Muss ich noch groß einleitende Worte zum Hamburger Crypt-Label loslassen? Eigentlich nicht, denn das Programm von Crypt spricht für sich selbst: Eine bunte Mischung aus 90er-Powerpunk a la NEW BOMB TURKS und NINE POUND HAMMER, ergänzt durch die sperrigen Klänge von JOHN SPENCER und seiner BLUES EXPLOSION, und abgerundet durch eine Riesenkollektion skurrilster Fifties- und Sixties-Compilations. Hamburg ist zwar nicht weit, und ein persönlicher Besuch im Crypt-Plattenladen wäre somit keine abwegige Idee gewesen, aber vielbeschäftigt, wie man nun mal ist, erwies sich der Griff zum Telefon als bequemer. Hier also täräää! - Tim Warren und wie er die Welt sieht.
Wann begann die Geschichte von Crypt?
Das war 1904, als mein Großvater... Nein, die erste Platte kam am 3. August 1983 raus. Puh, ist das wirklich schon elfeinhalb Jahre her? Damals brachte ich die erste „Back from the grave“-Compilation raus, denn eigentlich hatte ich Crypt nicht als „modern rock"-Label gegründet. Und wenn ich mir anschaue, wieviel Arbeit das alles macht, frage ich mich auch, warum ich das auf mich nehme.
...und wo?
In lebte damals in New York, arbeitete mal in diesem, mal in jenem Plattenladen für fünf Mark die Stunde. Irgendwann heiratete ich dann eine Französin, zog mit ihr nach Frankreich. Dort hielt ich mich und das Label die nächsten fünf Jahre über Wasser, indem ich mit Second-Hand-Platten aus den Fifties und Sixties dealte - Collector-Scum eben, haha.
Wie alt bist du denn?
Im Juni werde ich 35. Gott im Himmel, was bin ich für ein alter Mann!
So schlimm ist es ja nun auch noch nicht.
Nein, ich finde es auch gut, so alt zu sein, denn dadurch konnte ich die RAMONES sehen, bevor sie Scheiße wurden.
Was war die erste Platte, die du gekauft hast?
Hmm, da muss ich überlegen. Ich lebte damals in Griechenland...
...in Griechenland???
Ja. Ich wurde 1960 in New York geboren, zog im Alter von zwei Jahren auf die Philippinen, 1964 dann nach Griechenland und 1974 schließlich zurück nach New York. Es war also noch in Griechenland, als ich „Exile on Main Street" von den ROLLING STONES kaufte. Ich hab die Platte heute noch und finde sie immer noch gut. Allerdings kaufte ich damals auch jede Menge Scheiße wie „Master Of Reality" von BLACK SABBATH, die ich dann auch verkaufte, als ich wieder in die USA zurückging.
War dein Vater bei der Army, oder wieso wart Ihr im Ausland?
Nein, er war bei Exxon. Als wir dann nach New York zurückgingen, kündigten sie ihm und er wurde arbeitslos.
Deine Kindheit und Jugend wurde also von schmutzigem Geld finanziert, denn Exxon ist ja ein richtig böser Großkonzern.
Tja, so sieht man das heute wohl. Meine Eltern waren aber voll o.k. und versuchten sich der Kultur des Landes, in dem sie lebten, anzupassen. Ich konnte auch innerhalb von sechs Monaten Griechisch.
Beherrschst du das auch heute noch?
Nein, nur noch Schimpfworte und Flüche. Willst du ein paar hören?
Klar, immer.
(Tim gibt die griechische Version von „Eat shit" und ähnlich wichtigemVokabular zum besten, das ich natürlich nicht im Original wiedergeben kann.) Ich habe noch viel mehr davon auf Lager, aber die sind alle nicht politisch korrekt.
Wie kamst du dann zu diesem Fifties- und Sixties-Rock'n Roll?
