© by Niklas AugenerCHOIR DIVISION aus Hamburg setzen seit 2013 den Post-Punk/Indie-Bands JOY DIVISION und NEW ORDER mit ihrem Chorgesang ein Denkmal. Die Songs dieser beiden Bands werden hier neu interpretiert, in eigenen Arrangements komplett a cappella und nur von den Stimmen der Sänger:innen getragen. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit weltweit mehr oder weniger einzigartig. Ich treffe Anna, die Chorleiterin, sowie Holger, Anja, Janna und Birgit im Anschluss an die wöchentliche Probe.
Wie hat es angefangen mit CHOIR DIVISION und wie viele Leute sind jetzt dabei?
Holger: Aktuell sind wir zwölf Leute und uns gibt es seit elf Jahren. Es war die Idee eines Sängers, der heute nicht mehr dabei ist. Dann haben wir eine kleine Gruppe von Interessierten gefunden. Die Idee war, die Hits von JOY DIVISION und NEW ORDER als Chor zu singen, aber eben nicht so kneipenmäßig einfach die Melodie nachzusingen, sondern schon entsprechend ausgearbeitet im klassischen A-cappella-Stil.
Ist es eher aus einer Bierlaune heraus entstanden oder war es gleich etwas Ernsteres?
Holger: Also es war erst einmal nur eine Idee von Lorenz damals, also habe ich mich hingesetzt – ich komme ja aus der Klassik, ich arbeite in der Oper – und habe einfach mal ein Arrangement erstellt, weil ich es für eine gute Idee hielt. Ich habe es ihm gezeigt und dann haben wir angefangen. Ob meine Arrangements nun gut sind, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, aber sie sind gesanglich umsetzbar, und das ist gut.
Hast du dafür eine Ausbildung?
Holger: Nein, ich bin Autodidakt.
Anna: Ein Praktiker.
Und ein Punk. Das war doch damals unser erster Berührungspunkt.
Holger: Ja, genau, wir kennen uns seit Anfang der 1980er Jahre. Na ja, und bei JOY DIVISION und bei Punk war ja die Idee damals, man kann es selber machen. Jeder kann Musik machen. Man muss sich nur hinsetzten, irgendwas schrammeln und dann wird das geil. Es ist immer nur eine Frage der Haltung. Wenn man etwas mit Überzeugung vorträgt, dann kann es auch Mist sein, und die Leute finden es trotzdem toll.
Anja: Aber was ein entscheidendes Merkmal ist: Du kommst vom Punk, du beginnst aus einer Bierlaune heraus, aber die Verbindung zur Klassik, zum schönen Gesang und zur Vielstimmigkeit ist dann doch überraschend harmonisch. Und das ist etwas, was die Leute bei unseren Auftritten immer total catcht, weil die denken, sie kennen JOY DIVISION und NEW ORDER, und sie erkennen die Elemente auch, aber bei manchen Stücken brauchen sie einen Moment, um zu schnallen, wo sind wir jetzt? Und dann sieht man diesen Aha-Effekt, der durch die Reihen geht. Das ist ein ganz geiler Effekt, der uns selbst auch immer wieder überrascht.
An dieser Stelle muss ich ein Kompliment loswerden. Als ich euch das erste Mal live gesehen habe, haben mich eure JOY DIVISION-Arrangements beeindruckt. Obwohl sie komplett anders klingen, lösten sie bei mir die gleichen Gefühle aus, wie es sonst nur die Originale tun.
Anja: Das liegt auch daran, dass die Texte teilweise von einer solchen sprachlichen Tiefe sind, dass sie in verschiedenen musikalischen Genres gleich intensiv funktionieren. Und das spricht einfach für die hohe Qualität der Songs von Ian Curtis.
Gibt es Kriterien bei der Titelauswahl? Wer entscheidet?
Anja: Der Arrangeur.
Holger: Ja, natürlich geht es nach meinem Geschmack, haha. Bei den JOY DIVISION-Stücken geht es natürlich darum, erst einmal die bekannteren Sachen zu machen, also die Hits, „Transmission“, „Love will tear us apart“, „New dawn fades“ und so was. Ich habe deshalb überhaupt erst einmal angefangen, JOY DIVISION-Lieder bewusst zu hören, und vor allem NEW ORDER, die ich gar nicht so kannte. Da habe ich gemerkt, dass es ja auch noch ein paar andere Songs gibt, die man gar nicht so auf dem Zettel hat, die aber eigentlich ganz geil sind. Da habe ich dann geguckt, welche passen würden, also welche sich gut für einen Chor arrangieren lassen. Ein Stück, welches nur aus einem Schlagzeugsolo besteht, lässt sich nicht so einfach arrangieren.
