DER TANZ AUF DEM VULKAN

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Geralf Pochop über Punk-Frauen in der DDR

„Tanz auf dem Vulkan. Widerständische Punk-Frauen in der DDR“ – so lautet der vollständige Titel des neuen Buchs von Geralf Pochop, das im November im Hirnkost Verlag erschienen ist. 36 Jahre nach dem Fall der Mauer wird endlich ein Blick auf die Punk-Frauen in der DDR geworfen. Sie werden zu ihren Erfahrungen in der Diktatur befragt, als sie für ihren Widerstand Repressionen des Staates bis hin zum Knast in Kauf nahmen. Das Buch ist der längst überfällige Anfang, eine Lücke in der Geschichtsschreibung über DDR-Punk zu schließen. Im Gespräch mit Geralf geht es um das Buch, die Recherchen, die interviewten Protagonistinnen, aber auch um seine eigenen Erfahrungen in der DDR.

Geralf, stelle dich bitte vor.

Ich wurde1964 in Halle, Saale geboren, lernte in der DDR Funkmechaniker, ließ mir Anfang der 1980er Jahre erst mal die Haare lang wachsen, besetzte 1982 zusammen mit Freunden eine Wohneinheit, hatte damals Kontakte zur kirchlichen Subkultur und zur Ostpunk-Szene und erlebte 1982 erstmals die Brutalität der Staatsorgane gegenüber Andersdenkenden am eigenen Körper, weil ich einen „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher, also das Zeichen der unabhängigen Friedensbewegung, trug. Im selben Jahr erlebte ich mein erstes Punk-Konzert mit WUTANFALL und GRÖSSENWAHN in der Hallenser Lutherkirche. 1983 beteiligte ich mich an einer Demonstration der unabhängigen DDR-Friedensbewegung und landete in den Verhörzellen des berüchtigten „Roten Ochsen“, dem Gefängnis der Staatssicherheit in Halle, Saale. In den folgenden Jahren führte ich ein Leben als Ostpunk abseits des DDR-Alltags, verweigerte den Wehrdienst, beteiligte mich an der Organisation von Untergrund-Punk-Konzerten, reiste häufig nach Ungarn und erlebte die dortige Subkultur hautnah. Nach erteiltem Berufsverbot arbeitete ich in Hilfsarbeiterjobs als Tellerwäscher, Gasleuchtenwärter, Siebdruckhelfer und Galerieaufsichtskraft. Am 7. Oktober 1987, dem 38. Geburtstag der DDR, wurde ich verhaftet und aufgrund komplett erfundener Anschuldigungen zu sechs Monaten politischer Haft verurteilt. Nach meiner Haftentlassung schrieb ich einige Artikel für die Untergrundzeitung „mOAning star“, unterzeichnete etliche Protesterklärungen und half weiterhin bei der Organisation und Umsetzung subkultureller Musikveranstaltungen in der Halleschen Christusgemeinde. Im April 1989 reiste ich im Zuge der Stasi-Aktion „Nelke 89“ in die BRD aus, wohnte kurze Zeit in Braunschweig, verhalf meiner Freundin zur Flucht aus der DDR und erlebte den Mauerfall 1989 in Berlin-Kreuzberg.

