Aus Portland kamen und kommen jede Menge guter Punkbands - neben den allmächtigen POISON IDEA etwar APT. 3-G, TA TTOOED CORPSE, ALCOHOLICS UNANIMOUS und natürlich die CREEPS. Letztere veröffentlichten im vergangenen Jahr ihr erstes Album auf dem Bochumer Label New Life Records, und nachdem mich dessen Mitbetreiberin Angela monatelang genervt hatte, doch mal ein Interview mit den Westcoast-Punks zu machen, ließ ich mich endlich breitschlagen. Doch bevor ich zur Tat schreiten konnte, klingelte völlig unerwartet Anfang Februar am späten Abend das Telefon, und der sehr gesprächige CREEPS-Gitarrist Dave Ramsey erzählte mir alles über seine Band.
Und, wie läuft's so?
Ganz gut. Wir haben nächste Woche ein Konzert hier in der Stadt, und das wird sicher wieder sehr lustig. Als wir vor ein paar Wochen hier spielten, wurde unser Auftritt nachdem achten Song abgebrochen, weil sich die Leute bei jedem Song prügelten. Da hat uns der Veranstalter von der Bühne geworfen und die Polizei gerufen, hehe. Uns selbst war bis dahin nichts passiert, aber als wir dann aus dem Club rauskamen, machten uns ein paar Typen dumm an, weshalb wir ihnen leider ein paar auf's Maul hauen mussten . Normalerweise sind wir sehr friedliche Menschen, aber ausgerechnet bei unseren Shows meinen sich die Leute immer prügeln zu müssen. Wir sollten vielleicht T-Shirts mit dem Aufdruck „ Who are The Creeps? The ones that keep kicking my ass!" machen lassen. Das würde passen!
Habt ihr so üble Fans in Portland?
Ich weiß auch nicht. Die Leute stehen halt auf unsere Musik, tanzen wie wild und ruckzuck ist ne Prügelei im Gang. Uns ist es schon zweimal passiert, dass wir deshalb einen Auftritt abbrechen mussten. Bei unserem ersten Auftritt ist uns das auch passiert.
Solche Stories hört man immer wieder von US-Bands. Hier in Deutschland scheint das Publikum etwas friedlicher zu sein.
Naja, Gewalt auf Konzerten gab es in den USA schon immer. Das läuft immer gleich ab: Ein paar besoffene Typen sind am Slamdancen, die Musik ist aggressiv, dann wird jemand angerempelt und schon fliegen die Fäuste.
Musikalisch sehe ich euch eindeutig in der Tradition von POISON IDEA. ähnlich wie die anderen, etwas bekannteren Bands aus Port land: TATTOOED CORPSE, ALCOHOLICS UNANIMOUS und APART MENT 3-G.
Letztere wohnen gar nicht mehr hier Die sind, glaube ich, mittlerweile nach Washington D.C. umgezogen. Ihr erster Sänger war übrigens Jason, der kleine Bruder von POISON IDEAs Jerry A.. Und Jason arbeitet zufällig auch in dem Club, in dem unser Konzert abgebrochen wurde. Was unsere Musik betrifft, so stimme ich dir zu. Ich bin mit POISON IDEA groß geworden und war jahrelang Mitglied von P.I.S.S., der „Poison Idea Security Squad“. Und schon damals waren die Konzerte in Portland ziemlich brutal. Ich erinnere mich an ein Konzert von P.I., wo ich schon eine Minute, nachdem ich mich in den Pit gestürzt hatte, Blut spuckend und mit einem blauen Auge auf dem Boden lag. In Kalifornien tanzen sie anders: Dort laufen sie im Kreis herum und schubsen sich nicht. Wir hier oben in Oregon stehen dagegen mehr auf vollen Körperkontakt, „body check", du verstehst. So war das immer, seit ich auf Konzerte gehe. In den letzten Jahren kommen aber auch immer mehr von diesen College-Typen zu den Shows, was wohl an dieser SubPop-lnvasion mit ihrer komischen Musik liegt. „Grunge" nennen sie das. Diese Typen stehen beim Tanzen nicht auf Körperkontakt, und wenn wir zufällig mal mit einer von diesen Collegerock-Bands spielen, ist der Ärger natürlich vorprogrammiert, weil die Fans rauhes Tanzen nicht gewohnt sind.
