CIVIC

Foto© by Marcus Coblyn

Auf Zehenspitzen in die Dunkelheit

Keine andere Band hat sich tiefer vor den frühen australischen Punkhelden verneigt als CIVIC. Die ersten beiden Alben „Future Forecast“ (2021) und „Taken By Force (2023) waren eine blitzsaubere Hommage an Bands wie RADIO BIRDMAN oder THE SAINTS. Jetzt haben die Männer aus Melbourne ihren Sound weiterentwickelt und ihren Songs mehr Dunkelheit und mehr Lärm verpasst. Aber natürlich haben die elf Tracks vom dritten Album „Chrome Dipped“ immer noch viel Fuzz und Distortion. Sänger Jim McCullogh erzählt uns, was der Plan war und warum er seine Band nicht als Teil der Australian Punk Explosion sieht.

Stimmt es, dass ihr euch beim Bowling in Japan kennengelernt habt?

Das war tatsächlich so, und zwar 2016, also vor neun Jahren. Unser damaliger Gitarrist Darcy und ich haben in Japan beschlossen, eine Band zu gründen, nachdem wir uns lange über RADIO BIRDMAN und GG Allin unterhalten haben. Der Plan lautete: Wenn wir zurück in Australien sind, starten wir eine Band. So ist die Idee für CIVIC beim Bowling entstanden. Ich war damals im Urlaub in Japan und bin sechs Wochen lang mit dem Auto herumgefahren. Meine Freunde habe ich damals auf dieser Bowlingbahn getroffen und wir hatten ein paar Bier zusammen. Darcy ist inzwischen nicht mehr in der Band, aber so hat alles angefangen.

War das auch der Grund, warum ihr die Band CIVIC genannt habt? Es gibt ein japanisches Auto der Marke Honda, das so heißt.
Nicht wirklich. Unser Gitarrist hatte zwar jahrelang einen Honda Civic, aber in unseren Augen ist CIVIC ein Begriff für die Allgemeinheit oder die Bevölkerung. Es ist einfach ein schönes Wort und gleichzeitig ein Palindrom. Das heißt, es funktioniert vorwärts und rückwärts. Eigentlich ist es egal, wie du eine Band nennst. Durch die Musik bekommt sie irgendwann ihre eigene Identität, egal, wie sie heißt. Für dich steht CIVIC anfangs vielleicht nur für ein Auto, aber wenn du Fan der Band wirst, wird es irgendwann etwas völlig Eigenes.

Ihr wart vor CIVIC alle in anderen Bands aktiv ...
Die erste Band, in der ich gesungen habe, war eine Hardcore-Band namens LEATHER LICKERS. Damals war ich 21. Zu dieser Zeit habe ich in Autos gelebt und schäbige Gitarren gespielt. CIVIC sind meine erste richtige Band, mit der ich in Australien und im Rest der Welt getourt bin. Einige meiner Familienmitglieder sind sehr musikalisch, aber bei mir hat es lange gedauert, bis ich in einer Band gelandet bin. Ich habe schon immer viel Musik gehört, aber meine erste Gitarre habe ich mir erst mit 20 gekauft. Ich bin also ein ziemlicher Spätzünder, was Musik betrifft.

Die ersten beiden Alben von CIVIC sind eine Hommage an frühe australische Punkbands wie RADIO BIRDMAN oder THE SAINTS. Wie kam das?
Als wir 2017 angefangen haben, hat niemand in Melbourne wie RADIO BIRDMAN oder THE SAINTS geklungen. Das war kein Thema damals. Deshalb wollten wir, dass dieser Sound nicht ausstirbt. Der Plan war, diesen Sound wiederzubeleben. Also haben wie die sieben Songs unserer Debüt-EP „New Vietnam“ geschrieben und an einem einzigen Tag aufgenommen. Das war unsere erste Hommage an diese Bands. Das war der Grundstein für unseren Sound, der stark von Bands aus den 1970ern beeinflusst war. Aber mit dem neuen Album „Chrome Dipped“ haben wir uns ein Stück weit von diesem Stil gelöst und eine neue Richtung eingeschlagen. Die Songs klingen nicht mehr wie diese alten Bands, sondern ziemlich modern und zeitgemäß. Es hat zwei Alben und eine EP gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir mit unserem neuen Sound endlich angekommen sind.

Neu daran sind Elemente von Shoegaze und Gothic. War das Absicht, oder hat sich das einfach so ergeben?
Das war ein ganz bewusster Prozess. Normalerweise gehen wir in unseren Proberaum und jammen. Wenn wir mit den Songs zufrieden sind, gehen wir ins Studio und nehmen sie auf. Diesmal haben wir es anders gemacht. Wir haben uns bewusst Gedanken gemacht, wie wir den Sound aufs nächste Level heben können. Also haben wir den australischen Songwriter Kirin John Callinan aus Sydney ins Boot geholt, der schon mit dem britischen Produzenten Mark Ronson oder Rapper Genesis Owusu gearbeitet hat. Er gilt als Enfant Terrible des australischen Undergrounds, aber ich halte ihn für einen fantastischen Musiker. Wir haben gehofft, zusammen mit ihm etwas schaffen zu können, das ganz anders klingt als alles, was wir bislang gemacht haben. Wir wussten nicht, wo wir am Ende landen werden, aber es gibt definitiv Einflüsse von Shoegaze oder Gothic.