Wie ging es nach dem Mauerfall für dich weiter?
1991 zog ich zurück nach Halle, Saale und eröffnete zusammen mit einem Freund aus der alten Ostpunk-Szene den Schallplattenladen Schlemihl-Records, der ab 1996 auch als Label fungierte, um LPs mit dem Schwerpunkt DDR-Punk zu veröffentlichen. 1997 gründete ich die Band GLEICHLAUFSCHWANKUNG, die aus Altpunks der DDR-Szene bestand und bis heute existiert. 2001 rief ich das Label Saalepower Records ins Leben, das bis 2013 existierte. Nachdem ich seit dem Mauerfall viele Länder Europas und Asiens bereist hatte, begab ich mich 2003 für zwei Jahre mit meiner Frau Tanja Trash, die auch die Sängerin von GLEICHLAUFSCHWANKUNG ist, auf eine Reise durch Asien, zog nach unserer Rückkehr nach Torgau und veröffentlichte Tanjas Buch „Maisbier und Buttertee – Leben und Überleben in China“. Wir verarbeiteten die Eindrücke auch musikalisch auf der GLEICHLAUFSCHWANKUNG-LP/CD „Ethno Punx“. 2009 organisierte ich auch eine Europatour für die chinesische Untergrund-Band MISANDAO aus Peking. Seit meiner Rehabilitierung und der Anerkennung als politischer Gefangener im Jahr 2011 beschäftige ich mich intensiv mit der DDR-Vergangenheit und verbrachte im Rahmen eines Forschungsauftrags viel Zeit in Stasi-Archiven. 2018 veröffentlichte der Verlag Hirnkost KG mein autobiografisches Buch „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“. 2001 folgte „Zwischen Aufbruch und Randale. Der wilde Osten in den Wirren der Nachwendezeit“. Seither bin ich viel in Sachen Zeitzeugenarbeit unterwegs, entweder auf multimedialer Lesetour, oft gemeinsam mit einem Musiker, oft auch als Bildungsreferent.

Zu deinem neuesten Buch „Tanz auf dem Vulkan“ stellt sich mir eine Frage: Warum hat es seit dem Fall der Mauer 36 Jahre gedauert, bis es nun endlich ein Buch gibt, das die Erfahrungen von weiblichen Punks in der DDR thematisiert?
Ein Grund ist sicherlich, dass es in den meisten Regionen einfach weniger Frauen als Männer in der Szene gab. Ich sage bewusst „in den meisten Regionen“, denn es gab auch Gegenden, in denen Frauen zahlenmäßig dominierten. So berichtet Katrin: „In Karl-Marx-Stadt waren insgesamt mehr Frauen als Männer in der Szene. Ob Junge oder Mädchen, das war nie ein Thema.“ Kim, die ebenfalls aus der damaligen Karl-Marx-Städter Punk-Szene kommt, sieht das folgendermaßen: „Durch meine Zeitzeugensachen habe ich mitbekommen, dass es deutlich mehr Frauen als Männer gibt, die sich für ihre DDR-Punk-Zeit schämen. Die Scham ist groß. Die schämen sich dafür, dass sie so waren oder wie sie gelebt haben. Männer durften immer mehr als Frauen. Sie hatten viel mehr Freiheiten. Mich nehme ich da mal raus, weil ich mit all dem kein Problem hatte. Aber viele aus meinem damaligen Freundeskreis möchten darüber nicht reden. Sie möchten auch nicht, dass Fotos in Umlauf gebracht werden, obwohl es damals toll war. Es ist lange her. Aber heute überwiegt die Scham. Ich glaube, Typen finden es eher cool, wie sie damals waren. Denn die Erwartungshaltung an Frauen, auch von Frauen selbst, ist eine ganz andere. Die ist viel höher als von und an Typen. Jungs dürfen immer mehr als Mädels. Das ändert sich langsam, aber du hast das trotzdem im Kopf. Vielleicht war das nicht weiblich genug. Ich weiß es nicht. Prozentual gesehen gab es mehr männliche Punks als weibliche. Natürlich wird über Punker dann auch mehr berichtet als über Punkerinnen. Aber es gab so gute, tolle Punkerinnen, auch in Bands.“

Wie ist dir die Idee zu diesem Projekt gekommen?
Ich könnte es mir einfach machen und diese Frage mit einem einzigen Satz beantworten: Weil diese Publikation definitiv schon 36 Jahre überfällig war. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist kein Geheimnis, dass in der Aufarbeitung der Geschichte des DDR-Punk Frauen unterrepräsentiert sind, obwohl sie existent und sichtbar waren, obwohl sie genauso aktiv waren, denselben Repressionen ausgesetzt waren und denselben Widerstand leisteten wie ihre männlichen Wegbegleiter. Bei den multimedialen Lesungen zu meinem autobiografischen Buch „Untergrund war Strategie“ meldeten sich nach und nach immer mehr Frauen zu Wort, die damals in der Punk-Szene der DDR aktiv waren. Andere kontaktierten mich, nachdem sie mein Buch gelesen hatten. Viele kannte ich von früher, und einige schilderten mir Erlebnisse, die sie bisher noch niemandem anvertraut hatten. Die Schicksale dieser Frauen bereiteten mir schlaflose Nächte und ließen mich nicht zur Ruhe kommen, insbesondere wenn enge Weggefährtinnen von damals ihre Seele öffneten und ich Dinge erfuhr, von denen ich in den 1980ern nicht das Geringste ahnte. Einige der Frauen sagten, dass sie sich wünschen würden, dass ihre Geschichten für die Nachwelt erhalten bleiben. So kam ich nach und nach auf die Idee, diesen widerständischen Frauen eine Stimme in der Öffentlichkeit zu geben.