Ich habe irgendwo gelesen, dass ihr auch mal mit GG Allin gespielt habt.
Oh ja, zwei mal sogar! Er hat seine übliche Show abgezogen, und ich konnte wirklich nicht verstehen, warum diese Idioten im Publikum so sauer auf ihn wurden. Ich meine, jeder wusste, was zu erwarten war - dass er nämlich auf die Bühne scheißen und sich ein Mikrofon in den Arsch stecken und noch mehr so kranke Dinge tun würde. Die Leute hatten doch dafür gezahlt, exakt das geboten zu bekommen. Die beiden Shows mit ihm in Seattle und Portland waren definitiv unsere denkwürdigsten Konzerte. Wir hingen danach noch ein paar Tage mit GG und seinen Jungs rum, und ich kann dir sagen, die waren alle sehr seltsam drauf. Der Schlagzeuger war sogar noch übler als GG selbst, was man sich kaum vorstellen kann.
Hast du noch mehr solche Konzert Stories auf Lager?
Klar , jede Menge. Wir haben hier Portland auf dem „Punkfest " gespielt , und das war fuckin' hell. Da spielten jede Menge alter und neuer Punkbands, unter anderem ILL REPUTE, CHANNEL 3, THE ADICTS, SLOPPY SECONDS, APPLECORE , WHITE TRASH , HARMFUL IF SWALLOWED - die neue Band von Brendan Cruise, der bei DR. KNOW war -, ADOLESCENTS, ZIPGUN, JFA, M D C , AGGRESSION, GUTTER MOUTH , D.O.A., YOUTH GONE MAD, TATTOOED CORPSE, CREEPS, DR. KNOW, D.I., WEIRDOS und noch ein paar andere.
Mein Gott, was für ein Programm! Wann war das denn?
Das war im Sommer 1993 und ging über zwei Tage. Der Typ, der das ganze organisiert hatte, zog am Schluss alle ab und verpisste sich mit der ganzen Kohle. Ich erinnere mich, dass DR. KNOW am Straßenrand stand und seine T-Shirt zu verkaufen versuchte, damit er Geld für aas Benzin zurück nach L.A. hat. 1.500 Leute waren da - und natürlich unsere Fans, die sofort wieder einen Streit vom Zaun gebrochen haben, hehe.
Klingt nach einem harten Tag für die Polizei von Portland.
Allerdings, aber es kommt noch besser. Als die Bands und die als Security angeheuerten Leute feststellten, dass der Typ mit der Kohle sich verdrückt hat, nahmen sie sich des Autos seiner Freundin an. Die hatte ihren nagelneuen Honda dummerweise vergessen mitzunehmen, also fingen sie an, das Auto zu zertrümmern, drehten es aufs Dach und zündeten es an. Willst du noch mehr Stories hören?
Klar, erzähl!
Wir haben mal mit MDC gespielt. Unglücklicherweise sind die eine sehr politische Band, im Gegensatz zu uns. Wir halten uns von Politik eher fern und haben ein ziemlich gemischtes Publikum. Jedenfalls waren ein paar Skins da, und solange wir spielten, war alles noch ganz friedlich. Dann spielten aber MDC , und die haben so einen Song gegen Rassisten. Die Skins fanden das überhaupt nicht gut, wie sich heraus stellte, und schwupp, endete einmal mehr eine CREEPS - Show in einer großen Prügelei. Demnächst sollen wir hier in der Stadt mit D.R.I. oder den MEAT MEN spielen, und vielleicht bleibt es ja diesmal friedlich.
Bekommt ihr denn mit diesem Ruf Konzerte außerhalb von Portland?
Klar, warum auch nicht? Wir haben schon ein paar mal in Seattle gespielt, einmal sogar im „Offramp"-Club . Natürlich lief auch das nicht reibungslos. Wir sollten da um sieben auftauchen, um unser Equipment aufzubauen. Wir hatten aber Ärger mit dem Auto, und so kamen wir erst um neun, und die wollten uns dann nach drei Stunden Fahrzeit nicht mehr spielen lassen. Naja, von unserer Schlagzeugerin Marnie mal abgesehen sind wir alle große, tättowierte Typen und so konnten wir den Manager von dem Laden schließlich „überzeugen", uns doch spielen zu lassen - allerdings nur eine Viertelstunde. Trotzdem war es ein großer Erfolg und jede Menge Leute wollten sogar Autogramme von uns haben.