Das wäre die nächste Frage, welchen Einfluss haben die Original-Songstruktur und das Verhältnis von Text und Musik innerhalb eines Songs? Gibt es da Grenzen in der Umsetzung?
Holger: Also das ergibt sich während der Bearbeitung, würde ich sagen. Teilweise sind die Stücke gekürzt. Das, was wir machen, ist natürlich viel kürzer als die Originale. Bei „Blue monday“ zum Beispiel habe ich zwei Strophen weggelassen, weil es sonst einfach zu lang und zu langweilig werden würde, denke ich. Es muss schon peppen, kurz und deutlich.
Anja: Aber theoretisch kannst du fast alles, was wir machen, übersetzen in die Instrumente. Als wenn wir jetzt einen rein instrumentalen Part haben, dann arbeiten wir mit „Mmh, mmh, mmh“ und „Dü, dü, dü“ und „Ba, ba, ba“. Damit kriegst du das, wenn du das geschickt verteilst, so hin, dass du das Gefühl hast, das Instrument ist da. Es ist diesem Fall aber nur die Stimmgruppe.
Holger: Genau. Und den Rhythmus muss man dann vertikal machen. Also zusammen mit der Harmonie. Nicht mit der Liedmelodie, aber zusammen mit der Begleitmelodie. Oftmals ist es so arrangiert, dass zwei Stimmen die Melodie singen, eine Stimme das Original, eine Stimme den Kontrapunkt dazu, also zum Beispiel ein bisschen tiefer, und zwei Stimmen machen quasi die Rhythmussektion und erzeugen auch die Harmonien.
Gehst du auch so beim Arrangieren vor? Denkst du in dem Moment wie ein Mehrspurrekorder?
Holger: Ich arbeite mit einen Computerprogramm. Ich kann es mir anhören und dann probiere ich es mal aus. Man kann das ja nicht als Noten kaufen, man muss ja erst einmal herausfinden, welche Tonart ist das, wie geht die Melodie, welche Töne sind das. Man muss erst einmal viel Hören und am Klavier checken, und dann stellt man fest, dass Ian Curtis die Töne leider überhaupt nicht getroffen hat, haha, dass das alles schief ist, auch rhythmisch schief und unsauber, also die Originale. Und dann muss man das in eine Form bringen. Man muss es etwas begradigen oder sich überlegen, wie kann man das in Noten darstellen? Und auch gesanglich.
Anna: Es ist eben genau das, was wir im Chor brauchen, eine gewisse Intonation, um das einzuhalten, damit die Harmonien irgendwie zur Geltung kommen.
Holger: Da muss man sich auch überlegen, wie das als Chor rüberkommt. Ist es vom Klang her angenehm, ist es nett zu hören? Das klappt mal besser und mal weniger gut. Einige Sachen sind auch nicht so ganz gelungen, andere Sachen funktionieren dafür umso besser.
Anna: Aber grundsätzlich hältst du dich schon an die Akkorde oder die Harmonien.
Holger: An die Harmonien halte ich mich, aber manchmal komponiere ich auch etwas hinein. Es gibt schon verschiedene Möglichkeiten: Man kann also homophon singen, das machen wir oft, dass also der ganze Chor quasi die Melodie singt, aber dann in verschiedenen Tönen, so dass dann die Harmonien entstehen, oder man macht es so, wie ich schon gesagt habe, einige machen den Rhythmus und die Harmonien, die anderen die Kyrie oder sie wandern auch mal durch die Stimmen oder die Melodie.
Anna: Du hast ja auch schon verschiedene Mittel, zum Beispiel die harmonischen Mittel, wie bestimmte Kadenzen, die du verwendest, wo du auch dein klassisches Hintergrundwissen mit einbringst. Es ist ja nicht so, dass du einfach nur die Akkorde aufsetzt.