Wie sind die Kontakte für die zahlreichen Interviews zustande gekommen?
Die ursprüngliche Idee war es, die Geschichten von zehn DDR-Punk-Frauen, die ich noch aus den 1980ern kannte, zu veröffentlichen. Doch die Explosivität der erzählten Erinnerungen verlangte nach mehr. Nancy aus Potsdam bringt das so auf den Punkt: „Punk zu sein war an sich schon eine Provokation. Aber als Mädchen so herumzulaufen, bedeutete wohl einen doppelten Tabubruch, so etwas wie ein Sakrileg im real existierenden Sozialismusverständnis der DDR.“ Das Projekt sprach sich schnell herum, und der Zuspruch ehemaliger Protagonistinnen war so groß, dass inzwischen 23 Frauen in diesem Buch zu Wort kommen, wobei diese Publikation auch locker doppelt so dick hätte werden können.

Hattest du einen Fragenkatalog, also eine Art Leitfaden für die Interviews?
Es gab zwar einige Standardthemen, aber die meisten Fragen waren auf die jeweilige Protagonistin direkt zugeschnitten.

Wo entstanden Probleme bei der Recherche, wo bei den Erinnerungen der Befragten?
Das Hauptproblem lag darin, dass einige Frauen durch die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte in ein tiefes Loch fielen. Denn natürlich kamen nicht nur die vielen positiven Erlebnisse, sondern auch die schlimmen, repressiven Erfahrungen wieder hoch.

Was hat dich am meisten berührt? Du hast ja ähnliche Erfahrungen in der DDR gemacht wie die Interviewten.
Mich hat besonders berührt, dass die Protagonistinnen mir so ein großes Vertrauen entgegenbrachten und sehr offen ihre Erlebnisse und Gefühle anvertrauten. Es gehört viel Mut dazu, diese einer breiten Öffentlichkeit und somit der Nachwelt zugänglich zu machen. Ich habe miterlebt, welcher Glanz in den Augen strahlte, wenn sie durch ihre Erzählungen noch einmal tief in diese Zeit voller Tatendrang und Abenteuer eingetaucht sind, aber auch, wie schwer es oft fiel, einige der repressiven Erlebnisse preiszugeben. Natürlich sind mir die Schilderungen der erlebten repressiven Erfahrungen besonders nah gegangen. So schildert zum Beispiel Nancy: „Dann wurden wir auf den bereit stehenden Ello geprügelt. Da ich mich gegen die Handschellen wehrte, um mich trat und schlug, hatte ich auf einmal an jedem Arm einen Schäferhund! Der Bulle sagte zu mir: ‚Eine falsche Bewegung, und die beißen dir den Arm ab, Miststück!‘“ Und Conny Steiner aus Ost-Berlin: „Ich würde das schon als Folter bezeichnen. Wie ich manchmal aussah ... gebrochene Finger ... Blutergüsse ... blutige Nase ... sogar mal eine gebrochene Rippe ... Will ich gar nicht mehr dran denken ... Im Revier wurde ich an die Heizung gekettet. Mit Händen und Füßen! Jeder ‚Bulle‘ durfte nun mal ordentlich zutreten. Irgendwann war ich bewusstlos. Dann dreieinhalb Wochen Einzelhaft ohne Freigang, damit niemand meine Verletzungen sehen konnte. Insgesamt ein Monat U-Haft Keibelstraße Berlin, dann ein Monat U-Haft Bauhofstraße Potsdam und fünf Monate Knast in Hohenleuben bei Gera. Meine schlimmste Erfahrung war die Gewalt seitens der Polizei. Schläge während der Vernehmungen – und wenn keine Antworten auf die Fragen kamen oder Antworten, die sie nicht hören wollten, musste ich in den ‚Steher‘. Das war eine Zelle mit Neonlicht. Da musste man auf einem bestimmten Punkt stehen. Barfuß! Es war Winter und kalt dort. Man durfte nicht sitzen oder umfallen, sonst kam einer mit Knüppel rein. Das ging über Stunden. Ich bin einige Male vor Erschöpfung umgefallen und dann gab’s richtig was auf die Mütze.“ Auch Berichte über geschlechtsspezifische Gewalt wie sexuelle Übergriffe, Erlebnisse in den sogenannten Tripperburgen und die Androhung der Staatssicherheit, den Frauen ihre Babys wegzunehmen, ging mir sehr an die Nieren. So berichtet Katrin: „1989 stand auf einmal die Stasi im Wohnzimmer. Wie sie hereingekommen sind, weiß ich nicht. Sie haben mitbekommen, dass ich schwanger war, und gesagt, dass ich das Kind vergessen könne. Wenn es geboren ist, nähmen sie es an sich und ich würde eingesperrt. Da traf ich die Entscheidung, dass wir in den Westen gehen.“

