COVER-IKONEN: RICHARD HELL & THE VOIDOIDS

Foto

Blank Generation (Sire, 1977)

Als der 17-jährige Highschool-Abbrecher Richard Lester Meyers aka Richard Hell 1966 kurz vor Weihnachten aus Lexington, Kentucky floh, um in New York sein Glück als Dichter zu versuchen, hatte er sicherlich keine professionelle Musikerkarriere auf dem Schirm. Erst Schulfreund und Mit-New-York-Exilant Tom Verlaine drückte ihm Anfang der 1970er einen E-Bass in die Hand und rekrutierte ihn für die Band NEON BOYS, die sich schon bald in TELEVISION umbenannte. Der Song „Blank generation“ entstand in Anspielung auf den von BOB MCFADDEN & DOR 1959 veröffentlichten Track „The Beat Generation“ in dieser Zeit und wurde schon seit 1974 von TELEVISION, später auch von Hells mit Johnny Thunders ins Leben gerufener Band HEARTBREAKERS regelmäßig gespielt.
Erst nachdem Hell 1976 aus den HEARTBREAKERS ausgestiegen und mit Robert Quine, Ivan Julian und Marc Bell (= Marky Ramone) die VOIDOIDS gegründet hatte, erschien „Blank Generation“ erstmals auf Vinyl. Zunächst im November 1976 auf der gleichnamigen 7“ und 1977 schließlich auf dem Debütalbum der VOIDOIDS (auch hier als namensgebender Track). Klar wird hier: Dieser Titel ist der Aufhänger der Band. Nicht weiter überraschend also, dass auch das Albumcover visuell eine Leerstelle („blank“) in den Mittelpunkt stellt. Das von Hells Ex-Freundin und inoffizieller CBGB-Hausfotografin Roberta Bayley geschossene Coverfoto zeigt den bis auf ein schwarzes Jackett oberkörperfreien Richard Hell in schwarzer Jeans, der mit beiden Fäusten im Begriff zu sein scheint, sich das Jackett runterzureißen. Stachelhaarig (angeblich von Beatpoet-Idol Arthur Rimbaud abgeschaut), mit schmalen, leicht benebelt wirkenden Augen in grau hervorgehobenen Augenhöhlen schaut er direkt in die Kamera. Sein dünner Oberkörper lässt jede Rippe deutlich erkennen, oberhalb seiner Brust prangt die Phrase „YOU MAKE ME ____“. Frei auszufüllen von Betrachter und/oder Zuhörer. „I belong to the blank generation / And I can take it or leave it each time“ ...
Ganz DIY von Richard Hell selbst in Zusammenarbeit mit John Gillespie entworfen, ergänzen in einer runenähnlichen Schrift ebenfalls in Großbuchstaben handgeschriebener Bandname und Albumtitel links und rechts das Frontcover. Für die erste CD/Kassetten-Auflage 1990 entschied Hell sich für eine komplett andere Gestaltung: Das ebenfalls von Bayley geschossene Foto zeigt ihn in Sonnenbrille und einem zerrissenen Schwarz-auf-Weiß-Polkadots-Kurzarmhemd in knallpinkem Rahmen, sein Name oberhalb des Fotos ist in einer aufgeräumten geradlinigen Schrift gestaltet, die VOIDOIDS purzeln in einem Doodle-Logo wild durcheinander. Dabei war es eigentlich Hell, der mit seiner chronischen Heroinabhängigkeit weitere zeitnahe Alben unmöglich machte und so verhinderte, dass die VOIDOIDS von der 1977 tsunamiartig über die Musikwelt hereinbrechenden Punkwelle profitieren konnten. „I was sayin’ ‚let me out of here‘ before I was even born“.
To be fair: Tatsächlich wird hier auch eher avantgardistisch angehauchter, leicht trashiger Garage-Rock mit viel Roll, dem John Fogerty-Cover „Walking on the water“ und zahlreichen Liebesliedern mit nihilistischem Unterton gespielt (ob an Frauen oder Rauschmittel gerichtet, wird nicht ganz klar), der nur wenig mit dem oft betont rotzig-provokanten und härteren britischen Punk der ersten Stunde gemein hat, aber als dessen Blaupause gedient haben soll. Hm. Da hatte im UK musikalisch gesehen vielleicht doch eher der deutlich bissigere und blueslastigere britische Hardrock und Proto-Metal seine Finger im Spiel? Rein optisch konnten Ex-NEW YORK DOLLS-Manager Malcolm McLaren und seine Ehefrau Vivienne Westwood von Hells Vorliebe für Sicherheitsnadeln in zerrissenen Oberteilen bis hin zur Stachelfrisur allerdings sicherlich so manche Inspiration mit zurück ins Empire nehmen.

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