Weil Punkrock anfing Scheiße zu werden. Auf Punk kam ich im April 1977, als ich die RAMONES in New York sah und mir vor Begeisterung in die Hosen schiß. Ich war von Griechenland, wo es keine Rockmusik gab, in die USA gezogen, die damals voll von Hippiemucke, Reggae und Redneck-Softrock überschwemmt waren. Und diese Musik interessierte mich nicht im geringsten. Dann sah ich die RAMONES und wurde verrückt, schmiss das College und fing an, Platten zu sammeln. Von Oktober 7.8 bis Mai '83 arbeitete ich in verschiedenen Plattenläden und gab mein ganzes Geld für Platten aus. Punk wandelte sich aber dann allmählich zu New Wave, und ich hatte keine Lust mehr auf Punk: Das erste DAMNED-Album war großartig, das zweite war langweilig und das dritte gerade noch o.k. - New Wave hatte begonnen. Wegen Bands wie den CRAMPS und DMZ kam ich dann auf den Fifties- und Sixties-Trip. Das soll nicht heißen, dass ich mich aller neuen Musik verschloss - 1982 war GUN CLUB meine Lieblingsband, aber 1984 fand ich sie nur noch Scheiße. Ich bin absolut kein Typ, der Bands anhimmelt: Wenn eine Band Scheiße wird, schreibe ich sie einfach ab.
Irgendwie hatte Ich Immer gedacht, Crypt käme ursprünglich aus dem Nordwesten der USA, also aus der Ecke Portland, Seattle. Kamen von dort nicht auch viele dieser Garagenbands?
Nein, In der Ecke habe ich nie gelebt. Und was Bands betrifft, so stammt die ultimative Garagenband, die SONICS, aus Seattle. Ich sammelte jahrelang Sixties-Punk, bis es mir zu teuer wurde und ich sowieso die wichtigsten Platten hatte, und die meisten Bands kamen damals aus Texas und Chicago. Chicago war die Punk-Hauptstadt der Sechziger, und es gab da Millionen von Bands.
Ist es nicht höllisch schwierig, diese Sixties-Platten aufzutreiben?
Mittlerweile kannst du die Sachen kaum noch finden. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger war es schon hart, aber heute ist es unmöglich. 1981 war eine Platte teuer, wenn sie 50 Dollar kostete. Jetzt musst du für so eine Scheibe 2.000 Dollar hinlegen. Ich habe jahrelang mit diesem Zeug gehandelt, und wenn ich von einer Platte, die ich schon hatte, noch ein Exemplar aufgetrieben hatte, nahm ich es mit nach Frankreich, weil man da noch 30 Prozent aufschlagen konnte, hehe. Heute kostet eine durchschnittliche Sixties-Punkscheibe 3 - 400 Dollar.
Ich schätze, du hast Unmengen von solchen Schätzen in deiner Sammlung.
Klar, und ich könnte wohl fünfzig davon für jeweils 2.000 Dollar verkaufen und mich zu Ruhe setzen. Nein, ich könnte mich niemals von diesen Platten trennen.
Würdest du dich heute auch noch als Sammler bezeichnen?
Nein, ich habe mir seit fünf Jahren keine teuren Platten mehr gekauft - mit einer Ausnahme: Letztes Jahr war ich in den USA und dieses Schwein von Plattenhändler spielte mir eine Sixties-7" vor, bei der ich mich bepisste, so geil war die. Der Typ wollte 450 Dollar für das Teil, und Scheiße, ich habe sie gezahlt. Das war aber sicher das letzte Mal, daß ich sowas getan habe. Heute sammle ich nur noch billige Scheiben, etwa Rhythm & Blues-Sachen aus den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern. Ansonsten bevorzuge ich Re-Issues, weil's einfach billiger ist. Seit ich verheiratet bin, muss ich zwei Leute sattbekommen, und da bleibt für so ein Hobby nicht mehr viel übrig. Man wird mit der Zeit ruhiger und bequemer. Als ich in New York lebte, zog ich alle drei Monate um, weil man mich aus der Wohnung rausschmiss, und ich schlief dann wieder wochenlang bei einem Freund auf dem Fußboden. Wenn du verheiratet bist, geht das aber nicht mehr.
Du steckst deine ganze Arbeitskraft statt Ins Plattensammeln also Jetzt Ins Plattenmachen und -verkaufen.
Ja. Wir haben einen Plattenladen, ein Label, machen Touren für unsere Bands, und das hält einen ganz schon in Trab.