Wie haben die Frauen damals reagiert?
Die Protagonistinnen haben sich niemals in der Opferrolle gesehen und schauen insgesamt sehr positiv auf ihre DDR-Punk-Zeit zurück. So berichtet Conny Steiner rückblickend: „Ich bin so froh, dass ich das alles miterleben durfte, und bereue keine Sekunde, auch wenn es manchmal hart war. Der Zusammenhalt und der Gedanke, man muss was verändern, so kann es ja nicht weitergehen, haben mich stark gemacht. Jeder Schlag von Polizei und Trapo machte mich stärker und erzeugte in mir mehr Widerstand.“ Und Connie Mareth aus Leipzig meint: „Das hat auch Spaß gemacht, also dass die so viel Macht hatten und es trotzdem diese Momente gab, in denen wir so ein bisschen das Zepter in der Hand hatten. Für einen kurzen Moment. Die Lacher auf unserer Seite! Die Intelligenz auf unserer Seite!“ Auch die sarkastische Art, mit der die Ost-Punks, weiblich wie männlich, auf die Repressionen reagierten, sind immer wieder faszinierend. V1 aus Naumburg berichtet folgendes: „Sprechen durften wir auch nicht. Einer von uns fing an, Pantomime zu machen. Er stellte pantomimisch dar, wie wir ein Hähnchen essen. Der Nächste goss sich pantomimisch ein Glas Wasser ein. Wir haben mittels Pantomime alles dargestellt, was es nicht gab, und pantomimisch gegessen. Der Polizist kam sich veralbert vor und sagte genervt, dass wir aufhören sollen. Wir hörten aber nicht auf. Der Polizist musste uns fast acht Stunden lang ertragen und ohne Ablösung mit uns ‚gemeinsam‘ dasitzen.“ Und Inka aus Karl-Marx-Stadt: „Wir hatten uns einen bissigen Humor zugelegt. Galgenhumor, gemäß dem Spruch: ‚Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.‘ Anders war es auch nicht zu ertragen ... In dieser Zeit wurde René, der Papa meines Sohnes, zur Musterung ins Wehrkreiskommando geladen. Er ist da gleich mit seiner schriftlichen Verweigerung hin. Mich im Schlepptau, bewaffnet mit einer Plüsch-Handpuppe in Form eines Waschbären. Während der Mann vom Wehrkreiskommando permanent auf ihn einredete und ihm drohte, ließ ich die Handpuppe auf Renés Schulter herumalbern und tat so, als würde sie ihm die Worte des Beamten ins Ohr schreien, aufgebracht und wild gestikulierend. Am Ende sind wir beide hochkant rausgeflogen.“ Und Kim erinnert sich folgendermaßen: „Natürlich hatten wir da drin auch Angst. Was machen die mit uns? Was passiert mit uns? Aber wenn man in einer Gruppe in solch einer Situation ist, entsteht eine ganz andere Dynamik, weil man die Angst teilt. Die ist dann nicht mehr ganz so schlimm. Wir hatten eine vergitterte Sammelzelle und haben einfach angefangen zu singen. Im VPKA! Ich glaube, das war ein Song von A+P. So etwas Lustiges. Das hat uns die Angst genommen und Hoffnung gegeben, dass alles gut wird. Das war wichtig.“