Bis nach Kalifornien habt ihr es noch nicht geschafft, oder?
Nein, aber wir haben ein Angebot, dort mal zu spielen. Tom, unser Bassist, und Vince, der andere Gitarrist, haben hier in Portland einen Tattooshop - den besten in der Stadt, wenn ich das so sagen darf -, und die haben Kontakte nach Frisco. Das Problem ist, dass wir alle keinen großen Bock auf eine „starvation-tour“ haben - für ein Konzert tausend Kilometer fahren und dann nicht mal genug Gage bekommen, um das Benzin damit zu bezahlen.
Wie wurde euer Album denn aufgenommen in den USA?
In Maximumrocknroll und Flipside wurde „Warhead" sehr gut besprochen, und auch die kleineren Fanzines fanden es gut. Angela und Wolfgang von New Life erzählten, dass auch in Deutschland die Besprechungen ganz gut ausgefallen sind, von einem Hardcore-Heft abgesehen. Ich kann mir schon vorstellen, dass irgendwelche Ultra-Hardcores was gegen uns haben, denn wir haben alle lange Haare, unser Sound ist eher metallisch, und so halten sie uns vielleicht für Metalheads…
...die ihr aber nicht seid.
Nein, auf keinen Fall. Ich bin mit POISON IDEA und ACCÜSED aufgewachsen, kenne die Leute seit Ewigkeiten und bin vor allem von diesen Bands auch beim Songwriting beeinflusst. Uns als Metalheads zu bezeichnen, ist also völliger Schwachsinn.
Frauen sind in HC-Bands immer noch eine Ausnahme. Wie kamt ihr zu Marnie, eurer Schlagzeugerin?
Unser erster Schlagzeuger war Marnies Freund, aber er spielte schon damals auch noch in TATTOOED CORPSE. Er ist zwar ein hervorragender Schlagzeuger, aber wir hatten das Gefühl, dass er nur in einer Band seine ganze Energie stecken kann. Wir sagten ihm das, und er entschied sich für TATOOED CORPSE. Wir hörten dann, dass Marnie gerade eine neue Band sucht und ließen sie probespielen. Tja, was soll ich sagen - sie ist einfach phantastisch. Sie ist sogar so gut, dass in einem international erscheinenden Schlagzeuger - Magazin namens „Drummer Dude " ein Artikel über sie erscheinen wird. In der Band selbst ist sie ein ganz guter Kontrast: Wir sind alles große, breite Typen, und sie ist eher klein und zierlich. Und cool ist auch, dass immer wieder Leute überrascht sind, dass in einer so lauten, brutalen Band eine Frau mitspielt.
Was macht ihr sonst so?
Tom und Vince haben hier in Portland einen Tattooshop namens „Cool Ghoul", wie ich ja eben schon erzählte. Marnie arbeitet in einer „Tittie Bar", einer Oben-Ohne-Bar, hinter der Theke - was den Vorteil hat, dass ich da immer umsonst trinken kann. Mike macht mal diesen, mal jenen Job, und ich habe eigentlich überhaupt keinen Job. Ich habe mal eine Bäckerlehre gemacht, aber keinen Bock auf den Job. Ich muss mich viel um meinen 65 Kilo schweren jungen Rottweiler kümmern, und mein drei Jahre alter Sohn soll auch noch was von mir haben. Was gibts sonst noch über unser Leben in Portland zu sagen? Wir gehen auf Konzerte, haben ab und zu mal einen Auftritt, gehen einen trinken und versuchen soviel Spaß wie möglich zu haben.
Wer die CREEPS live erleben will, muss sich wohl noch bis zum Sommer gedulden. Und da der CREEPS-Fanclub aus Portland kaum mit nach Europa kommen wird, dürften die Shows hier friedlicher werden.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #19 I 1995 und Joachim Hiller