Wann bist du denn eigentlich nach Deutschland gekommen?
Du meinst, weil ich dir auf Englisch antworte? Ich spreche schon Deutsch, bin aber immer zu schüchtern, es anzuwenden. Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich habe Micha im August '89 kennengelernt, und im Januar '90 bin ich dann nach Deutschland gezogen. Wir haben uns in Freiburg kennengelernt, als ich gerade mit einer Band auf Tour war und mein Bus den Geist aufgab. Nachdem wir in Las Vegas geheiratet hatten, mußten wir uns natürlich überlegen, wo wir in Zukunft leben würden. Tja, wir haben uns für Hamburg entschieden.
Dein wildes Leben war damit also beendet.
Sieht so aus, ja. Viele dieser verrückten Plattensammler sind total ruhige Typen, 'ne andere Art von Briefmarkensammler, aber Ich war immer laut, verrückt und besoffen. Meine Einstellung war Immer eine andere, ich denke, weil ich über Punk eingestiegen bin.
Wann hast du dann angefangen, neben den Compilations mit alten Sachen, Platten von neuen Punkbands rauszubringen?
Ursprünglich hatte ich gar keine Lust, mich überhaupt wieder mit Punk zu beschäftigen. Ich hatte von Punk eigentlich seit Ende der Siebziger die Schnauze voll. Als ich dann 1983 das Label gründete, waren die ANGRY SAMOANS meine Favorites. Aber Bands deren Kaliber gab es damals kaum noch, denn alle machten plötzlich Hardcore, und mit Hardcore habe ich mich bis heute nicht anfreunden können. Für mich war das asexuelle, „unrock'n'rollige" Musik. Auf meinem Label will ich deshalb Bands haben, die sich einerseits auf die klassischen Vorbilder berufen, andererseits aber nicht alt klingen. Diese modernen Garagenbands, die sich ein komplettes Sixties-Outfit verpassen, finde ich lächerlich und langweilig. Meine erste „moderne" Band war DMZ, eine Bostoner Band, die von 1976 bis '78 existierte. Von denen brachte ich 1986 eine Platte raus. Die spielten eine Mischung aus Sixties-Punk und STOOGES. Als ich in New York lebte, war ich Teil der schmutzigen Scumbag-Trash-Rock’n'roll-Szene, der „Anti-SONIC YOUTH-Szene", wie ich das nenne würde, und dort lernte ich die Leute wie die RAT BASTARDS und später die DEVIL DOGS kennen, und das war Rock'n'Roll, Punk, der noch Sex hatte.
Bekannter wurde Crypt dann aber erst, als ihr nach Hamburg umgezogen wart und anfingt, mehr Platten von „modernen" Bands rauszubringen.
Richtig. Wir legten da mit Anzeigen los, denn vorher war es sehr ruhig um uns gewesen. Bevor wir nach Hamburg kamen, hatten wir an „modernen" Platten nur die von BILLY CHILDISH, MIGHTY CAESARS, HEADCOATS, RAUNCH HANDS und DEVIL DOGS. Der Rest unserer Programms bestand aus Wiederveröffentlichungen. Doch dann bekam ich immer mehr Demos geschickt und stieß auf Bands, die ich so gut fand, dass ich eine Platte mit ihnen machen musste. Wenn ich eine Band unter Vertrag nehme, dann nur, wenn ich weiß, ich bin bereit, mich voll für sie einzusetzen. Das Problem vieler Indie-Labels ist nämlich, daß sie ihre Bands schlecht bezahlen und insgesamt schlechte Arbeit leisten. Ich habe auch einfach Lust daran, für meine Bands zu arbeiten, denn 80 Prozent aller Bands, die ich gut finde, sind auf Crypt.
Welche Bands machen die restlichen 20 Prozent aus?
Puh, da sind nicht mehr viele übrig, nachdem wir jetzt auch noch die LAZY COWGIRLS haben. Die SUPERSUCKERS fand ich auf ihrer ersten Platte auch sehr gut, die hätte ich gerne gehabt, und die DIDJITS waren ebenfalls genial, aber die haben sich leider aufgelöst. Und die DEVIL DOGS haben sich leider auch aufgelöst. Wenn du noch mehr hören willst, muß ich in unseren Mailorderkatalog schauen, denn wenn es eine Band gibt, die ich nicht für mein Label gewinnen kann, verkaufe ich zumindest ihre Platten.
