DER OPTIK PUNK

Foto© by Christian Nolte

Habe Brille

Der Witz ist fast so alt wie das Ox: „Wegen eurer kleinen Schrift braucht man ja eine Brille!“ Nun, vielleicht liegt es auch nur am zunehmenden Alter der Leserschaft und entsprechend nachlassender Sehkraft oder an einer seit jeher bestehenden Sehschwäche, die mensch im Umgang mit diesem Heft zugegebenermaßen etwas deutlicher merkt als bei Druckerzeugnissen mit größerer Schrift. Mein Rat lautet: Schon mal über eine Brille nachgedacht oder über ein Update der bisherigen? Ich habe mir für ein Fachgespräch zum Thema mal jemanden ausgesucht, der sich auskennt: den „Optik Punk“. Unter diesem Namen und mit Lederjacke ist Andreas Gase bei Social Media aktiv – und zusammen mit seinem Vater in Bottrop-Kirchhellen im nördlichen Ruhrgebiet im eigenen Geschäft tätig, ganz seriös als Augenoptikermeister.

Du bist bei Social Media der „Optik Punk“ und auf der Website des Optikergeschäfts, das du zusammen mit deinem Vater betreibst, der kompetente Augenoptikermeister. Wie war der Weg dorthin?

Mit 17 bin ich in die Lehre gegangen und ich war, vorsichtig ausgedrückt, ein eher mittelmäßiger Schüler. Ich hatte auch keinen Plan, was ich wirklich machen wollte, außer Bier trinken und Musik hören. Aber damit kannst du kein Geld verdienen, bedauerlicherweise. Da mein Vater den Laden hatte, war es naheliegend, da eine Lehre zu machen, und das war in den Anfangsjahren nicht immer einfach, es hat mir nicht wirklich viel Spaß gemacht hat. Aber in den letzten Jahren habe ich nun dieses Optik Punk-Ding vorangebracht und da kann ich wesentlich mehr machen, weil ich jetzt auch einen gewissen Plan habe, was ich will. Und dann macht das viel mehr Spaß. Mit 23 habe ich meinen Meisterbrief gemacht, nach Lehre und zehn Monaten Bundeswehr und danach direkt auf die Meisterschule. Damals gab es einen Vollzeitkurs, denn drei Jahre Meisterschule nebenberuflich, das ist wirklich knackig. Ich war es damals noch gewohnt zu sitzen und zu lernen, denn wenn du so etwas mit 30 oder 40 machst, sieht die Nummer ganz anders aus. Nach einem knappen Jahr war das Ding fertig.

Als Punker beim Vater im Betrieb, wie sehr musstest du dich in den Anfangsjahren verstellen, verkleiden, anders anziehen?
Sehr stark. Das war in den ersten Jahren wirklich schwierig, und ich hatte auch zu meinem Vater ein schwieriges Verhältnis. Wir beide tickten völlig anders. Ich bin also im Anzug im Laden rumgerannt und habe versucht, das konform zu kriegen, da war der Laden auch noch ganz anders als heute. Ich merkte, das funktioniert so für mich nicht, denn obwohl ich einen Anzug anhatte, bin ich ein Ruhrpottkind. Vor ein paar Jahren habe ich dann bei Instagram den „Investment Punk“ gesehen, den Gerald Hörhan. Da habe ich mir gesagt, wenn der das hinkriegt, muss ich das doch auch irgendwie schaffen. Also war ich in einem Unternehmer-Coaching-Programm, das ist jetzt so ungefähr fünf Jahre her. Zuerst hatte ich nur ein T-Shirt mit so einem kleinen Schriftzug drauf, dann die Lederjacke, und zunächst war da die Angst, was passiert jetzt? Feiern die Leute das oder verlierst du Kunden? Wir wollen uns nichts vormachen, wir müssen mit dem Laden Geld verdienen.

Ihr seid in Bottrop-Kirchhellen. Ruhrpott Rodeo-Menschen werden das kennen, das ist da direkt um die Ecke. Das ist schon eher ländlich und kleinstädtisch und nicht Großstadt-Ruhrgebiet.
Wir haben damals eigentlich nur Laufkundschaft aus dem direkten Einzugsgebiet gehabt. Bedingt durch das, was ich nun auf Instagram, Facebook und YouTube treibe, hat sich mein Einzugsgebiet sehr vergrößert. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Kilometer die Menschen fahren, um bei mir eine Brille zu kaufen. Die finden das cool, was ich mache, die mögen das, man hat gemeinsame Touchpoints. Punkrock, manchmal Sport, manchmal einfach nur die Musik. Es gibt immer irgendwelche Anknüpfungspunkte. Da kommen ja nicht nur Leute mit grün gefärbten Haaren, sondern auch die Omi, der Vorstandsvorsitzende, alles. Und es kommen jetzt gezielt Leute, die ich mag. Wenn früher die Tür aufging, wusste ich nie, wer da kommt. Jetzt weiß ich, wenn jemand bei mir einen Termin bucht, der hat Bock, zu mir zu kommen. Und dann fängt es an, Bock zu machen.