Euer letztes Album hat Rob Younger produziert, der Sänger von RADIO BIRDMAN. Warum habt ihr euch entschieden, einen anderen Weg zu gehen?
Früher hatten wir nie Produzenten. Die Sache mit Rob Younger war unser erstes Mal. Es hat einfach gepasst bei dieser Art der Musik. Die war einfach sehr nahe an RADIO BIRDMAN. Diesmal wollten wir jemanden haben, der uns auf eine ganz andere Fährte lockt. Jemand, der uns aus unserer Komfortzone holt und in eine Richtung lenkt, die wir allein nie eingeschlagen hätten. Deshalb haben wir neben Kirin Callinan als Produzent auch noch Chris Townend als Engineer ins Boot geholt. Der hat schon Bands wie HARD-ONS oder VIOLENT FEMMES aufgenommen. So hatten wir den perfekten Regisseur und den perfekten Soundmann. Kirin hat uns vorgeschlagen, für die Aufnahmen ins Museum of Old and New Art in Tasmanien zu reisen. Das ist ein spannender Ort. Dort haben wir die Songs zwischen uralten und teilweise auch sehr kontroversen Kunstwerken aufgenommen. Wir haben Kirin und Chris engagiert, um unseren Sound so weit zu pushen, wie es nur geht. Um eine völlig andere Sphäre zu erreichen.

Warum ist die Wahl auf dieses Museum gefallen?
Ursprünglich wollten wir nach Los Angeles und das Album bei Mac DeMarco aufnehmen. Ein kanadischer Multi-Instrumentalist, der inzwischen in Kalifornien lebt. Das hat aber leider nicht geklappt. Also mussten wir uns etwas anderes überlegen. Wir haben unsere Platten immer im DIY-Stil aufgenommen, aber darauf hatten wir keine Lust mehr. Also haben wir ein bisschen Geld zusammengekratzt und sind in dieses Studio namens Frying Pan in Tasmanien gefahren, das eben in dieses Museum integriert ist. Ich bin selbst bildender Künstler, deshalb hat der Plan für mich nach der perfekten Idee geklungen. Und der Trip war eine sehr intensive Erfahrung. Tasmanien liegt ganz im Süden. Es ist ein bisschen wie das Norwegen Australiens. Die Leute dort sind merkwürdig, es ist kalt und dunkel und es gibt eine sehr lebendige Black-Metal-Szene. Diese verrückte Umgebung war der ideale Platz, um unser neues Album aufzunehmen.

Woher kommt die Dunkelheit, die das neue Album im Sound und in den Texten umgibt?
Wir sind alle Fans von Black Metal und Gothic. Es war keine bewusste Entscheidung, dass dieses Album so dunkel wird. Ich denke, CIVIC hatten schon immer ein düsteres Element in sich. In meinen Texten gibt es immer wieder apokalyptische oder futuristische Passagen. Das kommt völlig natürlich. Als die neuen Songs entstanden sind, musste ich eine harte Zeit in meinem Leben überstehen. Meine Mutter ist schwer krank geworden und gestorben, das hat mich sehr mitgenommen. Das hat die Songs ziemlich überschattet. Natürlich hat das Studio in Tasmanien auch seinen Teil dazu beigetragen, dass die Songs nicht gerade sonnig und fröhlich klingen. Es hätte in meinen Augen keinen Sinn gemacht, wenn wir angesichts all dieser Begleitumstände ein positives, lebensbejahendes Album veröffentlicht hätten.

Ihr kommt aus Melbourne, dort sind in den letzten Jahren einige Bands richtig durchgestartet. AMYL & THE SNIFFERS, PRIVATE FUNCTION oder PRESS CLUB, um nur einige zu nennen. Habt ihr mit CIVIC eine Verbindung zu diesen Bands?
All diese Bands sind nicht Teil der Szene, in der wir uns bewegen. Wir sind in der DIY-Szene groß geworden und haben unter Brücken gespielt. Unser erstes Konzert haben wir in einem Restaurant gegeben. Deshalb ist es uns wichtig, immer noch kostenlose Konzerte vor 150 Leuten zu spielen. Die Punk-Szene in Melbourne ist wie eine gut geölte Maschine, die ständig neue, aufregende Bands ausspuckt. Man kann jede Nacht ausgehen und eine aufregende Band entdecken. Es gibt diese romantische Vorstellung, dass all diese Bands am Wochenende gemeinsam in einer Kneipe sitzen, Bier trinken und quatschen. Aber das passiert nicht, weil Melbourne einfach zu groß ist. AMYL & THE SNIFFERS leben abgesehen davon längst nicht mehr in Melbourne, sondern in Los Angeles. Klar haben wir die immer wieder getroffen. Wir kennen uns persönlich, aber wir hängen nicht mit denen ab. Chris von PRIVATE FUNCTION habe ich das letzte Mal zufällig beim Seilhüpfen in einer Bar in Perth getroffen. Die Leute von CLOWNS kenne ich, weil sie aus dem gleichen Vorort kommen wie ich – aus Frankston. Es gibt immer wieder Berührungspunkte, ähnlich wie in der Grunge-Szene im Seattle der 1990er. Ob man mit allen auch gut klarkommt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Man kann uns nicht mit diesen Bands in einen Topf werfen. Viele von ihnen spielen inzwischen weltweit vor tausenden Menschen, da sehe ich uns nicht.