Gibt es denn eine deutsche Band, die du für gut genug halten würdest, auf deinem Label zu sein?
Das ist eine unfaire Frage, denn die Leute könnten denken, ich mag keine deutschen Bands. Tatsache ist, dass ich auch 99 Prozent der amerikanischen Bands hasse - und dort gibt es tausende Bands. Das Ding ist, dass ich zwar nicht in den USA aufgewachsen bin, aber trotzdem auf echten amerikanisehen Sound stehe. Deshalb konnte ich SONIC YOUTH auch nie leiden: Sie klingen einfach zu britisch, ich bekomme Unmengen von Demos geschickt, und eines Tages werde ich sie auch alle durchgehört haben. Das ist wirklich eine undankbare Tätigkeit, denn wenn du den Leuten schreibst, du findest ihre Band ganz gut, dann wollen sie auf dein Label. Was deine ursprüngliche Frage betrifft: Aus Braunschweig kommt eine ganz gute Band namens SLOBBERY DOGNOSE. Die waren Vorband der NEW BOMB TURKS und gefielen mir ganz gut.
Kennst du ANKRY SIMONS, die Band von Lee Hollis? Der hat mir neulich erzählt, Crypt und Bands wie die NEW BOMB TURKS hätten ihm denn Glauben an Punk zurückzugeben, um das mal pathetisch auszudrücken.
Echt? Das ist cool! Ich habe das im Zusammenhang mit den TURKS schon von vielen Leuten gehört. Das liegt daran, daß sie eigentlich Rock'n'Roll spielen und man merkt, dass sie Spaß dabei haben. An Hardcore hat mich immer gestört, daß da zu viel Machogehabe und zu wenig Spaß im Spiel ist. Die ANKRY SIMONS finde ich übrigens auch sehr gut. Ich habe 1991, als wir den Laden eröffneten, ihre Single in die Finger bekommen und fand, dass das die besten Songs seit den ANGRY SAMOANS sind.
Wie läuft denn euer Label so? Ihr habt letztes Jahr ja eine ganze Menge Sachen rausgebracht.
Zu viel, verdammt noch mal! Vierzehn Platten haben wir gemacht, und das war einfach zuviel, hat uns finanziell beinahe das Genick gebrochen und war auch arbeitsmäßig kaum zu bewältigen. Es ist auch den Bands gegenüber nicht fair, denn so machst du mit zehn Bands halbe Sachen, statt dich auf fünf zu konzentrieren. Dieses Jahr werden wir es etwas ruhiger angehen lassen und nur fünf oder sechs Releases haben. Außerdem können wir uns mehr gar nicht leisten, denn wir haben in den letzten dreieinhalb Jahren 50.000 Miese gemacht. Das Problem war letztes Jahr aber auch, dass ich einfach zu viele gute Sachen angeboten bekommen habe und nicht nein sagen konnte.
Wieviel könnt ihr von einer Band wie den NEW BOMB TURKS absetzen?
Das ist das Problem: In der Vergangenheit hatten wir in den USA keinen vernünftigen Vertrieb. Als ich damals noch die ganzen Re-Releases machte, zogen mich wirklich alle Vertriebe ab. Dann fing ich an, aktuelle Bands rauszubringen und hatte keine Lust mehr, von Cargo und Dutch East und all den anderen verarscht zu werden und überließ die Sache meinem Freund Greg in Pittsburgh, damit er sich darum kümmert. Das Ergebnis war, dass ich von NINE POUND HAMMER etwa in Europa 5.000 loswurde, in den USA aber gerade mal 600. Mein erster Gedanke war, dass eben niemand die Band mag, aber es stellte sich heraus, daß Get Hip, unser Vertrieb, die Sache einfach nicht geregelt bekam. Jetzt haben wir einen neuen Vertrieb und die verkauften 5.000 NINE POUND HAMMER in fünf Tagen. Ich konnte das nicht glauben, fragte nach und bekam als Antwort wieder „five". Ich meine, fünfhundert sei für den Anfang ja ganz o.k., und er meinte nur, es seien FÜNFtausend! Es ist also wohl wirklich nur eine Frage des richtigen Vertriebs.
