© by Manuel BraunWenn man sich die französische Band CKRAFT zum ersten Mal anhört, wird man schnell feststellen, ob ihre Musik einem gefällt oder nicht. Das weiß auch Charles Kieny, Akkordeonist und Kopf der Band, der in seinem Projekt alles vereint, was Musik für ihn ausmacht, wie er uns im Interview über das neue Album „Uncommon Grounds“ erzählt.
Mittelalterliche Musik, Jazz und Metal – wie passt das zusammen? Beziehungsweise wie bist du auf die Idee gekommen, diese Einflüsse mit deinem Instrument zu kombinieren?
Das kommt daher, dass ich Jazz studiert habe und diese Faszination mit meiner ersten wahren Liebe vereinen wollte: dem Metal. Als Teenager habe ich nur Metal gehört, den ganzen Tag. Ich glaubte, sollte ich später mal was anderes hören wollen, hätte ich etwas falsch gemacht. Ich dachte, Metal ist das Größte und die einzig wahre Musik. Du weißt, wie Metalheads sein können, ich war genauso. Eines Tages habe ich eine Jazzband live gesehen und das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, was ist das für eine Freiheit, mit der sie da spielen? Es war umwerfend. Der Klang des Saxophons hat mich umgehauen. Am nächsten Tag, habe ich auf Google nach Jazz gesucht und alles runtergeladen, was ich finden konnte. Später habe ich beschlossen, Musiker zu werden und Jazz zu studieren, und ging aufs Konservatorium. Aber meine Liebe und Leidenschaft für Metal blieb bestehen. Es gibt immer ein MESHUGGAH-Album, das den inneren Metalhead in mir weckt, wenn ich es höre. Ich wollte also schon immer eine Band haben, die Jazz und harte, extreme Musik miteinander verbindet. Es ist dann passiert, aufgrund meiner natürlichen Leidenschaft zum Metal und dem Schlag ins Gesicht, den mir die Jazzband verpasst hatte. Ich wollte das verbinden, aber hatte mich lange nicht in der Lage dazu gefühlt, ohne dass es irgendwie albern wirkt. Erst an der Universität, als ich Musik studierte, entdeckte ich mittelalterliche Musik und hörte zum ersten Mal einen gregorianischem Choral. Ich lernte viel über den Einfluss der Choräle auf die westliche Musikgeschichte und war beeindruckt. Diese starken Melodien der Gregorianik waren das dritte Puzzleteil, das mir fehlte. Es gärte in meinem Kopf und als ich angefangen habe, Musik zu schreiben, nutzte ich die Gregorianik, um Jazz und Metal zu verknüpfen, mit dieser kleinen einfachen Melodie. Darunter kann absolutes Chaos herrschen und dennoch funktioniert es und gibt der Musik eine Richtung. Am Ende können das Basslines oder Toplines sein – diese Melodien sind überall in der Musik von CKRAFT zu finden.
Du selbst spielst in diesem Kontext Akkordeon, das man im Metal doch eher selten zu hören bekommt. Wie passt das zusammen?
Für gewöhnlich ist ein Akkordeon im Metal-Kontext eher eine Farbe, die einen folkloristischen Einschlag mit sich bringt oder an Wikinger oder Piraten erinnern soll. Ich benutze gerne Jazz-Harmonien und experimentelle Ansätze und sehe es als fundamentales Instrument der Band, nicht als Farbtupfer. Es ist mein erstes Instrument, ich habe früh damit angefangen, weil ich Musik machen wollte und meine Oma ihr altes Akkordeon auf meinen Schoss setzte. Ich habe sie quasi damit unterhalten. Später habe ich dann angefangen Schlagzeug zu spielen und mich für andere Musik interessiert, bis ich das Akkordeon mal wieder in die Hand nahm und merkte, dass es einfacher zu spielen ist als Schlagzeug oder andere Instrumente, die mit Verstärkern funktionieren. Ich habe sogar mal als Schlagzeuger für eine Jazzband vorgespielt, aber kam mit meinem Akkorden für den Fall, dass sie einen anderen Schlagzeuger nahmen, da die Konkurrenz ziemlich groß war. Am Ende spielte ich Akkordeon für diese Band, haha. Aber ein rhythmischer Ansatz ist durch die Leidenschaft für Metal und Schlagzeug besonders wichtig in unserer Musik. Ich liebe es einfach auch, laut zu sein.
Das Akkordeon ist allerdings im Vergleich nicht das lauteste Instrument. Wie gelingt es dir, in diesem harten Metal-Sound mit deinem Instrument anzukommen, benutzt du eine Art Verstärker?
Meine Mission ist es, dieses Instrument heavy klingen zu lassen – das geht nicht ohne Ubterstützung. Ich habe in diesem Kontext die richtigen Leute für diesen Job am Start. Unser Gitarrist, der Bassist und der Schlagzeuger sorgen für den harten Metal-Sound in der Band. Das Saxophon und Akkordeon in diesen Kontext zu bringen ist die Kirsche auf der Torte. Es muss super tight sein und es braucht jeden von uns. CKRAFT funktioniert nur mit all seinen Playern. Wenn einer ausschert, funktioniert es nicht. Das Saxophon ist auch nicht nur eine Farbe, denn jedes Instrument hat bei uns eine präzise Rolle, die nicht ersetzt werden kann. Es ist instrumentale Musik, es gibt keinen Sänger und ist eher wie Kammermusik, bei der jeder etwas beträgt, was den komplexen Sound ausmacht. Ich war immer frustriert, dass das Akkordeon so soft klingt. Man kann damit sehr laut spielen, aber zusammen mit einem Bass und einer Gitarre, während der Drummer Metal spielt, wird es schwierig, überhaupt durchzudringen. Auch im Jazzkontext können ihm ein Saxophon und der Schlagzeuger schon die gesamten Frequenzen wegnehmen. Also habe ich auch mit elektronischen Sensoren experimentiert, um das akustische Akkordeon mehr zu emanzipieren und mit einem Trigger-System auch Synthesizer zu integrieren, wodurch es gewissermaßen ein Cyborg wird. Man hört bei CKRAFT sowohl den organischen Klang des Akkordeons als auch den Synthesizer-Sound, die miteinander verschmelzen, so dass es in puncto Lautstärke und Präsenz mit den anderen Instrumenten gleichziehen kann.
Gibt es noch etwas, das du zum kommenden Album sagen willst?
Ich hoffe, dass wir mit dieser Band und unserer Idee ein bisschen rumkommen und nicht aufhören, mit diesem Gefühl von Freiheit Musik zu schreiben. Ich will, dass wir wie MESHUGGAH, GOJIRA oder CAR BOMB unser eigenes Ding machen, für 20, 30 Jahre. Das möchte ich auch, mit 50 oder 60 noch Riffs schreiben, die mich zum Lächeln und Headbangen bringen. Ich will noch etliche Alben veröffentlichen und viele Jahre lang kreativ bleiben.
© by Fuze - Ausgabe #110 Februar/März 2025 und
© by Fuze - Ausgabe #110 Februar/März 2025 und Rodney Fuchs