Ein nicht unwichtiger Aspekt. Wenn man einfach nur seinen Job macht, ohne wirklichen Bezug dazu, macht das auf Dauer keinen Spaß.
Ja, absolut. Augenoptik ist ein eher konservativer Beruf und wenn ich da so rumlatsche, wie ich aussehe, dann muss ich auch liefern. Ich bin nicht nur der lustige Typ mit dem roten Iro, sondern es muss auch fachlich was kommen.

Wie schwer ist es, gegen die ganzen Online-Brillenhändler und Optiker-Ketten zu bestehen?
Du musst sichtbar werden. Wenn du sagst, ich mache morgens einfach nur meine Hütte auf und dann kommen die Leute – das passiert nicht mehr. Laufkundschaft existiert in dem Sinne nicht mehr. Egal, was du machst, ob das ein Fanzine ist oder eine Kneipe: Zeig dich, nutz das Internet, nutz die Medien, mach ein Video. Ja, die Videos sind am Anfang scheiße und auch das hundertste Video ist immer noch kacke, aber es wird mit der Zeit besser. Die Leute sehen dich, die verfolgen das, die finden das irgendwann cool. Ich kann jedem nur empfehlen: Macht euch sichtbar, erzählt davon, was ihr könnt. Menschen kaufen bei Menschen. Wir sind nun mal soziale Tiere. Ich bin inzwischen sehr dankbar, dass es diese billigen Ketten gibt. Es gibt viele Menschen, die sind da zufrieden, da bin ich wirklich cool mit. Aber es gibt auch Menschen, die da hingehen und sagen, ich will aber eigentlich was anderes. Du kannst bei McDonald’s essen, das ist warm und macht irgendwie satt, aber geil ist es nicht. Manche Leute wollen eine entspannte Beratung haben, die wollen mit jemanden reden, mit dem sie auf einer Wellenlänge sind. Die gehen also zuerst woanders hin und bald merken sie, da ist es scheiße, und dann kommen die zu mir.

Man muss aber auch sagen, dass es Menschen gibt, die kein Geld für so was Essentielles wie eine Brille haben und darauf angewiesen sind, sich so ein Ding aus dem Drogeriemarkt für fünf Euro auf die Nase zu stecken, damit sie überhaupt irgendwas lesen können.
Das ist teilweise schon wirklich bitter. In meinem Fall ist es so, dass ich gewisse Dinge gar nicht leisten kann. Ich könnte keine Brillen für 50 Euro verkaufen. Das klingt jetzt ein bisschen egoistisch, aber es ist einfach so.

Aus Gesprächen mit meinem örtlichen Optiker weiß ich, wie hart der Brillenmarkt ist. Von manchen Herstellern gibt es quasi keine Ersatzteile, andere gehören zu fiesen Luxuskonzernen mit seltsamer Geschäftspolitik. Wie punk kann man als Optiker also in dieser Hinsicht sein?
Da muss ich natürlich auch mal Kompromisse gehen. Es gibt aber Dinge, bei denen ich sage, das möchte ich einfach nicht machen. Ich verkaufe zum Beispiel keinen billigen Schrott, weil es einfach billiger Schrott ist. Ich habe keinen Bock, meine Kunden jeden Tag zu sehen, weil die Brille verbogen ist. Ich muss eine gewisse Qualität liefern und da muss ich manchmal gewisse Kompromisse eingehen. Viele stellen sich das auch etwas einfach vor: Klar kann ich dir eine Brille bauen, kein Problem, du musst mich dann aber auch für 20 Stunden Arbeit bezahlen. Ich arbeite zum Beispiel mit einer kleinen Manufaktur zusammen, deren Brillen sind vegan, tierleidfrei und ohne Plastik. Und dafür gibt es ein Publikum, das dafür das entsprechende Geld bezahlt. Ich versuche immer zu überlegen, was ich besser machen kann. Wie viele Brillenetuis aus China muss ich mir auf Halde legen? Ich frage meine Kunden, ob sie noch ein Etui brauchen oder schon 20 Stück zu Hause haben. Und wenn jemand schon eine Brille hat, mache ich auch gerne nur neue Gläser rein. Man kann eine Brille weiterverwenden oder auch reparieren. Aber etwas Kohle müssen wir auch verdienen. Ich versuche, in meiner kleinen Welt meinen Beitrag zu leisten, so bin ich bei Review Forest gemeldet und für jede Bewertung, die ich bei Google bekomme, spende ich denen 5 Euro, die machen Wiederaufforstungssprojekte, das ist eine coole Sache.

