben oft unter enormem Zeitdruck. „Wir hatten vielleicht zwei oder drei Monate Zeit. Heute arbeiten wir teilweise über ein Jahr an einer Platte. Das gibt uns die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren.“ Gerade
Songs wie „World wild fire death race“ profitierten davon. „Dieser Track hat unglaublich viele Versionen durchlaufen. Wir haben unterschiedliche Gesangsideen getestet, Arrangements verändert, Passagen gestrichen und später wieder eingebaut. Früher hätten wir diese Zeit gar nicht gehabt.“
Dieses Mehr an Zeit bedeutet auch ein Mehr an Experimenten: „Wenn wir zusätzliche Elemente wie Orgeln oder andere Sounds einbauen, wünsche ich mir immer noch mehr Zeit im Studio.“ Besonders ein zusätzlicher Aufnahmetag mit Kurt Ballou blieb ihm in Erinnerung. „Wir hatten einen ganzen Tag nur für Geräusche. Feedbacks, Gitarrenkratzer, seltsame Sounds, verrückte Noise-Experimente.“ Für Liam gehört genau das zum Charakter einer Platte. „Diese Dinge sorgen dafür, dass sich ein Album lebendig anfühlt. Dass es nicht steril klingt. Wir haben irgendwann gesagt: Stellt euch vor, wir hätten fünf solcher Noise-Tage gehabt. Wer weiß, wie verrückt diese Platte dann geworden wäre.“
Mindestens genauso stark verändert haben sich Liams Texte. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich ständig über Touren schreibe.“ Der Grund ist simpel: „Weil Touren das Einzige waren, was ich erlebt habe.“ Eine Erkenntnis, die ihn zum Umdenken brachte, war die Folgende. „Niemand braucht ein fünftes Album übers Touren. Niemand braucht noch eine Platte über dieselben drei Typen, die du jeden Tag siehst.“ Heute sucht Liam seine Inspiration bewusst außerhalb der Musik. „Ich fahre Motorrad. Ich lese Bücher. Ich verbringe Zeit mit Menschen. Ich gehe raus. Ich versuche einfach, Dinge zu erleben.“
Erst dadurch entstehen für ihn interessante Geschichten. „Wenn ich über größere Themen schreiben will, muss ich auch größere Dinge erleben.“ Eine entscheidende Rolle spielt dabei sein Umzug an die kanadische Küste. „Heute lebe ich direkt am Meer. Ich bin ständig in den Wäldern unterwegs. Die Natur ist viel stärker Teil meines Alltags geworden.“ Ohne es bewusst zu planen, floss diese neue Perspektive in die Songs ein. „Erst später habe ich gemerkt, wie präsent diese Themen auf dem Album eigentlich sind.“ Für Liam steckt darin eine wichtige Lektion. „Man lernt unglaublich viel, wenn man Zeit draußen verbringt. Die Natur zeigt einem Dinge, die man im Tourbus oder in Clubs niemals erleben würde.“ So viel Arbeit auch in den Songs steckt – die wahre Bewährungsprobe kommt für CANCER BATS erst nach Veröffentlichung. Auf der Bühne. „Der größte Lohn ist die Reaktion der Fans.“ Schon jetzt zeigen erste Konzerte, dass die neuen Songs funktionieren. „Wir spielen gerade ‚Stay Stuck‘ live. Die Leute kennen die Texte noch gar nicht, aber sie moshen bereits während der Strophen und rasten beim Refrain völlig aus. In solchen Momenten weißt du einfach: Wir haben es geschafft.“
Auch die kommende Single „Long tooth“ funktioniere bereits hervorragend. „Sie bringt die Party sofort ins Rollen.“ Letztlich gebe es nur einen Maßstab: „Unsere Fans entscheiden, ob wir etwas richtig gemacht haben. Wenn die Party funktioniert, haben wir gewonnen.“ Neben den typischen Hardcore-Abrissbirnen enthält „Give Me Dirt“ auch ungewöhnlich persönliche Momente. Besonders „Ocean crash“ hebt Liam hervor. „Das ist mein Trennungssong.“ Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Dennoch erklärt er, warum ihm das Stück besonders wichtig ist. „Ich habe noch nie wirklich einen Song über eine Trennung geschrieben.“ Die Entstehung sei eng mit seinem Rückzugsort außerhalb der Stadt verbunden gewesen. „Ich habe damals viel Zeit in den Wäldern verbracht. Der Song handelt davon, wie diese Umgebung mir geholfen hat, mit all dem klarzukommen.“ Besonders spannend findet er die Reaktionen der ersten Hörer. „Die Leute hören den Song und reagieren sofort auf bestimmte Zeilen. Da merkt man, dass diese Erfahrungen universell sind.“
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