Holger: Das stimmt, das habe ich eigentlich von Anfang an gemacht, irgendwelche Schmankerl eingebaut, kleine Breaks, bestimmte Sequenzen, die dann frei komponiert sind. Ich stehe total auf harmonische Modulation, also Akkordverschiebungen, das finde ich richtig geil, das ist ein schönes Stilmittel. Du hast zum Beispiel ein stetes Gondeln in B-Dur, eine Zeit lang, und irgendwann gibt es einen Übergang und dann kommt dasselbe noch mal einen Ton höher. Eine Modulation, das ist so ein spannungssteigerndes Stilmittel.
Wie seid ihr als Chor zusammengekommen, wenn es am Anfang nur eine kleine Idee war?
Anja: Das Internet macht es möglich.
JAnna: Oder ein Flashmob macht es möglich!
Holger: Stimmt, Flashmobs. Oder man sieht uns live. Am Anfang waren es wie gesagt alles Bekannte. Wir haben, glaube ich, auch einmal eine Anzeige aufgegeben, sonst Mundpropaganda, Social Media.
Anja: Ich wurde über ein Dreivierteljahr bequatscht und genervt, dass ich mich unbedingt einmal bei Holger melden müsste, und dann habe ich das gemacht, denn ich wollte, dass das aufhört. Jetzt bin ich hier und bin froh, dass ich überredet wurde. Es gibt sehr viele verschiedene Wege, wie die Leute zusammenkommen.
Was reizt euch daran, gerade die Songs dieser beiden Bands aus Manchester zu singen?
Anja: Es hat ein Alleinstellungsmerkmal, denn es gibt sehr, sehr viele Chöre, wo du Popsongs singen kannst. Die Leute gehen da hin und singen die Sachen, die sie aus dem Radio kennen, und sie tun das am liebsten so, dass es möglichst dicht an das Original herankommt. Das kann man machen, ist aber pupsöde, weil es das schon tausendmal gibt. Das, was wir machen, ist unique verglichen damit, und du hast eben nicht die Songs, die du permanent im Radio hörst. Vom Anspruch her musst du auch deine grauen Zellen etwas mehr fordern, als wenn du eine Melodie singst, die du sowieso andauernd um die Ohren gehauen bekommst. Für mich ist das so.
Christian: Das ist auf jeden Fall einzigartig. Ich glaube, das gibt es kein zweites Mal. Das habe vorher auch noch nie gehört, dass ein Chor was von JOY DIVISION singt.
Anja: Zumindest nicht so, wie wir es machen, sondern höchstens, dass sie im Chor die Sachen so wie im Original singen.
Holger: Und dann auch nur „Love will tear us apart“.
JAnna: Ich würde sagen, Abgründe verleihen Tiefgang. Das ist auch Musik, die gerne mal am Abgrund ist, und das ist eine andere Art von Auseinandersetzung mit der Realität. Das ist weniger seicht als das, was du beim Pop-Rock findest. Da ist auch etwas, das dabei in mir passiert. Ich habe mehr davon, das ist gehaltvoller.
Anja: Du kannst noch so lustlos in eine Probe reingehen, du kommst immer euphorisch und beseelt wieder heraus, weil du dich einfach positiv auflädst mit dem, was du tust.
Birgit: Ich kann auch gar nicht genau sagen, was mich reizt. Ich habe es einfach gehört und fand es toll und wollte mitmachen. Es ist einfach ein anderer Klang.
Wie oft probt ihr?
Holger: Einmal in der Woche.
Anja: Für eine Punkband ist das viel, haha.
Anna, als ausgebildete Gesangslehrerin bist du für die künstlerische Leitung verantwortlich. Was kann man sich darunter vorstellen?
Anna: Zum Beispiel arbeite ich mit dem Chor am Sound, an der Aussprache oder an Akzenten, Betonungen, an musikalischen Ideen und wie wir sie in der Gruppe realisieren können. Natürlich mache ich auch Stimmbildung mit dem Chor. Oder ich helfe dabei, erst einmal die Töne zu finden. Dann kommt Textarbeit, also wie man Texte betonen kann, solche Sachen. Wir sind ja ein A-cappella-Chor, da gibt es so Phänomene, dass man in eine andere Tonart runterrutscht, das muss man trainieren. Dann rhythmische Aspekte des Chorgesangs. Es geht grundsätzlich um den gemeinsamen Sound und um das gemeinsame Singen. Da hat man einen besseren Blick von außen, als wenn man ein Teil des Chores ist. Ich glaube, der Chor hat auch eine Weile ohne Dirigate gesungen.