Reden wir mal über die Schriftgröße im Ox. Die erinnert manche Leute an diese Tafeln, die man beim Sehtest vorgesetzt bekommt und wo man irgendwann zugeben muss, dass man nichts mehr sieht – ohne Brille. Manche Leute schieben beim Ox-Lesen auch unauffällig ihre Brille hoch, dann weiß ich: bei dem oder der wird es Zeit für eine Gleitsichtbrille. Was viele nicht einsehen wollen. Da scheint es eine psychologische Komponente zu geben, wie auch bei Männern mit einer sich rapide nach hinten verschiebenden Haarlinie ...
Ja, das ist so. Wir sind alle von Eitelkeit geprägt, das ist nun mal so. Durch meine Berufserfahrung kenne ich viele Menschen, die schon immer Brille getragen haben, weil sie kurzsichtig sind zum Beispiel. Die brauchen das Ding, setzen es auf, weil sie wissen, sonst sehen sie nichts. Und es gibt Leute wie mich. Ich bin jetzt 46 und merke so langsam diese beginnende Altersweitsichtigkeit. Und ... ich glaube, ich bin der einzige Augenoptiker, der eine Brille doof findet, weil ich weiß, was auf mich zukommt: Irgendwann kann ich meine Uhr beim Sport nicht mehr ablesen, das Essen auf dem Tisch nicht mehr gut sehen. So eine Brille ist letzten Endes eine Krücke. Wenn du nie eine Brille hattest und auf einmal sollst du eine tragen, ist das so ein Stigma nach außen: Das ist jetzt ein alter Sack. Wir Männer sind ja alle in Gedanken noch 16 und voller Testosteron und sonst irgendwas. Aber jetzt musst du quasi öffentlich eingestehen, nee, ist nicht mehr so. Das hat sich natürlich ein bisschen gewandelt im Laufe der Jahre, wir Menschen ticken einfach so. Wenn du merkst, du bist keine 20 mehr, ist das ist nicht geil.

Wenn Menschen zu dir zum Sehtest kommen, betrachten die dich dann als Überbringer der schlechten Botschaft?
Nein. Ich habe schon mal mal gesagt, es ist ein bisschen wie ein Puff: Du kommst zu mir, wenn du was Konkretes willst. Du kommst nicht zu mir und sagst, ach, ich schau mal ... Das macht keiner. Die Leute kommen, weil sie wissen, da ist irgendwas. Die haben noch so ein bisschen die Hoffnung, dass das irgendwie von der Tagesform abhängig sei, aber ... nein, das ist es nicht: „Du bist einfach ein alter Sack, du brauchst jetzt was.“ Die Frauen zeigen meistens etwas mehr Eigeninitiative und die Herren der Schöpfung werden meistens von ihren Frauen gebracht, weil es denen zu albern wird. Ich habe mit meiner Frau den Deal, dass sie mir sagen soll, wenn es mit meinem Iro wirklich scheiße aussieht, dann werde ich Hutträger. Schön ist es, wenn die Menschen merken, dass ihnen so eine Brille hilft: Wenn man den Text nicht fünfmal lesen muss, wenn einen das Lesen nicht mehr ermüdet, wenn man den Kindern besser vorlesen kann. Wenn das geschätzt wird, macht der Job wirklich Spaß.

Reden wir mal über das Thema Gleitsichtbrille. Von ganz billig bis zur 1.000-Euro-Variante geht da alles, doch egal welcher Preis, viele sind dennoch nicht glücklich damit.
So eine Gleitsichtbrille hat den riesigen Vorteil, dass du immer nicht zwischen zwei Brillen wechseln musst: eine zum Lesen, eine zum Fernsehen – Brille auf, Brille ab.