Wie hast du Nina Hagen für das Buch gewinnen können?
In den Gesprächen mit den Protagonistinnen tauchten immer wieder zwei Namen auf, die wegweisend für die meisten waren: Annette Benjamin, die Sängerin von HANS-A-PLAST, und Nina Hagen. Mir wurde bewusst, dass etwas fehlen würde, wenn diese beiden Frauen nicht die Gelegenheit bekämen, sich im Buch zu äußern. Annette Benjamin lernte ich schon 2018 auf dem HöhNie-Festival in Peine kennen, als sie dort mit den RAZOR SMILEZ noch mal alte HANS-A-PLAST-Songs zum Besten gab. Dort spielten unter anderem auch MÜLLSTATION, SCHLEIMKEIM und meine Band GLEICHLAUFSCHWANKUNG. Für uns war dieser Auftritt wie Weihnachten und Silvester an einem Tag. Denn darauf hatten wir über 40 Jahre gewartet und einige von uns hatten extra ihre in den 1980er Jahren selbstgemalten HANS-A-PLAST-T-Shirts rausgekramt und noch mal angezogen. Ich glaube, an diesem Tag erfuhr Annette erstmals, welchen Stellenwert HANS-A-PLAST in der DDR-Punk-Szene hatten. Seither stehe ich mit ihr in engem Austausch und würde sogar sagen, dass eine kleine Freundschaft entstanden ist. Als ich ihr einige Kapitel vorab zum Lesen schickte und sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, ein Vorwort für das Buch zu schreiben, kam ein sehr emotionales und wertschätzendes „Kein Vorwort“ zurück. Meinen Wunsch an Nina Hagen heranzutragen, war natürlich aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades bedeutend komplizierter. Ich versuchte es über das Management und war mir nicht sicher, ob dieses Anliegen und die Probekapitel einiger Protagonistinnen wirklich bei ihr landen werden. Doch eines Tages hatte ich tatsächlich eine Mail mit einem fertigen Vorwort von ihr in meinem Postfach. Also tatsächlich von ihr persönlich und nicht von ihrem Management. Das finde ich großartig und die beiden Beiträge, sowohl von Nina Hagen als auch von Annette Benjamin, empfinde ich als eine Art Ritterschlag. Nicht nur für die Protagonistinnen, die im Buch zu Wort kommen, sondern für alle widerständigen Frauen aus der Subkultur in der damaligen DDR-Diktatur.

Welche Resonanz hat es auf die Veranstaltungen im Vorfeld der Buchveröffentlichung gegeben?
Die bisherigen Veranstaltungen zum Thema wurden sehr positiv und mit großem Interesse angenommen. Angestoßen durch die Gespräche mit den Protagonistinnen und zwei von mir und meiner Frau organisierten Erzählsalons zum Thema „Widerständische Punk-Frauen in der DDR“ in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, entstand ein intensiver Prozess der Kommunikation und des Austauschs der Protagonistinnen untereinander. Einige sahen sich nach vielen Jahrzehnten das erste Mal wieder, andere hatten über die Jahre Kontakt gehalten. Es bildete sich ein reges Netzwerk, das sich gegenseitig bestärkte und ermunterte. Einige Frauen haben begonnen, Zeitzeuginnenarbeit zu leisten, es gibt Mütter-Töchter-Gespräche und generationsübergreifendes künstlerisches Arbeiten zum Thema, und neben einer großen Ernsthaftigkeit gibt es auch gemeinsame Partys und Reisen.

