CHELSEA WOLFE

Foto© by Ebru Yildiz

Zwischentöne

Mit dem neu erscheinenden Album „She Reaches Out To She Reaches Out To She“ assoziiert die amerikanische Singer/Songwriterin Chelsea Wolfe einen Raum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft, so dass es nach überwundener Suchterkrankung als Aufbruch fungiert. Was das bedeutet, erzählt sie im Interview.

Das Thema des Wandels scheint für dich sehr präsent zu sein. Hast du als Kind oder später viel darüber nachgedacht, wie deine Zukunft aussehen würde? Und wie haben sich diese Vorstellungen verändert?

Als ich jünger war, habe ich nicht über die Zukunft nachgedacht. Mein Zeitgefühl war schon immer etwas nebulös und seltsam. Es war immer ein Konzept, das für mich schwer zu begreifen war, bis ich älter wurde. Aber als Kind habe ich ganz selbstverständlich Lieder und Gedichte geschrieben, um mich auszudrücken, und ich glaube, dass mir bewusst war, dass ich das immer tun würde. Allerdings habe ich nicht erwartet, dass ich das jemals beruflich mache. Ich habe nicht wirklich an diese Möglichkeit geglaubt. Mein jüngeres Ich wäre sehr begeistert und stolz auf mein heutiges Ich, wenn es sehen würde, dass ich etwas, das ich in meinem täglichen Leben tue, zum Beruf gemacht habe.

Was würdest du deinem jüngeren Ich aus heutiger Sicht mit auf den Weg geben?
So vieles. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass es aufhören soll, sich so sehr darum zu kümmern, was andere Leute denken. Denn ich war ständig im Zwiespalt mit mir selbst. Ich hatte schon immer eine sehr starke Vision, einen guten Instinkt und eine Intuition für Kunst und Musik, und bin dem immer gefolgt. Aber ich wurde auch permanent von dem Gedanken gequält, dass ich nicht genug für andere Leute mache oder dass ich mich nicht genug von den Stimmen anderer leiten lasse.

Ich habe gelesen, dass du deine Suchterkrankung überwunden hast, nachdem die Tournee für das letzte Album beendet war. Was ist dahingehend die bedeutendste Auswirkung auf deine Persönlichkeit?
Ich liebe es, darüber zu sprechen, weil ich finde, dass es eine so positive Veränderung für mich darstellt. Das Beste ist, dass ich viel präsenter bin. Es hilft mir, die ganzen Sorgen darüber zu überwinden, was – wie ich eben erwähnt hatte – andere Leute über mich denken. Ich habe mehr Selbstvertrauen, mehr Geistesgegenwart, mehr Frieden und Ruhe, meine Mitte und spüre weniger von diesem Vulkan, der in mir brodelte, weil ich mich die ganze Zeit gequält habe.

Neigst du dazu, Musik aus einem eher melancholischen Zustand heraus zu schreiben oder wenn du dich gut und glücklich fühlst?
Wenn ich mich friedlich und ruhig fühle, kann ich das auch in die Musik einfließen lassen, und ich mag es wirklich, ein Gleichgewicht zwischen beidem zu finden, denn so ist die Welt nun mal. Es passieren immer schreckliche und schöne Dinge zur gleichen Zeit, und wenn es also einen Weg gibt, wie ich das in einem Song ausgleichen und kontrastieren kann, dann werde ich das tun.

Angeblich hattest du dein allererstes Album wieder verworfen, da es dir im Nachhinein zu persönlich war.
Das besagte Album entstand in meinen frühen Zwanzigern. Als ich mit den Aufnahmen fertig war, hatte ich das Gefühl, dass ich noch nicht bereit war, der Welt so vieles preiszugeben. Daraufhin habe ich ein bisschen an meinem Schreibstil gearbeitet, um die Dinge vordergründig persönlicher zu machen, aber auf eine universellere Art und Weise, indem ich Mythologie, Weltgeschehen und solche Dinge einbrachte, um eine universellere Vision von dem zu kreieren, was ich in meinem eigenen Leben erlebte. Aber in letzter Zeit, als ich älter wurde, fühlte ich mich wohler dabei, persönlicher zu werden, wie zum Beispiel auf „Hiss Spun“, wo ich sehr direkt mit Ereignissen aus meiner Vergangenheit umgegangen bin.

Wie ordnest du dein neues Album dahingehend ein? Und hörst du dir deine älteren Songs nach wie vor an?
Dieses Album ist definitiv persönlich in der Art und Weise, wie ich in den Songs ausdrücke, was ich durchmache. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Stücke eine Art kleine Prophezeiung für mich sind, denn als ich anfing, einen Song wie „Everything turns blue“ zu schreiben, der davon handelt, eine toxische Beziehung zu verlassen, wurde mir klar, dass ich in einer toxischen Geschäftsbeziehung steckte und ich mich daraus lösen musste. Diese Songs haben mich also dazu gebracht, über mein eigenes Leben nachzudenken, darüber, dass die Themen, über die ich schreibe, eigentlich Dinge sind, an denen ich selbst arbeiten und die ich herausfinden muss. Also ja, dieses Album ist sehr persönlich, aber auf eine andere Art und Weise. Ich habe den Eindruck, dass es als eine Art Lehrerin fungiert, dass es mir so viel zeigt und mir durch so viel hilft. Es ist wie ein eigenes Wesen. Übergeordnet fühlt sich das neue Album an wie ein Zwischenschritt. Es reflektiert eine Art Übergangszeit, in der ich mich befinde. Und es ist eine wirklich interessante Zeit.Es enthält ältere und neuere Elemente, die ich auf eine neue Weise kombiniert habe. Meine früheren Sachen höre ich normalerweise nicht mehr, es sei denn, wir proben gerade für eine anstehende Tour. Wenn ich einen Song spiele, den ich seit fünf, zehn Jahren nicht mehr gespielt habe, dann höre ihn mir an, um mich daran zu erinnern, wie meine Stimme damals klang. Aber ansonsten setze ich mich nicht mehr damit auseinander.

Hast du jemals darüber nachgedacht, was für ein Leben du führen würdest, wenn du keinen Zugang zur Musik gefunden hättest? Gibt es andere Formen der Kreativität, die eine solche Rolle ausfüllen könnten?
Ich habe schon Musik gemacht, als ich noch sehr jung war. Ich glaube, ich habe angefangen, als ich sieben, acht, neun Jahre alt war. Ich liebe Bücher, ich liebe Sprache im Allgemeinen, also hätte ich womöglich irgendeine Arbeit in der Welt der Wörter und des Redigierens oder so etwas gefunden. Das Lektorat macht mir sehr viel Spaß, also wäre ich vielleicht gerne Buchlektorin oder etwas Ähnliches geworden.