Holger: Ein Zeit lang hatten wir mal keinen Dirigenten, da habe ich das gemacht, aber es ist besser, wenn das jemand von außen macht.
Wie viele Stücke habt ihr im Programm?
Holger: Ich glaube, es sind so ungefähr 25.
Ist das Singen für euch anstrengend?
Holger: Na ja, was heißt anstrengend? Wenn man etwas Gutes bringen will, dann muss man sich schon etwas anstrengen, und auch das Einüben der Stücke erfordert Konzentration und ein bisschen Aufmerksamkeit, überhaupt die Bereitschaft, etwas zu lernen und sein Gehirn zu benutzen. Doch, dahinter steckt schon ein bisschen Herausforderung und ein bisschen Anspruch.
Probt ihr nur gemeinsam?
Anja: Das kommt ein bisschen darauf an, auf die einzelnen Stücke. Ob es um die Harmonien geht, da muss man aufeinander achten, oder ob du irgendwo einen besonderen Part hast, bei dem du den Text möglichst frei singen möchtest. Da kommt es dann schon vor, dass du den zu Hause übst. Aber bei den Harmoniestücken bringt es zum Beispiel nicht viel, das alleine zu üben, weil der Gag ist ja das Zusammenspiel. Da hast du bei den Stücken aber immer eine unterschiedliche Mischung. Es ist immer eine andere Stimmgruppe stark gefordert, so dass es nicht für jeden Sänger gleichbleibend fordernd ist. Es wird aber anstrengend, wenn wir ein Konzert haben, und vorher die Generalprobe haben, wenn wir alles einmal durchsingen und vielleicht noch Sachen vertiefen müssen.
JAnna: Ich fand es auch intensiv, als wir die Aufnahmen vorbereitet haben. Für diese vier Aufnahmen, die wir gemacht haben, hatten wir Extraproben, wir hatten die Stimmproben, wir haben uns hier aufgestellt und das einmal durchgesungen, dann haben wir das reflektiert und gemeinsam durchgearbeitet. Wir haben es noch einmal durchgesungen, dann haben wir es aufgenommen und uns wieder angehört. Die ganze Zeit über mit einem Fokus und so einer Energie darauf, das kann schon anstrengend werden. Oder wenn wir ein Set von 13 oder 16 Stücken dreimal hintereinander durchsingen. Danach haben wir auch erst einmal keinen Bock mehr, aber wir haben dann auch ordentlich etwas getan.
Holger: Wobei, die Aufnahmen, die wir letztes Jahr gemacht haben, das war in Wilhelmsburg in einer Kirche, die man mieten kann. Bei diesem konzentrierten Arbeiten an einer Aufnahme, da kommst du irgendwann so in einen Flow, da vergisst du wirklich die Welt. Du weißt nicht mehr, wie spät es ist, du bist nur noch fokussiert. Das ist anstrengend, aber total positiv.
Anja: Und vor allem haben wir dann noch spontan zwei Sachen hinterher geknallt, weil wir gerade so im Flow waren, die wir nicht so intensiv geübt haben. Da haben wir gesagt: So, wir sind alle hier, wir haben Bock, wir haben Kapazitäten.
Anna: Das Schöne daran ist eben, je intensiver die Stücke eingeübt sind und je besser wir sie können – ich im Dirigat auch oder mit meinem Ausdruck, weil ich auch viel mit meinem Gesicht mache, um den Chor zu animieren –, umso mehr können wir in die Musik eintauchen und alle formalen Sachen, alles, was drumherum passiert, löst sich auf. Man ist dann Musik, man macht nichts mehr Handwerkliches. Das ist richtig cool, wenn man an diesen Punkt kommt, und da kommt man eigentlich nur hin, wenn man aktiv auf ein Ziel hinarbeitet.
Wenn ihr noch etwas loswerden wollt, ist jetzt ein guter Zeitpunkt.
Holger: Wir brauchen immer Leute, das kannst du ruhig schreiben. Menschen, die interessiert sind, sind gerne willkommen, auch die, die schon Chorerfahrung haben.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Kay Werner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Kay Werner