Das sind die Leute, die eine Brille im Gesicht haben und die andere am Bändel um den Hals.
Oder die Mädels haben sie als Haarreif auf dem Kopf. Dafür gibt es dann die Gleitsichtbrille. Es gibt Menschen, die sagen, ich will das nicht, aus welchen Gründen auch immer. Ich schicke diese Leute einfach wieder weg. Wenn du keine Gleitsichtbrille willst, dann kann ich hier dir die besten Gläser der Welt verticken, das wird nicht funktionieren. Dann lasse ich die Leute weiter leiden. Das ist ja nicht mein Problem. Beim Preis ist es wie bei vielen anderen Dingen auch. Es gibt Menschen, die sagen, ich möchte es qualitativ so gut wie möglich haben, damit es für mich auch auf Anhieb funktioniert. Ich habe keinen Bock, permanent zum Optiker zu gehen, ich will mich nicht lange daran gewöhnen müssen. Und das kostet Geld – man muss es sich auch einfach leisten können. Wobei ich feststelle, dass viele Menschen, die zu den Normalverdienern gehören, eher bereit sind, sich was Gutes zu leisten. Das ist bei einer Brille genauso wie bei einer Matratze, wie ich aus eigener aktueller Erfahrung weiß. Da kann man sich auch für 1.500 Euro Boxspring-Schrott andrehen lassen. Meine Gewinnmarge ist bei den teureren Produkten viel geringer als bei den günstigen. Diese ganzen Optiker-Ketten, die sind mit Investorengeld aufgepumpt. Wenn einer zu mir kommt und sagt, 1.000 Euro für eine Brille, das ist doch kein Punkrock, dann sage ich: Du schiebst deine sauer verdiente Kohle also lieber den Aktionären von so einer Kette in den Arsch?

Zurück zur Gleitsichtbrille ...
Die ist für Menschen gedacht, die sagen, ich will nicht ständig die Brillen wechseln. Aber es gibt bestimmte Situationen, in denen es nicht funktioniert: Wenn du an der Spüle den Siphon abschrauben willst mit der Gleitsichtbrille im Gesicht, ist das nervig, du brichst dir das Rückgrat dabei. Das ist Yoga unter dem Waschbecken, dafür funktioniert das Ding nicht. Stellt sich die Frage, ist es dein Hauptberuf Siphons zu befestigen? Dann brauchst du ein anderes Produkt. Und wenn du sagst, das muss ich einmal im Jahr machen, dann geht es in der restlichen Zeit mit Gleitsichtbrille.

Deshalb habe ich zusätzlich noch eine Computerbrille. Weil es mein Arbeitswerkzeug ist. Hat schlappe 380 Euro gekostet, da habe ich geschluckt. Aber sie erspart mir Nacken- und Kopfschmerzen.
Für mich ist die Frage immer: Welches Problem soll ich für dich lösen und welche Konsequenzen hat es für dich, wenn ich das Problem schlecht löse? Wenn du mit deiner Computerbrille nicht richtig arbeiten kannst, ist das Käse. Punkt.

Manche Leute greifen bei Ox-Leseproblemen auch mal gerne zur eben erwähnten Lesebrille aus dem Drogeriemarkt. Ein niedrigschwelliges Angebot – was kann so eine Brille und was kann eine Brille vom Optiker besser?
Diese billigen Brillen bezeichnet man als Lesehilfen. Du bist in einer fremden Stadt, hast deine Brille zu Hause vergessen, dann holst du dir so ein Ding und kannst dir damit irgendwie behelfen. Diese Brillen funktionieren für viele Menschen. Du setzt die auf und das, was du siehst, ist einfach ein bisschen größer, ein bisschen komfortabler, wunderbar. Ob es wirklich knackscharf ist und wirklich geil ist vom Gucken her, das weißt du in dem Fall ja nicht. Wenn du immer bei McDonald’s isst, dann weißt du nicht, wie lecker ein selbst gemachten Burger ist. Mein Job ist es, den Leuten den Unterschied zu erklären. Man hat zum Beispiel verschiedene Entfernungen: Ich muss den Monitor sehen, aber ich muss auch meine Tastatur erkennen können. Und die Leute merken, dass sie mit solchen Lesehilfen nicht mehr klarkommen. Ich „baue“ dann was, das ihre persönlichen Ansprüche erfüllt.

Wie viele Zusatztermine hast du in der Zeit des Ruhrpott Rodeo?
Bislang keine, haha. Vielleicht mache ich da ja mal einen Stand. Und dann kann ich da auch meinen Schnapshandel integrieren, ich verticke nebenbei noch Rum und Gin.

Ah! Die Leute saufen sich erst halb blind und dann kommen sie zu dir wegen einer Brille ... Ich erkenne die Verbindung, es ist alles eine böse Verschwörung. Dann zum Schluss bitte noch deinen Rum- und deinen Gin-Tipp.
Mein Rum-Tipp ist ein Barbados-Rum, der Wagemut PX-Cask. Und bei Gin ist mein Tipp der Eversbusch Doppelwachholder. Der kommt aus Hagen, dessen Steingutflasche ist die hässlichste der Welt, aber damit kannst du einen hervorragenden Gin Tonic machen.

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