Ihr habt zuletzt in Australien einige Shows mit den SEX PISTOLS gespielt. Wie war das?
Das war wirklich fantastisch. Wir hatten fünf Shows mit ihnen. In Melbourne, Adelaide, Sydney, Brisbane und Perth. Frank Carter ist ein großartiger Performer. Von mir aus können die Leute schlecht über ihn reden und sich beklagen, dass er nicht Johnny Rotten ist. Da gebe ich nichts drauf. Du brauchst echt Eier, um mit den SEX PISTOLS auf die Bühne zu gehen und das durchzuziehen. Er hat das perfekt gemeistert. Das war eine großartige Tour. Es war eine Riesenehre für uns, dabei zu sein. Mein 15-jähriges Ich hat jeden Moment abgefeiert. Als Jugendlicher war ich geradezu besessen von „Never Mind The Bollocks“. Glen Matlock war schon immer eine Stilikone für mich, deshalb war es ein besonderes Erlebnis für mich, ihn zu treffen. Es war also ein Meilenstein für die Band und ein Meilenstein für mich persönlich. In meiner Karriere als Musiker. Mir war auch völlig egal, ob uns die Leute hören wollten oder nicht. Pro Show standen etwa 6.000 Menschen vor der Bühne, das waren die größten Konzerte, die wir je gespielt haben.

Trotzdem reichen die Einnahmen mit der Band nicht zum Leben. Ihr habt immer noch Jobs, oder?
Genau, wir alle arbeiten noch nebenbei. Das Musik-Business ist ziemlich abgefuckt, es ist ziemlich schwer, nur von der Musik zu leben. Das war all die Jahre unser Ziel, aber irgendwie macht es uns nichts aus, jeden Tag im normalen Leben Geld verdienen zu müssen. Ich habe nicht wegen des Geldes mit der Musik angefangen. Punk sollte in meinen Augen nichts mit Geld zu tun haben. Ich male auch Bilder und verdiene nicht viel damit. Ich würde das auch machen, wenn ich gar nichts dafür bekäme. Ich habe einfach das Gefühl, ich muss das machen. Das ist wie ein ständiges Pendel. Wir sind kurz davor, mit CIVIC Geld zu verdienen. Wenn man zwei Monate lang auf Tour war, ist mal ein Batzen Geld da. Dann könnten wir die Musiker ausbezahlen, aber wir stecken es lieber wieder in die Band, damit wir wieder auf Tour gehen können. Vielleicht bleibt irgendwann mal so viel hängen, dass ich was für meine Rente zurücklegen, ein Haus oder ein Auto kaufen kann. Wer weiß das schon. Auf jeden Fall ist es keine Schande, arbeiten zu gehen und gleichzeitig in einer Band zu spielen. Als Musiker auf Tour zu gehen, ist immer auch ein Opfer, das du bringst. Man lässt seine Kids und seine Familie wochenlang zurück. Wenn ich mit der Band unterwegs bin, sage ich meinem Boss einfach Bescheid. Ob ich den Job noch habe, wenn ich zurückkomme, oder nicht, ist mir scheißegal. Dann mache ich eben einen anderen Job, wenn ich wieder da bin. Musik und Kunst sind viel wichtiger als Geld.

Wie so viele australische Bands kommt ihr regelmäßig auf Tour nach Europa. Warum ist Europa so wichtig für euch?
Nur in Australien auf Tour zu gehen, ist sehr schwer. Die Distanzen zwischen den Städten sind einfach wahnsinnig groß. Man kann hier nur eine Handvoll Konzerte spielen, dann ist die Kohle für den Sprit alle. In Europa sind die nächste Stadt und der nächste Club gleich ums Eck. In Europa gibt es so viel Publikum und so viele Auftrittsmöglichkeiten für uns. Die Leute bei euch sind so gastfreundlich. Vor allem in Deutschland fühlen wir uns sauwohl. Wir bekommen überall eine saubere Unterkunft, gutes Essen und die Bezahlung passt. Es ist ein Privileg, als Australier nach Europa zu kommen und auf Tour zu gehen. Da kommen jede Menge Leute, die nicht mal meine Band kennen. Ich kann allen Musikern nur empfehlen, wenn ihr die Möglichkeit habt, in Europa zu spielen, macht das unbedingt. Die Erfahrungen, die ihr da sammeln könnt, sind unglaublich wertvoll.

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