Wegen deines neuen US-Vertriebes Matador wirst du von verschiedenen Leuten angegeriffen.
Das stimmt, vor allem vom Maximumrocknroll. Es ist so: Ich hatte vor, Crypt America zu reaktivieren, und Dutch East India wollte Platten für 10.000 Dollar haben. Ich dachte mir aber, wenn die 1988 wegen 1.500 Dollar zwei Jahre lang Theater gemacht haben, dann wäre es wohl nicht klug, das zu tun. Daraufhin waren aber meine Bands sauer, weil die natürlich die Platten in den Läden sehen wollen. Die Vertriebssituation in den USA ist ganz anders als hier in Deutschland und in Europa, wo du dein Geld in absehbarer Zeit bekommst. Wir arbeiten jetzt mit Matador zusammen, bei denen sich 1993 Atlantic mit einer Million Dollar eingekauft hat. Sie sind jetzt mehr oder weniger eine Tochterfirma eines Majors, aber die Leute, die hinter dem Label stehen, sind die gleichen geblieben. Und der Punkt ist der, dass wir einen Vertriebsvertrag mit Matador und nicht mit Atlantic haben, was ich niemals tun würde. Kurz nach dem Vertragsabschluss riefen mich dann drei andere Majors an und wollten uns einen Vertriebsvertrag anbieten. Zusätzlich habe ich mich dadurch abgesichert, dass der Vertrag nur solange gültig ist, wie Chris und Gerard bei Matador das Sagen haben. Die kenne ich, denen vertraue ich. Naja, wegen dieser ganzen Sache bespricht das MRR unsere Platten nicht mehr, aber gleichzeitig drucken sie Anzeigen von einem Vertrieb wie Cargo ab, die mir seit Jahren mehrere tausend Dollar schulden und einfach nicht zahlen.
Ihr habt auch eine Plattenladen in Hamburg. Wie läuft der so?
Eigentlich ganz gut. Ich hatte mir ja geschworen, nie wieder in meinem Leben in einem Plattenladen stehen zu wollen, aber nachdem unsere einzige Chance, an unser Geld ranzukommen, die ist, von den Vertrieben Platten zu nehmen, waren wir dazu beinahe gezwungen. Im Laden verkaufen wir prinzipiell keine Major-Platten, keine Disco- und Metalscheiße, und ist das ganz cool.
Bedeutet dir der Independent-Gedanke noch etwas?
Auf jeden Fall. Ich versuche, so wenig von anderen Leuten abhängig zu sein wie möglich. Die Sache mit dem US-Vertrieb ist für uns einfach eine Überlebensfrage. Wenn du „independent" aber in musikalisch-stilistischer Hinsicht meinst, dann muss ich gestehen, dass ich mit dem als „Indie" bezeichneten, lahmen Seventies-Rock nichts anfangen kann. Oder mit all diesen Bands, die wie ein BEATLES- oder SEBADOH-Abklatsch klingen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn wir haben hier hunderte von Singles, und ich höre mir die meisten davon an, um zu wissen, ob ich noch welche bestellen muss oder um vielleicht eine neue Band zu entdecken. Und es ist schlimm, wie viel langweiliger Dreck dabei ist. Früher nahm man eine 7" auf, weil man einen guten Song hatte. Heute sehen viele Bands Singles nur noch als einen Weg an, um vielleicht von SubPop oder sonst wem entdeckt zu werden. Der Qualitätsstandard ist stark gesungen.
Wieviele Platten besitzt du, und wie zieht man mit so vielen Platten um?
Oh, das Umziehen ist ein großes, großes Problem. Ich habe ungefähr 7.000 7"s, von denen rund 6.000 aus den Fünfzigern und Sechzigern stammen. Dazu kommen noch 3.000 LPs und ein paar CDs, aber mir sind die einfach zu teuer.
Vielleicht solltest du noch sagen, wo du wohnst, damit wir mit einem Lastwagen vorbeikommen und die Wohnung ausräumen können.
