
„Feminist / Dyke, whore / I’m so pretty / Alien“, diese oder ähnlich gepfefferte Lyrics dieses Albums könnte das von der Kamera weggewandte Wesen auf dem Frontcoverfoto dem angrenzenden Nachbarhaus um die Ohren knallen. Das Foto zeigt die Fotografin Tammy Rae Carland selbst im Ungezogene-Göre-1960er-Outfit mit weißer Strumpfhose, blauem Minikleid und Zöpfen zwischen zwei Obstbäumen im Vorgarten eines typischen amerikanischen Vorort-Einfamilienhauses stehend, die Arme leicht abgewinkelt angehoben und das Kleid so hochgezogen, dass ihr mit weißen Rüschen bedecktes Hinterteil deutlich im Mittelpunkt des Bildes zu sehen ist. Darüber ist zweilagig in dunkelblauen und weißen Bügelperlen geschichtet der Bandname BIKINI KILL zu sehen, links ergänzt um einen goldenen Zauberstab mit Sternenspitze, darunter der Albumtitel „Pussy Whipped“ (die deutlich harmlosere deutsche Entsprechung wäre „unter dem Pantoffel stehen“), in unschuldiger Kinderhandschrift in Kleber und Glitzer gegossen.
Das Foto hatte Carland damals ursprünglich im Rahmen einer ganzen Reihe von Fotos für ihren ersten Farbfotokurs am Evergreen State College in Olympia, Washington geschossen. Dort hatte sie auch Mit-Fotografiestudentin und spätere BIKINI KILL-Frontfrau Kathleen Hanna kennengelernt. Gemeinsam mit Hanna und Heidi Arbogast wurde die Galerie Reko Muse ins Leben gerufen, bei diversen Fanzines und anderen Projekten kollaboriert und zusammen in der Band AMY CARTER gespielt. Auch später blieben Hanna und Carland in Kontakt, das letzte Lied dieses Albums, „For Tammy Rae“, ist Carland gewidmet. Beide haben der Riot Grrrl-Bewegung auf verschiedenen Wegen Gehör verschafft, „Pussy Whipped“ hat dazu mit dem Dauerbrenner „Rebel girl“ (die bekanntere, von Joan Jett produzierte Single-Version unterscheidet sich allerdings deutlich von der ruppigeren Albumversion) sicherlich auch einen wesentlichen Teil beigetragen.
Auch sonst geizt das BIKINI KILL-Debütalbum nicht mit wütenden, mit Schimpfworten gespickten, sarkastischen Texten mit leicht verspielter Note über das Dasein als junge Frau (etwa in der von Männern dominierten Punk-Szene), zelebriertem Lärm mit viel LoFi-DIY-Spirit und reichlich Power. Der obligatorische Sellout-Vorwurf ließ nach den ersten Erfolgen allerdings auch nicht lange auf sich warten und mündete 1997 schließlich in der Auflösung der Band. Bis zur Reunion 2017/19 entstanden mit ehemaligen BIKINI KILL-Mitgliedern unter anderem THE JULIE RUIN, LE TIGRE, THE FRUMPIES, GSP und SPIDER AND THE WEBS, die im Kern auf die eine oder andere Weise alle die eine Botschaft unters Volk bringen: „I won’t play girl to your boy no more!“
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Anke Kalau