Warum hat es deiner Meinung nach doch fast 15 Jahre gedauert, bis sich mit „Too Much Future“ überhaupt jemand mit dem DDR-Underground beschäftigt hat? Du hast ja, wie erwähnt, auch selbst Bücher dazu veröffentlicht. Und gefühlt dreht sich ja viel um SCHLEIMKEIM und Otze ...
Für die meisten DDR-Punks war dieses Thema nach dem Mauerfall nicht mehr von Interesse. Den verhassten Staat gab es plötzlich nicht mehr und viele aus der Szene verstreuten sich, wenn sie nicht schon vorher in den Westen gegangen waren, über das ganze Land. Dass sich für die Geschichte der DDR-Punks mal irgendjemand interessieren würde, lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Außerdem waren alle mit anderen, damals wichtigeren Dingen beschäftigt, Für mich kam der Wendepunkt nicht nur mit dem Buch „Too Much Future“ und der großartigen Ausstellung dazu, sondern auch mit dem Erscheinen des Buchs „Keine Zukunft war gestern. Punk in Deutschland“ von 2008: 352 geniale Seiten über Punk in der BRD und nur 12 Seiten über Punk in der DDR. Daran musste sich etwas ändern. Na ja, das hat es dann ja auch.

Wann erscheint „Tanz auf dem Vulkan“? Und was ist dazu noch geplant?
Im November gab es anlässlich der Veröffentlichung Veranstaltungen in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, im AJZ Chemnitz und im SO36 in Berlin, am 08.02.2026 ist eine weitere geplant. Dort haben viele der Protagonistinnen etwas gelesen, musikalisch begleitet von Annette Benjamin, Cindy Weinhold und Alena. Anschließend spielten BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, deren Sängerin Annette „Bärchen“ Simons neben Annette Benjamin und Nina Hagen mit zu den wichtigsten feministisch inspirierten, rebellischen Punk-Musikerinnen der frühen 1980er Jahre zählte. In Chemnitz und in Berlin spielten außerdem noch GLEICHLAUFSCHWANKUNG. Eine weitere, für mich sehr besondere Lesung findet am 05.12. in der Christus-Kirche in Halle, Saale statt. Diese Kirche war ein Schutzraum für uns und 1983 fand dort das erste DDR-weite Punk-Festival statt. Außer der multimedialen Lesung werden dort bisher unveröffentlichte Aufnahmen des 2. Kirchentags von Unten gezeigt, der 1988 in der Christus-Kirche stattfand. Dort spielten unter anderem auch Bands wie RE-AKTION, KÜCHENSPIONE und SCHLEIMKEIM. Das Schlusswort möchte ich in diesem Zusammenhang meiner engen Wegbegleiterin Dana aus Aschersleben überlassen: „Die Christusgemeinde war das Zuhause für uns Punks. Mein Bild ist ehrlich gesagt, dass das so etwas wie ein Rattenloch war. Wenn sie das aufgemacht hätten, wo hätten wir hinlaufen sollen? Die hätten uns einfach erschlagen.“

Letzte Frage: warum unterhalten sich jetzt zwei Männer über dieses Buch?
Ich glaube, weil ich im Moment einfach noch greifbarer bin als die Protagonistinnen selber. Das wird sich mit dem Erscheinen des Buchs ziemlich sicher ändern. Und wenn ich schon mal spoilern darf, in der nächsten Ox-Ausgabe wird ja eine Protagonistin aus Karl-Marx-Stadt deine Fragen zum Thema aus ihrer Sicht beantworten.

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Begriffserklärungen
„Ello“/„Polizei-Ello“: Bezeichnung für Lkw/Polizei-Lkw
„Tripperburgen“: geschlossene venerologische Stationen, die offiziell zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe („Tripper“) und Syphilis dienten. In Wahrheit verbargen sich dahinter oft Orte staatlicher Repression und Zwangsmaßnahmen gegen Frauen und Mädchen. Unangepasste Frauen, die einen anderen als den sozialistischen Lebensweg gingen und somit auch etliche Punk-Mädchen, wurden dort zum Zweck der Disziplinierung eingewiesen, teils monatelang in geschlossene Abteilungen eingesperrt und misshandelt. Als Vorwand diente eine angebliche Geschlechtskrankheit, was meistens frei erfunden war.
Geralf Pochop

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