Haha, du kannst es ja versuchen: Ich habe ein großkalibriges Gewehr... Nein, ich bin unbewaffnet, aber als New Yorker bin ich ein misstrauischer Mensch und habe deshalb drei Schlösser an unsere Wohnungstür montiert. Wenn mir jemand die Platten klauen würde, beginge ich Selbstmord, denke ich. Denn dann müsste ich mir ja die Musik anhören, die wir auch in unserem Laden verkaufen: all diesen laschen Indie-Sound, der auf MTV läuft.
Moment mal: Lief nicht auf VIVA sogar mal ein CryptSpecial?
Ich glaube, die haben ein Video von den TURKS gezeigt, und JOHN SPENCER macht auch Videos. Naja, wenn du Platten verkaufen willst, musst du manchmal Kompromisse eingehen. Neulich rief mich Eric von den TURKS an und erzählte mir, dass ein ungefähr 25 Jahre alter Typ in den Plattenladen gekommen sei, in dem er arbeitet, und ganz erstaunt meinte: „Hey, bist du nicht einer von den NEW BOMB TURKS?". Eric sagte ja, und der Typ fragte, ob sie denn nicht auch mal in ihrer eigenen Stadt, in Columbus spielen würden. Eric antwortete nur, dass sie seit fünf Jahren mindestens einmal im Monat irgendwo in der Stadt spielen. Der Typ war erstaunt und sagte, er hätte sie für Newcomer gehalten und sei erst durch das Video auf MTV auf sie aufmerksam geworden. Das mag schrecklich klingen, aber wenn MTV so einen Effekt hat, ist das immerhin noch ganz o.k. Denn wenn die Kids NEW BOMB TURKS hören, kaufen sie vielleicht nicht die ganze L7- und SMASHING PUMPKINS-Scheiße.
Hast du eigentlich selbst auch mal in einer Band gespielt?
Ich habe es versucht. Als Kind musste ich Klavierspielen lernen, und 1977 versuchte ich mich an der Gitarre. Ich schloss mich mit meinen RAMONES-Platten in einem Zimmer ein und versuchte sie nachzuspielen, aber es klappte nicht. 1982 probte ich an zwei Wochenenden zusammen mit Leuten, die später die RAUNCH HANDS gründeten, aber ich ließ das ganz schnell wieder bleiben, ich kann das einfach nicht.
Was werden die nächsten Crypt-Releases sein?
Die Platte der OBLIVIANS ist gerade erschienen. Sie kommen aus Memphis, und die einen erinnert es an BLUES EXPLOSION, die anderen an die Vorgängerband der ANGRY SAMOANS. Für mich ist es einfach dreckiger, kaputter Garagenpunk. Dann nehmen die LAZY COWGIRLS derzeit ein Album für uns auf, SINISTER SIX wollen mit uns zusammenarbeiten, und Andy und Joe von den DEVIL DOGS haben eine neue Band zusammen mit Candy, die bei den CRAMPS Gitarre spielte, und dem Saxophonisten der RAUNCH HANDS. Sie nennen sich LOS PRIMOS und machen schmierigen New Yorker Bar-Punkrock. Dann werden wir was von einer schottischen Band namens THE COUNTRY TEASERS rausbringen. Die machen eine seltsame Mischung aus Country und den frühen FALL sowie PUSSY GALORE. Das dürfte so ziemlich alles sein, plus Platten von den Bands, die schon auf dem Label sind. Unter anderem wird auch eine Compilation mit allen Singles der TURKS erscheinen, und Folge 8 von „Back from the grave" steht auch schon längst an, aber ich habe kaum Zeit, mich darum zu kümmern.
Wieviele Stunden arbeitest du am Tag?
Ich wache meistens um fünf Uhr morgens auf, fange an zu arbeiten und höre so gegen acht Uhr abends auf. Glücklicherweise brauche ich nicht viel Schlaf, und irgendwer muss die Arbeit ja machen. Wir sind auch nur zu dritt: Ich, Micha und Dirk, ein Student, der stundenweise im Laden arbeitet. Wir würden mehr Leute brauchen, aber wir haben einfach nicht das Geld, noch jemanden zu bezahlen.
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