CEREMONY

Foto© by Martin Sorrondeguy

Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Das letzte CEREMONY-Werk „In The Spirit World Now“, auf dem die Band sich mehr um sich selbst und ihre Kunst drehte, erschien 2019. Seitdem hat die Band aus L.A. nicht nur Jubiläen gefeiert und sich eingehend mit ihrer Vergangenheit beschäftigt, die Welt befindet sich durch Krisen und voranschreitende Entwicklungen auch gefühlt in einem permanenten Abwärtstrend, so dass CEREMONY ihren Fokus für „Tell Me Your Dream“ neu ausrichten mussten. Wir sprechen Sänger Ross Farrar und Gitarrist Andy Nelson über Kunst, die Gegensätze vereint, den Zusammenhalt sucht und den Menschen ein Ventil bietet.

Auf „Tell Me Your Dream“ klingt ihr vielseitig wie nie. Wie ist das Album entstanden?

Ross: Am Anfang haben wir viel herumphilosophiert. Wir haben darüber nachgedacht, etwas Experimentelles zu machen, die klassischen Songstrukturen stärker aufzubrechen. Vielleicht längere Stücke, vielleicht nur eine Handvoll Songs statt zehn oder zwölf. Wir wollten das Ganze aus einer anderen Perspektive angehen. Am Ende ist es dann doch wieder nah an der Form gelandet, die unsere bisherigen Platten auch hatten. Vielleicht ist das einfach unser natürlicher Weg.
Andy: Ich weiß nicht, ob es David Foster Wallace oder George Saunders war, der sagte, dass man, egal wie weit man sich von sich selbst entfernt, am Ende doch wieder bei sich selbst ankommt. Genau so hat sich der Entstehungsprozess dieser Platte angefühlt. Wir haben uns kreativ weit aus dem Fenster gelehnt und viele ungewöhnliche Ideen verfolgt. Aber am Ende sind wir doch wieder bei uns selbst gelandet. Im Ergebnis ist es vielleicht sogar die Platte, die sich am meisten nach CERE­MONY anhört. Das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn wir uns nicht zuvor gezwungen hätten, so intensiv neue Sounds und Herangehensweisen auszuprobieren.
Ross: Unser Bassist JD, Justin Davis, hat in dieser Band das stärkste Gespür für Pop. Wenn du ihm einen Song vorspielst, der keine richtige Hook hat oder dem eingängige Elemente fehlen, dann findet er ihn schwach. Tatsächlich ist er es, der die zu experimentellen Aus­reißer am Ende aussortiert.
Andy: CEREMONY leben von Gegensätzen, die sich in der Musik miteinander versöhnen. Es gibt ständig Kräfte, die in unterschiedliche Richtungen streben und sich dann doch im Song treffen. Wenn man sich die Solo-Sachen von Ross anhört, merkt man sofort, wie experimentell seine musikalischen Vorlieben instinktiv sind. JD dagegen ist im Grunde ein Popstar. Genau auf der Spannung zwischen diesen beiden Polen basiert unsere Band.

Kommen wir zum Inhalt des Albums. Wie schafft man es heutzutage eigentlich, geistig gesund zu bleiben?
Ross: Puh. Ich meditiere, das ist wahrscheinlich das Wichtigste für mich. Außerdem treibe ich regelmäßig Sport. Ich versuche, meinen Medienkonsum zu begrenzen. Ich lese ein bisschen bei Reuters, schaue gelegentlich CNN, ansonsten vermeide ich es aber, am Handy zu hängen und ständig durch irgendwelche Feeds zu scrollen. Meine Frau ist Iranerin und erlebt alles, was im Nahen Osten passiert, sehr unmittelbar. Ihre Familie ist direkt davon betroffen. Dadurch ist das Thema bei uns zu Hause ständig präsent. Es gibt viel Schmerz, viele Tränen und manchmal lange Phasen des Schweigens. Gerade das vergangene Jahr war in dieser Hinsicht besonders schlimm. Wie bleibt man also bei Verstand? Gute Frage. Ich glaube, indem man versucht, mit Liebe, Freundlichkeit und Toleranz auf andere Menschen zuzugehen. Indem man den Kontakt sucht, miteinander spricht und sich wirklich zuhört.

Vor 20 Jahren hättet ihr euch inhaltlich wahrscheinlich vor allem auf das Negative beschränkt, das euch umgibt, mit dem neuen Album schlagt ihr dagegen eine andere Richtung ein. Schon der Titel „Tell Me Your Dream“ wirkt wie etwas sehr Positives.
Ross: Das ist ein guter Punkt. Mir geht es dabei um all die subjektiven Erfahrungen und die Gespräche, die wir gesellschaftlich führen. Ich habe das Gefühl, dass genau dort in den letzten Jahren unglaublich viel verloren gegangen ist. Alles, was während Trumps Präsidentschaft passiert ist, zeigt für mich ein zutiefst verletztes männliches Ego. Man sieht förmlich ein trotziges Kind, das sagt: „Du hast mich verletzt, also verletze ich dich zehnmal mehr.“ Und in den meisten Fällen haben die Reaktionen gar nichts mehr mit dem eigentlichen Thema zu tun. Solche Dinge zehren langsam an unserer Psyche. Ich mache mir große Sorgen um die Menschen, die gerade in Amerika aufwachsen. Um diejenigen, die jetzt lernen, wie man andere behandelt und wie gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert. Sollten sie sich ausgerechnet an diesem Mann orientieren, haben wir ein ernsthaftes Problem. Das alles ist unerträglich und auf so vielen Ebenen gewalttätig. Nicht nur im körperlichen Sinne, in all diesen Kriegen, sondern auch auf einer spirituellen Ebene.

Eine CEREMONY-Show kann ja ein Ventil für diese negativen Gefühle sein. Aber wie fühlt es sich an, wenn seit 20 Jahren ständig jemand nach deinem Mikrofon greift oder du beim Gitarrespielen fast umgerannt wirst?
Andy: Ich habe es nie besonders gemocht, schaue dann aber eher zu Ross und frage mich, wie zum Teufel er das aushält, wenn 30 Leute ihn gleichzeitig belagern.
Ross: Ich finde es ebenfalls nicht angenehm, wenn Menschen auf mich springen, mich bedrängen, schlagen oder anspucken, was bei solchen Menschenknäueln eben so dazugehört. Gleichzeitig war ich aber auch nie der Typ, der gleich ausrastet, wenn Leute wild herumspringen oder etwas umwerfen. Denn was in diesem Moment eigentlich passiert, ist doch, dass sie völlig von der Musik mitgerissen werden, und dafür kann man ihnen nicht böse sein. Viele Künstler sehen das anders. Man sieht ja oft Videos auf Instagram, meistens von irgendwelchen Popstars, in denen jemand auf die Bühne kommt und die Musiker komplett die Fassung verlieren. Für mich ist das meist eine Frage des Egos. Bei uns gehört es dagegen zur Kultur. Kids kommen auf die Bühne, tanzen, stagediven und springen herum. Es ist einfach Teil dessen, was wir machen. Es gehört zum Ritual. Es gehört zum Job.

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